
Seine Großmutter stieß eine Rivalin im Pelzmantel ins Wasser. Sein Vater wollte einen Banker aus ihm machen, sein literarischer Mentor einen Schriftsteller. Amor Towles entschied sich zunächst für das Geld und verbrachte mehr als zwanzig Jahre an der Wall Street, bevor er zum internationalen Bestsellerautor wurde. Towles kennt die Welt der Wohlhabenden aus eigener Anschauung – und betrachtet sie mit einer Mischung aus Zuneigung und Ironie.
Amor Towles erzählt gern eine Geschichte über seine Großmutter. Die war in jungen Jahren offenbar eine begehrte Frau, erhielt mehrere Heiratsanträge und hatte zunächst keinerlei Absicht, ihre Freiheit für einen Ehemann aufzugeben. Erst mit dreißig heiratete sie. Zuvor hatte sie allerdings eine Nebenbuhlerin im Pelzmantel kurzerhand ins Wasser gestoßen. Towles erfuhr solche Familiengeschichten Jahrzehnte später beim Mittagessen mit seinen Großeltern und verwendete Einzelheiten davon in seinem ersten Roman. Auch die Ehe seiner Eltern bot literarisches Material: Kurz nach der Hochzeit weigerte sich seine Mutter, herumliegende Kleidung aufzuräumen, woraufhin sein Vater die Sachen kurzerhand aus dem Fenster warf. Irgendjemand musste sie anschließend mitten in der Nacht wieder einsammeln. Towles verriet später nicht, wer von beiden diese Aufgabe übernahm. Der Autor ist ein Meister solcher Szenen, in denen die sorgfältig gepflegten Umgangsformen wohlhabender Menschen plötzlich einer erstaunlichen Rücksichtslosigkeit weichen.
Ein Sohn aus gutem Hause – und ein verärgerter Mentor
Amor Hollingsworth Towles wurde am 24. Oktober 1964 in Boston geboren. Sein Vater Stokely war Investmentbanker, die Familie gehörte zu den gesellschaftlich gut gestellten Kreisen Neuenglands. Seine Eltern trennten sich, als er noch jung war. Towles beschreibt seine Herkunft gelegentlich als mittelschichtig, doch die Familiengeschichte erzählt von beträchtlichen Privilegien. Seine Urgroßmutter war eine Angehörige der alten Bostoner Oberschicht, die in einem herrschaftlichen Haus lebte und ihre Urenkel in kleinen blauen Blazern empfing. Nach einer angemessenen Konversation durften die Kinder versteckte Fingerhüte suchen. Wer einen fand, erhielt einen Dollar. Towles besuchte eine Privatschule, studierte an der Yale University und erwarb anschließend einen Masterabschluss in englischer Literatur an der Stanford University. Er kannte jene Welt aus Vermögen, gesellschaftlichen Ritualen und diskreten Machtverhältnissen also lange bevor er darüber zu schreiben begann.
Schon als Kind schrieb Towles Geschichten. Mit zehn Jahren warf er eine Flaschenpost in den Atlantik und erhielt tatsächlich eine Antwort – auf Briefpapier der New York Times. Gefunden hatte die Flasche Harrison Salisbury, ein einflussreicher Redakteur der Zeitung und ehemaliger Moskau-Korrespondent. Aus dem kuriosen Zufall entstand eine jahrelange Korrespondenz. Später wurde Salisbury sogar zu einer kleinen Figur in Ein Gentleman in Moskau. An der Universität fand Towles einen weiteren außergewöhnlichen Förderer: den Schriftsteller Peter Matthiessen, Mitbegründer der Paris Review. Matthiessen erkannte sein Talent, betreute ihn und erwartete offenbar, dass der junge Mann eine literarische Laufbahn einschlagen würde. Als Towles stattdessen in die Finanzbranche wechselte, reagierte sein Mentor wütend. Er warnte ihn, dass Menschen, die einmal an die Wall Street gegangen seien, gewöhnlich nicht mehr zur Kunst zurückkehrten. Towles hat den älteren Schriftsteller später mit Jacob Marley aus Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte verglichen: einem warnenden Geist, dessen Ketten immer wieder vor der eigenen Tür rasseln.
