
Markus Zusak schrieb einen Roman über Nazi-Deutschland, in dem ausgerechnet der Tod die Geschichte erzählt – und verkaufte davon Millionen Exemplare. Die Idee entstand aus den Kriegserinnerungen seiner deutschen Mutter und seines österreichischen Vaters. Doch der Welterfolg von „Die Bücherdiebin“ hatte seinen Preis: An seinem nächsten Roman arbeitete der Australier 13 Jahre lang, zeitweise überzeugt, dass er das Schreiben verlernt habe. Dabei hatte seine Karriere mit einem miserablen Acht-Seiten-Manuskript begonnen. Heute lebt Zusak mit seiner Familie in Sydney, schreibt über menschliche Verluste und kämpft gelegentlich mit seinen eigenen Hunden.
Markus Zusak ist einer jener Schriftsteller, die sich nur schwer in eine literarische Schublade stecken lassen. Seine Bücher stehen mal im Jugendbuchregal, mal bei den Erwachsenenromanen. Sie erzählen von jugendlichen Außenseitern, Boxkämpfen, Familienkatastrophen und dem Zweiten Weltkrieg. Was sie verbindet, ist Zusaks Vorliebe für Figuren, die wenig Einfluss auf ihr Schicksal haben und dennoch versuchen, etwas Anständiges aus ihrem Leben zu machen. Seine Geschichten können brutal und traurig sein, zugleich aber auch ausgesprochen komisch. Manche Leser lieben seine poetischen Bilder, andere empfinden sie als überladen. Sein bekanntester Roman, Die Bücherdiebin, hat ihm einen festen Platz in der internationalen Gegenwartsliteratur gesichert. Ob seine übrigen Bücher dieses Niveau erreichen, wird dagegen durchaus unterschiedlich beurteilt.
Kindheit: Deutsche Kriegsgeschichten am australischen Küchentisch
Markus Frank Zusak wird am 23. Juni 1975 in Sydney geboren. Er ist das jüngste von vier Kindern. Seine Mutter stammt aus Deutschland, sein Vater aus Österreich. Beide sind in den 1950er-Jahren nach Australien ausgewandert, auf der Suche nach einem neuen Leben fernab der zerstörten europäischen Heimat. Die Familie lebt im Süden Sydneys, und die Kinder wachsen mit zwei Sprachen auf. Für Markus gehören deutsche Wörter ebenso selbstverständlich zum Alltag wie australische Redewendungen. Auch die Geschichten seiner Eltern sind eine ungewöhnliche Mischung: Während draußen die Sonne auf die Vororte Sydneys scheint, erzählen Mutter und Vater von Bombenangriffen, Hitlerjugend und nationalsozialistischer Verfolgung.
Besonders eine Erinnerung seiner Mutter wird für Zusak später entscheidend. Als kleines Mädchen lebt sie in der Nähe von München und beobachtet eines Tages, wie eine Gruppe jüdischer Gefangener durch die Straße getrieben wird. Einer der Männer ist so erschöpft, dass er kaum noch gehen kann. Ein Junge läuft in sein Haus, holt Brot und reicht es dem Gefangenen. Ein Wachmann bestraft beide mit Schlägen. Der Mann, dem das Brot zugedacht war, hatte dem Jungen zuvor voller Dankbarkeit die Beine umfasst. Diese Geschichte erzählt Zusak später immer wieder, weil sie für ihn zwei menschliche Möglichkeiten in einem einzigen Augenblick sichtbar macht: ungeheure Grausamkeit und ebenso ungewöhnliche Hilfsbereitschaft. Es handelt sich um eine von seiner Mutter überlieferte Kindheitserinnerung, nicht um ein unabhängig dokumentiertes historisches Ereignis. Für die Entstehung seines berühmtesten Romans wurde sie dennoch zum entscheidenden Ausgangspunkt.
