Robert Seethaler
Bild: Lesekreis, CC0 Quelle

Robert Seethaler sieht die Welt anders als die meisten Menschen. Der österreichische Schriftsteller kam mit einer schweren Sehbehinderung zur Welt, flog als Jugendlicher von der Schule, spielte Schlagzeug in einer Punkband und wurde ausgerechnet Schauspieler – obwohl er es kaum ertrug, von fremden Menschen angestarrt zu werden. Heute verkauft er Millionen Bücher über Menschen, die sonst leicht übersehen werden. Seine eigenen Erfahrungen mit Scham, Einsamkeit und Sehnsucht helfen, diese Literatur zu verstehen. Doch hinter dem zurückhaltenden Bestsellerautor steckt auch ein eigenwilliger Mann, dessen Lebensweg alles andere als geradlinig verlief.

Ein kleiner Junge steht in Wien und fängt einen Ball, ohne richtig hinzusehen. Seine Eltern bemerken etwas Ungewöhnliches: Ihr Sohn orientiert sich am Geräusch des fliegenden Balls. Er hört, wohin dieser unterwegs ist, und greift danach. Robert Seethaler hat diese Erinnerung Jahrzehnte später in einem Interview erzählt. Sie gehört zu den eigentümlichsten Geschichten aus der Kindheit eines Schriftstellers, dessen Romane vor allem von der Kunst des Sehens handeln. Denn Seethaler, geboren am 7. August 1966 in Wien, kann seit seiner Geburt nur stark eingeschränkt sehen. Er musste sich mehrfach Augenoperationen unterziehen, trägt Brillen und Kontaktlinsen mit außerordentlich hohen Korrekturwerten und hat einen beträchtlichen Teil seines Lebens damit verbracht, sich in einer Welt zurechtzufinden, die anderen Menschen wesentlich deutlicher erscheint.

Man könnte daraus eine einfache Geschichte über die Überwindung einer Behinderung machen. Seethaler selbst würde eine solche Deutung vermutlich wenig interessant finden. Er hat seine Sehschwäche nie ausschließlich als Verlust beschrieben, sondern auch als eine besondere Form der Wahrnehmung. Wo Konturen verschwimmen, beginnt seine Vorstellungskraft zu arbeiten. Menschen, deren Gesichter er nicht genau erkennen kann, gewinnen in seiner Fantasie eine eigene Gestalt. Vielleicht erklärt das, weshalb seine literarischen Figuren häufig ein erstaunlich intensives Innenleben besitzen, obwohl der Autor sie mit wenigen äußeren Merkmalen ausstattet. Aber so einfach ist die Sache wiederum nicht: Dieselbe Sehbehinderung, der Seethaler seine ungewöhnliche Vorstellungskraft zuschreibt, hat ihn über Jahre mit Scham erfüllt und schließlich dazu gebracht, einen erfolgreichen Beruf aufzugeben.

Ein Wiener Arbeiterkind zwischen Sehschule und Punkrock

Robert Seethaler wuchs im zehnten Wiener Gemeindebezirk Favoriten auf, einem traditionellen Arbeiterbezirk, dessen Alltag wenig mit den repräsentativen Bildern der österreichischen Hauptstadt zu tun hatte. Sein Vater war Schlosser, seine Mutter arbeitete als Sekretärin. Die familiären Wurzeln reichten bis nach Böhmen; seine Großeltern kannten körperlich anstrengende Arbeit und wirtschaftlich unsichere Verhältnisse. Seine Großmutter arbeitete als Tellerwäscherin, sein Großvater beim Straßenbau. Bücher gehörten nicht selbstverständlich zur häuslichen Ausstattung. Der Sohn eines solchen Milieus sollte einen vernünftigen Beruf erlernen, nicht Schriftsteller werden. Seethaler hat später sinngemäß erklärt, die Vorstellung, vom Schreiben leben zu können, sei für jemanden aus seiner Herkunftswelt ungefähr so fern gewesen wie eine Karriere als Astronaut. Das war keine demonstrative Bescheidenheit eines bereits erfolgreichen Autors, sondern eine Beschreibung der gesellschaftlichen Grenzen, die seine Kindheit bestimmten.

Hinzu kam die Unsicherheit um seine Augen. Lange war offenbar nicht klar, wie sich sein Sehvermögen entwickeln würde und ob eine Erblindung drohte. Er besuchte zunächst eine Schule für blinde und sehbehinderte Kinder, bevor er auf ein reguläres Gymnasium wechselte. Die Operationen, die auffälligen Brillengläser und das Gefühl, anders zu sein, prägten sein Verhältnis zu den Mitmenschen. In seinen Erinnerungen erscheint aber kein durchgehend stiller und angepasster Junge. Im Gegenteil: Seethaler wurde aufsässig, langweilte sich im Unterricht, machte Unsinn und flog mit fünfzehn Jahren von der Schule. Er selbst hat seinen Anteil daran keineswegs bestritten. Er habe nicht lernen wollen und sich entsprechend aufgeführt, erklärte er rückblickend. Das ist eine bemerkenswerte Vorgeschichte für einen Schriftsteller, dessen Bücher inzwischen im Schulunterricht gelesen werden.