Dass Towles überhaupt in New York landete, war allerdings einem politischen Ereignis zu verdanken. 1989 hatte er bereits ein zweijähriges Stipendium angenommen, um in China für Yale zu unterrichten. Er bereitete sich auf den Aufenthalt vor und begann Chinesisch zu lernen. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz wurde das Programm jedoch abgesagt. Towles stand plötzlich mit seinem gesamten Besitz im Auto da und wusste nicht weiter. Ein Freund bot ihm ein Zimmer in New York an, und Towles zog ein. Gleich am ersten Abend besuchte er eine Party, auf der er Menschen kennenlernte, die seinen weiteren Lebensweg prägen sollten. Er blieb in der Stadt, begann als Finanzanalyst und machte Karriere bei der Investmentfirma Select Equity Group. Schließlich wurde er Teilhaber und leitete mehr als fünfzehn Jahre deren Research-Bereich. Insgesamt verbrachte er 21 Jahre in der Investmentbranche, ehe er Anfang 2013 ausschied.
Sieben Jahre für ein Buch, das niemand lesen sollte
Das Geldverdienen gelang Towles offenbar wesentlich schneller als das Romanschreiben. Zwar veröffentlichte er schon 1989 Erzählungen in der angesehenen Paris Review, doch die Arbeit an einem größeren Werk entwickelte sich zum Desaster. Sieben Jahre lang schrieb er an einem Roman über das ländliche Russland während der Stalinzeit. Er arbeitete abends und an Wochenenden, während er tagsüber Finanzanlagen analysierte und sich mit seiner Frau um zwei kleine Kinder kümmerte. Das umfangreiche Manuskript besaß fünf Erzählperspektiven und eine komplizierte Handlung. Je länger er daran arbeitete, desto unzufriedener wurde er. Schließlich musste er sich eingestehen, dass die besten Passagen aus dem ersten Jahr stammten. Er legte das komplette Buch unveröffentlicht beiseite.
Für den nächsten Versuch entwickelte er eine beinahe geschäftsmäßige Disziplin. Am 1. Januar 2006 begann er mit Rules of Civility, auf Deutsch Eine Frage der Höflichkeit. Der Entwurf sollte genau ein Jahr beanspruchen, die Handlung ebenfalls ein einziges Jahr umfassen. Nach weiteren Überarbeitungen erschien der Roman 2011, als Towles bereits 46 Jahre alt war. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die 1938 in die gesellschaftlichen Kreise des reichen New York gerät und dort erlebt, wie eng Liebe, Geld, Täuschung und Ehrgeiz miteinander verbunden sind. Das Buch erinnert nicht zufällig an F. Scott Fitzgerald, dessen literarische Welt Towles seit Langem beschäftigt. Beide Autoren interessieren sich für Menschen, die reich sein möchten, dazugehören wollen oder ihre wahre Herkunft hinter einer glänzenden Fassade verstecken. Allerdings ist Towles weniger schonungslos als Fitzgerald. Seine Figuren erhalten häufiger eine zweite Chance, und seine Geschichten bewahren selbst im Unglück einen gewissen optimistischen Grundton.
Der Roman wurde ein Bestseller und ermöglichte Towles den beruflichen Ausstieg. Mit dem Erfolg erfüllte sich zugleich ein ungewöhnlicher Wunsch: Von seinen Bucheinnahmen kaufte er später ein Haus an einem See nördlich von New York. Bei der Besichtigung stellte er verblüfft fest, dass dessen großzügiger Wohnraum einem Haus ähnelte, das er zuvor in seinem Roman beschrieben hatte, ohne jemals ein solches Gebäude von innen gesehen zu haben. Aus dem ehemaligen Investmentmanager war endgültig ein Schriftsteller geworden, allerdings einer mit beträchtlichem finanziellen Sicherheitsnetz. Der gelegentlich erzählte Mythos vom Künstler, der seine Existenz aufs Spiel setzt, passt auf Towles deshalb nur bedingt.
