Thomas Mann war erst 26 Jahre alt, als 1901 sein erster Roman Buddenbrooks. Verfall einer Familie erschien. Mehr als tausend Seiten über eine Lübecker Kaufmannsfamilie klingen zunächst nicht nach dem Stoff, mit dem ein junger Autor seine Weltkarriere beginnt. Doch gerade aus der scheinbar überschaubaren Geschichte einer Familie entwickelt Mann ein großes Gesellschaftspanorama: über wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Status, Pflichterfüllung und persönliche Wünsche, Krankheit, Kunst, Religion, Ehe und die Frage, was geschieht, wenn die Werte, auf denen eine Familie ihren Aufstieg aufgebaut hat, für die nächste Generation ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Der Untertitel sagt bereits, wohin die Geschichte führt. Die Buddenbrooks steigen im Roman nicht spektakulär auf; wir lernen sie vielmehr auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands kennen und verfolgen anschließend über vier Generationen hinweg einen langsamen wirtschaftlichen, körperlichen und geistigen Niedergang. Gerade diese Langsamkeit macht den Roman so überzeugend: Der Verfall kommt nicht als einzelner Schicksalsschlag, sondern in vielen scheinbar kleinen Entscheidungen, Todesfällen, gescheiterten Ehen, Geschäftsproblemen und Veränderungen der Persönlichkeit.

Worum geht es in Buddenbrooks?

Zu Beginn des Romans befindet sich die Familie in einer komfortablen Lage. Johann Buddenbrook und sein Sohn Jean führen ein angesehenes Handelshaus, die Familie bewohnt ein repräsentatives Haus in Lübeck und gehört zur wohlhabenden städtischen Oberschicht. Dieses Milieu ist kein „Kaufmannsadel“ im wörtlichen Sinn, sondern ein selbstbewusstes hanseatisches Großbürgertum, das seinen gesellschaftlichen Rang fast ebenso ernst nimmt wie eine aristokratische Familie. Kaufmännischer Erfolg, Ansehen, Religion und familiäre Kontinuität gehören zusammen. Ein Buddenbrook soll wissen, was er seiner Firma, seiner Familie und seiner gesellschaftlichen Stellung schuldet.

Mit der nächsten Generation beginnen sich diese Gewissheiten zu lockern. Tony Buddenbrook nimmt die Familie so ernst, dass sie ihre eigenen Wünsche immer wieder dem vermeintlichen Wohl des Hauses unterordnet. Ihre erste Ehe mit dem Geschäftsmann Bendix Grünlich erweist sich als Desaster; später scheitert auch die Ehe mit Alois Permaneder. Christian Buddenbrook wiederum besitzt wenig Interesse an kaufmännischer Disziplin und entwickelt sich zum neurotischen, gesundheitlich ständig mit sich selbst beschäftigten Außenseiter. Thomas Buddenbrook übernimmt das Geschäft, wird Senator und scheint nach außen noch einmal den Erfolg der Familie zu verkörpern. Doch gerade bei ihm zeigt Mann, wie anstrengend diese Rolle geworden ist. Sein Sohn Hanno schließlich besitzt keinerlei Neigung zum Kaufmannsleben. Er liebt Musik, ist empfindsam und körperlich schwach. Mit ihm endet die männliche Linie der Familie.

Tony, Thomas, Christian und Hanno: vier Arten, am Familienerbe zu tragen

Tony gehört zu den lebendigsten Figuren des Romans. Sie ist nicht besonders reflektiert und hält fast ihr gesamtes Leben an den gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Familie fest. Gerade deshalb ist sie keineswegs nur eine komische Figur. Ihre gescheiterten Ehen zeigen besonders deutlich, welchen Preis die Familie für ihre Vorstellungen von Ansehen zahlt. Tony entscheidet sich gegen ihre eigene Zuneigung zu Morten Schwarzkopf und heiratet Grünlich, weil dies den Erwartungen der Familie entspricht. Dass Grünlich sich als verschuldeter Betrüger entpuppt, macht die Ironie besonders scharf: Ausgerechnet die Ehe, die im Namen kaufmännischer Vernunft geschlossen wird, erweist sich wirtschaftlich und persönlich als Fehler. Trotzdem zweifelt Tony kaum am Grundprinzip. Sie erlebt das Scheitern eher als neues Kapitel in der großen Familienchronik als als Anlass, deren Werte grundsätzlich infrage zu stellen.