Außerhalb der Schule entdeckte er eine ganz andere Welt. Anfang der achtziger Jahre spielte Seethaler Schlagzeug in einer Punkband. 1983 trat die Gruppe in der Wiener Arena auf; zu den bekannteren Bands des Abends gehörte Drahdiwaberl. Er saß mit kurz geschorenen Haaren und Brillengläsern, die er später selbst mit Aschenbecherböden verglich, hinter dem Schlagzeug. Für den Jugendlichen dürfte diese Szene eine Möglichkeit gewesen sein, sich jenseits schulischer und familiärer Erwartungen auszuprobieren. Aus dem späteren Autor melancholischer Romane wird dadurch kein heimlicher Rockrebell. Doch die Episode erinnert daran, dass der erwachsene Seethaler, der heute meist bedächtig und beinahe scheu auftritt, einmal zur lauten, eigensinnigen Jugendkultur Wiens gehörte. Seine literarische Vorliebe für Außenseiter beginnt nicht erst mit der Veröffentlichung seiner Romane.

Nach dem Schulabbruch folgte kein geordneter Aufstieg. Seethaler begann eine Ausbildung zum Verkäufer, arbeitete als Bote für die österreichische Tageszeitung Kurier und schrieb kleinere Beiträge für deren Sportteil. Später verdiente er sein Geld in weiteren Berufen, unter anderem im Einzelhandel und in der therapeutischen Arbeit; auch Tätigkeiten als Jugendbetreuer und Lehrer gehören zu seinem ungewöhnlich vielseitigen beruflichen Lebenslauf. Zeitweise lebte er in Israel und arbeitete in einem Kibbuz auf dem Feld. Schließlich holte er die Matura nach und begann sogar ein Psychologiestudium, das er wieder abbrach. Seine Biografie besteht damit aus einer langen Reihe von Anläufen, Umwegen und abgebrochenen Möglichkeiten. Gerade diese Erfahrungen unterscheiden ihn von vielen Schriftstellern, die früh den akademischen Literaturbetrieb durchlaufen. Seethaler lernte die Arbeitswelt seiner späteren Romanfiguren nicht nur aus Büchern kennen. Er hatte selbst erlebt, wie es ist, scheinbar ohne besondere Bestimmung von einer Tätigkeit zur nächsten zu wechseln.

Eine dieser Stationen blieb auf unerwartete Weise folgenreich. In einem israelischen Kibbuz begegnete Seethaler einem älteren Mann, einem Überlebenden des Holocaust, der sich dort um Pferde kümmerte. Der Mann hörte auf einem kleinen Transistorradio Musik von Gustav Mahler. Für Seethaler war es nach eigener Erinnerung die erste Begegnung mit dem Komponisten. Jahrzehnte später sollte er über Mahlers letzte Lebensreise einen Roman schreiben. Die Erinnerung zeigt, wie zufällig manche literarischen Interessen entstehen können. Nicht ein Universitätsseminar und keine systematische Beschäftigung mit Musikgeschichte führten ihn zu Mahler, sondern ein alter Mann, eine Begegnung fern der Heimat und Musik aus einem kleinen Radio.

Ein Schauspieler, der die Blicke nicht ertrug

Nach diesen Umwegen besuchte Seethaler die Schauspielschule des Wiener Volkstheaters. Die Entscheidung scheint zunächst widersprüchlich. Ein junger Mann, der sich wegen seines Äußeren und seiner Sehbehinderung häufig schämte, wählte einen Beruf, in dem es gerade darum geht, sich den Blicken anderer Menschen auszusetzen. Doch genau darin lag offenbar ein Teil seines Antriebs. Er wollte aus der eingeschränkten Erfahrungswelt seiner Kindheit heraustreten, sichtbar werden und sich im Licht behaupten. Die Ausbildung bereitete ihm Freude, und seine Begabung reichte für professionelle Engagements. Er spielte auf Bühnen in Wien, Stuttgart, Hamburg und Berlin, später auch regelmäßig in Film und Fernsehen. Einem breiteren deutschen Publikum wurde er durch die ZDF-Krimireihe Ein starkes Team bekannt, in der er über viele Folgen den Rechtsmediziner Dr. Kneissler verkörperte.

Der berufliche Erfolg löste sein persönliches Problem allerdings nicht, sondern verschärfte es. Auf der Bühne konnte Seethaler die Zuschauer kaum erkennen, während er wusste, dass Hunderte Augen auf ihn gerichtet waren. Diesen Blicken konnte er nichts entgegensetzen. Bei einer gewöhnlichen Begegnung lässt sich der Blick eines anderen Menschen erwidern, man kann ausweichen, Nähe herstellen oder Distanz schaffen. Im Theater war das für ihn nicht möglich. Die Asymmetrie wurde zur Belastung. Später beschrieb er seine damalige Empfindung so, als habe er auf der Bühne wie eine offene Wunde gestanden. Die anfängliche Freude am Schauspiel wurde zunehmend von Scham verdrängt. Schließlich zog er sich vom Theater zurück, obwohl er dort beruflich durchaus Fuß gefasst hatte.

