Thomas Mann
Bild: Wikimedia Commons Quelle

Thomas Mann war Nobelpreisträger, politischer Exilant und einer der größten deutschen Erzähler – aber kein Denkmal aus Marmor. Er verteidigte im Ersten Weltkrieg noch das Kaiserreich, wurde später zum entschiedenen Gegner Hitlers, allerdings aus sicherer Ferne. Er führte nach außen eine mustergültig bürgerliche Ehe und notierte gleichzeitig lebenslang homoerotische Schwärmereien in seinen Tagebüchern. Seine sechs Kinder erlebten einen berühmten, oft fürsorglichen, aber ebenso selbstbezogenen Vater. Kaum ein Schriftsteller verstand es besser, aus den eigenen Widersprüchen Literatur zu machen – und kaum einer arbeitete so konsequent am eigenen Nachruhm.

Lübeck: eine Familie, die sich selbst zum Romanstoff eignete

Paul Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in Lübeck als zweites von fünf Kindern des Kaufmanns und Senators Thomas Johann Heinrich Mann und seiner Frau Julia, geborene da Silva-Bruhns, geboren. Der Vater verkörperte die nüchterne hanseatische Kaufmannswelt, die Mutter brachte eine völlig andere Herkunft in die Familie: Sie war in Brasilien als Tochter eines deutschen Plantagenbesitzers und einer portugiesisch-brasilianischen Mutter geboren worden, spielte Musik und galt als temperamentvoller als die Lübecker Verwandtschaft. Aus der Spannung zwischen kaufmännischer Disziplin und künstlerischer Empfindsamkeit machte Thomas Mann später beinahe ein Lebensmodell.

Der ältere Bruder Heinrich wollte ebenfalls Schriftsteller werden und wurde für Thomas zugleich Vorbild, Konkurrent und zeitweise politischer Gegner. Zwei Schwestern, Carla und Julia, nahmen sich später das Leben. Schon die reale Familie Mann war damit erheblich dunkler, als es das spätere Bild vom deutschen Literaturadel vermuten lässt. Nach dem Tod des Vaters 1891 wurde die traditionsreiche Firma entsprechend dessen Verfügung liquidiert. Die Familie zog nach München, Thomas folgte nach dem Abschluss seiner wenig glanzvollen Schulzeit. Eine klassische akademische Karriere verfolgte er nicht; er besuchte einige Vorlesungen und arbeitete kurz bei einer Versicherung, wusste aber schon früh, dass er schreiben wollte.

In seinen ersten Erzählungen fand er schnell ein Thema, das ihn sein Leben lang beschäftigen sollte: die schwierige Beziehung zwischen Kunst und normalem Leben. Der Künstler erscheint bei Mann häufig als jemand, der die bürgerliche Welt bewundert und zugleich nicht vollständig in ihr leben kann. In „Tonio Kröger“ wird daraus fast ein Selbstporträt: der sensible Künstler, der jene unkomplizierten, schönen und lebenspraktischen Menschen beneidet, zu denen er selbst nicht gehört. Manns ganze spätere Existenz könnte man als Versuch lesen, diesen Widerspruch praktisch zu lösen. Er wollte Künstler sein, aber keinesfalls Bohemien bleiben. Er wollte Geld, Haus, Familie, gepflegte Kleidung, gesellschaftlichen Rang und einen streng organisierten Arbeitstag – und zugleich jene inneren Abgründe behalten, aus denen seine Literatur entstand.

Der große Durchbruch kam erstaunlich früh. „Buddenbrooks“ erschien 1901, als Mann 25 Jahre alt war. Der Roman nutzt unverkennbar Material aus der eigenen Lübecker Familie und schildert über mehrere Generationen den wirtschaftlichen, biologischen und kulturellen Verfall einer Kaufmannsdynastie. Lübecker Bürger erkannten sich und ihre Familien wieder und waren teilweise wenig begeistert. Literarisch war gerade diese Verbindung aus genauer Milieukenntnis, Ironie und psychologischer Distanz entscheidend. Mann schrieb über seine Herkunft, ohne sie bloß zu verherrlichen oder abzurechnen. Auf Fabelhafte Bücher gehört „Buddenbrooks“ deshalb zu Recht zu den zentralen Werken seines Schaffens.