Thomas dagegen versteht die Rolle, die er spielt, sehr genau. Er ist diszipliniert, intelligent und ehrgeizig und führt die Firma lange erfolgreicher als sein Bruder es je könnte. Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie viel Energie er darauf verwendet, das Bild des souveränen Kaufmanns und Senators aufrechtzuerhalten. Sein Äußeres, seine Kleidung und sein Auftreten werden zu einer sorgfältig gepflegten Fassade. Hinter ihr wachsen Erschöpfung und Zweifel. Christian verweigert diese Disziplin fast vollständig und erscheint deshalb zunächst als Gegenbild des erfolgreichen Bruders. Doch auch er findet keine überzeugende Alternative. Seine Beschwerden, Theaterbegeisterung und unstete Lebensführung wirken gleichzeitig komisch und tragisch.

Bei Hanno ist der Bruch schließlich vollständig. Die Welt des Geschäfts interessiert ihn überhaupt nicht; sein eigentliches Erleben findet in der Musik statt. Damit führt Mann ein Thema ein, das sein gesamtes späteres Werk beschäftigen wird: den Gegensatz zwischen bürgerlicher Lebensfähigkeit und künstlerischer Sensibilität. Hanno besitzt Fähigkeiten, die innerhalb der Familienlogik kaum einen Wert haben. Was ästhetisch als Verfeinerung erscheinen könnte, bedeutet biologisch und wirtschaftlich das Ende der Dynastie. Mann beschreibt diesen Zusammenhang mit deutlich mehr Ironie, als die einfache Formel „Kunst macht lebensuntüchtig“ vermuten lässt.

Der Verfall beginnt lange vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch

Der Untertitel Verfall einer Familie kann zu einer zu einfachen Lesart verführen. Die Firma der Buddenbrooks geht nicht plötzlich bankrott, und die Familie wird nicht innerhalb weniger Jahre vom Reichtum ins Elend gestürzt. Der Niedergang ist vielmehr relativ. Andere Kaufleute werden erfolgreicher, die wirtschaftliche Risikobereitschaft verändert sich, und die Buddenbrooks verlieren allmählich jene gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, die zu Beginn des Romans noch unangreifbar erscheint. Gerade die aufsteigenden Hagenströms zeigen, dass der wirtschaftliche Wandel keineswegs allgemein in eine Krise führt. Während die Buddenbrooks an Kraft verlieren, nehmen andere ihren Platz ein.

Damit erzählt Thomas Mann nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch vom Wandel des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Die alten Formen von Kaufmannsehre, Religion und patriarchalischer Familienordnung geraten unter Druck. Das Neue erscheint allerdings nicht automatisch sympathischer. Mann blickt mit Ironie auf die Tradition, aber auch mit deutlicher Faszination. Diese Ambivalenz verbindet Buddenbrooks mit Theodor Fontanes Der Stechlin. Auch dort geht eine gesellschaftliche Welt ihrem Ende entgegen, ohne dass der Autor daraus einen einfachen Sieg des Fortschritts macht. Bei Fontane geschieht der Übergang allerdings ausgesprochen gelassen; bei Mann wird er körperlich, wirtschaftlich und psychisch in den Mitgliedern einer Familie sichtbar.

Religion verliert ebenfalls an Bindungskraft. Die älteren Buddenbrooks leben in einer Welt, in der Frömmigkeit und gesellschaftliche Ordnung noch selbstverständlich zusammengehören. In späteren Generationen werden religiöse Rituale zunehmend zur Form, deren innerer Gehalt unsicher wird. Ähnlich ergeht es der Firma und dem Familiennamen. Die äußeren Zeichen bleiben noch lange bestehen, während die innere Überzeugungskraft bereits abnimmt.

Lübeck, die Familie Mann und der Skandal eines Schlüsselromans

Thomas Mann erfand die Welt der Buddenbrooks nicht aus dem Nichts. Der Roman greift sehr deutlich auf die Geschichte seiner eigenen Lübecker Kaufmannsfamilie zurück. Das Haus der Familie Mann, Verwandte, Geschäftsbeziehungen, Todesfälle und gesellschaftliche Eigenheiten lieferten umfangreiches Material. Gerade weil Lübeck eine überschaubare Stadt war und sich die führenden Familien untereinander kannten, konnten zeitgenössische Leser zahlreiche Vorbilder erkennen. Das sorgte nach der Veröffentlichung für erheblichen Unmut. In Lübeck kursierten sogar sogenannte Schlüssellisten, in denen Romanfiguren ihren mutmaßlichen realen Vorbildern zugeordnet wurden. Thomas Mann zeigte sich später demonstrativ erstaunt über das „böse Blut“, das sein Buch hervorgerufen hatte.

