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Jonathan Franzen gehört zu den wenigen Gegenwartsautoren, bei denen ein neuer Roman noch als literarisches Ereignis behandelt wird. Mit „Die Korrekturen“ gelang ihm 2001 der große Durchbruch, doch mindestens ebenso berühmt wurden seine Streitereien mit Oprah Winfrey, Feministen, sozialen Medien und Klimaschützern. Franzen ist ein politisch links stehender Demokrat, kann aber gerade gegenüber der amerikanischen Linken ausgesprochen polemisch werden. Am überzeugendsten ist er ohnehin dort, wo er keine Weltanschauung verkündet, sondern Familien dabei beobachtet, wie sie sich gegenseitig lieben und zugrunde richten.
Vom Mittleren Westen zur deutschen Literatur
Jonathan Earl Franzen wurde am 17. August 1959 in Western Springs bei Chicago als jüngster von drei Söhnen geboren. Sein Vater Earl war Ingenieur, seine Mutter Irene Hausfrau. Aufgewachsen ist Franzen allerdings nicht in Chicago, sondern in Webster Groves, einem wohlhabenden Vorort von St. Louis in Missouri. Die Welt des amerikanischen Mittleren Westens, seine gepflegten Vorstädte, protestantischen Moralvorstellungen, gesellschaftlichen Hierarchien und unterschwelligen Familienkonflikte wurde später zu seinem wichtigsten literarischen Terrain. Seine Eltern waren keine Fundamentalisten, aber Kirche und bürgerliche Konvention gehörten selbstverständlich zum Leben. Jahrzehnte später hat Franzen eingeräumt, dass gerade die starken Persönlichkeiten seiner Eltern ihm viel von dem Material lieferten, aus dem seine Romanfamilien entstanden.
Am Swarthmore College begann Franzen zunächst mit naturwissenschaftlichen Fächern, wechselte dann aber zur Germanistik. 1981 schloss er das Studium mit Auszeichnung ab. Bereits 1979/80 hatte er in München studiert; anschließend kam er mit einem Fulbright-Stipendium an die Freie Universität Berlin. Franzen spricht sehr gut Deutsch und beschäftigte sich intensiv mit Autoren wie Kafka, Goethe, Rilke und Thomas Mann. Seine Beziehung zur deutschen Kultur blieb dauerhaft bestehen: Er übersetzte später Texte von Frank Wedekind und beschäftigte sich ausführlich mit Karl Kraus; seit 2010 gehört er der Berliner Akademie der Künste an.
Nach dem Studium heiratete Franzen die Schriftstellerin Valerie Cornell. Die Ehe hielt bis 1994 und war nach seiner eigenen späteren Einschätzung schon wesentlich früher unglücklich. Während er versuchte, Schriftsteller zu werden, arbeitete er einige Jahre als wissenschaftliche Hilfskraft in einem seismologischen Labor der Harvard University. Dass ein ausgebildeter Germanist wissenschaftliche Arbeiten zur Geophysik mitverfasste, ist eine jener kleinen Absonderlichkeiten seiner Biografie, die gut zu dem Mann passen, der später Romane über Finanzmärkte, Pharmakonzerne, Umweltpolitik, Internetaktivisten und Vogelschutz schreiben sollte.
Zwei ambitionierte Romane – und fast niemand interessiert sich dafür
1988 erschien Franzens erster Roman „The Twenty-Seventh City“, auf Deutsch „Die 27ste Stadt“. Schauplatz ist St. Louis, das in einer grotesken politischen Verschwörung von einer aus Indien stammenden neuen Polizeichefin umgestaltet werden soll. Das Buch verbindet Familiengeschichte, Stadtpolitik und paranoiden Thriller und zeigt deutlich den Einfluss von Thomas Pynchon und Don DeLillo. Kritiker reagierten durchaus interessiert, ein breites Publikum fand Franzen damit aber nicht. Ähnlich erging es 1992 „Strong Motion“, in dem Erdbeben, Umweltzerstörung, religiöser Fundamentalismus und eine komplizierte Liebesgeschichte miteinander verbunden werden.