Katia, sechs Kinder und das sorgfältig gebaute bürgerliche Leben

1905 heiratete Thomas Mann Katia Pringsheim. Sie war nicht nur schön und klug, sondern stammte aus einer der reichsten und kulturell prominentesten Familien Münchens. Ihr Vater Alfred Pringsheim war Mathematikprofessor und Kunstsammler, ihre Mutter Hedwig die Tochter der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Katia selbst hatte als eine der ersten Frauen in München Mathematik und Physik studiert. Mit der Ehe beendete sie ihre akademische Laufbahn und wurde zunehmend zur organisatorischen Grundlage von Thomas Manns Leben.

Die Verbindung war mehr als finanzielle Zweckmäßigkeit, aber der gesellschaftliche und materielle Aspekt passte auffällig gut zu Manns Lebensentwurf. Katia gab ihm jene „Verfassung“, die er für seine Existenz suchte: Familie, Haus, gesellschaftliche Sicherheit und einen geregelten Alltag. In den folgenden Jahren bekamen beide sechs Kinder – Erika, Klaus, Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Katia organisierte Haushalt, Reisen, medizinische Krisen, Korrespondenz und Kinder und schirmte den Schriftsteller so weit wie möglich von den Störungen des gewöhnlichen Lebens ab. Thomas Mann arbeitete morgens hinter geschlossener Tür und erwartete Ruhe. Literatur war in diesem Haus nicht Hobby, sondern oberste Familienangelegenheit.

Die Kinder nannten den Vater „den Zauberer“. Der Ausdruck enthält Bewunderung und Distanz. Mann konnte liebevoll und großzügig sein, behandelte seine Kinder aber keineswegs gleich und beobachtete sie teilweise mit derselben kühlen psychologischen Genauigkeit wie seine Romanfiguren. Einige seiner Tagebuchbemerkungen über die eigenen Kinder sind erstaunlich hart. 1918 notierte er sogar, jemand wie er hätte eigentlich keine Kinder in die Welt setzen sollen – zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf geboren, das sechste unterwegs.

Besonders schwierig war die Beziehung zu Klaus, der selbst Schriftsteller wurde, offen homosexuell lebte und lange unter Drogenabhängigkeit und Depressionen litt. Thomas Mann war stolz auf sein Talent, konnte zugleich aber herablassend über die Werke des Sohnes urteilen. Klaus wiederum stand zwangsläufig im Schatten eines Vaters, dessen Name jede eigene Veröffentlichung mitbewertete. Nach Jahren des Exils, politischen Engagements gegen Hitler und wiederholten persönlichen Krisen nahm Klaus Mann sich im Mai 1949 das Leben. Thomas Mann war von der Nachricht erschüttert, änderte jedoch seine bereits laufende europäische Vortragsreise nicht und fuhr nicht zur Beerdigung. Das wirkt aus heutiger Perspektive befremdlich und wirkte teilweise schon damals so. Es zeigt eine Fähigkeit, die Mann zugleich produktiv und menschlich problematisch machte: Er konnte persönliche Erschütterungen erstaunlich konsequent in den geregelten Ablauf seines Lebens einordnen.

Auch im Verhältnis zu den übrigen Kindern blieb diese Mischung aus Familienliebe und patriarchalischer Distanz bestehen. Erika wurde später eine seiner wichtigsten politischen und organisatorischen Mitarbeiterinnen. Elisabeth galt ihm als besonders liebenswert. Michael dagegen fühlte sich vom Vater häufig zurückgesetzt; auch Monika hatte ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern. Die Vorstellung einer glamourösen Schriftstellerfamilie verdeckt leicht, wie viel Spannung in diesem Haus lag. Berühmtheit schafft eben nicht automatisch Geborgenheit.