Das Kino und das Fernsehen waren für ihn leichter zu ertragen. Vor einer Kamera steht kein voll besetzter Zuschauerraum; nur wenige Menschen beobachten die Arbeit unmittelbar, und die Technik schafft eine gewisse Distanz. So blieb Seethaler auch nach seinem Abschied von der Bühne gelegentlich als Filmschauspieler tätig. 2015 wirkte er beispielsweise in Paolo Sorrentinos Ewige Jugend mit, einem international besetzten Film über Alter, Erinnerung und verpasste Möglichkeiten. Später übernahm er in der Verfilmung seines eigenen Romans Der Trafikant einen kleinen Auftritt als Gestapo-Mann. Diese Rolle ist ein eigentümliches Detail seiner Karriere: Der Autor einer Geschichte über die nationalsozialistische Verfolgung erscheint darin selbst für einen kurzen Moment auf der Seite der Verfolger.

Die eigentliche Befreiung von der Bühne fand Seethaler jedoch im Schreiben. Hier konnte er Menschen zeigen, ohne sich ihnen körperlich aussetzen zu müssen. Er bestimmte selbst, wie nahe er seine Figuren an sich heranließ, wann er sie sichtbar machte und was von ihnen im Dunkeln blieb. Das Schreiben ist deshalb allerdings keineswegs eine gemütliche Zuflucht. Seethaler spricht ungewöhnlich offen darüber, wie sehr ihn die literarische Arbeit anstrengt. Einzelne Wörter scheinen ihm manchmal nur unter Mühen zu gelingen. Er schreibt nicht nach einem zuverlässigen Stundenplan, und ein festes Handlungsschema hilft ihm nach eigener Aussage wenig. Er arbeitet von einem Augenblick zum nächsten, streicht, verdichtet und versucht herauszufinden, was seine Figuren überhaupt zu erzählen haben. Schreiben bereitet ihm Mühe und kann ihn verletzlich machen. Dennoch hat er darin etwas gefunden, das ihm auf Dauer mehr Befriedigung verschafft als die vielen anderen Tätigkeiten seines Lebens.

Vom unbekannten Drehbuchautor zum millionenfach gelesenen Romancier

Der literarische Durchbruch begann mit einer Drehbuchausbildung. 2004 wurde Seethaler in die Drehbuchwerkstatt München aufgenommen. Für sein Projekt Heartbreakin’ erhielt er den Tankred-Dorst-Drehbuchpreis. Aus diesem Stoff entwickelte er seinen ersten Roman Die Biene und der Kurt, der 2006 erschien und 2007 mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet wurde. Die Geschichte handelt von einer eigenwilligen Sechzehnjährigen mit auffälligen Brillengläsern und einem heruntergekommenen Schlagersänger, die gemeinsam durch die Provinz ziehen. Schon hier sind wichtige Elemente seines späteren Werks erkennbar: Menschen mit beschädigten Lebensläufen, eine Sehnsucht nach Zuneigung und die Bereitschaft, auch komischen oder wenig angesehenen Existenzen Aufmerksamkeit zu schenken. Die Geschichte ist deutlich verspielter und überdrehter als seine späteren Bestseller. Man spürt noch den Drehbuchautor, der Freude an schrägen Einfällen, skurrilen Begegnungen und äußerer Bewegung hat.

Auch die nächsten Bücher waren weit entfernt von jener feierlichen Schlichtheit, mit der Seethalers Name später oft verbunden wurde. Die weiteren Aussichten von 2008 erzählt von Herbert Szevko, der mit seiner resoluten Mutter eine alte Tankstelle betreibt, bis eine junge Frau sein überschaubares Leben durcheinanderbringt. Jetzt wird’s ernst von 2010 folgt einem jungen Mann auf verschlungenen Wegen zum Theater und greift damit Erfahrungen auf, die dem Autor vertraut sind. Beide Romane besitzen Humor, manchmal groteske Zuspitzungen und eine gewisse Neigung zum Sonderbaren. Sie zeigen einen Schriftsteller, der zunächst stärker an ungewöhnlichen Handlungen interessiert war als an den stillen Lebensbilanzen seiner späteren Bücher. Wer nur Ein ganzes Leben kennt, dürfte überrascht sein, wie ausgelassen und eigensinnig Seethaler in seinen frühen Romanen erzählen konnte.

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Parallel arbeitete er als Drehbuchautor weiter. Der Fernsehfilm Die zweite Frau, für den Seethaler das Drehbuch schrieb und bei dem Hans Steinbichler Regie führte, wurde 2009 mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Damit hatte Seethaler bereits Anerkennung für seine erzählerische Arbeit erhalten, bevor er als Romancier einem großen Publikum bekannt wurde. Dennoch blieb der entscheidende Schritt zunächst aus. Erst sein vierter Roman Der Trafikant, erschienen 2012, veränderte seine Stellung auf dem Buchmarkt grundlegend.