Auch sein Vater bringt Geschichten mit, die ein weniger schematisches Bild vom Leben unter dem Nationalsozialismus vermitteln. Er berichtet seinem Sohn, dass er als Jugendlicher mit einem Freund Veranstaltungen der Hitlerjugend schwänzte. Statt teilzunehmen, gingen die beiden an einen Fluss und machten sich absichtlich schmutzig, um zu Hause den Eindruck zu erwecken, sie seien bei den vorgeschriebenen Aktivitäten gewesen. Zusaks Mutter erzählt wiederum von ihrem Pflegevater, der sich an Hitlers Geburtstag weigerte, die nationalsozialistische Fahne zu hissen, obwohl seine Frau vor den möglichen Konsequenzen warnte. Solche Episoden faszinieren den jungen Markus. Sie zeigen keine großen Widerstandskämpfer, sondern gewöhnliche Menschen, die manchmal mutig, manchmal ängstlich und gelegentlich schlicht eigensinnig handeln.
Zu Hause wird nicht nur über den Krieg gesprochen. Zusak wächst in einem Milieu auf, in dem körperliche Arbeit und praktische Fähigkeiten selbstverständlich sind. Die Vororte Sydneys mit ihren Sportplätzen, Schulhöfen, kleinen Häusern und gelegentlichen Schlägereien prägen seine ersten Romane. Er entwickelt früh eine Begeisterung für Bücher, die ihm andere Welten eröffnen. Mit 16 Jahren beschließt er, selbst Schriftsteller zu werden. Ein Studium der englischen Sprache und Geschichte an der University of New South Wales sowie seine spätere Arbeit als Englischlehrer verschaffen ihm zwar eine solide Grundlage, den literarischen Erfolg muss er sich jedoch erst mühsam erarbeiten.
Die ersten Bücher: Acht Seiten Schrott und ein ungewöhnlicher Banküberfall
Seinen ersten literarischen Versuch bezeichnet Zusak rückblickend als katastrophal. Das Manuskript bringt es auf gerade einmal acht Seiten, bevor er aufgibt. Auch der zweite Anlauf überzeugt ihn nicht, aber immerhin schafft er es diesmal bis zum Ende. Jahrelang arbeitet er an Geschichten, überarbeitet Manuskripte und erlebt Ablehnungen. Ausgerechnet die Gewissheit, dass seine ersten Bücher schlecht sind, erweist sich dabei als hilfreich. Zusak lernt, misslungene Texte nicht als endgültiges Scheitern zu betrachten, sondern als Material, aus dem vielleicht irgendwann etwas Brauchbares entstehen kann.
1999 erscheint schließlich The Underdog, der erste Teil einer Trilogie um die Brüder Cameron und Ruben Wolfe. Die beiden wachsen in bescheidenen Verhältnissen auf und versuchen, zwischen familiären Erwartungen, Geldproblemen und jugendlicher Unsicherheit ihren Platz zu finden. In Fighting Ruben Wolfe (2000) und When Dogs Cry (2001) entwickelt Zusak die Geschichte weiter. Besonders das Boxen spielt eine wichtige Rolle. Die körperlichen Auseinandersetzungen dienen ihm als Bild für den Versuch, sich in einer Welt zu behaupten, in der Stärke häufig mit Rücksichtslosigkeit verwechselt wird. Seine Figuren sind keine klassischen Helden. Sie machen Fehler, geraten in peinliche Situationen und verstehen sich selbst häufig schlechter, als sie glauben.
Mit The Messenger (2002), in Deutschland als Der Joker erschienen, gelingt ihm ein deutlicher Schritt nach vorn. Im Mittelpunkt steht Ed Kennedy, ein junger Taxifahrer, dessen Leben aus Mittelmäßigkeit, unerfüllten Hoffnungen und wenig ambitionierten Freundschaften besteht. Nach einem Banküberfall erhält er geheimnisvolle Spielkarten, die ihn zu Menschen führen, deren Leben er auf unterschiedliche Weise verändern soll. Die Handlung verbindet Kriminalgeschichte, Humor und eine moralische Versuchsanordnung. Ed muss herausfinden, was es bedeutet, jemandem tatsächlich zu helfen, und wo gut gemeinte Einmischung in Bevormundung umschlägt.
