
Mit 21 erhielt Zadie Smith für 80 Seiten eines unfertigen Romans einen Vorschuss von angeblich 250.000 Pfund. Drei Jahre später war sie weltberühmt. Doch der frühe Ruhm wurde für die Londonerin auch zur Belastung. Ihren gefeierten Erstling kann sie heute kaum noch lesen. Die Arme hat Probleme, die andere gerne hätten. Dabei ist Smiths eigene Lebensgeschichte ebenso ungewöhnlich wie ihre Romane: eine jamaikanische Mutter, ein dreißig Jahre älterer englischer Vater, eine gescheiterte Ehe unter einem gemeinsamen Dach und eine junge Frau, die eigentlich lieber auf der Bühne gestanden hätte.
Als sich Zadie Smiths Eltern trennten, war ihre Tochter etwa elf Jahre alt. Eine Scheidung bedeutete damals allerdings noch lange keine räumliche Trennung. Für zwei Wohnungen reichte das Geld nicht, weshalb Vater Harvey kurzerhand ins Gästezimmer zog, während Mutter Yvonne im Obergeschoss blieb. Die Kinder mussten an die Tür des Vaters klopfen, um ihn zum Abendessen zu rufen. Smith erzählte diese Geschichte später mit trockenem Humor. Ihre Eltern hätten die Familie als etwas verstanden, dem man nicht einfach durch eine Scheidung entkommen könne. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug dreißig Jahre: Yvonne war als junge Frau aus Jamaika nach England gekommen, Harvey ein weißer Engländer, der noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Als das Paar in Paris seine Flitterwochen verbringen wollte, fand sich nach Smiths späterer Erinnerung zunächst kein Hotel, das beide gemeinsam aufnehmen wollte. Die Familie erlebte die gesellschaftlichen Widersprüche Großbritanniens also nicht als abstrakte politische Fragen, sondern im eigenen Alltag.
Geboren wurde die spätere Schriftstellerin am 25. Oktober 1975 als Sadie Smith im Nordwesten Londons. Mit vierzehn änderte sie ihren Vornamen in Zadie. Sie wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf; einer von ihnen wurde später unter dem Künstlernamen Doc Brown als Rapper und Komiker bekannt. Smith selbst träumte zunächst von einer Karriere im Musicaltheater, lernte Stepptanz und trat während ihres Studiums als Jazzsängerin auf. Sogar bei den berühmten Cambridge Footlights, der studentischen Talentschmiede britischer Komiker, versuchte sie vergeblich aufgenommen zu werden. Immerhin gelang ihr an der Universität Cambridge etwas anderes: Sie begann einen Roman über Londoner Familien, Einwanderung, Religion und die ziemlich komischen Schwierigkeiten des Zusammenlebens.
Berühmt, bevor das Buch fertig war
1997 lasen Verlagsleute die ersten rund 80 Seiten dieses Manuskripts und gerieten in Begeisterung. Bei einer Auktion setzte sich der Verlag Hamish Hamilton durch; britische Zeitungen berichteten von einem Vorschuss in Höhe von ungefähr 250.000 Pfund. Smith war gerade 21 Jahre alt und hatte noch keinen Roman veröffentlicht. Plötzlich wurde sie mit Salman Rushdie verglichen, Journalisten interessierten sich für ihr Aussehen, ihre Herkunft und ihre angebliche Rolle als Stimme eines neuen, multikulturellen Großbritanniens. Sie selbst fürchtete zeitweise, das Buch gar nicht fertigstellen zu können. Schließlich erschien White Teeth (Zähne zeigen) im Jahr 2000, wurde ein internationaler Bestseller und gewann mehrere bedeutende Literaturpreise.
Der Roman erzählt von miteinander verbundenen Familien unterschiedlicher Herkunft in London. Seine Stärke liegt in den lebendigen Dialogen, dem Humor und einer beinahe überbordenden Erzählfreude. Allerdings ist er auch überladen: Zahlreiche Nebenhandlungen, Zufälle und abrupte Wendungen lassen die Konstruktion gelegentlich aus dem Ruder laufen. Smith sieht das heute ähnlich. Schon Jahre nach der Veröffentlichung erklärte sie, das Buch sei voller Fehler und entspreche nicht mehr ihrem literarischen Geschmack. Zum 25. Jubiläum 2025 versuchte sie erneut, White Teeth zu lesen – und kam nach eigener Aussage nicht einmal über die erste Seite hinaus. Die Schriftstellerin, deren Karriere auf diesem Roman beruht, empfindet zu ihrem berühmtesten Werk also eine beträchtliche Distanz. Den frühen Erfolg erinnert sie ebenfalls zwiespältig: Aus einer jungen Frau, die andere Schriftsteller beneidete, war plötzlich jemand geworden, den andere beneideten. Das sei eine unerwartet einsame Position gewesen.