Die Handlung beginnt 1937. Der siebzehnjährige Franz Huchel verlässt seine Heimat im Salzkammergut und beginnt in Wien eine Lehre bei einem Tabakhändler. Dort begegnet er Sigmund Freud, der ihm bei seinen Liebesnöten helfen soll. Während Franz versucht, die Rätsel der Frauen und seiner eigenen Gefühle zu verstehen, verändert der Nationalsozialismus zunehmend die Stadt. Die Begegnung mit Freud ist eine literarische Erfindung; die politische Verfolgung, die Bedrohung jüdischer Wiener und die Machtübernahme der Nationalsozialisten bilden dagegen den historischen Hintergrund. Seethaler verbindet eine klassische Geschichte des Erwachsenwerdens mit der Erfahrung, dass private Unsicherheit plötzlich von politischen Ereignissen überrollt werden kann. Gerade weil Franz zunächst vor allem an seine erste Liebe denkt, wirken die Veränderungen seiner Umgebung bedrückend. Das Böse erscheint nicht als abstraktes Geschichtskapitel, sondern dringt in Geschäfte, Gespräche und alltägliche Beziehungen ein.

Der Trafikant wurde zum Millionenbestseller, später für die Bühne bearbeitet und 2018 mit Bruno Ganz als Sigmund Freud verfilmt. Der Roman gelangte zudem in den Deutschunterricht und wird bis heute an Schulen gelesen. Auch in der Oberstufenlektüre-Übersicht von Fabelhafte Bücher ist er vertreten. Seine Popularität ist verständlich: Die überschaubare Handlung, die zugängliche Sprache und die Verbindung von Jugendgeschichte und Nationalsozialismus machen das Buch für jüngere Leser besonders geeignet. Literarisch hat diese Konstruktion allerdings ihren Preis. Freud erscheint stellenweise weniger als widersprüchlicher historischer Mensch denn als geistreicher Begleiter einer Coming-of-Age-Geschichte. Auch die politische Entwicklung verläuft in einer für den Leser recht deutlich erkennbaren Dramaturgie. Der Trafikant ist ein wirkungsvoller, gut lesbarer Roman, aber gerade seine Eingängigkeit macht ihn gelegentlich etwas vorhersehbar.

Das große Leben eines kleinen Mannes

Zwei Jahre später gelang Seethaler mit Ein ganzes Leben sein vielleicht wichtigstes Buch. Der 2014 erschienene Roman erzählt auf ungefähr 150 Seiten die Geschichte von Andreas Egger, einem unehelich geborenen Jungen, der in einem österreichischen Bergdorf aufwächst, von seinem Pflegevater misshandelt wird und nach einer schweren Verletzung zeitlebens hinkt. Egger arbeitet als einfacher Tagelöhner, verliebt sich, erlebt einen kurzen Augenblick ehelichen Glücks und verliert seine Frau durch eine Lawinenkatastrophe. Der Zweite Weltkrieg führt ihn weit von seinem Tal fort; später kehrt er zurück und erlebt, wie die moderne Welt mit Seilbahnen, Tourismus und neuen Lebensgewohnheiten seine Heimat verändert. Es ist ein Leben voller Entbehrungen und Verluste, aber Seethaler verzichtet weitgehend darauf, seinen Helden bedauern zu lassen.

Die Stärke des Romans liegt in der ungewöhnlichen Konzentration. Seethaler braucht nur wenige Sätze, um eine Landschaft, eine körperliche Anstrengung oder einen Augenblick der Zuneigung entstehen zu lassen. Viele einschneidende Ereignisse werden knapp behandelt, während kleine sinnliche Beobachtungen ein erstaunliches Gewicht erhalten. Die Welt dieses Romans ist hart, aber nicht durchgehend trostlos. Egger erlebt Liebe, Freude an der Arbeit, Natur und die Genügsamkeit eines Mannes, der nicht ständig darüber nachdenkt, ob er sein Leben richtig gestaltet. Diese erzählerische Haltung lässt sich als Gegenentwurf zur modernen Vorstellung lesen, jeder Mensch müsse seine Biografie fortwährend optimieren. Seethaler interessiert sich für den Wert eines Lebens, das gesellschaftlich kaum sichtbar wird. Der Roman wurde 2015 mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet und erreichte 2016 in englischer Übersetzung die Shortlist des International Booker Prize. Später wurde auch diese Geschichte verfilmt.

Ganz unproblematisch ist die literarische Konstruktion allerdings nicht. Egger erträgt derart viele Schicksalsschläge mit beinahe unerschütterlicher Ruhe, dass seine Genügsamkeit stellenweise übermenschlich wirkt. Die extreme Verdichtung kann psychologische Widersprüche einebnen. Wo der Autor seinen Helden besonders wortkarg zeichnet, bleibt bisweilen offen, ob sich dahinter eine vielschichtige Persönlichkeit verbirgt oder ob der Leser diese Tiefe selbst ergänzen muss. Einige Kritiker haben dem Roman deshalb eine Neigung zur Verklärung von Entbehrung und zum Kitsch vorgeworfen. Diese Einwände sollte man ernst nehmen, ohne die Wirkung des Buches zu bestreiten. Gerade seine Einfachheit ermöglicht vielen Lesern einen unmittelbaren Zugang zur Frage, was ein erfülltes Leben eigentlich ausmacht. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Roman bietet unsere Rezension zu Ein ganzes Leben.