Die Anziehungskraft junger Männer

Der intimste Widerspruch Thomas Manns wurde erst nach seinem Tod vollständig sichtbar. Seine Tagebücher dokumentieren über Jahrzehnte hinweg starke homoerotische Gefühle und Schwärmereien für Jungen und junge Männer. Bereits in seiner Jugend spielte die intensive Zuneigung zu Mitschülern eine Rolle; später wurde der Maler Paul Ehrenberg zu einer der emotional wichtigsten Figuren seiner Münchner Jahre. Mann heiratete dennoch Katia und lebte mit ihr fünfzig Jahre zusammen. Nach heutigem Stand der Forschung gibt es keinen belastbaren Nachweis dafür, dass er seine homoerotischen Wünsche in sexuellen Beziehungen auslebte. Das Verlangen selbst steht dagegen außer Frage.

Katia wusste offenbar, dass ihr Mann sich immer wieder zu jungen Männern hingezogen fühlte, und arrangierte sich damit. Thomas Mann wiederum baute aus dieser Spannung zwischen Begehren und Selbstkontrolle Literatur. „Der Tod in Venedig“ von 1912 ist das berühmteste Beispiel. Der angesehene Schriftsteller Gustav von Aschenbach, ein Mann der Disziplin und gesellschaftlichen Würde, verfällt in Venedig der Schönheit des jungen Tadzio und verliert schrittweise seine Selbstbeherrschung. Das ist keine verschlüsselte Autobiografie, aber die emotionale Grundkonstellation kannte Mann aus eigener Erfahrung sehr genau.

Gerade deshalb wäre es falsch, seine Ehe einfach als Tarnkonstruktion zu behandeln. Katia und Thomas verband eine echte Lebensgemeinschaft, sexuelle Beziehung eingeschlossen, und sie war für ihn emotional und praktisch unverzichtbar. Gleichzeitig gab es einen großen Teil seines erotischen Erlebens, den die Ehe nicht aufhob. Manns Persönlichkeit lässt sich weder mit einer modernen eindeutigen Identitätsbezeichnung vollständig erfassen noch durch das Bild des konventionellen Familienvaters. Er lebte in einer Gesellschaft, in der männliche Homosexualität strafrechtlich verfolgt und sozial geächtet wurde, und organisierte sein Leben entsprechend stark um Selbstkontrolle.

Anzeige

Diese Selbstkontrolle hatte eine kreative Seite. Mann war besessen von Form, Ordnung und Verwandlung. Persönliches Material durfte in die Literatur, aber nicht roh. Die eigene Familie wurde zu „Buddenbrooks“, erotisches Begehren zu „Tod in Venedig“, Katias Davoser Sanatoriumsaufenthalt lieferte den Ausgangspunkt für den „Zauberberg“, und selbst Menschen aus seinem Umfeld konnten Jahre später als literarische Figuren wiederauftauchen. Nicht jeder Betroffene freute sich über diese Art der Unsterblichkeit.

Die Tagebücher zeigen zugleich einen weniger angenehmen Mann als seine öffentlichen Reden. Er registriert Anerkennung, Verkaufszahlen, Ehrungen und gesellschaftliche Rangfragen äußerst genau. Kollegen werden bewundert und ebenso gern abgewertet. Krankheiten, Verdauung, Schlaf, Wetter, Familienmitglieder und attraktive junge Männer erhalten nebeneinander ihre Einträge. Die Mischung kann kleinlich wirken, manchmal komisch und gelegentlich entlarvend. Mann war sich seines Ranges sehr bewusst und arbeitete aktiv daran, diesen Rang zu sichern. Dass die Nachwelt ihn als einen der „Großen“ betrachtet, wäre ihm vermutlich keineswegs unangenehm gewesen.

Vom Verteidiger des Kaiserreichs zum Verteidiger der Demokratie

Auch politisch war Thomas Mann keineswegs von Anfang an jener liberale Humanist, als der er später im Exil auftrat. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 reagierte er mit nationaler Begeisterung. Während sein Bruder Heinrich zunehmend pazifistisch und demokratisch argumentierte, verteidigte Thomas den deutschen Krieg und eine autoritär verstandene deutsche „Kultur“ gegen westliche demokratische „Zivilisation“. Aus dem Streit der Brüder wurde eine jahrelange persönliche Entfremdung.