Franzen hatte sich vorgenommen, gesellschaftlich große Romane zu schreiben, und litt zunehmend darunter, dass die Gesellschaft sie nicht lesen wollte. Rückblickend hat er diese Phase erstaunlich selbstkritisch beschrieben. Er wollte den Kapitalismus, die Medien, Politik und große gesellschaftliche Systeme erklären, aber seine Figuren dienten den Ideen häufig stärker als die Ideen den Figuren. Nach „Strong Motion“ geriet er deshalb in eine langjährige Krise. Seine Ehe zerbrach, sein Vater erkrankte schwer an Parkinson und Alzheimer, das Geld wurde knapp, und Franzen begann sogar daran zu zweifeln, ob der große realistische Roman in einer von Fernsehen und Unterhaltung dominierten Kultur überhaupt noch eine Zukunft habe.
1996 machte er aus dieser persönlichen Enttäuschung im berühmten Essay „Perchance to Dream“ beinahe eine Kulturdiagnose. Später gab er selbst zu, dass darin auch viel gekränkter Ehrgeiz steckte: Er glaubte, die Menschen interessierten sich nicht mehr für anspruchsvolle Romane, während sie in Wahrheit möglicherweise nur seine Romane nicht kaufen wollten. Diese Selbstkorrektur ist für Franzen typisch. Er neigt zu großen, kategorischen Behauptungen, wird dafür angegriffen und liefert einige Jahre später selbst die differenziertere Gegenrede.
„Die Korrekturen“: der Roman, mit dem plötzlich alles funktionierte
Während der 1990er-Jahre begann Franzen ein neues Großprojekt, das zunächst wieder gesellschaftliche Systeme und Kapitalismus erklären sollte. Irgendwann bemerkte er jedoch, dass die eigentlich lebendigen Stellen jene waren, in denen er über eine Familie aus dem Mittleren Westen schrieb. Er warf große Teile seines ursprünglichen Konzepts weg und stellte die Lamberts ins Zentrum. Aus diesem Wechsel entstand „The Corrections“, 2001 auf Deutsch als „Die Korrekturen“ erschienen. Der Roman machte Franzen mit 42 Jahren zu einem der bekanntesten amerikanischen Schriftsteller seiner Generation.
Im Mittelpunkt stehen Alfred und Enid Lambert und ihre erwachsenen Kinder Gary, Chip und Denise. Enid möchte die Familie noch einmal zu einem gemeinsamen Weihnachtsfest versammeln, während Alfred zunehmend an Parkinson und Demenz leidet. Gary steckt in einer unglücklichen Ehe, Chip hat seine Universitätskarriere durch eine Affäre mit einer Studentin ruiniert, und die erfolgreiche Köchin Denise führt ein kompliziertes Liebesleben. Franzen verknüpft diese privaten Geschichten mit Finanzspekulation, Pharmaindustrie, Konsumgesellschaft, Sexualität, gesellschaftlichem Status und dem Zerfall jener bürgerlichen Sicherheiten, auf denen die Elterngeneration ihre Welt aufgebaut hatte.
Die große Leistung des Romans besteht darin, dass diese gesellschaftlichen Themen nicht mehr wie Thesen wirken. Franzen beobachtet seine Figuren mit einer Mischung aus Grausamkeit und Mitgefühl. Jeder Lambert kann lächerlich, egoistisch und verletzend sein, doch kaum jemand bleibt nur eine Karikatur. Gerade Enid, die zunächst wie eine enervierende Mutter aus dem amerikanischen Vorstadtkatalog erscheint, gewinnt im Verlauf des Romans immer mehr menschliche Tiefe. Franzen selbst bezeichnete sie später als überzeichnete Variante seiner eigenen Mutter und räumte ein, dass er heute manche Stellen weniger hart schreiben würde.