Mit Das Feld von 2018 veränderte Seethaler seine Erzählweise erneut. Auf einem Friedhof einer erfundenen Kleinstadt kommen die Verstorbenen zu Wort und berichten von ihrem Leben, ihren Hoffnungen, Irrtümern und Enttäuschungen. Aus den einzelnen Stimmen entsteht allmählich das Bild einer ganzen Gemeinschaft. Der Tod dient dabei weniger als religiöses oder metaphysisches Rätsel, sondern als Perspektive auf das gelebte Leben. Was haben Menschen einander angetan? Welche Chancen haben sie versäumt? An welchen scheinbar belanglosen Erinnerungen hängen sie noch? Das Verfahren ermöglicht bemerkenswerte Wechsel zwischen Trauer, Komik und menschlicher Erbärmlichkeit. Zugleich bringt es eine Schwierigkeit mit sich, die auch in späteren Büchern wiederkehren wird: Je stärker die einzelnen Stimmen dem persönlichen Stil des Autors unterworfen sind, desto schwerer lassen sie sich tatsächlich als unterschiedliche Menschen hören.

Gustav Mahler, die Erinnerung und die Rückkehr nach Wien

In Der letzte Satz von 2020 rückte Seethaler erstmals eine berühmte historische Persönlichkeit ins Zentrum eines ganzen Romans. Er begleitet Gustav Mahler auf dessen letzter Schiffsreise von Amerika nach Europa im Frühjahr 1911. Der schwer kranke Komponist blickt auf seine Ehe mit Alma, auf seine Musik, seine beruflichen Konflikte und den Tod seiner kleinen Tochter zurück. Die äußere Handlung bleibt auf wenige Situationen beschränkt. Das Entscheidende spielt sich in der Erinnerung eines Mannes ab, der erkennt, dass seine Zeit zu Ende geht. Die Sprache ist noch stärker reduziert als in den früheren Büchern, und Seethaler versucht, den berühmten Künstler aus seiner historischen Monumentalität zu lösen. Sein Mahler ist vor allem ein erschöpfter, eifersüchtiger, verletzlicher Mensch, der mit dem eigenen Leben nicht fertiggeworden ist.

Die Herkunft dieses Romans führt zurück zu jener Begegnung im israelischen Kibbuz, bei der Seethaler erstmals Mahlers Musik hörte. Es vergingen Jahrzehnte, bis aus der Erinnerung Literatur wurde. Allerdings ist Der letzte Satz nicht frei von Schwächen. Wer eine intensive Auseinandersetzung mit Mahlers Kompositionen oder den Besonderheiten seiner musikalischen Arbeit erwartet, erfährt vergleichsweise wenig darüber. Das Buch konzentriert sich vor allem auf Krankheit, Liebe, Verlust und Vergänglichkeit – also auf Themen, die Seethaler schon zuvor beschäftigt hatten. Der berühmte Komponist wird dadurch menschlich zugänglich, gelegentlich aber auch zu einer weiteren melancholischen Seethaler-Figur. Der Roman zeigt die Grenzen einer Methode, die historische Persönlichkeiten vor allem über Gefühle und existenzielle Erfahrungen erschließen möchte.

Mit Das Café ohne Namen von 2023 kehrte Seethaler literarisch in seine Heimatstadt zurück. Schauplatz ist Wien Ende der sechziger Jahre, genauer die Gegend um den Karmelitermarkt in der Leopoldstadt. Der Gelegenheitsarbeiter Robert Simon eröffnet ein kleines Café, das bald zum Treffpunkt unterschiedlichster Menschen wird. Stammgäste, Liebende, Einsame, Arbeiter und Menschen mit unerfüllten Hoffnungen finden dort für kurze Zeit einen gemeinsamen Ort. Die Handlung ist weniger wichtig als die Atmosphäre einer Stadt, die sich nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahrzehnten verändert. Seethaler kennt das Milieu aus seiner eigenen Herkunft, auch wenn er in Favoriten und nicht in der Leopoldstadt aufwuchs. Seine Eltern hatten ihre Jugend in diesem Teil Wiens verbracht. Das Buch ist deshalb auch eine Annäherung an die Lebenswelt der eigenen Familie, ohne ein autobiografischer Roman zu sein.

Gerade Das Café ohne Namen zeigt die Zuneigung des Autors zu Menschen, deren Lebensläufe selten dokumentiert werden. Ein ehemaliger Wrestler mit einem von körperlicher Arbeit und Verletzungen gezeichneten Körper interessiert ihn ebenso wie die Gäste eines kleinen Lokals, die sich nach Liebe oder wenigstens nach etwas Gesellschaft sehnen. Seethalers Blick bleibt dabei meist freundlich, manchmal sogar ausgesprochen nachsichtig. Darin liegt eine Stärke, aber auch eine Schwäche seines Schreibens. Die Zärtlichkeit, mit der er seine Figuren behandelt, kann die Härte gesellschaftlicher Verhältnisse abmildern. Wo andere Autoren Konflikte zuspitzen und ihre Figuren schonungslos bloßstellen, sucht Seethaler oft nach einem Moment der Menschlichkeit. Leser können das als große erzählerische Qualität empfinden – oder als eine gewisse Weigerung, die eigenen Figuren wirklich in ihrer Widersprüchlichkeit auszuleuchten.