Die Idee für die Eingangsszene verdankt Zusak seiner Frau. Beide sitzen eines Tages mit Fish and Chips in einem Park und beobachten eine Bank, vor der man nur 15 Minuten parken darf. Seine Frau fragt sich, was jemand tun würde, wenn er während eines Banküberfalls drinnen festsäße und draußen seine Parkzeit abliefe. Aus dieser beiläufigen Überlegung entwickelt Zusak eine Szene, in der die alltägliche Sorge um ein Auto mit einer lebensgefährlichen Situation kollidiert. Er erzählt später, dass ihm der Anfang des Romans ungewöhnlich leichtgefallen sei. Für Der Joker erhält er 2007 den Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury. Allerdings zeigt sich auch hier eine Eigenart seines Schreibens: Die Geschichte möchte nicht nur unterhalten, sondern ihren Lesern eine Lektion über Menschlichkeit mitgeben. Das funktioniert häufig, gelegentlich wirkt die moralische Botschaft jedoch etwas zu deutlich konstruiert.
Die Bücherdiebin: Wie der Tod eine Schwäche für Menschen entwickelte
Als Zusak mit der Arbeit an Die Bücherdiebin beginnt, hat er keineswegs einen fertigen Plan für seinen späteren Welterfolg. Die Idee eines Mädchens, das Bücher stiehlt, war ihm schon Jahre zuvor gekommen, als sein Computer kaputt war und er vorübergehend auf Papier schrieb. Damals stellte er sich die Geschichte noch im modernen Sydney vor. Erst als er begann, die Kriegserinnerungen seiner Eltern literarisch zu verarbeiten, führte er beide Einfälle zusammen. Aus einer geplanten kurzen Erzählung entwickelte sich ein umfangreicher Roman, der 2005 in Australien erschien.
Die Handlung spielt im nationalsozialistischen Deutschland. Liesel Meminger verliert ihren kleinen Bruder und kommt zu Pflegeeltern in die fiktive Stadt Molching bei München. Ihr Pflegevater Hans Hubermann bringt ihr das Lesen bei, während sich die politische Lage zunehmend verschärft. Als die Familie den jüdischen Flüchtling Max Vandenburg versteckt, wird das eigene Haus zu einem lebensgefährlichen Zufluchtsort. Liesel beginnt Bücher zu stehlen und entdeckt, dass Geschichten in einer von Gewalt beherrschten Welt Trost bieten können. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie wirkungsvoll Worte zur Manipulation eingesetzt werden. Hitler beherrscht die Massen auch durch Sprache; Liesel versucht gewissermaßen, sich diese Sprache zurückzuholen.
Die ungewöhnlichste Entscheidung betrifft den Erzähler. Statt Liesel selbst berichten zu lassen, überträgt Zusak diese Aufgabe dem Tod. Der ist hier kein finsterer Sensenmann, sondern ein erschöpftes, gelegentlich ironisches Wesen, das seiner endlosen Arbeit überdrüssig geworden ist. Menschen interessieren ihn gerade deshalb, weil sie zu unglaublicher Grausamkeit und überraschender Güte fähig sind. Ursprünglich experimentiert Zusak mit unterschiedlichen Perspektiven, darunter auch der direkten Erzählstimme Liesels. Doch er hat ein Problem: Sein deutsches Mädchen klingt nach eigenem Empfinden viel zu australisch. Erst als er den Tod erneut als Erzähler einsetzt, findet er die passende Distanz. Der Tod weiß, was geschehen wird, kann Schicksale vorwegnehmen und die Grausamkeiten kommentieren, ohne selbst Teil des Geschehens zu sein.