„Die Korrekturen“ gewann 2001 den National Book Award und war Finalist für den Pulitzer-Preis. Zugleich begann jene öffentliche Nebenkarriere, die Franzen seither begleitet. Oprah Winfrey wählte den Roman für ihren Buchclub aus, was für einen amerikanischen Autor enorme Verkaufszahlen bedeutete. Franzen freute sich einerseits über die Aufmerksamkeit, äußerte andererseits Bedenken, sein Buch könne durch das Oprah-Siegel als weniger anspruchsvolle Unterhaltung wahrgenommen werden, und bezeichnete einige frühere Buchclub-Titel als sentimental. Winfrey lud ihn daraufhin wieder aus. Franzen gestand später ein, dass seine Äußerungen dumm gewesen seien; 2010 versöhnten sich beide öffentlich, als Oprah „Freiheit“ auswählte. Aus dem angeblichen Kampf des arroganten Hochliteraten gegen die Fernsehfrau blieb damit vor allem ein lehrreiches Beispiel dafür, dass Franzen in Interviews jahrzehntelang hervorragend darin war, einen differenzierten Gedanken so zu formulieren, dass vor allem der beleidigende Teil hängen blieb.
Ein linker Autor, der sich regelmäßig mit der Linken anlegt
Politisch lässt sich Franzen ziemlich eindeutig im amerikanischen Mitte-links- bis links-liberalen Spektrum verorten. Er hat sich selbst ausdrücklich als Demokrat bezeichnet, 2004 Wahlkampf für John Kerry gemacht, Barack Obama unterstützt und 2016 in der demokratischen Vorwahl Hillary Clinton gewählt. Wirtschaftliche Ungleichheit, die Macht der Finanzindustrie, Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit beschäftigen ihn seit seinen frühen Romanen. Donald Trump lehnte er schon lange vor dessen Präsidentschaft ab und beschrieb dessen Aufstieg später als Ausdruck tieferer gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig warnte er davor, sämtliche Trump-Wähler pauschal als Rassisten abzuschreiben, weil damit ökonomische Ängste, Globalisierungskritik und Misstrauen gegenüber Eliten ausgeblendet würden. Franzen passt politisch deshalb schlecht in die Rolle des einfachen Parteischriftstellers.
Die linke Grundierung seiner Romane ist trotzdem unübersehbar und darf auch literarisch kritisiert werden. Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Finanzindustrie, Umweltzerstörung und konservative Selbstgewissheit erhalten bei Franzen regelmäßig harte Treffer. Gerade in „Freiheit“ und „Unschuld“ kann das stellenweise etwas bequem wirken: Der Leser weiß häufig ziemlich schnell, welche gesellschaftlichen Milieus der Autor sympathischer findet und bei welchen Figuren er die moralischen Widersprüche besonders lustvoll freilegt. Politische Haltung ist kein literarischer Mangel an sich, aber Franzen ist schwächer, wenn Figuren zu Trägern seiner Gesellschaftsdiagnose werden. „Die Korrekturen“ funktioniert deshalb besser als manche späteren Passage gerade dort, wo Franzen seine politischen Urteile nicht zu Ende formuliert, sondern Menschen sich selbst widersprechen lässt.
Bemerkenswert ist allerdings, wie häufig er gerade sein eigenes politisches Umfeld provoziert. Franzen hält soziale Medien für eine Maschine der Konformität und öffentlichen Beschämung und kritisierte feministische Vorwürfe gegen sein Werk teilweise ausgesprochen scharf. Als die Schriftstellerin Jennifer Weiner darauf hinwies, dass männliche Autoren wie Franzen im Feuilleton unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erhielten, erkannte er zwar ein grundsätzliches Problem geschlechtlicher Ungleichheit im Literaturbetrieb an, warf Weiner aber zugleich vor, dieses Problem zur Eigenwerbung zu benutzen. Solche Äußerungen haben ihm den Ruf eines arroganten weißen männlichen Großschriftstellers eingebracht. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Kritik an seinem Ton nicht; die Behauptung, seine Romane seien deshalb schlicht frauenfeindlich, wird den vielschichtigen Frauenfiguren von Denise Lambert über Patty Berglund bis Marion Hildebrandt allerdings ebenfalls nicht gerecht.