Ein Moskauer Graf zwischen Luxus und Diktatur
Seinen größten Erfolg erzielte Towles 2016 mit Ein Gentleman in Moskau. Die Idee war während einer Geschäftsreise nach Genf entstanden. In einem Hotel beobachtete er mehrere Tage lang dieselben erschöpften Geschäftsleute und fragte sich, wie es wäre, einen Menschen dauerhaft in einem solchen Gebäude einzusperren. Daraus entstand die Geschichte des russischen Grafen Alexander Rostov, der 1922 von einem bolschewistischen Tribunal zu lebenslangem Hausarrest im Moskauer Hotel Metropol verurteilt wird. Während draußen Revolution, Stalinismus und Krieg das Land verändern, richtet sich der Graf im Hotel ein neues Leben ein, knüpft Freundschaften und entdeckt unerwartete familiäre Bindungen. Der Roman wurde ein internationaler Bestseller und 2024 mit Ewan McGregor in der Hauptrolle als Fernsehserie adaptiert.
Seine Popularität ist nachvollziehbar. Towles versteht es hervorragend, aus begrenztem Raum eine große erzählerische Welt zu machen. Gleichzeitig liegt genau darin das Problem. Die sowjetische Diktatur erscheint häufig als düsterer Hintergrund für eine Geschichte voller geistreicher Gespräche, guter Speisen und menschlicher Wärme. Der Literaturkritiker Douglas Smith bemängelte im Wall Street Journal, dass der Roman das wirkliche Lebensgefühl der Stalinzeit verfehle. Tatsächlich besitzt Towles keine besondere russlandwissenschaftliche Ausbildung, spricht nach eigenen Angaben kein Russisch und hatte das Land bis zur Entstehung des Buches nur wenige Male besucht. Ihm geht es weniger um die präzise Rekonstruktion historischer Wirklichkeit als um das Verhältnis zwischen Geschichte und Fantasie. Er räumt selbst ein, tatsächliche Ereignisse und erfundene Einzelheiten bewusst zu vermischen. Das macht Ein Gentleman in Moskau zu einem außerordentlich unterhaltsamen Roman, aber nicht unbedingt zu einem überzeugenden Bild des Lebens unter Stalin. Die gesellschaftliche Katastrophe bleibt erstaunlich oft außerhalb der luxuriösen Hoteltüren.
Mit Lincoln Highway (2021) verließ Towles die Welt der vornehmen Salons. Vier junge Menschen sind 1954 auf amerikanischen Straßen unterwegs, darunter ein frisch entlassener Jugendstrafgefangener, dessen Familie zerbrochen ist. Die Geschichte handelt von Schuld, Loyalität und der Möglichkeit eines Neuanfangs. Sie ist einfallsreich und voller skurriler Begegnungen, aber auch ausgesprochen lang und mit Nebenhandlungen überfrachtet. Die zahlreichen Abschweifungen und ein abruptes Ende wurden von Kritikern beanstandet. 2024 folgte Table for Two, eine Sammlung von sechs Erzählungen und der längeren Hollywood-Geschichte Eve in Hollywood, die auf Deutsch separat unter dem Titel Eve erschien. Darin begegnen sich schöne, wohlhabende und ehrgeizige Menschen in einer Welt aus sexuellen Intrigen, Erpressung und gesellschaftlicher Berechnung. Besonders die kürzeren Geschichten zeigen, dass Towles hinter seinen gepflegten Dialogen durchaus Boshaftigkeit, menschliche Schwächen und bitteren Humor unterbringen kann.
