Marguerite Yourcenar
Bild: Winoksbergen Bernhard De Grendel, CC BY-SA 4.0 Quelle

Ihr Vater verzockte Teile des Familienvermögens, ihre Mutter starb wenige Tage nach ihrer Geburt, und ihre große Liebe galt zeitweise einem Mann, der ihre Gefühle nicht erwiderte. Marguerite Yourcenar führte ein Leben voller ungewöhnlicher Beziehungen und literarischer Obsessionen. Fast vierzig Jahre wohnte sie mit ihrer amerikanischen Lebensgefährtin auf einer Insel vor der Küste Maines. Ihren berühmtesten Roman verdankte sie einem alten Koffer, dessen Inhalt beinahe im Kamin gelandet wäre. 1980 wurde sie als erste Frau in die Académie française gewählt – nach fast 350 Jahren männlicher Vorherrschaft.

Als Marguerite Yourcenar 1980 in die Académie française gewählt wird, ist sie 76 Jahre alt und längst eine international gefeierte Schriftstellerin. Die Mitglieder der ehrwürdigen Institution dürfen sich traditionell „die Unsterblichen“ nennen. Dass unter ihnen erstmals eine Frau sitzt, sorgt trotzdem für Aufregung. Yourcenar selbst betrachtet den historischen Moment mit einer gewissen Distanz. Sie hat viele Jahre ihres Lebens außerhalb Frankreichs verbracht, ist seit Jahrzehnten amerikanische Staatsbürgerin und interessiert sich mehr für antike Herrscher, Renaissancegelehrte und die Geheimnisse menschlicher Beziehungen als für literarische Gesellschaftsrituale. Doch hinter ihrer manchmal beinahe majestätischen Erscheinung verbirgt sich kein besonders harmonisches Leben. Yourcenar konnte leidenschaftlich lieben, eifersüchtig sein, andere Menschen vor den Kopf stoßen und sich mit bewundernswerter Hartnäckigkeit in ihre Arbeit vergraben. Ihre literarische Vorliebe für Persönlichkeiten, die ihre Gefühle beherrschen wollen und daran scheitern, kommt nicht von ungefähr.

Ein verschwenderischer Vater und eine Kindheit ohne Schule

Marguerite Antoinette Jeanne Marie Ghislaine Cleenewerck de Crayencour wird am 8. Juni 1903 in Brüssel geboren. Ihre Mutter Fernande de Cartier de Marchienne stammt aus belgischem Adel und stirbt elf Tage nach der Geburt an den Folgen des Kindbetts. Marguerite wird deshalb von ihrem Vater Michel de Crayencour großgezogen, unterstützt von Familienangehörigen und Hausangestellten. Michel entstammt ebenfalls einer alten Familie, besitzt Vermögen und gehört zu jenen Menschen, die sich wenig darum kümmern, was die Gesellschaft für angemessen hält. Er liebt Frauen, Reisen, Bücher und das Glücksspiel. Mit dem Familienvermögen geht er nicht besonders sorgfältig um. Im Laufe seines Lebens verspielt und verbraucht er beträchtliche Teile davon.

Für seine Tochter ist Michel dennoch ein außergewöhnlicher Erzieher. Statt sie in eine gewöhnliche Schule zu schicken, organisiert er Privatunterricht und führt sie früh an die griechische und römische Antike heran. Marguerite lernt Latein, später Griechisch, liest französische Klassiker und begleitet ihren Vater auf ausgedehnten Reisen durch Europa. Sie wächst damit in einer privilegierten Welt auf, die ihr eine ungewöhnliche Freiheit ermöglicht. Einen geregelten Schulalltag kennt sie kaum, dafür aber antike Autoren, fremde Länder und die Gespräche eines Vaters, der sich von gesellschaftlichen Konventionen nur wenig beeindrucken lässt.