Auch bei Klimapolitik und Naturschutz geriet Franzen mit Teilen des progressiven Milieus aneinander. Als leidenschaftlicher Vogelbeobachter argumentierte er, die starke Konzentration auf den Klimawandel könne konkrete Naturschutzprobleme wie Lebensraumverlust oder Vogeltod an Glasfassaden aus dem Blick verdrängen. Die National Audubon Society widersprach ihm 2015 ungewöhnlich scharf und warf ihm fehlerhafte beziehungsweise verzerrende Argumentation vor. Franzen bestritt den Klimawandel ausdrücklich nicht; sein Argument war vielmehr, dass auch unter Bedingungen unvermeidlicher Erwärmung unmittelbar wirksamer Arten- und Landschaftsschutz betrieben werden müsse. Der Streit zeigt gut seine politische Eigenart: Franzen steht deutlich links der amerikanischen Mitte, besitzt aber einen ausgeprägten Widerwillen gegen das, was er als moralische Orthodoxie des eigenen Lagers wahrnimmt.
„Freiheit“, „Unschuld“ – und die Gefahr, der eigene Gegenwartserklärer zu werden
Nach „Die Korrekturen“ dauerte es neun Jahre bis zum nächsten Roman. „Freedom“, deutsch „Freiheit“, erschien 2010 und wurde erneut zu einem literarischen Großereignis. Das „Time Magazine“ setzte Franzen auf das Titelbild und bezeichnete ihn als „Great American Novelist“. Im Zentrum stehen Walter und Patty Berglund, ein liberales Paar aus dem Mittleren Westen, ihre Kinder und Walters charismatischer Freund Richard Katz. Ehebruch, Elternschaft, Umweltschutz, Überbevölkerung, Irakkrieg, politische Korruption und die Widersprüche eines wohlhabenden liberalen Milieus laufen in einer großen Familiengeschichte zusammen.
„Freiheit“ ist deutlich besser, als der alte Text es ihm zugestehen wollte. Besonders Patty gehört zu Franzens überzeugendsten Figuren, und der Roman zeigt hervorragend, wie Menschen ihre egoistischen Wünsche in moralisch anständige Geschichten über sich selbst verwandeln. Gleichzeitig treten die Schwächen des späteren Franzen deutlicher hervor. Manche politische Debatten wirken wie sorgfältig in Dialogform gebrachte Essays, und einzelne Figuren scheinen gelegentlich genau deshalb zu existieren, weil der Autor für eine gesellschaftliche Position noch einen Vertreter benötigt. Wer Franzen nicht für einen großen Gegenwartserklärer hält, findet hier genügend Material für seinen Verdacht.
Bei „Purity“, deutsch „Unschuld“, von 2015 verschärfte sich dieses Problem. Der Roman verbindet eine junge verschuldete Amerikanerin, einen charismatischen Internetaktivisten, Geheimnisse aus der DDR und eine komplizierte Familiengeschichte. Franzen wollte unter anderem Transparenzkultur, digitale Öffentlichkeit und die Macht moralischer Selbstinszenierung untersuchen. Das Buch enthält starke Szenen und interessante Figuren, wirkt aber deutlich konstruierter als „Die Korrekturen“ und „Freiheit“. Die Handlung muss sehr viel gesellschaftliche Bedeutung tragen, und nicht jeder ihrer spektakulären Zufälle hält diesem Gewicht stand.
Dass Franzen nach „Die Korrekturen“ literarisch nur noch abgestiegen sei, lässt sich trotzdem nicht halten. „Crossroads“ von 2021 ist dafür der beste Gegenbeweis. Der Roman spielt hauptsächlich 1971 und erzählt von der Pastorenfamilie Hildebrandt in einem Vorort von Chicago. Anstelle der hektischen Gegenwartsdiagnose treten Religion, Ehe, Sexualität, Vietnamkrieg, jugendliche Rebellion und moralische Selbsttäuschung. Franzen urteilt weniger schnell über seine Figuren und lässt insbesondere Marion Hildebrandt eine überraschende Tiefe entwickeln. Zahlreiche Kritiker sahen darin eine Rückkehr zu seinen großen Familienromanen; tatsächlich gehört „Crossroads“ neben „Die Korrekturen“ zum überzeugendsten Teil seines Werks.