Diese Konstruktion macht den Roman besonders, ist aber auch riskant. Die ständigen Vorwegnahmen, poetischen Bilder und direkten Leseransprachen können die Handlung unterbrechen und gelegentlich ihre emotionale Wirkung überdeutlich vorbereiten. Zusak setzt ohnehin stark auf Gefühle. Seine Figuren werden geliebt, verlieren Menschen, opfern sich auf und erleben Momente beinahe unwahrscheinlicher Menschlichkeit. Das hat ihm Millionen begeisterter Leser eingebracht, bietet Kritikern aber auch Angriffsflächen. Nicht jeder findet es überzeugend, wenn ein Roman über den Nationalsozialismus seine Botschaften so konsequent in bewegende Einzelschicksale übersetzt.
Tatsächlich wird Die Bücherdiebin auch wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Der Literaturwissenschaftler Kirril Shields argumentiert beispielsweise, dass Zusaks Darstellung gewöhnlicher Deutscher unter dem Nationalsozialismus eine problematische Entlastungsperspektive eröffnen könne. Das Leiden und die moralischen Entscheidungen nichtjüdischer Figuren geraten stark in den Vordergrund, während die jüdischen Opfer vor allem durch Max Vandenburg repräsentiert werden. Andere Untersuchungen betonen dagegen, dass die ungewöhnliche Erzähltechnik historische Gewalt gerade für junge Leser erfahrbar mache und kritische Fragen ermögliche. Der Einwand bleibt dennoch wichtig: Auch ein gut gemeinter Roman über Menschlichkeit kann historische Zusammenhänge vereinfachen. Zusaks Familiengeschichte erklärt seinen besonderen Blickwinkel, macht ihn aber nicht unangreifbar.
International wird Die Bücherdiebin zu einem unerwarteten Phänomen. In Australien wird das Buch zunächst für erwachsene Leser veröffentlicht, in den Vereinigten Staaten dagegen als Jugendroman vermarktet. Zusak selbst hatte während des Schreibens kaum an eine bestimmte Zielgruppe gedacht. Ein umfangreiches Buch über Nazi-Deutschland, in dem der Tod erzählt und zahlreiche Figuren sterben, hielt er nicht gerade für einen naheliegenden Bestseller. Doch gerade Jugendliche und junge Erwachsene reagieren begeistert. Bis 2018 werden rund 16 Millionen Exemplare verkauft; der Roman steht jahrelang auf der Bestsellerliste der New York Times und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.
2013 kommt die Verfilmung unter der Regie von Brian Percival ins Kino. Sophie Nélisse spielt Liesel, Geoffrey Rush ihren Pflegevater Hans und Emily Watson die Pflegemutter Rosa. Der Film verzichtet zwangsläufig auf einen großen Teil von Zusaks sprachlicher Experimentierfreude und erzählt die Geschichte deutlich konventioneller. Dafür machen die Schauspieler die familiären Beziehungen unmittelbar zugänglich.
Besonders gerührt reagiert Zusaks eigene Familie. Seine Mutter liest das Buch mehrfach und hört sich zusätzlich die Hörbuchfassung an. Sein Vater schimpft nach der Lektüre mit ihm, weil der Roman ihn zum Weinen gebracht habe. Für Zusak ist das eine der schönsten Reaktionen überhaupt. Die Geschichten, die seine Eltern einst am Küchentisch erzählt hatten, sind nun in veränderter Form zu ihnen zurückgekehrt.
Dreizehn Jahre für ein Buch – und die Angst vor dem Scheitern
Nach Die Bücherdiebin erwartet die literarische Öffentlichkeit einen neuen großen Roman. Doch Zusak verschwindet gewissermaßen vom Buchmarkt. Zwar schreibt er weiter, aber das nächste Werk will und will nicht fertig werden. Dabei hatte er die Grundidee zu Bridge of Clay, das später auf Deutsch unter dem Titel Nichts weniger als ein Wunder erscheint, bereits als junger Mann. Er wollte über einen Jungen schreiben, der eine Brücke baut und damit etwas Bleibendes schaffen möchte. Aus diesem einfachen Bild entwickelt sich eine umfangreiche Familiengeschichte, an der Zusak schließlich 13 Jahre lang arbeitet.