Trotzdem wäre es falsch, Buddenbrooks lediglich als kaum verschlüsselten Familienklatsch zu lesen. Mann benutzt biografisches Material und verwandelt es durch Auswahl, Komposition und Zuspitzung in Literatur. Die Figuren sind keine einfachen Porträts ihrer Vorbilder. Vor allem erhält die Familiengeschichte im Roman eine Geschlossenheit und symbolische Bedeutung, die das reale Leben naturgemäß nicht besitzt. Die Frage, welche reale Tante hinter welcher Romanfigur steckt, kann unterhaltsam sein, erklärt aber wenig darüber, warum der Roman bis heute funktioniert.

Gerade die genaue Beobachtung des Lübecker Milieus macht ihn allerdings glaubwürdig. Geschäftsessen, Familienfeste, Häuser, Kleidung, Schulunterricht, Kaufmannssprache und gesellschaftliche Rituale erzeugen eine Welt, deren Regeln der Leser allmählich versteht. Mann kann diese Welt gleichzeitig liebevoll beschreiben und komisch bloßstellen. Seine Ironie ist selten vernichtend. Er weiß, dass die Werte der Buddenbrooks begrenzt sind, aber auch, dass sie Ordnung, Identität und Zusammenhalt ermöglichen.

Kunst gegen Leben?

Zu den wichtigsten Entwicklungen des Romans gehört die zunehmende Entfernung der Familie von ihrer ursprünglichen kaufmännischen Welt. Bei den älteren Buddenbrooks stimmen Person und gesellschaftliche Rolle weitgehend überein. Johann und Jean müssen kaum darüber nachdenken, ob sie Kaufleute sein wollen. Sie sind es. In Thomas beginnt diese Einheit auseinanderzufallen. Er erfüllt seine Rolle noch, erlebt sie aber bereits als Aufgabe und Inszenierung. Christian besitzt kaum noch die Fähigkeit oder Bereitschaft dazu. Hanno schließlich steht praktisch außerhalb dieser Tradition.

Musik spielt dabei eine zentrale Rolle. Hannos Mutter Gerda ist eine leidenschaftliche Musikerin, und durch sie gelangt eine andere Welt in die Familie. Für Hanno wird insbesondere die Musik Wagners zum Gegenpol zum Alltag von Schule, Geschäft und gesellschaftlicher Pflicht. Die Musik verspricht Intensität und Schönheit, besitzt aber keine praktische Funktion für die Fortführung des Hauses Buddenbrook. In der Logik der Familie ist das gefährlich.

Thomas Mann beschäftigt sich hier bereits mit einem Konflikt, der in späteren Werken immer wiederkehren wird: Kunst und Bürgerlichkeit, Geist und Leben, Sensibilität und gesellschaftliche Leistungsfähigkeit stehen in einem schwierigen Verhältnis. In Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß erscheint wenige Jahre später ebenfalls ein junger Mensch, dessen innere Erfahrungen nicht mehr selbstverständlich in die Ordnung seiner Umgebung passen. Musil treibt diese Krise allerdings wesentlich stärker ins Psychologische und Experimentelle, während Mann sie in eine große Familien- und Gesellschaftsgeschichte einbettet.

Besonders deutlich wird Thomas Buddenbrooks eigene Krise in seiner Begegnung mit Schopenhauers Philosophie. Für einen Moment eröffnet sich ihm eine Vorstellung vom Tod, die Befreiung von der engen Sorge um das eigene Ich verspricht. Doch diese Erkenntnis verändert sein Leben nicht dauerhaft. Am nächsten Morgen kehrt er zu seinen Pflichten zurück. Diese Episode ist typisch für den Roman: Erkenntnis führt keineswegs automatisch zu Veränderung. Menschen können ihre Lebensform durchschauen und sie trotzdem weiterführen.

Humor statt ehrfürchtiger Familienchronik

Bei dem Ruf des Romans als schwergewichtigem Klassiker wird leicht vergessen, wie komisch Buddenbrooks sein kann. Thomas Mann besitzt ein ausgeprägtes Talent für wiederkehrende sprachliche Eigenheiten, körperliche Ticks und gesellschaftliche Peinlichkeiten. Manche Nebenfiguren werden mit wenigen Sätzen unverwechselbar. Tony kann selbst schwere Niederlagen so erzählen, dass sie beinahe zu gesellschaftlichen Triumphen werden. Christian verwandelt seine Krankheiten in ausufernde Selbstbeobachtung. Lehrer, Pastoren und Geschäftsleute erhalten ihre charakteristischen Formulierungen, an denen man sie sofort erkennt.