Vögel, Einsamkeit und der öffentliche Franzen
Eine der ungewöhnlichsten Leidenschaften Franzens begann erst um die Jahrtausendwende. Freunde nahmen ihn zum Vogelbeobachten im Central Park mit, und aus einem Nachmittag wurde eine Obsession. Franzen beschreibt die Entdeckung der Vogelwelt als eine der großen Offenbarungen seines Lebens. Seither reist er zum Birding um die Welt, unterstützt Vogelschutzprojekte und schreibt regelmäßig Essays über Artensterben, Jagd und Naturschutz. Vögel tauchen auch in seinen Romanen auf; in „Freiheit“ wird aus der privaten Leidenschaft sogar ein wesentlicher Bestandteil der Handlung.
Diese Beschäftigung zeigt eine angenehm unmodische Seite des Autors. Franzen ist technikskeptisch, benutzt soziale Medien praktisch nicht und hat jahrelang mit Ohrstöpseln und heruntergelassenen Rollos geschrieben, um sich möglichst vollständig von Ablenkungen abzuschirmen. Seine oft verspottete Ablehnung von Twitter und Facebook war teilweise überzogen, traf aber einen Punkt, der mit dem Aufstieg algorithmischer Plattformen eher plausibler als absurder geworden ist: Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, und ein Roman von sechshundert Seiten konkurriert mit Medien, deren Geschäftsmodell darin besteht, sie möglichst kontinuierlich zu beanspruchen.
Privat lebt Franzen seit vielen Jahren mit der Schriftstellerin Kathryn Chetkovich in Santa Cruz in Kalifornien. Sie ist selbst Autorin und schrieb 2003 mit „Envy“ einen berühmt gewordenen Essay über die Erfahrung, mit einem plötzlich weltberühmten Schriftsteller zusammenzuleben. Franzen war zuvor mit Valerie Cornell verheiratet; aus keiner seiner Beziehungen hat er Kinder. Die Kinderlosigkeit ist insofern bemerkenswert, als kaum ein Gegenwartsautor so viel über Eltern, Kinder und familiäre Bindungen geschrieben hat. Seine Familienromane entstehen nicht aus der eigenen Erfahrung als Vater, sondern wesentlich aus der Position des Sohnes und Beobachters.
Mit 67 noch nicht beim letzten Roman
Franzen ist inzwischen weit von der Rolle des jungen zornigen Schriftstellers entfernt, die ihn lange begleitete. Im September 2026 sagte er rückblickend, er könne selbst kaum noch erklären, weshalb er so viele Jahre so wütend gewesen sei. Gleichzeitig arbeitet er weiter an der Fortsetzung von „Crossroads“, das als erster Teil der auf drei Romane angelegten Reihe „A Key to All Mythologies“ angekündigt wurde. Ein konkreter Veröffentlichungstermin für den zweiten Band steht weiterhin nicht fest. Daneben arbeitet Franzen an einer neuen achtteiligen Netflix-Adaption von „Die Korrekturen“, bei der Meryl Streep Enid Lambert spielen soll.
Dass ausgerechnet „Die Korrekturen“ nach einem Vierteljahrhundert noch einmal verfilmt werden soll, passt zu Franzens Stellung. Er war keine literarische Eintagsfliege. Dafür haben „Freiheit“ und insbesondere „Crossroads“ zu viel Gewicht, und sein Einfluss auf den amerikanischen Familien- und Gesellschaftsroman ist zu deutlich. Trotzdem hat er den außergewöhnlichen Moment von 2001, in dem ein anspruchsvoller sechshundertseitiger Familienroman gleichzeitig Bestseller, Kritikerliebling und kulturelles Gesprächsthema wurde, nie ganz wiederholt. Das ist weniger ein Scheitern als ein Hinweis darauf, wie außergewöhnlich „Die Korrekturen“ waren.
Franzen selbst scheint inzwischen vorsichtiger mit dem Anspruch geworden zu sein, die amerikanische Gesellschaft erklären zu müssen. Gerade das bekommt seinem Schreiben. Seine besten Figuren entstehen nicht, wenn er weiß, was politisch oder moralisch mit ihnen nicht stimmt, sondern wenn er ihnen erlaubt, gleichzeitig lächerlich, schuldhaft, großzügig, selbstgerecht und liebenswert zu sein. Familien eignen sich dafür besonders gut, weil niemand dort dauerhaft die Kontrolle über die eigene Selbstdarstellung behalten kann.
