
Cassandra Clare erzählt Geschichten von Ungeheuern, Engeln und verlorenen Söhnen – aber ihre eigene Geschichte beginnt zwischen Koffern und Kulturen. Sie ist eine Autorin, die Grenzen nicht nur im Plot, sondern im Leben selbst von Kindesbeinen an überwindet. Wer sich für den Ursprung moderner Jugendfantasy und den Aufbau ganzer Erzähluniversen interessiert, findet in ihr eine Figur, die wie wenige ihr Genre geprägt hat und zugleich immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt.
Leben und Zeit
Bevor Cassandra Clare zu ihrer schriftstellerischen Rolle fand, war ihr Leben schon vom Wechsel und von Neuanfängen geprägt. Als Tochter eines amerikanischen Elternpaars wuchs sie in den 1970er und 1980er Jahren auf, einer Zeit, in der Globalisierung zwar politisch diskutiert, aber privat noch ein Abenteuer war. Sie lebte in unterschiedlichen Ländern – Frankreich, England und die Schweiz zählen ebenso zu ihren Kindheitsorten wie der Geburtsort Teheran. Erst zur High School kehrte sie in die Vereinigten Staaten zurück, nach Los Angeles. Das stete Unterwegssein, die Begegnung mit verschiedenen Sprachen und Kulturen, prägten früh ihren Blick und erleichterten vielleicht den späteren Wechsel zwischen den Welten ihrer Bücher.
Beruflich führte sie der Einstieg zunächst in den Journalismus. Sie schrieb für Unterhaltungszeitschriften und Boulevardmedien und bewegte sich, noch bevor sie als Fantasy-Autorin erfolgreich wurde, zwischen der Glitzerwelt des Entertainments und den Alltagsbeobachtungen im Medienbetrieb. Im Rückblick wirken diese Lebensstationen wie die Vorstufen zum umfassenden Weltenbau, für den sie später international bekannt wurde.
Der Weg zum Schreiben
Schon auf der High School begann Cassandra Clare damit, ihre Mitschüler mit erfundenen Geschichten zu unterhalten – frühe Prosa, die ebenso vom Witz wie vom Fantastischen geprägt war. Im Vordergrund stand dabei zunächst nicht das Suchen nach Ruhm, sondern das Teilen von Fantasie unter Freunden. Später mündete ihr Erzählen in Versuchen als Journalistin, ein Berufsfeld, das ihr Gespür für Perspektivwechsel und das gesellschaftliche Bedürfnis nach Geschichten schärfte.
Die eigentliche literarische Wende kam 2004: Inspiriert von den Straßenschluchten Manhattans begann sie an „City of Bones“ zu arbeiten. Die Veröffentlichung dieses ersten Bands der "Mortal Instruments"-Reihe stellte einen Durchbruch dar und eröffnete Clare die Möglichkeit, das eigene Universum immer weiter auszubauen. Mit der Zeit entstand ein verzweigtes Textgeflecht, das sich über mehrere Reihen erstreckt, von "The Infernal Devices" bis zu "The Dark Artifices". Die Vielgestaltigkeit der "Shadowhunter Chronicles" ist Ausdruck ihrer Lust an der Variation und an komplexen Handlungsnetzen.
Der Schritt in die Erwachsenenfantasy mit "Sword Catcher" zeigt außerdem, wie selbstverständlich Clare Genregrenzen infrage stellt und beständig neue Felder literarisch auslotet.
Der Mensch hinter den Büchern
Wer Clare auf öffentlichen Veranstaltungen erlebt oder ihre Interviews liest, begegnet einer Autorin mit klaren Vorlieben und Gewohnheiten. Sie bezeichnet sich selbst als leidenschaftliche Leserin, selten ohne Buch unterwegs. Besonders Buchhandlungen sind für sie ein zweites Zuhause; das Stöbern zwischen Genres und Regalen begreift sie als Weg zu neuen Geschichten. Auch beim Schreiben sucht sie Gesellschaft – nicht im einsamen Kämmerlein, sondern zwischen Stimmen in Cafés oder Restaurants findet sie Konzentration.
Inhaltlich ist sie darauf aus, literarische Vielfalt zu schaffen. Sie betont die Bedeutung von Diversität und Repräsentation und setzt sich dafür ein, dass unterschiedliche Erfahrungen und Identitäten in der Fantasyliteratur einen Platz finden. Dabei entstand im Lauf der Jahre Diskussion über die Tiefe und Herkunft ihrer Figuren: Einige Kritiker merkten an, es fehle an Komplexität, andere sahen in manchen Motiven Parallelen zu bekannten Fantasywerken. Sichtbar bleibt immer das Bestreben, unterschiedliche Welten – literarisch und gesellschaftlich – miteinander zu verbinden.
Das Werk: Was man lesen sollte
Ihr Katalog ist umfangreich, doch den besten Einstieg bietet nach wie vor "City of Bones", der Auftakt der "Mortal Instruments"-Serie. Hier werden nicht nur die Motive der späteren Werke angelegt – Engelfiguren, Dämonen, urbane Schattenwesen –, sondern auch der charakteristische Ton zwischen Alltagsironie, Romantik und Konflikt.
Wer die Tragweite ihres literarischen Universums erfassen will, greift auch zu "Clockwork Angel" – ein Prequel mit Steampunk-Anleihen und viktorianischer Anmutung, das den Brückenschlag zwischen den Epochen wagt. Als Fluchtpunkt und Höhepunkt der ersten Romanstaffel gilt "City of Heavenly Fire", das große Finale der "Mortal Instruments".
Lohnend ist zudem ein Seitenschritt: "The Iron Trial" entstand in Zusammenarbeit mit Holly Black und setzt andere Akzente im Genre. Zuletzt zeigt "Sword Catcher" ihren Versuch, die eigenen Erzählmuster auszuweiten und ein erwachseneres Publikum zu adressieren. Clare bleibt eine Autorin, die nie stehen bleibt, sondern immer neue Schatten wirft.
Verfasst vom Autorenteam.