Die fünf Dunbar-Brüder wachsen in Sydney auf. Ihre Mutter stirbt an Krebs, der Vater verlässt die Familie, und die Jungen versuchen, ohne erwachsene Führung zurechtzukommen. Als ihr Vater eines Tages zurückkehrt und sie bittet, ihm beim Bau einer Brücke zu helfen, erklärt sich nur Clay dazu bereit. Doch hinter dieser Entscheidung stecken tiefe Verletzungen, unausgesprochene Schuld und die Hoffnung, eine zerstörte Familie wieder zusammenzuführen. Der Titel des englischen Originals spielt mit der Doppeldeutigkeit von Clay: Es bedeutet sowohl Lehm als auch den Namen des Jungen. In der deutschen Übersetzung geht dieses Wortspiel verloren.
Während der Arbeit gerät Zusak zunehmend in Schwierigkeiten. Er schreibt Kapitel um, verwirft ganze Passagen und zweifelt an nahezu jedem Satz. Zeitweise befürchtet er ernsthaft, als Schriftsteller am Ende zu sein. Die Hoffnung, einen perfekten Roman zu schaffen, wird zum Hindernis. Er entwickelt eine geradezu zwanghafte Neigung zur Überarbeitung, verliert den Überblick über sein Material und findet erst spät wieder Freude am Schreiben. Seine Verlage müssen sich ebenso gedulden wie die Leser. Als Bridge of Clay 2018 endlich erscheint, sind seit seinem letzten Roman 13 Jahre vergangen.
Die lange Pause führt zu einer komischen Episode im Familienalltag. Eines Morgens sitzt Zusak am Küchentisch und versucht zu arbeiten, während seine Tochter Kitty lautstark frühstückt. Als er sich über den Lärm beschwert, reagiert sie mit sichtbarem Erstaunen: Er wolle tatsächlich arbeiten? Für seine Kinder war der Vater zwar ständig mit Manuskripten beschäftigt gewesen, hatte aber während ihrer gesamten Kindheit kein neues Buch veröffentlicht. Aus ihrer Perspektive war das Schreiben offenbar eine merkwürdige Beschäftigung, die nur selten zu einem fertigen Ergebnis führte.
Die Kritiken fallen gemischt aus. Gelobt werden die emotionale Intensität, die ungewöhnliche Familienkonstellation und einzelne eindrucksvolle Passagen. Gleichzeitig bemängeln Rezensenten die überladene Symbolik, die verschachtelte Chronologie und die Neigung, einfache Vorgänge in pathetische Bilder zu verwandeln. Tatsächlich macht Zusak es seinen Lesern nicht leicht. Wo Die Bücherdiebin trotz aller sprachlichen Eigenheiten von einer klaren Handlung getragen wird, verlangt Nichts weniger als ein Wunder erheblich mehr Geduld. Die emotionale Wirkung ist stellenweise beeindruckend, doch der Roman hätte von einer strengeren Auswahl seines Materials profitieren können. Vielleicht liegt gerade darin die Ironie der langen Entstehungsgeschichte: Zusak hat so intensiv an der Perfektion gearbeitet, dass sein Buch gelegentlich unter dieser Anstrengung leidet.
Drei wilde Hunde und das Leben hinter den Bestsellern
Privat lebt Zusak mit seiner Frau Dominika, die auch Mika genannt wird, und den beiden Kindern Kitty und Noah in Sydney. Seine Frau kümmert sich unter anderem um organisatorische Angelegenheiten seiner Schriftstellerkarriere. Die Familie hat über Jahre hinweg mehrere Haustiere, darunter die Hunde Rueben und Archer. Diese Tiere spielen eine wesentlich größere Rolle in Zusaks Leben, als man angesichts seiner internationalen Bucherfolge erwarten könnte. Sie sind nicht bloß freundliche Begleiter, sondern gelegentlich eine handfeste Zumutung.