Das umfangreichste Dokument dieser Phase sind die 1918 erschienenen „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Der Titel führt ein wenig in die Irre, denn das Buch ist sehr politisch. Mann verteidigt darin konservative, national geprägte Vorstellungen und polemisiert gegen Demokratie, gesellschaftliche Politisierung und jene westliche Moderne, die er mit seinem Bruder identifizierte. Das Werk enthält brillante Passagen über Kultur und Kunst, ist aber zugleich ein trotziges Dokument deutscher Überheblichkeit. Wer den späteren demokratischen Thomas Mann bewundert, sollte diesen frühen Mann nicht aus dem Bild schneiden.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass er seine Position tatsächlich änderte. 1922 trat er mit der Rede „Von deutscher Republik“ öffentlich für die junge Weimarer Demokratie ein und versöhnte sich auch mit Heinrich. Der Wandel war nicht bloß kosmetisch. In den folgenden Jahren wurde Mann zunehmend zu einem prominenten Verteidiger der Republik. 1930 warnte er in seiner berühmten „Deutschen Ansprache“ beziehungsweise dem „Appell an die Vernunft“ vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Der konservative Kulturkritiker hatte verstanden, dass die Feinde der Demokratie nicht nur schlechten Geschmack verkörperten, sondern eine konkrete politische Gefahr.

Der Nobelpreis von 1929 machte seine öffentliche Stellung noch größer. Interessanterweise bezog die Schwedische Akademie ihre Begründung ausdrücklich vor allem auf „Buddenbrooks“, das zu diesem Zeitpunkt bereits 28 Jahre alt war. Der inzwischen ebenfalls erschienene „Zauberberg“ wurde in der offiziellen Begründung nicht hervorgehoben. Mann selbst hatte seinen Rang längst sehr bewusst wahrgenommen. Von nun an war er nicht einfach erfolgreicher Schriftsteller, sondern eine Institution. Dann will man natürlich auch so behandelt werden…

Exil: Mut, Zögern und der Anspruch, Deutschland zu vertreten

Als Hitler 1933 an die Macht kam, befand sich Mann gerade auf einer Vortragsreise. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück und ließ sich mit seiner Familie zunächst in der Schweiz nieder. Der Schritt war trotzdem weniger geradlinig, als spätere Heldenerzählungen suggerieren. Seine Kinder Erika und Klaus positionierten sich von Anfang an kompromisslos gegen das NS-Regime. Thomas Mann dagegen hielt sich öffentlich zunächst zurück. Er hoffte eine Zeit lang, seine Bücher könnten in Deutschland weiter erscheinen und dort eine kulturelle Wirkung entfalten. Seine Kinder hielten diese Vorsicht für viel zu lang.

Erst 1936 vollzog Mann öffentlich den eindeutigen Bruch. Im selben Jahr entzog ihm das NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft und seine Bonner Ehrendoktorwürde; er erhielt die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. 1938 siedelte die Familie in die Vereinigten Staaten über, zunächst nach Princeton, später nach Kalifornien. Dort lebten die Manns in Pacific Palisades in vergleichsweise komfortablen Verhältnissen. Thomas Mann war im Unterschied zu vielen anderen Exilanten kein verarmter Flüchtling. Er hielt Vorträge, verfügte über internationale Kontakte, hatte wohlhabende Unterstützer und bewegte sich in Kreisen, zu denen auch amerikanische Spitzenpolitiker gehörten.

Daraus entstand nach 1945 der böse Vorwurf vom „Edel-Exilanten“, der den Krieg vom sicheren kalifornischen Logenplatz aus betrachtet habe. Der Schriftsteller Frank Thiess stellte die Erfahrung der in Deutschland gebliebenen „Inneren Emigration“ demonstrativ gegen die Emigranten. Diese Polemik war unfair. Mann hatte sein Haus und seine Heimat verloren, seine Familie war von Ausbürgerung und Verfolgung betroffen, und viele andere Exilanten lebten in erbärmlichen Verhältnissen. Zudem nutzte er seine privilegierte Position durchaus politisch. Zwischen 1940 und 1945 sprach er in den BBC-Sendungen „Deutsche Hörer!“ regelmäßig direkt nach Deutschland, berichtete über nationalsozialistische Verbrechen und rief zum Widerstand gegen Hitler auf.