Fünf Euro für neue Socken – der Mensch hinter dem zurückhaltenden Autor

Seethaler lebt seit vielen Jahren in Berlin und hält zugleich die Verbindung zu Wien. Über seine privaten Beziehungen spricht er nur zurückhaltend. Bekannt ist, dass er einen Sohn hat, der für ihn eine große Bedeutung besitzt. Eine kleine Geschichte, die Seethaler 2018 im Gespräch mit dem Magazin chrismon erzählte, vermittelt davon mehr als jede allgemeine Erklärung. Sein Sohn war damals in der Erinnerung des Vaters ungefähr fünf Jahre alt, als er bemerkte, dass dessen Socken Löcher hatten. Seethaler antwortete scherzhaft, für neue Socken habe er kein Geld. Der Junge ging zu seinem Sparschwein, holte seinen einzigen Fünf-Euro-Schein heraus und gab ihn seinem Vater, damit dieser sich neue Socken kaufen könne. Seethaler beschrieb später, wie gleichzeitig Wärme und Traurigkeit in ihm aufstiegen. Er fühlte sich beschenkt, weil sein Sohn bereit gewesen war, sein gesamtes verfügbares Geld für ihn herzugeben.

Die Geschichte ist deshalb so aufschlussreich, weil sie eine wiederkehrende Vorstellung in Seethalers Literatur konkret werden lässt: Ein Menschenleben besteht nicht allein aus seinen großen Entscheidungen, sondern auch aus flüchtigen Gesten, in denen sich Liebe, Fürsorge und Verletzlichkeit zeigen. In demselben Interview sprach er ausführlich über Scham. Sie müsse nicht immer durch ein bestimmtes Fehlverhalten ausgelöst werden, erklärte er. Man könne sich für ein Wort, einen Fleck auf der Kleidung oder für das eigene Dasein schämen. Der einstige Schauspieler, der auf der Bühne unter den Blicken fremder Menschen litt, hatte sich von diesem Gefühl auch als erfolgreicher Schriftsteller nicht vollständig befreit. Sein öffentliches Auftreten bleibt von einer merkwürdigen Spannung bestimmt: Er möchte seine Bücher gelesen wissen, empfindet aber die damit verbundene Aufmerksamkeit immer wieder als Überforderung.

Dabei besitzt Seethaler durchaus eine komische, manchmal absurde Seite, die bei seinem Ruf als ernsthafter Erzähler leicht übersehen wird. 2025 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Zeichner Marcus Weimer, bekannt als Rattelschneck, den Band Trotteln. Die Idee entstand in einer Kreuzberger Kneipe, wo die beiden auf Bierdeckeln zeichneten und schließlich einen längeren Austausch aus Briefen, Einfällen und absurden Figuren entwickelten. Das Ergebnis ist ein Buch voller skurriler Witze, merkwürdiger Superhelden und gepflegten Unsinns. Einer der erfundenen Helden heißt Tranquilizer und ist so langweilig, dass seine Gegner einschlafen. Das klingt zunächst nach einem erstaunlichen Ausflug für einen Schriftsteller, dessen erfolgreichste Bücher vom Tod, von Entbehrungen und verpassten Lebenschancen handeln. Tatsächlich erinnert dieses Nebenprojekt aber an den jungen Punkmusiker und den Autor der frühen, grotesken Romane. Der Hang zum Absurden war nie ganz verschwunden.

Auch zu seiner literarischen Arbeit hat Seethaler ein keineswegs widerspruchsfreies Verhältnis. Einerseits sagt er, er wolle beim Schreiben keine fertigen Antworten geben und seine Figuren möglichst frei von Urteilen betrachten. Andererseits entscheidet er als Autor natürlich sehr genau, welche Menschen er zeigt und welche Erfahrungen er hervorhebt. Er gilt als Meister der Reduktion, aber Reduktion bedeutet immer auch Auswahl und Ausschluss. Seine Figuren besitzen häufig eine besondere Würde gerade dadurch, dass ihre unangenehmen Eigenschaften, gewöhnlichen Gemeinheiten und kleinlichen Motive weniger Raum erhalten als ihre Sehnsüchte. Bei Seethaler werden sie dadurch oft leichter liebenswert als im wirklichen Leben. Das ist keine Täuschung, sondern eine literarische Entscheidung – allerdings eine, die man als Leser hinterfragen darf.