Diese Komik verhindert, dass der Roman zur feierlichen Chronik einer sterbenden Patrizierfamilie wird. Mann behandelt seine Figuren mit Distanz, ohne ihnen die Menschlichkeit zu nehmen. Selbst Thomas Buddenbrooks berühmter Tod nach einer missglückten Zahnbehandlung besitzt etwas grotesk Unheroisches. Der Senator, der sein ganzes Leben darauf verwendet hat, Haltung zu bewahren, stürzt auf der Straße in den Schmutz. Der Verfall endet nicht in einer großen tragischen Pose.

Gerade die Mischung aus Ernst und Komik macht das Buch lesbarer, als sein Umfang vermuten lässt. Mann erzählt ausführlich, aber nicht schwerfällig im Sinn einer permanent philosophischen Abhandlung. Über weite Strecken folgt man Familienfesten, Geschäftsproblemen, Reisen, Krankheiten, Liebesgeschichten und Konflikten. Der Roman besitzt eine klare Chronologie und ein starkes Figurenensemble. Seine Länge entsteht vor allem dadurch, dass Mann dieser Familie über Jahrzehnte folgt.

Wie liest sich Buddenbrooks heute?

Mehr als tausend Seiten bleiben mehr als tausend Seiten. Wer schnelle Handlung erwartet, wird einzelne Abschnitte als lang empfinden. Besonders ausführliche gesellschaftliche Szenen, Familienbesuche und Beschreibungen des Geschäftslebens verlangen Geduld. Gleichzeitig ist Buddenbrooks erstaunlich zugänglich. Man braucht kaum historisches Vorwissen, die zentralen Figuren sind klar gezeichnet, und die Familiengeschichte entwickelt einen eigenen Sog. Vieles, was ein Jahrhundert später noch unmittelbar verständlich ist, hat mit Familie zu tun: Erwartungen der Eltern, Konkurrenz unter Geschwistern, die Frage nach der Weitergabe eines Lebenswerks und der Konflikt zwischen persönlichem Wunsch und dem, was eine Familie für angemessen hält.

Tony ist dafür vielleicht die modernste Figur. Sie hält bis zuletzt an einem Familiensystem fest, das ihr persönlich beträchtliches Unglück beschert. Gleichzeitig gibt ihr gerade dieses System Identität und Stolz. Man kann sie deshalb nicht einfach als Opfer gesellschaftlicher Zwänge lesen. Sie selbst verteidigt jene Werte, die sie beschränken. Ähnlich kompliziert ist Thomas: Er leidet unter seiner Rolle und braucht sie zugleich. Mann zeigt sehr genau, dass Menschen nicht nur von äußeren Strukturen beherrscht werden. Sie beziehen auch einen Teil ihres Selbstwertgefühls aus ihnen.

Auch wirtschaftlich bleibt der Roman interessant. Familienunternehmen müssen nicht nur Geld verdienen, sondern Erwartungen zwischen Generationen weitergeben. Ein erfolgreicher Gründer kann kaum garantieren, dass Kinder und Enkel dieselben Fähigkeiten, Interessen oder Charaktereigenschaften besitzen. Genau darin steckt eine einfache, aber starke Idee des Romans: Vermögen kann vererbt werden, die Persönlichkeit, die es geschaffen hat, nicht.

Vom langsamen Start zum Nobelpreis

Buddenbrooks war keineswegs vom ersten Tag an jener Bestseller, als der er heute erscheint. Die erste Ausgabe kam 1901 in zwei umfangreichen Bänden heraus und war relativ teuer. Der Absatz blieb zunächst mäßig. Erst die günstigere einbändige Ausgabe von 1903 brachte den entscheidenden Durchbruch. Später entwickelte sich der Roman zu einem der größten Erfolge des S. Fischer Verlags. Nach Thomas Manns Nobelpreis 1929 verkaufte sich eine preiswerte Volksausgabe innerhalb kurzer Zeit in Hunderttausenden Exemplaren.