Michel hat auch einen verspielten Zug. Einmal befestigt er Orangen an Bäumen, um seine Tochter zu überraschen. In einer Familie, deren materielle Sicherheit allmählich schwindet, kann der Vater gleichzeitig liebevoll und unverantwortlich sein. Yourcenar wird später sehr unterschiedliche Dinge über ihn sagen. Einerseits prägt er ihre intellektuelle Entwicklung entscheidend. Andererseits macht sie keinen Hehl daraus, dass die Beziehung keineswegs immer von uneingeschränkter Zuneigung bestimmt war.

Auch der frühe Tod der Mutter beschäftigt Biografen. Yourcenar selbst erklärt wiederholt, sie habe keine Mutter vermisst, die sie nie kennengelernt habe. Bemerkenswert ist allerdings, dass sie sich erst als erwachsene Frau, mit ungefähr 35 Jahren, ein Bild ihrer Mutter zeigen lässt. Ob hinter diesem langen Desinteresse eine besondere Form der emotionalen Distanz oder doch eine verdrängte Sehnsucht steckt, lässt sich nicht zuverlässig feststellen. Yourcenar mochte es ohnehin nicht, wenn andere Menschen ihr Leben psychologisch erklären wollten.

Schon als Jugendliche beginnt sie zu schreiben. Ihr Vater bezahlt 1921 die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes Le Jardin des chimères. Gemeinsam entwickeln beide auch den Künstlernamen Yourcenar, der aus einer Umstellung der Buchstaben des Familiennamens Crayencour hervorgeht, wobei ein Buchstabe entfällt. Jahre später urteilt die Schriftstellerin erstaunlich nüchtern über diese frühen Gedichte. Sie seien nicht besonders gut gewesen, und ihr Vater hätte das Geld für die Veröffentlichung besser sparen sollen. Ein gewisser Sinn für Selbstkritik war also vorhanden.

Liebesbriefe, unglückliche Beziehungen und eine ungewöhnliche Novelle

1929 erscheint mit Alexis oder der vergebliche Kampf ihr erstes bedeutendes Prosawerk. Die Novelle besteht aus einem langen Brief, in dem ein Mann seiner Ehefrau erklärt, warum er sie verlassen muss. Alexis hat versucht, seine homosexuellen Neigungen zu unterdrücken und eine gesellschaftlich akzeptierte Ehe zu führen. Doch er erkennt, dass dieses Leben auf einer Lüge beruht. Yourcenar behandelt den Konflikt mit einer für ihre Zeit bemerkenswerten Zurückhaltung. Ihr Erzähler schildert seine Gefühle vorsichtig und indirekt, weil ihm die Sprache fehlt, um offen über seine Sexualität zu sprechen.

Das Buch erscheint in einer Zeit, in der homosexuelle Beziehungen gesellschaftlich weitgehend tabuisiert sind. Yourcenar selbst hat keinen Zweifel daran, dass sexuelles Begehren ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Erfahrung ist. Sie beschäftigt sich intensiv mit gleichgeschlechtlicher Liebe und den Einschränkungen, die gesellschaftliche Erwartungen Menschen auferlegen. Dabei schreibt sie auffällig häufig aus männlicher Perspektive. Manche Kritiker haben ihr später vorgeworfen, männliche Erfahrungen stärker zu gewichten als weibliche. Andere sehen gerade in diesem Perspektivwechsel einen Versuch, die Grenzen der eigenen Biografie zu überschreiten.

Yourcenars persönliches Liebesleben ist alles andere als einfach. In den 1930er-Jahren verliebt sie sich heftig in den Schriftsteller und Verlagslektor André Fraigneau. Der jüngere Mann erwidert ihre Leidenschaft nicht in der Weise, die sie sich erhofft. Seine Beziehungen und sexuellen Interessen lassen Yourcenar schmerzlich erkennen, dass sie ihre Gefühle nicht durch bloße Willenskraft erwidern lassen kann. Aus dieser Erfahrung entstehen unter anderem die Prosagedichte Feux (1936), eine Sammlung leidenschaftlicher Texte über unerfüllte Liebe, Eifersucht und emotionale Abhängigkeit.

