Regine Kölpin: „Ich schreibe grundsätzlich nur das, wo ich mich zu Hause fühle.“

Interview mit Regine Kölpin

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Wenn ich ein Projekt in die Hand nehme, brenne ich für diese Idee. Die möchte ich dann sofort umsetzen. Sich über die Konkurrenz Gedanken zu machen, würde meine Kreativität einschränken und das will ich nicht. Ich glaube, davon muss man sich als Kunstschaffender frei machen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich sehe das ganz entspannt. Natürlich wird danach gekauft und es wäre traumhaft, einmal in der Spiegel- Bestsellerliste aufzutauchen, aber Bestseller zu sein ist ja nicht alles im Schriftstellerleben. Lokal war ich auch schon in Bestsellerrankings mit meinen Büchern, das freut natürlich immer.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Einfach weitermachen. Für mich sind Rituale wichtig. Musik anmachen, einen Tee und Wasser auf dem Tisch. Kerze an. Hilft das nichts, schaue ich nach rechts zu meinem Bücherschrank mit den vielen Büchern, die ich schon verfasst habe oder worin Kurztexte von mir enthalten sind. Dann schnappe ich mir das, was ich am Vortag geschrieben habe und überarbeite es. Und schon bin ich wieder drin.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Eine ganze Menge. Ich habe zwischen 80 und 100 Veranstaltungen im Jahr. Das sind Lesungen Interviews, Radiotermine, Lesungen an den Originalschauplätzen (bei den historischen Romanen), Workshops etc. Ohne das ist es schwer, sich zu behaupten. Und ich mache das auch gern, gibt es mir doch die Möglichkeit des direkten Kontakts zu meinen Lesern.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Am besten und wirkungsvollsten ist es, wenn der Verlag Werbung schaltet, nur hat man darauf keinen Einfluss. Aber auch gute Pressearbeit, Kontakt zu Rezensenten und so weiter sind gute Hilfsmittel und da kann man selbst sehr gut aktiv werden..

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich lese ziemlich querbeet, sodass es keinen direkten Einfluss gibt. Natürlich schätze ich bestimmte Schriftsteller sehr. Dazu gehören Camus, Dürrenmatt oder Remarque(und hier nicht nur „Im Westen was Neues“). Inspiriert werde ich aber eher vom wirklichen Leben oder , wenn ich historisch schreibe, von den Gegebenheiten der damaligen Zeit.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das Geheimnis würde sicher jeder gern kennen. Ich weiß es nicht.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ich würde mich einer Schreibgruppe anschließen, damit ich Kontakte in die Szene und ein ehrliches Feedback bekomme oder zumindest von den anderen lernen kann. Ich habe viele Jahre solche Gruppen geleitet und es ist faszinierend, wie sich Neulinge dort entwickeln. Man kann, wenn man die Neigung zum Schreiben hat, wirklich eine Menge „Handwerk“ erlernen. Seminare besuchen, Kurse belegen, sind weiterhin gute Möglichkeiten, nicht auf der Stelle zu treten.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ich schreibe grundsätzlich nur das, wo ich mich zu Hause fühle und was ich auch gern lese. Deshalb wäre bei mir bei Fantasy eine Grenze. Und bei Sex- Szenen finde ich es manchmal viel erotischer, an einer heißen Stelle auszusteigen und die kommenden Bilder beim Leser zu belassen. Das ist aber ja Geschmackssache. Schwierig sind sicher auch bestimmte politische Themen. Aber man kann es ohnehin nicht allen recht machen und den Anspruch habe ich auch nicht.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Das ist in der Tat schwierig, s.o.. Man läuft immer Gefahr, einseitig in eine Ecke gesteckt zu werden, was sehr schade ist, da oft sofort schwarz-weiß gemalt wird, wobei gerade diese Themen so viele Facetten haben. Da sind aber die Medien ein viel größeres Problem als die Autoren.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich habe eine große Familie (fünf Kinder, zwei Enkel) und auch wenn nicht immer alle zu Hause sind, da ein Großteil erwachsen ist, so ist hier doch immer eine Menge los. Deshalb habe ich schon früh begonnen, strukturiert und zu bestimmten Zeiten zu schreiben. Das kommt meinem Drang nach Ritualen auch sehr entgegen. Um neun Uhr beginnt mein Schreibtag, da gehe ich in mein Zimmer und ich freue mich Tag für Tag darauf.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein aktuelles Projekt erscheint im Frühherbst bei Droemer Knaur und es ist ein humorvoller Familienroman aus Oma Sicht. Mal was ganz anderes und es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Da stecken ja 30 Jahre Recherche (Familienarbeit) drin. Danach wird es aber (auch) wieder was Historisches geben, dafür schlägt mein Herz ja ebenfalls.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Kurzbiografie

Regine Kölpin

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Copyright: Bettina Steinhöfel

hat zahlreiche Romane und Kurztexte (unter Regine Fiedler für Kinder und Jugendliche) publiziert und gibt auch Anthologien heraus. Regine Kölpin leitet Schreibwerkstätten in der Jugend- und Erwachsenenbildung und inszeniert historische Stadtführungen mit Lesungen an den Originalschauplätzen. Mehrfache Auszeichnungen, wie u.a. den Jahrespreis der Ostfriesischen Autoren 2002 und 2005, nominiert für den Kärntner Krimipreis 2008, 1.Platz E.G.O.N. 2009, Stipendium Tatort Töwerland 2010 ; Auszeichnung zur Starken Frau Frieslands 2011 und nominiert für den Quo Vadis Kurzgeschichtenpreis 2013. Sie ist 1964 in Oberhausen (NRW) geboren und lebt mit ihrer großen Familie in Friesland an der Nordseeküste.

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