Auch deshalb sollte man die alte Gegenüberstellung – Joseph und seine Brüder sei das eigentliche Hauptwerk, Buddenbrooks lediglich der Bestseller – nicht als Tatsache stehen lassen. Thomas Mann hat mehrere Werke geschrieben, die mit guten Gründen als sein Hauptwerk gelten können: Der Zauberberg, Joseph und seine Brüder, Doktor Faustus und eben Buddenbrooks. Die Schwedische Akademie war 1929 jedenfalls ungewöhnlich eindeutig. Sie verlieh ihm den Literaturnobelpreis ausdrücklich vor allem wegen seines „großen Romans Buddenbrooks“, dessen Rang als Klassiker stetig gewachsen sei.

Bemerkenswert bleibt, dass es sich um seinen ersten Roman handelt. Thomas Mann war Anfang zwanzig, als er mit der Arbeit begann. Dass ein so junger Autor bereits überzeugend aus der Perspektive alter Kaufleute, enttäuschter Ehefrauen, hypochondrischer Außenseiter, ehrgeiziger Senatoren und eines kranken Kindes schreiben konnte, gehört zu den erstaunlicheren Aspekten des Buches.

Unser Fazit

Buddenbrooks ist kein Roman über einen spektakulären Aufstieg und Absturz, sondern über die langsame Erosion einer Lebensform. Zu Beginn scheint die Familie fest in ihrer Welt verankert. Geld, Name, Religion, Geschäft und gesellschaftliche Stellung bilden ein geschlossenes System. Drei Generationen später sind diese Bestandteile noch vorhanden, passen aber nicht mehr selbstverständlich zusammen. Thomas muss die bürgerliche Souveränität bereits spielen, Christian verweigert sie, Hanno kann mit ihr überhaupt nichts mehr anfangen.

Gerade diese Langsamkeit macht den Roman groß. Mann braucht keine Revolution und keinen großen historischen Zusammenbruch. Eine Familie kann verschwinden, obwohl niemand sie aktiv zerstört. Die Welt verändert sich, Konkurrenten werden stärker, Nachkommen haben andere Interessen und die psychische Energie, mit der frühere Generationen das Familienunternehmen aufgebaut haben, lässt sich nicht vererben. Dabei ist das Buch wesentlich unterhaltsamer, als sein monumentaler Ruf vermuten lässt. Es besitzt Humor, hervorragend beobachtete Figuren und viele Szenen, die sich auch ohne literaturgeschichtliches Interesse lesen lassen. Nicht jede der mehr als tausend Seiten ist gleich notwendig, und wer knappe Romane bevorzugt, wird Geduld brauchen. Doch der Roman belohnt diese Geduld, weil man die Buddenbrooks nicht nur beobachtet, sondern mit jeder Generation besser versteht.

Dass Buddenbrooks sowohl Bestseller als auch Kanonklassiker geworden ist, ist deshalb keine merkwürdige Ausnahme. Thomas Mann verbindet hier etwas, das keineswegs selbstverständlich ist: einen großen Gesellschaftsroman mit einer Familiengeschichte, deren Probleme sofort verständlich bleiben. Man muss sich nicht für das Lübecker Kaufmannstum des 19. Jahrhunderts interessieren, um zu begreifen, was es bedeutet, ein Erbe anzutreten, das man weder vollständig ablehnen noch wirklich erfüllen kann.

Thomas Mann und Buddenbrooks – die wichtigsten Fakten

  • Autor: Thomas Mann
  • Vollständiger Titel: Buddenbrooks. Verfall einer Familie
  • Erstveröffentlichung: 1901
  • Werkstellung: Thomas Manns erster Roman
  • Handlungszeit: im Wesentlichen 1835 bis 1877
  • Schauplatz: eine deutlich an Lübeck angelehnte norddeutsche Hansestadt
  • Umfang der Handlung: vier Generationen der Familie Buddenbrook
  • Zentrale Figuren: Tony, Thomas, Christian und Hanno Buddenbrook
  • Zentrale Themen: Familie, Bürgertum, wirtschaftlicher Wandel, gesellschaftlicher Status, Pflicht, Krankheit, Kunst, Religion und Generationskonflikt
  • Autobiografischer Hintergrund: zahlreiche Motive und Figuren beruhen auf Thomas Manns eigener Lübecker Familiengeschichte
  • Verkaufserfolg: zunächst langsamer Absatz; Durchbruch mit der einbändigen Ausgabe von 1903
  • Literaturnobelpreis: Thomas Mann erhielt den Nobelpreis 1929 ausdrücklich vor allem für Buddenbrooks