Auch Der Fangschuss von 1939 lässt sich vor diesem Hintergrund lesen. Die kurze Erzählung spielt während der Kämpfe im Baltikum nach dem Ersten Weltkrieg. Eine junge Frau verliebt sich in einen Offizier, der ihre Gefühle nicht erwidert und eine besonders enge Bindung zu ihrem Bruder hat. Liebe, politische Überzeugungen und Gewalt führen schließlich zu einer Katastrophe. Die Geschichte enthält deutliche autobiografische Anklänge, ist aber keine einfache Verschlüsselung von Yourcenars Beziehung zu Fraigneau. Ihre Stärke liegt darin, dass persönliche Grausamkeit und politische Radikalisierung ineinandergreifen. Allerdings wirkt die emotionale Kälte des Erzählers gelegentlich so demonstrativ, dass der Text beinahe wie eine literarische Abrechnung erscheint.

Im Laufe der 1930er-Jahre reist Yourcenar häufig durch Europa und besucht unter anderem Griechenland und Italien. Sie beschäftigt sich mit antiker Geschichte, übersetzt Texte und lernt zahlreiche Schriftsteller kennen. 1937 begegnet sie auch Virginia Woolf, von der sie später eine Erzählung ins Französische überträgt. Doch der Zweite Weltkrieg unterbricht diese Jahre der intellektuellen Beweglichkeit. Für Yourcenar beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der sie viel weiter von Frankreich entfernen wird, als sie zunächst erwartet.

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Grace Frick: Vierzig Jahre Liebe auf einer amerikanischen Insel

Ende der 1930er-Jahre lernt Yourcenar die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Grace Frick kennen. Zwischen beiden entwickelt sich eine enge persönliche und schließlich auch romantische Beziehung. Als sich die politische Lage in Europa zuspitzt, folgt Yourcenar einer Einladung Fricks in die Vereinigten Staaten. 1939 reist sie nach Amerika. Was zunächst als vorübergehender Aufenthalt gedacht ist, wird durch den Krieg und die politischen Veränderungen in Europa zu einem dauerhaften Lebensabschnitt.

Yourcenar erhält 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Drei Jahre später kaufen die beiden Frauen ein bescheidenes Haus auf Mount Desert Island vor der Küste des Bundesstaates Maine. Sie nennen es Petite Plaisance. Hier, fernab des Pariser Literaturbetriebs, leben sie in einer Umgebung aus Wäldern, Meer und kleinen Küstenorten. Yourcenar schätzt die Natur und die Möglichkeit, ungestört zu arbeiten. Gleichzeitig reist sie weiterhin leidenschaftlich gern. Das Haus ist weniger ein endgültiger Rückzugsort als eine sichere Basis für ihre zahlreichen Unternehmungen.

Grace Frick übernimmt eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Sie arbeitet als Literaturwissenschaftlerin, unterrichtet und übersetzt mehrere Bücher Yourcenars ins Englische. Darüber hinaus kümmert sie sich um zahlreiche praktische Angelegenheiten. Die Zusammenarbeit ist für Yourcenars internationale Karriere von großer Bedeutung. Besonders die englische Übersetzung von Ich zähmte die Wölfin trägt dazu bei, die französische Schriftstellerin einem amerikanischen Publikum bekannt zu machen.

Allerdings ist die Beziehung nicht frei von Spannungen. Yourcenar besitzt einen starken Freiheitsdrang, während Frick sich zunehmend um ein geregeltes gemeinsames Leben bemüht. Biografen haben die Rollen der beiden unterschiedlich beschrieben. Manche stellen Frick als dominante Partnerin dar, die Yourcenar einengte, andere betonen, dass solche Deutungen die Leistungen und die Eigenständigkeit der Amerikanerin unterschätzen. Tatsächlich besteht ihre Beziehung über vier Jahrzehnte und übersteht zahlreiche Krisen. Sie ist weder eine makellose Liebesgeschichte noch bloß eine Zweckgemeinschaft.