Was an Towles fasziniert – und was ihn begrenzt
Amor Towles lebt mit seiner Frau Maggie und den beiden gemeinsamen Kindern in Manhattan. Seine Wohnung besitzt eine eindrucksvolle Bibliothek, darunter wertvolle Erstausgaben von Autoren wie Hemingway, Faulkner und Fitzgerald. Ein signierter Band von Bob Dylan war ein Geschenk seiner Frau. Dass Towles großen Wert auf Bücher, Kunst und eine kultivierte Umgebung legt, wirkt keineswegs aufgesetzt. Es entspricht seiner Herkunft und seinen lebenslangen Interessen. Die oft jahrelange Vorbereitung seiner Romane, seine sorgfältigen Entwürfe und sein Spiel mit literarischen Anspielungen zeigen einen Autor, der sein Handwerk ernst nimmt. Zugleich lässt sich nicht übersehen, dass ihm das Leben in einer finanziell abgesicherten Umgebung außerordentlich gut gefällt. Seine literarische Vorliebe für Menschen mit guten Manieren besitzt durchaus autobiografische Wurzeln.
Towles ist ein glänzender Unterhaltungsautor, der historische Kulissen mit Witz, erzählerischer Eleganz und einem ausgeprägten Sinn für menschliche Beziehungen füllt. Doch seine Figuren sind manchmal zu charmant, seine Wendungen zu geschickt und seine historischen Welten zu behaglich. Selbst schwere Konflikte werden häufig so erzählt, dass der Leser sich am Ende versöhnt fühlt. Das ist eine legitime literarische Haltung, allerdings keine besonders schonungslose. Kritiker bemängeln zudem, dass sich Towles‘ Charaktere trotz einschneidender Erlebnisse nicht immer wesentlich verändern. Sein Erzählen ähnelt gelegentlich einem ausgezeichneten Dinner in einer eleganten Umgebung: Man genießt die Gesellschaft und die Gespräche, ahnt aber, dass draußen eine unbequemere Wirklichkeit wartet.
Als Einstieg empfiehlt sich Ein Gentleman in Moskau, sein erzählerisch besonders geschlossenes Buch. Wer sich stärker für gesellschaftliche Machtspiele, Liebe und die Abgründe der Oberschicht interessiert, sollte Eine Frage der Höflichkeit lesen. Die Erzählungen aus Table for Two sind eine gute Wahl für Leser, die Towles‘ kürzere, gelegentlich bissigere Seite kennenlernen möchten. Gerade dort zeigt sich, dass hinter seinen tadellos gekleideten Figuren manchmal dieselbe Unberechenbarkeit steckt wie einst bei seiner Großmutter, die ihre Rivalin kurzerhand ins Wasser beförderte.
Amor Towles – Fakten
- Geboren: 24. Oktober 1964 in Boston, Massachusetts, USA
- Vollständiger Name: Amor Hollingsworth Towles
- Familie: Vater Stokely Towles, Investmentbanker; Eltern geschieden; verheiratet mit Maggie Towles, zwei Kinder
- Ausbildung: Yale University; Master in englischer Literatur an der Stanford University
- Beruf vor der Schriftstellerei: 21 Jahre bei Select Equity Group, zuletzt unter anderem als Research-Leiter und Teilhaber
- Literarisches Debüt: Rules of Civility / Eine Frage der Höflichkeit (2011)
- Weitere Hauptwerke: Ein Gentleman in Moskau (2016), Lincoln Highway (2021), Table for Two und Eve (2024)
- Auszeichnungen: Prix Fitzgerald 2012 für die französische Übersetzung seines Debütromans; Finalist des Kirkus Prize 2016
- Erfolg: Über acht Millionen verkaufte Bücher, Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen (Stand 2026)
- Wohnort: Manhattan, New York
Verfasst von Hanna und Sophia.