Was man von Jonathan Franzen lesen sollte
Wer nur einen Franzen lesen will, sollte weiterhin „Die Korrekturen“ nehmen. Der Roman verbindet seine Gesellschaftsanalyse am überzeugendsten mit Komik, psychologischer Genauigkeit und einer Familie, deren Mitglieder einem lange nach der Lektüre im Gedächtnis bleiben. Er ist umfangreich, aber nicht deshalb umfangreich, weil Franzen bloß gern viele Seiten schreibt. Die Perspektivwechsel verändern immer wieder das Urteil über dieselben Menschen, und genau darin liegt seine Stärke.
„Crossroads“ ist die zweite Empfehlung und für manche Leser inzwischen sogar der angenehmere Einstieg. Franzen schreibt dort wärmer und weniger darauf bedacht, gleichzeitig noch Finanzmärkte, Internetkultur und den Zustand der Vereinigten Staaten mitzuerklären. „Freiheit“ lohnt sich ebenfalls, insbesondere wegen Patty Berglund und der sehr genauen Darstellung liberaler Selbsttäuschung, ist aber sichtbar thesenhafter. „Unschuld“ muss man nicht gelesen haben, um Franzen zu verstehen; es ist ein interessantes, stellenweise brillantes, aber überkonstruiertes Buch.
Die frühen Romane „Die 27ste Stadt“ und „Schweres Beben“ sind vor allem für Leser interessant, die beobachten wollen, wie sich ein talentierter, aber überambitionierter Autor langsam zu dem Schriftsteller entwickelt, der mit „Die Korrekturen“ seinen Stoff gefunden hat. Bei den Essays sind „Anleitung zum Alleinsein“ und „Das Ende vom Ende der Welt“ besonders aufschlussreich. Dort tritt auch jener Franzen hervor, der öffentlich so häufig Ärger produziert: intelligent, belesen, meinungsstark, manchmal unnötig kategorisch und fast zwanghaft darauf bedacht, noch zu einem scheinbaren Konsens eine Gegenposition zu finden.
Gerade deshalb ist Jonathan Franzen interessanter als der überlebensgroße Titel „großer Gegenwartserklärer“ vermuten lässt. Er erklärt Amerika nicht zuverlässig, und seine politischen Überzeugungen färben manche Beobachtung deutlicher, als ihm selbst vielleicht lieb ist. Aber er versteht etwas vom wesentlich kleineren Schauplatz Familie. Dort zeigt sich bei ihm, wie politische Überzeugungen, Geld, Sexualität, Eitelkeit, Elternliebe und jahrzehntealte Kränkungen ineinandergreifen. Wenn Franzen diesen Menschen einfach beim Scheitern zusieht, statt ihnen die Welt erklären zu lassen, ist er tatsächlich ein sehr großer Romancier.
Jonathan Franzen – Fakten
- Geboren: 17. August 1959 in Western Springs, Illinois
- Aufgewachsen: in Webster Groves bei St. Louis, Missouri
- Ausbildung: Germanistik am Swarthmore College; Fulbright-Stipendiat an der Freien Universität Berlin
- Durchbruch: „Die Korrekturen“ von 2001, ausgezeichnet mit dem National Book Award
- Wichtige Werke: „Die Korrekturen“, „Freiheit“, „Unschuld“ und „Crossroads“
- Privat: lebt mit der Schriftstellerin Kathryn Chetkovich in Santa Cruz, Kalifornien
- Besonderes Interesse: Vogelbeobachtung und Vogelschutz
Jonathan Franzens Bücher, die man gelesen haben muss:
Zitate, die Franzen zugesprochen werden:
„Du magst arm sein, aber die eine Sache die Dir keiner nehmen kann, ist die Freiheit, Dein Leben genau so zu versauen, wie Du Lust hast“.
„Integrität ist eine neutraler Wert. Hyänen haben auch eine Integrität: Sie sind pure Hyänen“.
Jonathan Franzen im Interview:
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