Die letzten gemeinsamen Jahre werden von Fricks schwerer Krebserkrankung überschattet. Über lange Zeit ist sie auf medizinische Betreuung angewiesen, ihre Gesundheit verschlechtert sich zunehmend. Yourcenars Reiselust lässt sich kaum noch mit der Situation ihrer Lebensgefährtin vereinbaren. Die beiden verbringen immer mehr Zeit im Haus in Maine. Nach Fricks Tod im November 1979 beginnt Yourcenar erneut ausgedehnte Reisen. Der Verlust beendet einen Lebensabschnitt, der ihr Schreiben und ihre persönliche Entwicklung stärker geprägt hatte als jede andere Beziehung.

Der Koffer, der fast im Kamin landete

Während der ersten Jahre in Amerika gerät Yourcenars literarische Karriere zunächst ins Stocken. Sie unterrichtet französische und italienische Literatur, unter anderem am Sarah Lawrence College, und veröffentlicht vergleichsweise wenig. Die Trennung von Europa und die Anforderungen des Alltags erschweren ihr das Schreiben. Erst ein Zufall bringt sie zu einem Projekt zurück, das sie fast ein Vierteljahrhundert zuvor begonnen hatte.

Im Januar 1949 erhält Yourcenar einen alten Koffer, den sie vor dem Krieg in der Schweiz zurückgelassen hatte. Darin befinden sich vor allem Papiere, Briefe und frühere Aufzeichnungen. Sie beginnt, die Unterlagen durchzusehen, und wirft vieles ins Feuer. Plötzlich stößt sie auf einige Manuskriptseiten, die mit einer Anrede an einen gewissen Marc beginnen. Erst nach kurzem Überlegen erinnert sie sich: Gemeint ist Marcus Aurelius, der spätere römische Kaiser. Die Blätter stammen aus einem Romanprojekt über Kaiser Hadrian, das sie bereits in den 1920er-Jahren begonnen und mehrfach aufgegeben hatte.

Die Wiederentdeckung wirkt wie ein literarischer Befreiungsschlag. Yourcenar nimmt die Arbeit erneut auf und vertieft sich in die Geschichte des römischen Kaisers. Sie liest antike Quellen, untersucht historische Zeugnisse und beschäftigt sich mit den politischen, religiösen und kulturellen Verhältnissen des zweiten Jahrhunderts. Die Recherche ist außerordentlich gründlich. Dabei will sie keine gewöhnliche historische Biografie schreiben. Sie versucht vielmehr, die Welt aus dem Inneren eines Menschen sichtbar zu machen, der fast zwei Jahrtausende vor ihr gelebt hat.

1951 erscheint Mémoires d’Hadrien, auf Deutsch Ich zähmte die Wölfin – Die Erinnerungen des Kaisers Hadrian. Der Roman ist als langer Brief des alternden Kaisers an seinen späteren Nachfolger Marcus Aurelius gestaltet. Hadrian blickt auf sein Leben zurück, auf politische Entscheidungen, Kriege, Reisen, Kunst und seine Liebe zu dem jungen Antinoos. Der Geliebte war im Nil ertrunken, und Hadrian hatte ihn anschließend verehren lassen. Die historischen Umstände seines Todes sind nicht eindeutig geklärt. Yourcenar entwickelt daraus eine tragische Liebesgeschichte, in der persönliche Sehnsucht und imperiale Macht eng miteinander verbunden sind.

