Detlef Vetten: 50 Tage lebenslänglich

Rezension von Annemarie

Psychiatrie. Geschlossene Station. Eine Horrorvorstellung für viele. Doch wie genau es eigentlich hinter den verschlossenen Türen aussieht, das weiß kaum einer. Der Autor diese Buches, der Journalist Detlef Vetten, hat genau diese Erfahrung machen dürfen. Nachdem er sich zum wiederholten Mal betrunken hat, begeht er einen Selbstmordversuch. Gerade noch rechtzeitig ruft er Hilfe. Und landet in der geschlossenen Psychiatrie. Für 50 Tage. Von seinen Erlebnissen auf der Station erzählt er in diesem Buch.

Seinen Schwerpunkt legt Vetten dabei auf die unterschiedlichen Menschen, denen er begegnet. Obwohl ein Großteil der Menschen auf seiner Station wegen der gleichen Krankheit – Alkoholmissbrauch – einsitzt, sind doch die individuellen Lebens – und Leidens- Geschichten enorm unterschiedlich. Vom erfolgreichen Juristen, der durch eine schwierige Ehefrau in die Alkoholsucht geriet, über einen Kriminellen, der sich durch eine vorgetäuschte Alkoholsucht vor dem Gefängnisaufenthalt drücken will und die betrogene Ehefrau, die ihren Kummer in Alkohol ertränkt bis hin zum Kind aus gutem Hause, das von zuhause ausbricht und dessen Leben durch nachteilige Kontakte aus dem Lot gerät, ist eigentlich alles mit dabei.

Vetten schreibt seine Erlebnisse chronologisch auf, beginnend mit seiner Einlieferung und endend mit seiner Entlassung.

Rezension

Eines vorweg: Dieses Buch ist höchst subjektiv geschrieben und beinhaltet ausschließlich Vettens ganz persönliche Eindrücke. Wer erwartet, einen objektiven und informationsreichen Bericht über das Leben in der Psychiatrie zu lesen, sollte daher nach einer anderen Lektüre Ausschau halten. So hat mich Vettens Schreibstil anfangs auch sehr verwirrt. Er schreibt von sich als „Herr V.“, also in der dritten Person. Auch schreibt er in kurzen Sätzen, oft abgehackt. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass Vetten nicht ganz nüchtern war und etwas neben sich stand, so verwirrt wirkte zum Teil sein Schreibstil.

Möglicherweise ist dies jedoch auch gewollt, damit der Leser sich besser in die Situation hineinversetzen kann und den Alltag auf der geschlossenen Station besser nachvollziehen kann. Dann ist dieser Schreibstil verständlich. Er führt auch tatsächlich dazu, dass man sich in die Betroffenen recht gut hineinversetzen kann.

Dadurch bleiben jedoch diverse Informationen aus, die ich interessant gefunden hätte, etwa einen Einblick in die Therapie und den Tagesablauf der Patienten oder nähere Informationen über die Mitarbeiter. Dem Autor geht es primär darum, die Situation und die Gefühle der Betroffenen möglichst authentisch abzubilden, und genau darauf liegt auch der Schwerpunkt des Buches. Weil der Schreibstil aber so ungewöhnlich ist und möglicherweise nicht allen Menschen zusagt, empfehle ich Interessierten, vor dem Kauf dieses Buches erst einmal die ersten Seiten zu lesen.

Vielfach schmückt der Autor auch diverse Themen aus und schreibt über Sachen, von denen er eigentlich gar nichts wissen kann, etwa die Gedanken zweier junger sich Liebender. Darauf entstand bei mir der Eindruck, dass er seine Erlebnisse mit diversen erfundenen Details doch sehr ausgeschmückt hat. Daher ist Vettens Werk aus meiner Sicht kein Sachbuch, sondern vielmehr ein auf Tatsachen beruhender Roman.

Fazit

Für alle, die einen Eindruck davon gewinnen wollen, was für Menschen in der geschlossenen Station einer Psychiatrie landen und die sich für die Gründe einer Alkoholsucht näher interessieren, ein packendes, auf Tatsachen beruhendes Werk. Bitte jedoch immer einmal vorher ins Buch reinlesen, da der Schreibstil etwas gewöhnungsbedürftig ist!