Eine ganze Straße und ein Theaterstück ohne Publikum

2026 erschien mit Die Straße ein Roman, in dem Seethaler seine bisherige Erzählweise weiterentwickelt. Schauplatz ist die erfundene Heidestraße, die weder eindeutig Wien noch Berlin zugeordnet werden kann. Über ungefähr ein Jahr hinweg treten zahlreiche Bewohner auf: eine Blumenhändlerin mit unerfüllter Liebe, ein Antiquar, ein Geistlicher, junge Menschen mit unkontrollierbarer Wut, Bewohner eines Pflegeheims und viele andere. Die Menschen begegnen einander, beobachten sich, reden übereinander oder gehen achtlos aneinander vorbei. Zugleich bedrohen Immobilieninteressen und Veränderungen des Viertels ihr gewohntes Zusammenleben. Einen einzelnen Helden gibt es nicht mehr. Der Roman besteht aus vielen kurzen Stimmen und Szenen, die sich erst in der Vorstellung des Lesers zu einem Gesamtbild verbinden.

Diese Form ist konsequent, denn Seethaler interessiert sich inzwischen weniger für klassische Handlungen als für einzelne Augenblicke. Er hat den Aufbau des Buches mit einem Mosaik verglichen, dessen Steine erst gemeinsam ein Bild ergeben. Das Verfahren ist reizvoll, weil es der Gleichzeitigkeit des wirklichen Lebens näherkommt als eine streng geführte Romanhandlung. Während ein Mensch trauert, freut sich ein anderer; während jemand sein Zuhause verliert, beginnt gegenüber eine neue Liebe. Die Konstruktion bringt aber erhebliche Risiken mit sich. Zahlreiche Stimmen bleiben zunächst schwer unterscheidbar, und die Menschen sprechen nicht immer so individuell, wie es ihrer unterschiedlichen Herkunft, Bildung oder ihrem Alter entsprechen würde. Auch die zeitliche Unbestimmtheit des Romans wirkt gelegentlich weniger wie künstlerische Freiheit als wie ein Ausweichen vor konkreter Gegenwart. In der Literaturkritik wurde deshalb unter anderem bemängelt, dass Seethalers unverwechselbarer Ton die Eigenständigkeit seiner Figuren beeinträchtige. Die Straße ist ein interessantes Experiment eines erfolgreichen Autors, der sich nicht ausschließlich wiederholen möchte, aber nicht jede literarische Entscheidung geht gleichermaßen überzeugend auf.

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Im selben Frühjahr schrieb Seethaler mit Vernissage sein erstes eigenständiges abendfüllendes Theaterstück. Die Uraufführung fand am 30. April 2026 am ETA Hoffmann Theater in Bamberg statt. Schauplatz ist eine Kunstgalerie, deren bessere Zeiten vorbei sind. Zwischen dem alten Galeristen, seinen Kindern, deren Partnern und den Mitarbeitern brechen familiäre und berufliche Konflikte auf. Es geht um verletzten Ehrgeiz, wirtschaftliche Interessen, schwindendes Ansehen und die Frage, was Kunst noch bedeutet, wenn niemand mehr dafür bezahlen will. Das Stück besitzt Züge einer tragikomischen Milieustudie und erinnert in seiner Konstellation an Anton Tschechow. Die Kritik würdigte einzelne berührende Momente, stellte aber auch fest, dass die Handlung zunächst Zeit brauche, um ihre Wirkung zu entfalten. Seethalers Rückkehr zum Theater erfolgte damit ausgerechnet in einer Form, bei der er nicht selbst auf der Bühne stehen musste.

Das bemerkenswerteste Detail dieser Premiere liegt jedoch außerhalb des Stücks: Der Autor war nicht anwesend. Seethaler berichtete anschließend, er sei vor Nervosität geradezu übel geworden. Der inzwischen weltbekannte Schriftsteller, dessen Romane in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und der bei Lesungen große Säle füllt, konnte sich offenbar nicht dazu überwinden, die erste Aufführung seines eigenen Theaterstücks mitzuerleben. Damit schließt sich ein Kreis zu dem jungen Schauspieler, der sich einst ins Licht stellen wollte und die Blicke des Publikums kaum ertrug. Sein Erfolg hat ihm viele Freiheiten verschafft, aber nicht alle Unsicherheiten genommen.

Vielleicht erklärt das auch seine neue Leidenschaft für die Fotografie. Ausgerechnet ein Mann, dessen Sehvermögen seit seiner Kindheit schwer eingeschränkt ist, begann sich zunehmend mit einem Medium zu beschäftigen, das vollständig auf optischer Wahrnehmung beruht. Er fotografiert Menschen, Schatten und flüchtige Situationen, häufig in Schwarz-Weiß. Im Sommer 2026 sprach er davon, dass ihn das Fotografieren momentan besonders interessiere. Für ihn ist es eng mit dem Schreiben verwandt: Beide Tätigkeiten bestehen darin, Augenblicke wahrzunehmen, festzuhalten und später vielleicht etwas in ihnen zu entdecken, das zunächst verborgen geblieben war. Der Junge, der einen Ball nach Gehör fing, versucht sechzig Jahre später, mit der Kamera eine Welt zu erfassen, die seinen Augen niemals ganz selbstverständlich offenstand.

