
An Doris Lessing führt kein Weg vorbei, wenn von literarischer Unangepasstheit im 20. Jahrhundert die Rede ist. Wer einen roten Faden sucht, dem springen stattdessen Knoten entgegen: Kolonialkindheit, frühe politisierte Jahre, heftige Wechsel der thematischen wie stilistischen Lager – und ein Werk, das irgendwann den Nobelpreis holt, ohne sich darum zu bewerben, Teil des wohlgefälligen Kanons zu werden.
Leben und Zeit
Doris Lessings Lebensweg verschränkt sich mit den Bruchlinien des 20. Jahrhunderts. Geboren 1919 in Kermanshah im damaligen Persien, wächst sie ab 1925 im kolonialen Südrhodesien auf. Die dort erlebten Gegensätze – zwischen weißer Siedlergesellschaft und schwarzen Arbeitskräften, gespickt mit Rassentrennung – prägen ihren Blick. Die Schule verlässt sie mit 14; danach folgen Jahre in verschiedensten Berufen, bevor sie 1949 nach London übersiedelt. Lessing lebt damit eine Art Gegenentwurf zu einem vorgegebenen Lebenslauf: keine klassische Ausbildung, dafür aber ein Frühkontakt mit Klassen- und Genderfragen, die später das Herz ihrer Romane werden. Zwischen kommunistischem Engagement in den 1940ern und öffentlichem Protest gegen Atomwaffen setzt sie sich immer wieder politischer Reibung aus.
Der Weg zum Schreiben
Schreiben beginnt für Lessing als Teenager, doch erst ab Mitte zwanzig sucht sie verstärkt den literarischen Ausdruck. Ihr Erstling „The Grass Is Singing“ (1950) bringt die Erfahrungen des kolonialen Südens in den europäischen Literaturbetrieb – ein Tabubruch zu dieser Zeit. Was folgt, ist eine produktive Verweigerung gegenüber Genrezwängen: In fünf Büchern der „Children of Violence“-Reihe wird das eigene Leben semiautobiografisch neu verhandelt. Später wechselt sie in den Bereich der Science-Fiction – unter dem Pseudonym Jane Somers, eine Reaktion auf das literarische Establishment. Damit will sie, wie sie in einem Interview sagt, „die Schwierigkeiten zeigen, die neue Autoren haben, um veröffentlicht zu werden" (nobelprize.org, Interview 2008). Lessing nutzt das Schreiben wiederholt als Kommentar, als Experimentierfeld und als Mittel, gesellschaftliches Terrain zu vermessen.
Der Mensch hinter den Büchern
Es ist kein Geheimnis: Lessing bleibt für viele ein unbequemer Geist, auch was die Literaturkritik angeht. Ihr eigenes Verhältnis zu Rezeption und Kanon ist geprägt von Skepsis – insbesondere, wenn es um ihre Science-Fiction-Arbeiten geht, die lange als „Abweg“ behandelt werden. Diesen Vorwurf nimmt sie hin, ohne sich den Regeln der Branche zu beugen. Fast trotzig erklärt sie, warum sie mit dem Jane-Somers-Pseudonym den Literaturbetrieb spiegeln wollte. Der öffentliche Diskurs über ihr Werk ist oft von den Richtungs- und Themensprüngen fasziniert, erkennt in ihnen aber auch einen konsequenten Widerspruch: Die Autorin, die sich ebenso wenig auf politische Ideologien festschreiben lässt wie auf erzählerische Stile oder weibliche Rollenmuster. Ihre Texte sind Spiegel, Projektionen, aber auch Widerstand gegen vorschnelle Etiketten.
Das Werk: Was man lesen sollte
Für den Einstieg bietet sich „The Grass Is Singing“ an – der Roman legt den Finger auf koloniale Wunden und zeigt Lessings frühe Bereitschaft, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. „The Golden Notebook“ (1962) gilt als ihr vielschichtigster Text: fragmentiert, reflektierend, ein Statement für komplexe weibliche Selbstentwürfe in einer zersplitternden Moderne. Wer Lessings Bandbreite auskosten möchte, findet in der „Children of Violence“-Serie Einblicke in Langzeitentwicklung und Selbstbefragung. Schließlich bilden die Science-Fiction-Bände „Canopus in Argos: Archives“ einen radikalen Bruch mit klassischen Genres – hier spiegelt sich Lessings wendiger Zugriff auf Zeitgeist, Spiritualität und Machtverhältnisse. Wer sich auf diese Werke einlässt, begegnet keiner gefälligen Welt, sondern immer wieder unbequem neu gestellten Fragen.
Verfasst von Joe und Luisa.