Der Roman wird ihr internationaler Durchbruch. Seine besondere Wirkung entsteht aus der Verbindung historischer Recherche mit einer ungewöhnlich persönlichen Erzählstimme. Hadrian erscheint nicht als ferne Statue aus einem Geschichtsbuch, sondern als alternder Mensch, der seine Erfolge und Fehler zu verstehen versucht. Allerdings ist diese Darstellung auch eine literarische Konstruktion, die kritisch betrachtet werden muss. Yourcenars Hadrian wirkt gelegentlich erstaunlich modern, beinahe wie ein aufgeklärter Humanist des 20. Jahrhunderts. Seine eigene Verantwortung für militärische Gewalt und imperiale Herrschaft tritt hinter philosophischen Überlegungen und persönlicher Melancholie zurück.

Gerade darin liegt eine mögliche Schwäche des Romans. Yourcenar gibt ihrem Kaiser eine so eindrucksvolle Stimme, dass Leser leicht vergessen können, wie stark diese Stimme von der Schriftstellerin selbst gestaltet wurde. Der Historiker Keith Bradley hat in einer umfassenden Untersuchung von 2024 gezeigt, wie kompliziert das Verhältnis zwischen historischer Überlieferung und literarischer Erfindung tatsächlich ist. Ich zähmte die Wölfin gehört dennoch zu den überzeugendsten historischen Romanen des 20. Jahrhunderts. Man sollte ihn allerdings nicht mit einer zuverlässigen Darstellung von Hadrians wirklichen Gedanken verwechseln.

Ein Alchemist, eine Hexenjagd und eine historische Eroberung

1968 erscheint mit L’Œuvre au noir, auf Deutsch Die schwarze Flamme, ihr zweites großes Meisterwerk. Wieder steht eine historische Persönlichkeit im Mittelpunkt, diesmal jedoch eine erfundene. Der Arzt, Philosoph und Alchemist Zenon lebt im Europa des 16. Jahrhunderts, einer Welt religiöser Konflikte, wissenschaftlicher Entdeckungen und grausamer Verfolgungen. Zenon sucht nach Erkenntnis und geistiger Unabhängigkeit. Doch seine Fragen und Überzeugungen bringen ihn zunehmend in Konflikt mit den gesellschaftlichen und kirchlichen Autoritäten seiner Zeit.

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Der Roman unterscheidet sich deutlich von Ich zähmte die Wölfin. Während Hadrian als mächtiger Herrscher sein Leben aus der Perspektive eines Menschen betrachtet, der die Welt gestalten konnte, ist Zenon ein Außenseiter, dessen geistige Freiheit ständig bedroht bleibt. Die Renaissance erscheint bei Yourcenar nicht als strahlendes Zeitalter der Befreiung, sondern als widersprüchliche Epoche, in der wissenschaftliche Neugier und religiöser Fanatismus nebeneinander existieren. Die aufwendigen historischen Beschreibungen sind beeindruckend, verlangen aber viel Geduld. Yourcenar kann sich geradezu besessen mit den Einzelheiten einer vergangenen Welt beschäftigen. Manchmal droht darüber die erzählerische Spannung verloren zu gehen.

Der Roman erhält 1968 den Prix Femina und festigt Yourcenars internationale Stellung. In Frankreich gilt sie nun als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Doch die Anerkennung macht sie nicht zugänglicher. Sie arbeitet weiter mit großer Disziplin, beschäftigt sich intensiv mit Überarbeitungen und kontrolliert die Veröffentlichung ihrer Texte sorgfältig. Besonders wichtig wird ihr die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. In Souvenirs pieux (1974) und Archives du Nord (1977) untersucht sie die Vergangenheit ihrer Vorfahren. Der geplante dritte Band, Quoi? L’Éternité, bleibt unvollendet.

Auch diese autobiografischen Arbeiten zeigen ihre besondere Art des Erzählens. Yourcenar schreibt nicht einfach Erinnerungen nieder, sondern rekonstruiert vergangene Lebenswelten anhand von Briefen, Dokumenten und historischen Zusammenhängen. Ihre Familienmitglieder erscheinen beinahe wie Figuren eines historischen Romans. Dadurch gewinnt die Darstellung an Tiefe, verliert aber gelegentlich an persönlicher Unmittelbarkeit. Wer wissen möchte, was Yourcenar selbst fühlte, erhält nicht immer eine klare Antwort. Sie scheint sich häufig wohler damit zu fühlen, andere Menschen zu erklären als sich selbst.