Was von Robert Seethalers Literatur bleibt

Robert Seethaler gehört zu den erfolgreichsten österreichischen Schriftstellern seiner Generation. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt, Der Trafikant und Ein ganzes Leben erreichten ein Millionenpublikum. Seine besondere Fähigkeit besteht darin, gewöhnlichen Lebensläufen erzählerisches Gewicht zu geben. Er benötigt dafür keine spektakulären Helden, keine unüberschaubaren Familiengeschichten und keine komplizierten theoretischen Konstruktionen. Ein Mann, der sein ganzes Leben in einem Bergtal verbringt, ein junger Lehrling in einer Wiener Trafik oder die Besucher eines kleinen Cafés genügen ihm, um Fragen nach Liebe, Einsamkeit, Würde und Vergänglichkeit zu stellen.

Seethalers literarische Grenzen liegen nahe bei seinen Stärken. Seine Figuren sind oft zurückhaltend, seine Sprache schlicht, seine Geschichten berührend. Doch die Schlichtheit kann zur Manier werden, der Trost zur Sentimentalität und die Würde des kleinen Mannes zu einer romantischen Vorstellung vom genügsamen Leben. Gerade weil er Leser emotional so zuverlässig erreicht, lohnt es sich, genauer hinzusehen, wo diese Wirkung entsteht. Vertraut Seethaler wirklich der Vielschichtigkeit seiner Menschen, oder führt er sie gelegentlich allzu geschickt zu jener stillen Lebensweisheit, die sein Publikum von ihm erwartet? Seine besten Bücher halten diese Frage aus. Schwächere Arbeiten lassen erkennen, wie schnell eine unverwechselbare literarische Handschrift in Selbstwiederholung übergehen kann.

Wer Robert Seethaler kennenlernen möchte, sollte mit Der Trafikant beginnen, wenn ihn vor allem eine lebendige Geschichte und historische Konflikte interessieren. Ein ganzes Leben empfiehlt sich für Leser, die seine Kunst der Verdichtung in besonders konzentrierter Form erleben wollen. Das Feld bietet die ungewöhnlichere Erzählkonstruktion, während Das Café ohne Namen seine Verbundenheit mit Wien und sein Interesse am Leben einfacher Menschen besonders anschaulich macht. Wer Seethaler bereits kennt, sollte auch zu Die Biene und der Kurt greifen: Der frühe Roman zeigt eine weniger erwartbare, humorvollere Seite des Autors. Die Straße schließlich eignet sich für alle, die verfolgen möchten, wie Seethaler seine gewohnten Erzählformen zu überwinden versucht.

Vielleicht liegt der persönlichste Zugang zu seinen Büchern aber gar nicht in einer ausgefeilten literarischen Theorie. Er liegt in der Erinnerung an einen fünfjährigen Jungen, der seinen einzigen Geldschein aus dem Sparschwein holt, weil sein Vater neue Socken braucht. Ein kleiner, unscheinbarer Vorgang, in dem sich Zuneigung, Sorge, Missverständnis und die Bereitschaft zu einem Opfer verbinden. Seethaler hat solche Augenblicke nicht erfunden, um seine Literatur zu erklären. Er hat sie selbst erlebt. Und möglicherweise erkennt er gerade deshalb in den scheinbar nebensächlichen Gesten seiner Figuren etwas, das andere Schriftsteller erst in großen Dramen suchen.

Robert Seethaler – Leben und Werk im Überblick

Geboren am 7. August 1966 in Wien, Österreich. Aufgewachsen im Arbeiterbezirk Favoriten. Vater: Schlosser; Mutter: Sekretärin. Seit Geburt schwere Sehbehinderung, zahlreiche Augenoperationen. Besuch einer Schule für Sehbehinderte, später Gymnasium; Schulabbruch mit fünfzehn Jahren. Ausbildung und verschiedene berufliche Tätigkeiten, darunter Zeitungsbote, Verkäufer und therapeutische Arbeit. Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz. Später Schauspielausbildung in Wien, Theaterengagements sowie Film- und Fernsehrollen. Nachgeholte Matura und begonnenes Psychologiestudium. Vater eines Sohnes. Lebt in Berlin und Wien.

Romane: Die Biene und der Kurt (2006), Die weiteren Aussichten (2008), Jetzt wird’s ernst (2010), Der Trafikant (2012), Ein ganzes Leben (2014), Das Feld (2018), Der letzte Satz (2020), Das Café ohne Namen (2023), Die Straße (2026).

Weitere Arbeiten: Drehbücher, darunter Heartbreakin’ und Die zweite Frau; der gemeinsam mit Rattelschneck veröffentlichte Humorband Trotteln (2025); das Theaterstück Vernissage (Uraufführung 2026).

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl): Tankred-Dorst-Drehbuchpreis (2005), Debütpreis des Buddenbrookhauses (2007), Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich (2008), Alfred-Döblin-Stipendium (2008), Grimme-Auszeichnungen für den Film Die zweite Frau (2009), Grimmelshausen-Preis (2015), Shortlist des International Booker Prize mit Ein ganzes Leben (2016), Anton-Wildgans-Preis (2017), Rheingau Literaturpreis (2018), Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2022).

Verfasst von Marc und Hanna