Neil Ansell: Tief im Land

Rezension von Annemarie

Neil Ansell, Fernsehjournalist der BBC und als Autor für verschiedene Zeitungen wie den Guardian und den New Statesman tätig, hatte bereits über 50 Länder bereist, bevor er sich für fünf Jahre in die Wälder von Wales zurückzog. Hier bewohnte er allein ein kleines Cottage, ohne Elektrizität und fließendes Wasser, fernab von bewohnten Gegenden. Seine Eindrücke während dieser Jahre hat er in diesem Buch wiedergegeben.

Sein Leben im Einklang mit der Natur, das an das Leben früherer Generationen erinnert, das Leben im Einklang mit der Flora und Fauna, schildert er beinahe lyrisch und wunderbar anschaulich. Gleich zu Anfang des Buches zeigt eine kleine handgezeichnete Karte, in welch kleinem, malerischen Umfeld sich der Autor in den fünf Jahren aufhielt.

Ansell beobachtet die Tiere und vor allem die Vögel, untersucht ihr Verhalten, ihre Balz, ihr Brutgebaren und vieles mehr und lässt den Leser teilhaben an seinen stimmungsvollen Impressionen. Bei jedem Wetter unternimmt er lange Spaziergänge und ergeht sich in Beobachtungen der Natur und ihrer Bewohner. Gerade dadurch, dass er ganz allein auf sich gestellt ist, wird sein Blick geschärft für seine Umgebung.

Das Alleinsein bringt es mit sich, dass sein Tag ausgefüllt ist mit ganz elementaren Tätigkeiten, die nötig sind, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen: Vorräte wollen besorgt und mühsam herbeigeschafft werden, Holz muss gehackt und Wasser geholt werden. So sagt er: „Sich auch nur eine Tasse Tee zu machen, dauerte hier rund zehn Mal so lang wie andernorts“. Seine tägliche Routine ist also von der Einfachheit seines Lebensstils vorgegeben, während die jährliche von den Jahreszeiten und dem Wetter bestimmt wird. „Wir neigen dazu, uns gegen die Welt vor unserem Fenster abzuschotten, damit unser Leben ungestört weitergehen kann.

Schält man die Schichten der Isolierung eine nach der anderen ab, gewinnen die Zyklen der Natur ihre wahre Bedeutung zurück“. Trotz seines Alleinlebens fühlt er sich nie einsam, es führt aber auch nicht zur Schau in sein Innerstes. „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte mich selbst finden, und verlor mich stattdessen. Und das war unermesslich besser“.

Wie man anhand der Zitate schon merkt, schreibt Ansell sehr ruhig – fast schon meditativ – und detailliert. Gerade in einer Welt, in der die Sucht nach dem Mehr, nach dem Haben-Wollen, regiert und Stress ein Massenphänomen ist, sticht Ansells einfaches und doch erfülltes und zufriedenes Leben in den Waliser Bergen unheimlich erholsam hervor und propagiert ein anderes Lebensideal. Das kann sehr schön und unglaublich bereichernd und entspannend sein. So eignet sich das Buch besonders für ruhige Stunden, zur Entspannung oder zum abendlichen Lesen, um zur Ruhe zu kommen. Ich fürchte jedoch, dass der meditative, ins kleinste Detail gehende Schreibstil nicht allen gefällt, sondern manchen Personen – besonders den lebhafteren, aktiveren unter uns – gehörig auf die Nerven gehen kann.

Fazit

Ein wunderbares Buch, das vor allem Vogelliebhaber ansprechen wird, aber auch jeden, der die Natur mag. Ganz bestimmt nicht geeignet für Spannungsleser, sondern für solche, die die Langsamkeit lieben und sich vorstellen können, die Natur mit allen Sinnen zu begreifen.