Manns Reaktion auf die Deutschen nach dem Krieg war trotzdem wenig versöhnlich. Er weigerte sich zunächst, nach Deutschland zurückzukehren, und griff Autoren, die zwischen 1933 und 1945 dort publiziert hatten, teilweise pauschal an. Von Büchern, die im „Dritten Reich“ erscheinen konnten, schrieb er 1945, ihnen hafte ein „Geruch von Blut und Schande“ an und sie sollten eingestampft werden. Verständlich aus der Perspektive eines Vertriebenen, war diese Verallgemeinerung dennoch ungerecht gegenüber Schriftstellern, die tatsächlich Distanz zum Regime gehalten hatten und teilweise selbst unter Repression litten.

Auch der berühmte Satz „Wo ich bin, ist Deutschland“ wirkt je nach Perspektive großartig oder ungeheuer selbstbewusst. Bei Mann ist wahrscheinlich beides richtig. Er verstand sich im Exil zunehmend als Repräsentant eines anderen, humanistischen Deutschlands. Diese Rolle erfüllte er wirkungsvoll, aber sie entsprach zugleich hervorragend seinem ausgeprägten Bewusstsein von der eigenen historischen Bedeutung.

1944 wurde Mann amerikanischer Staatsbürger. Wenige Jahre später geriet er im Klima des amerikanischen Antikommunismus selbst unter Verdacht, politisch zu weit links zu stehen. 1952 verließ er die USA wieder und ließ sich endgültig in der Schweiz nieder. Nach Deutschland zog er nicht zurück. Er besuchte sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR und nahm Ehrungen auf beiden Seiten an – wiederum mit dem Anspruch, sich nicht in die neuen deutschen Lager einordnen zu lassen.

„Zauberberg“, „Joseph“ und „Doktor Faustus“: warum er tatsächlich so groß ist

All diese Widersprüche wären biografisch interessant, würden Thomas Mann aber nicht zum großen Schriftsteller machen. Das erledigen die Bücher. Seine außergewöhnliche Stärke besteht darin, Ideenliteratur und Erzählkunst miteinander zu verbinden, ohne dass seine Figuren vollständig in philosophischen Thesen verschwinden. Dabei ist seine Prosa alles andere als spontan. Mann arbeitete langsam, diszipliniert und mit enormem Materialaufwand. Recherche, Notizen und minutiöse Tagesarbeit verwandelten sich anschließend in einen Stil, der oft müheloser wirkt, als seine Entstehung war.

Anzeige

„Der Zauberberg“ von 1924 ist vielleicht das beste Beispiel. Der junge Hans Castorp reist für drei Wochen in ein Davoser Sanatorium und bleibt sieben Jahre. Äußerlich geschieht lange erstaunlich wenig: Menschen essen, messen Fieber, gehen spazieren, diskutieren und sterben. Gleichzeitig verwandelt Mann das Sanatorium in ein Labor des alten Europas vor dem Ersten Weltkrieg. Humanismus, Revolution, Nationalismus, Krankheit, Erotik, Tod und Fortschritt treten in Figurenform gegeneinander an. Settembrini und Naphta sind Menschen und zugleich intellektuelle Versuchsanordnungen. Der Roman kann deshalb anstrengend werden; wer von Handlung lebt, wird streckenweise Geduld brauchen. Aber kaum ein anderer deutscher Roman verbindet philosophische Reflexion so selbstverständlich mit Komik, Erotik und präziser Milieubeobachtung.

Noch größer angelegt ist die Tetralogie „Joseph und seine Brüder“, an der Mann über viele Jahre arbeitete. Die biblische Josephsgeschichte wird bei ihm zu einem riesigen Roman über Mythos, Identität, Familie und menschliche Entwicklung. Das Werk ist weniger populär als „Buddenbrooks“ oder der „Zauberberg“, dürfte aber zu seinen ehrgeizigsten und formal souveränsten Leistungen gehören. Mann nahm einen scheinbar vertrauten religiösen Stoff und machte daraus eine ironische, psychologisch moderne Weltgeschichte.