Die schlechten Seiten der guten Gesellschaft
Smiths zweiter Roman The Autograph Man (Der Autogrammhändler, 2002) über einen obsessiven Autogrammsammler wurde deutlich verhaltener aufgenommen, gewann aber immerhin einen Literaturpreis. Mit On Beauty (Von der Schönheit, 2005) fand sie zu neuer Stärke. Die Geschichte zweier verfeindeter Akademikerfamilien erzählt von Ehebruch, sexueller Eitelkeit, intellektueller Selbstgerechtigkeit und gesellschaftlichen Standesdünkeln. Besonders der liberale Professor Howard Belsey ist ein ausgesprochen unangenehmer Mensch, der seine moralischen Überzeugungen weit weniger konsequent lebt, als er sie öffentlich verteidigt. Der Roman gewann 2006 den Orange Prize und gehört zu Smiths gelungensten Arbeiten. Er zeigt eine Autorin, die menschliche Heuchelei präzise beobachtet und auch ihren vermeintlich sympathischen Figuren erhebliche Schwächen zugesteht.
Spätere Bücher wie NW (London NW, 2012) und Swing Time (2016) untersuchen Freundschaft, sozialen Aufstieg, Neid und das Gefühl, der eigenen Herkunft untreu zu werden. NW experimentiert mit wechselnden Erzählformen, wirkt dabei stellenweise allerdings spröde und unnötig kompliziert. Swing Time profitiert von Smiths Begeisterung für Musik und Tanz, verliert sich jedoch gelegentlich in seinen verschiedenen Handlungssträngen. Mit The Fraud (Betrug, 2023) wechselte sie erstmals vollständig in die historische Literatur. Ausgangspunkt ist ein spektakulärer Erbschaftsprozess im viktorianischen England, bei dem ein Mann behauptete, ein verschollener Aristokrat zu sein. Der Roman behandelt gesellschaftliche Täuschung, Klassenunterschiede und die Verflechtung Großbritanniens mit der Sklaverei. Er ist sorgfältig recherchiert, erreicht aber nicht immer die Lebendigkeit ihrer besten Gegenwartsromane.
Smith selbst blieb ihren Widersprüchen treu. Sie heiratete den nordirischen Schriftsteller Nick Laird, bekam zwei Kinder und lebte längere Zeit in Rom und New York, wo sie an der New York University Literatur unterrichtete. Inzwischen ist die Familie nach London zurückgekehrt. Smith hält sich von sozialen Medien fern, schreibt aber regelmäßig über politische und gesellschaftliche Konflikte. Ihre Essays sind häufig differenzierter als die öffentliche Debatte, in die sie eingreifen: Sie kritisierte beispielsweise Versuche, missliebige Meinungen durch Ausgrenzung zum Schweigen zu bringen, und warnte davor, die wirtschaftlichen Erfahrungen der britischen Arbeiterschicht moralisch abzuwerten. Unsere Rezension ihrer Essaysammlung Freiheiten beschäftigt sich ausführlicher mit diesen Positionen. Ihre jüngste Essaysammlung Dead and Alive (2025) widmet sich erneut Literatur, gesellschaftlichen Konflikten und dem Einfluss digitaler Medien.
Smith ist keine Schriftstellerin, die sich auf den Erfolgsformeln ihres Debüts ausruht. Sie wagt formale Experimente, wechselt historische Perspektiven und hinterfragt ihre eigenen literarischen Überzeugungen. Nicht jedes Experiment gelingt, und gerade ihre anspruchsvolleren Bücher können sich in intellektuellen Konstruktionen verlieren. Am überzeugendsten ist sie dort, wo sie ihren scharfen Blick für menschliche Eitelkeit mit Humor verbindet. Als Einstieg empfiehlt sich Zähne zeigen wegen seiner unbändigen Energie, als literarisch reiferes Werk Von der Schönheit. Wer die weniger gefällige, experimentierfreudige Smith kennenlernen möchte, sollte London NW lesen. Und wer wissen will, wie sie selbst über Literatur und Gesellschaft denkt, greift zu Freiheiten.
Zadie Smith – Fakten
- Geboren: 25. Oktober 1975 in London, als Sadie Smith
- Eltern: Harvey Smith, Engländer; Yvonne Bailey, aus Jamaika eingewandert
- Geschwister: Zwei jüngere Brüder, darunter der Rapper und Komiker Doc Brown; außerdem ältere Halbgeschwister
- Ausbildung: Englische Literatur am King’s College, Cambridge
- Familie: Verheiratet mit dem Schriftsteller Nick Laird, zwei Kinder
- Wohnort: London, nach längeren Aufenthalten in Rom und New York
- Wichtige Romane: Zähne zeigen (2000), Der Autogrammhändler (2002), Von der Schönheit (2005), London NW (2012), Swing Time (2016), Betrug (2023)
- Essays: Freiheiten (2018), Dead and Alive (2025), unter anderem
- Auszeichnungen: Guardian First Book Award (2000), Whitbread First Novel Award (2000), James Tait Black Memorial Prize (2000), Orange Prize for Fiction (2006)
Verfasst von Emma und Hanna.

