
Eins dringend vorweg: Wer Sträter liest, darf das nicht mit seiner Stimme tun, sondern muss sich vorstellen, die Einlassungen in Sträters Stimme zu hören. Das macht das Ganze etwa 3,8 x besser. Über was schwadroniert der Torsten überhaupt? Er richtet den Blick wie immer auf die komischen Sollbruchstellen des Alltags: auf Lebensmittel, Sprachmoden, Gewohnheiten und die kleinen Zumutungen des Zusammenlebens. „Mach mal das große Leselicht an“ ist eine lose Folge satirischer Texte, die von Umwegen, Übertreibungen und pointierten Gedankensprüngen lebt. Trivial? Vielleicht. Aber vor allem unterhaltsam.
Der Band besteht aus eigenständigen humoristischen Texten, die alltägliche Gegenstände und Situationen zum Anlass nehmen. Butter, Kartoffeln, Smoothies, Rentner und Jugendsprache bilden nur einige der Startpunkte für Abschweifungen. Eine durchgehende Handlung oder feste Hauptfiguren gibt es nicht. Stattdessen trägt eine erzählende Stimme die Texte, die häusliche Routinen, öffentliche Eigenheiten und sprachliche Marotten untersucht. Die einzelnen Stücke führen meist von einem vertrauten Anlass zu einer überspitzten satirischen Wendung.
Sträters Komik entsteht weniger durch eine schnelle Folge isolierter Pointen als durch das geduldige Weiterdenken einer Beobachtung. Aus einem beiläufigen Einfall wachsen Nebenwege, erfundene Folgen und rhetorische Schleifen, bevor der Text wieder bei seinem Ausgangspunkt ankommt. Das erzeugt einen Rhythmus, der an mündliches Erzählen erinnert, auf der Seite jedoch klar gebaut wirkt. Besonders stark sind jene Passagen, in denen eine alltägliche Logik so weit verschoben wird, bis ihre Absurdität sichtbar hervortritt.
Der Ton reicht von trockenem Understatement über derbe Zuspitzung bis zu bewusst überzogenem Ärger über Kleinigkeiten. Diese Mischung gibt vielen Texten eine erkennbare eigene Stimme. Sträter behandelt seine Gegenstände ernst genug, um ihr komisches Potenzial auszuloten, ohne jede Beobachtung zu einer großen Gesellschaftsdiagnose auszubauen. Zugleich verlangt der Band eine gewisse Bereitschaft für Wiederholungen, Übertreibungen und kalkulierte Albernheit. Wer zurückhaltenden, fein angedeuteten Humor bevorzugt, hat halt Unrecht. Sträter ist lustig. Punkt.
Die episodische Anlage ist zugleich Stärke und Begrenzung. Der Band lässt sich gut in kurzen Etappen lesen, denn einzelne Texte können für sich stehen und nachwirken. An fast jeder Stelle ist ein Wiedereinstieg möglich. Ein übergreifendes Argument oder eine Entwicklung über die Kapitel hinweg bietet das Buch allerdings nicht. Deshalb hängt die Wirkung stark von Tagesform und Offenheit für den jeweiligen Einfall ab. Bei mehreren Texten nacheinander können sich sprachliche Muster und das Prinzip der Eskalation ähneln; die Abwechslung entsteht vor allem durch wechselnde Themen.
Seine besondere Qualität liegt in der Beobachtung von Dingen, die sonst leicht unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle bleiben. Aus Konsumprodukten, Redewendungen und kleinen alltäglichen Reibungen formt Sträter Denkspiele, die weniger belehren als Gewohnheiten kurz aus dem Gleichgewicht bringen. Daraus ergibt sich eine Lektüre mit unterschiedlicher Intensität: Manche Stücke tragen weit über ihren Ausgangseinfall hinaus, andere leben stärker von einem Vortragston, den man beim Lesen innerlich mitdenken muss. Kenner seiner Bühnenpersona finden darin Vertrautes; Neueinsteiger erhalten einen konzentrierten Eindruck seiner komischen Verfahren.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe sprechen für den Band: Erstens verwandelt er vertraute Alltagsgegenstände in unerwartete gedankliche Umwege und schärft damit den Blick für komische Details. Zweitens erlaubt die unabhängige Form ein flexibles Lesen in kurzen Pausen, ohne dass ein Handlungsfaden verloren geht. Drittens verbindet die Sprache trockene Präzision mit gezielter Übertreibung und entwickelt daraus einen eigenen Ton. Ein Grund es nicht zu tun? Gibt’s eigentlich nicht. Wer Sträter nicht lustig findet, muss an seinem Humor arbeiten.
Buchdaten
- Autor: Torsten Sträter
- Verlag: Ullstein
- Preis: 20,00 €
- ISBN: 9783864933936
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Rezension von Sandrine