„Doktor Faustus“ von 1947 ist dunkler. Der Komponist Adrian Leverkühn schließt symbolisch einen Pakt mit dem Teufel und wird zur Figur einer deutschen Kultur, deren höchste geistige Leistungen mit Barbarei zusammenfallen. Musiktheorie, Nietzsche, Luther, Krankheit und Nationalsozialismus werden miteinander verschränkt. Der Roman kann gelehrt bis zur Zumutung sein. Nicht jeder Leser muss hundert Seiten musiktheoretischer Reflexion lieben. Aber die Frage, wie eine hochkultivierte Gesellschaft in politische und moralische Katastrophe geraten konnte, gehört zu den großen Fragen der deutschen Literatur nach 1945.

Manns Literatur altert dort am schlechtesten, wo die Bildungsvoraussetzungen übermächtig werden. Manche Anspielungen setzen heute einen Kommentarapparat voraus, manche Ironie ist so fein dosiert, dass sie leicht wie bloße Würde aussieht. Wer ihn nur aus Schullektüre kennt, kann deshalb zu dem Schluss kommen, Thomas Mann sei vor allem lang und bedeutend. Das wäre schade. Er kann ausgesprochen komisch sein, boshaft, frivol und manchmal erstaunlich modern. Seine besten Figuren werden nicht dadurch interessant, dass sie moralisch vorbildlich sind, sondern dadurch, dass Mann ihre Selbsttäuschungen erkennt, ohne ihnen sämtliche Würde zu nehmen.

Der große Schriftsteller und seine weniger große Menschlichkeit

Thomas Mann gehört zu jenen Künstlern, bei denen Werk und Persönlichkeit weder sauber voneinander zu trennen noch einfach miteinander zu verrechnen sind. Er konnte großzügig sein, unterstützte im Exil andere Flüchtlinge und nutzte seinen Einfluss, um Menschen bei Visa und Ausreise zu helfen. Er stellte sich öffentlich gegen Hitler, als das persönliche Risiken bedeutete, und hielt diese Haltung durch. Gleichzeitig konnte er gegenüber weniger erfolgreichen Kollegen herablassend, gegenüber Familienmitgliedern kalt und im eigenen Rangbewusstsein geradezu majestätisch wirken.

Seine Beziehung zu Heinrich ist dafür bezeichnend. Der ältere Bruder hatte den politischen Irrweg des deutschen Nationalismus früher durchschaut und stand in der Weimarer Republik zeitweise als öffentlicher Intellektueller vor Thomas. Dieser reagierte während des Ersten Weltkriegs mit literarischer Aggression. Später versöhnten sich beide, und im amerikanischen Exil unterstützte der mittlerweile erheblich erfolgreichere Thomas den zunehmend verarmten Heinrich finanziell. Hilfe und Überlegenheitsgefühl schlossen sich nicht aus. In privaten Aufzeichnungen konnte Thomas über den Bruder in einer Schärfe urteilen, die neben der tatsächlichen Fürsorge unangenehm wirkt.

Ähnlich zwiespältig war sein Umgang mit dem Tod des Sohnes Klaus. Man sollte daraus nicht den gefühllosen Vater konstruieren; die Tagebücher zeigen Trauer. Aber dass Mann seine Reise und öffentlichen Verpflichtungen fortsetzte, passt zu einem Menschen, für den Selbstdisziplin und Werk fast immer Vorrang behielten. Selbst Katastrophen wurden in den Tagesablauf aufgenommen. Am nächsten Morgen musste wieder gearbeitet werden.

Vielleicht war genau diese Fähigkeit eine Voraussetzung seines Werkes und zugleich eine Belastung für die Menschen um ihn herum. Katia schützte den geregelten Schreibtischbetrieb, die Kinder mussten mit dem berühmten Vater leben, Erika wurde schließlich beinahe zur Mitarbeiterin, und selbst das Privatleben wanderte als Rohstoff in Bücher und Tagebücher. Der Familienname brachte Möglichkeiten und Aufmerksamkeit, aber auch enormen Druck. Klaus nahm sich 1949 das Leben; Michael ebenfalls, lange nach dem Tod des Vaters, 1977. Die Ursachen solcher Tode lassen sich selbstverständlich nicht auf Thomas Mann reduzieren. Die Geschichte der Familie verträgt dennoch weit weniger Glanzlack, als das Etikett „Literaturdynastie“ vermuten lässt.