Die erste Unsterbliche – und ein junger Mann namens Jerry

Am 6. März 1980 wird Marguerite Yourcenar als erste Frau in die Académie française gewählt. Die Institution besteht seit 1635 und hat fast dreieinhalb Jahrhunderte lang ausschließlich Männer aufgenommen. Die Entscheidung ist deshalb ein historischer Einschnitt. Allerdings wird Yourcenars Wahl nicht von allen Mitgliedern begeistert aufgenommen. Einige halten an der Vorstellung fest, Frauen gehörten nicht in die Akademie. Andere unterstützen sie gerade deshalb, weil ihre literarischen Leistungen längst unbestreitbar sind. Zu ihren wichtigsten Fürsprechern gehört der Schriftsteller Jean d’Ormesson, der sie im Januar 1981 offiziell in der Akademie begrüßt.

Yourcenar selbst verhält sich gegenüber der Debatte bemerkenswert unaufgeregt. Sie möchte nicht vor allem als Frau betrachtet werden, die eine männliche Bastion erobert hat. Ihre literarischen Leistungen sollen im Mittelpunkt stehen. Diese Haltung führt dazu, dass sie sich mit feministischen Bewegungen nicht immer identifiziert. In einem Interview lehnt sie beispielsweise das Angebot ab, ihre Bücher bei einem Verlag zu veröffentlichen, der ausschließlich Frauen publiziert. Eine solche Trennung erinnert sie an die besonderen Damenabteile in Eisenbahnzügen des 19. Jahrhunderts. Der Vergleich ist provokant, zeigt aber ihre Abneigung gegen jede Form literarischer Sonderbehandlung aufgrund des Geschlechts.

Dass sie selbst in einem institutionellen Umfeld Erfolg hat, das Frauen über Jahrhunderte ausgeschlossen hatte, macht die Position allerdings widersprüchlich. Yourcenar profitiert von gesellschaftlichen Veränderungen, deren politische Organisation sie nicht immer unterstützen möchte. Ihre Skepsis gegenüber feministischen Etiketten verbindet sie in gewisser Weise mit Doris Lessing. Beide Schriftstellerinnen bestehen darauf, dass ihre Bücher nicht auf eine weibliche Perspektive reduziert werden sollen. Kritiker können darin berechtigte Unabhängigkeit erkennen, aber auch eine gewisse Distanz gegenüber den gesellschaftlichen Kämpfen, die ihren eigenen Erfolg ermöglicht haben.

In ihren letzten Lebensjahren überrascht Yourcenar noch einmal durch eine ungewöhnliche persönliche Beziehung. Sie lernt den jungen amerikanischen Fotografen Jerry Wilson kennen, der fast ein halbes Jahrhundert jünger ist als sie. Zwischen beiden entwickelt sich eine intensive Bindung. Nach Grace Fricks Tod reist Yourcenar gemeinsam mit Wilson durch zahlreiche Länder. Freunde betrachten die Beziehung teilweise mit Skepsis. Wilson hat persönliche Probleme, und das Verhältnis der beiden wird von Biografen als leidenschaftlich, aber auch konfliktreich beschrieben.

Ob es sich um eine Liebesbeziehung im gewöhnlichen Sinn handelte, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Yourcenar war jedenfalls emotional stark an Wilson gebunden. Manche Beobachter sehen darin eine späte Wiederholung ihrer früheren unerfüllten Leidenschaften. Auch Parallelen zwischen Yourcenar und dem alternden Kaiser Hadrian, dessen junger Geliebter Antinoos früh starb, liegen nahe. Solche Vergleiche sind allerdings literarisch verführerischer als biografisch zuverlässig. Wilson stirbt 1986 an den Folgen von Aids. Yourcenar verliert damit innerhalb weniger Jahre zwei Menschen, die für ihr persönliches Leben von großer Bedeutung gewesen waren.