In einem Interview berichtet Zusak beispielsweise, dass seine Hunde einmal eine Frau attackierten, die zu seinen Kindern nach Hause gekommen war, um Klavierunterricht zu geben. Da freut man sich doch als Nachhilfelehrerin… Auch der später aufgenommene Hund Frosty stellt seinen Besitzer regelmäßig auf die Probe. Eines Tages kommt es auf einer belebten Straße in Sydney zu einem heftigen Gerangel zwischen Mensch und Tier. Während Passanten vorbeigehen, versucht Zusak verzweifelt, den Hund unter Kontrolle zu bringen. Die absurde Szene liefert ihm schließlich den Einstieg für ein neues Buch. Aus dem Alltag mit drei schwierigen Vierbeinern wird Three Wild Dogs (and the Truth), sein 2024 veröffentlichtes erstes Sachbuch.
Der Text handelt allerdings von weit mehr als Hundehaltung. Zusak erzählt von seiner Ehe, dem Aufwachsen seiner Kinder und dem Tod geliebter Tiere. Er beschreibt auch unangenehme Situationen, in denen er wütend wird, flucht oder sich mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten auseinandersetzen muss. Nach den jahrelangen Mühen mit Bridge of Clay erlebt er das Schreiben erstmals wieder als etwas Spielerisches. Die Hunde bieten ihm einen Anlass, über Liebe und Verlust zu sprechen, ohne dafür einen großen historischen oder symbolischen Rahmen entwickeln zu müssen.
Dass Zusak in Interviews häufig freundlich, bescheiden und humorvoll wirkt, bedeutet nicht, dass seine Literatur frei von Härten wäre. Schon in den frühen Wolfe-Romanen spielt körperliche Gewalt eine wichtige Rolle, und auch seine späteren Bücher kreisen immer wieder um Tod, Verlassenwerden und die Angst vor dem Scheitern. Seine eigentliche Stärke liegt darin, diese Erfahrungen mit dem Alltag seiner Figuren zu verbinden. Gleichzeitig zeigt sich eine deutliche Grenze: Zusak neigt dazu, menschlichem Leid einen beinahe mythischen Glanz zu verleihen. Nicht jede familiäre Katastrophe gewinnt durch pathetische Vergleiche, und nicht jede moralische Erkenntnis muss am Ende ausdrücklich ausgesprochen werden.
Seinen Lesern bietet Zusak keine besonders radikale Gesellschaftskritik und keine großen formalen Revolutionen. Er erzählt Geschichten über Menschen, die einander verletzen und trotzdem versuchen, zusammenzuhalten. Am überzeugendsten gelingt ihm das in Die Bücherdiebin, wo der ungewöhnliche Erzähler, die historischen Erfahrungen seiner Familie und die Liebe zu Büchern eine unverwechselbare Verbindung eingehen. Wer Zusak kennenlernen möchte, sollte deshalb mit diesem Roman beginnen. Der Joker ist eine gute Alternative für Leser, die eine schnellere, humorvollere Handlung bevorzugen. Nichts weniger als ein Wunder hingegen empfiehlt sich vor allem für diejenigen, die bereit sind, sich auf eine ausgedehnte, sprachlich oft eigensinnige Familiengeschichte einzulassen.
Markus Zusak – die wichtigsten Fakten
- Geboren: 23. Juni 1975 in Sydney, Australien.
- Eltern: Mutter aus Deutschland, Vater aus Österreich; beide wanderten nach Australien aus.
- Familie: Verheiratet mit Dominika („Mika“) Zusak; zwei Kinder.
- Wichtigste Werke: The Underdog (1999), Fighting Ruben Wolfe (2000), When Dogs Cry (2001), Der Joker (2002), Die Bücherdiebin (2005), Nichts weniger als ein Wunder (2018), Three Wild Dogs (and the Truth) (2024).
- Wichtigste Auszeichnungen: Deutscher Jugendliteraturpreis der Jugendjury für Der Joker (2007) und Die Bücherdiebin (2009); Michael L. Printz Honor für Die Bücherdiebin (2007).
Verfasst vom Emma und Sophia