Thomas Mann selbst starb am 12. August 1955 in Zürich, kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag. Lange wurde als Todesursache eine Thrombose beziehungsweise deren Folgen genannt; spätere medizinische Untersuchungen seiner Krankenunterlagen kamen zu dem Ergebnis, dass ein Riss der unteren Bauchschlagader die eigentliche Todesursache war. Beigesetzt wurde er in Kilchberg am Zürichsee.

Was man von Thomas Mann lesen sollte

Wer Thomas Mann heute kennenlernen möchte, sollte trotz des Umfangs mit „Buddenbrooks“ beginnen. Der Roman ist zugänglicher als sein Ruf, besitzt zahlreiche komische Szenen und zeigt schon fast das gesamte spätere Themenfeld: Familie, gesellschaftlicher Rang, Krankheit, Kunst und den langsamen Verlust bürgerlicher Sicherheit. Dass Mann ihn mit Mitte zwanzig schrieb, bleibt erstaunlich. Der Nobelpreis von 1929 wurde ausdrücklich vor allem mit diesem frühen Roman begründet.

Als zweites bietet sich „Der Tod in Venedig“ an. Die Novelle ist kurz und zeigt in konzentrierter Form den Gegensatz zwischen Disziplin und Begehren, der Mann persönlich und literarisch lebenslang beschäftigte. „Tonio Kröger“ ist ähnlich zugänglich und vielleicht der beste Text über sein Selbstverständnis als Künstler. Danach kann man sich an den „Zauberberg“ wagen. Wer dort den Rhythmus findet, erlebt einen der großen europäischen Romane des 20. Jahrhunderts; wer nach hundert Seiten nur noch auf das nächste Frühstück im Sanatorium wartet, darf allerdings ohne schlechtes Gewissen feststellen, dass Größe und persönliche Lesefreude nicht dasselbe sind.

„Joseph und seine Brüder“, nun ja. Die ersten paar Dutzend Seiten handeln von schmalzigen Schwärmereien für einen athletischen jungen Mann – da muss man sich durchbeißen, hinterher wird das Werk dann umso lesenswerter. Die Idee, eine der spannendsten Geschichten der Bibel zu nehmen und zum echten Roman auszubauen, ist schon großartig. „Doktor Faustus“ ist noch anspruchsvoller und für die Auseinandersetzung mit deutscher Kultur und Nationalsozialismus zentral. Der späte „Felix Krull“ wiederum zeigt einen überraschend leichten, komischen Thomas Mann und ist ein gutes Gegenmittel gegen die Vorstellung, der Nobelpreisträger habe nur schwere Gedanken in langen Sätzen produziert.

„Unter den Großen der GOAT“ wäre als Titel vermutlich genau die Art von Formulierung gewesen, die Thomas Mann heimlich gefallen hätte. Nötig hat er sie nicht. Seine Romane halten auch aus, wenn man den Autor vom Sockel holt. Vielleicht gewinnen sie sogar dadurch. Denn der Schriftsteller, der sein ganzes Leben über Würde, Verfall, Begehren und Selbstbeherrschung schrieb, war selbst keineswegs frei von Eitelkeit, Angst, erotischer Unruhe oder moralischen Irrwegen. Seine Größe bestand nicht darin, über diesen Dingen zu stehen. Sie bestand darin, aus ihnen Literatur zu machen.

Thomas Mann – Fakten

  • Geboren: 6. Juni 1875 in Lübeck
  • Gestorben: 12. August 1955 in Zürich
  • Eltern: Thomas Johann Heinrich Mann und Julia Mann, geborene da Silva-Bruhns
  • Familie: seit 1905 mit Katia Pringsheim verheiratet; sechs Kinder
  • Wichtige Werke: „Buddenbrooks“, „Der Tod in Venedig“, „Der Zauberberg“, „Joseph und seine Brüder“, „Doktor Faustus“
  • Nobelpreis: Literatur 1929, insbesondere für „Buddenbrooks“
  • Exil: ab 1933 Schweiz, ab 1938 USA; 1952 Rückkehr in die Schweiz
  • Politische Entwicklung: vom konservativen Gegner der Demokratie zum prominenten Verteidiger der Weimarer Republik und Gegner des Nationalsozialismus

Verfasst von Emma und Marcel