Die letzten Jahre sind außerdem von ihrem zunehmenden Interesse an Umweltschutz und Tierrechten geprägt. Sie setzt sich gegen Tierquälerei ein und beschäftigt sich intensiv mit den Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur. Die Liebe zu Tieren begleitet sie bereits seit ihrer Kindheit auf dem Land. Dass sie sich ausgerechnet im hohen Alter verstärkt diesen Fragen widmet, passt zu ihrer langjährigen Beschäftigung mit der Vergänglichkeit menschlicher Zivilisationen. Die großen Reiche, die sie in ihren Romanen beschreibt, haben sich schließlich als ebenso vergänglich erwiesen wie einzelne Menschen.

Am 17. Dezember 1987 stirbt Marguerite Yourcenar im Alter von 84 Jahren in einem Krankenhaus in Bar Harbor im Bundesstaat Maine. Sie wird auf dem Friedhof von Somesville beigesetzt, nicht weit von Grace Frick entfernt. Einen Teil ihrer Briefe und persönlichen Unterlagen hat sie selbst vernichtet, andere Dokumente hinterlässt sie mit Einschränkungen für die spätere wissenschaftliche Nutzung. Auch nach ihrem Tod bleibt ihre Biografie deshalb teilweise von Lücken und widersprüchlichen Erinnerungen geprägt.

Wer Yourcenar kennenlernen möchte, sollte mit Ich zähmte die Wölfin beginnen. Der Roman verbindet ihre historische Fantasie mit einer vergleichsweise zugänglichen Erzählform. Die schwarze Flamme ist anspruchsvoller, aber für Leser interessant, die sich auf die detaillierte Darstellung einer vergangenen Epoche einlassen möchten. Die kürzeren Werke Alexis und Der Fangschuss zeigen dagegen die persönlichere und emotional schärfere Seite ihres Schreibens.

Yourcenars literarische Bedeutung beruht nicht allein auf ihrer historischen Gelehrsamkeit. Sie konnte sich mit außergewöhnlicher Intensität in Menschen hineinversetzen, die unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen lebten. Gleichzeitig haben ihre Werke Grenzen: Die Sprache wirkt gelegentlich übermäßig feierlich, ihre Figuren neigen zu langen philosophischen Betrachtungen, und manche ihrer historischen Gestalten erscheinen erstaunlich modern. Doch gerade die Verbindung von intellektuellem Ehrgeiz und persönlicher Leidenschaft macht ihre großen Romane lesenswert. Dass eine Frau, die so viel über Selbstbeherrschung schrieb, selbst immer wieder von ihren Gefühlen überwältigt wurde, gehört zu den reizvollsten Widersprüchen ihrer Lebensgeschichte.

Marguerite Yourcenar – die wichtigsten Fakten

  • Geboren: 8. Juni 1903 in Brüssel, Belgien, als Marguerite de Crayencour.
  • Gestorben: 17. Dezember 1987 in Bar Harbor, Maine, USA.
  • Eltern: Michel de Crayencour und Fernande de Cartier de Marchienne.
  • Familie: Unverheiratet, keine Kinder; langjährige Lebensgefährtin Grace Frick (1903–1979).
  • Wichtigste Werke: Alexis oder der vergebliche Kampf (1929), Feux (1936), Der Fangschuss (1939), Ich zähmte die Wölfin (1951), Die schwarze Flamme (1968), Souvenirs pieux (1974), Archives du Nord (1977).
  • Besondere Bedeutung: 1980 als erste Frau in die Académie française gewählt; 1981 offiziell aufgenommen. Prix Femina 1968 für Die schwarze Flamme.

Verfasst von Hanna und Emma