
Sie erfand das berühmteste Kindermädchen der Welt, verschwieg ihrem eigenen Sohn aber 17 Jahre lang, dass er adoptiert war und einen Zwillingsbruder hatte. Pamela Lyndon Travers glaubte an Astrologie, beschäftigte sich mit östlicher Mystik und stritt jahrzehntelang mit Walt Disney über die Verfilmung von „Mary Poppins“. Die berühmte Kinderbuchfigur sollte streng und geheimnisvoll sein – Disney machte aus ihr eine singende Gute-Laune-Dame. Travers hasste das Ergebnis, verdiente daran aber ein Vermögen. Ihre eigene Kindheit war von Alkoholismus und familiären Krisen geprägt. Der Erfolg ihrer Bücher machte sie reich, aber keineswegs zu einem einfachen Menschen.
Fast jedes Kind kennt Mary Poppins. Sie schwebt mit ihrem Regenschirm vom Himmel, bringt Ordnung in das Leben der Familie Banks und verwandelt den Alltag in ein Abenteuer. Doch die freundliche Julie Andrews, die 1964 auf der Kinoleinwand sang und tanzte, hat mit der ursprünglichen Romanfigur weniger gemeinsam, als viele Zuschauer vermuten. P. L. Travers hatte ein Kindermädchen erfunden, das streng, eitel, unberechenbar und gelegentlich ausgesprochen unangenehm ist. Es verlangt Gehorsam, erklärt kaum etwas und verschwindet, wenn es ihm passt. In gewisser Weise ähnelt Mary Poppins damit ihrer Schöpferin. Travers war eine ungewöhnliche, hochgebildete und fantasievolle Frau, die anderen Menschen viel abverlangen konnte und ihre eigenen Entscheidungen nur selten erklären wollte. Ihre Lebensgeschichte ist deshalb beinahe so merkwürdig wie die Abenteuer ihrer berühmtesten Figur.
Ein alkoholkranker Vater und die Angst vor dem Verlassenwerden
P. L. Travers wird am 9. August 1899 als Helen Lyndon Goff in Maryborough im australischen Bundesstaat Queensland geboren. Sie ist die älteste von drei Töchtern des Bankangestellten Travers Robert Goff und seiner Frau Margaret Agnes, geborene Morehead. Die Familie stammt aus wohlhabenden britisch-australischen Verhältnissen. Zu den Verwandten der Mutter gehört Boyd Dunlop Morehead, der Ende des 19. Jahrhunderts Premierminister von Queensland gewesen war. Das Leben der Familie ist zunächst von gesellschaftlichen Erwartungen geprägt, die deutlich an die britische Oberschicht erinnern.
Doch der Wohlstand beginnt zu bröckeln. Der Vater besitzt Charme und eine ausgeprägte Fantasie, trinkt jedoch immer stärker. Sein Alkoholismus beeinträchtigt seine berufliche Laufbahn. 1905 wird er von Maryborough in die kleinere Stadt Allora versetzt. Zwei Jahre später stirbt er an den Folgen einer alkoholbedingten Erkrankung. Helen ist erst sieben Jahre alt. Der frühe Tod des Vaters und der soziale Abstieg der Familie werden zu den prägenden Erfahrungen ihrer Kindheit.
In ihren späteren Erinnerungen beschreibt Travers den Vater mit großer Zuneigung. Er erzählt Geschichten, besitzt Humor und ermutigt die Fantasie seiner Kinder. Seine beruflichen Schwierigkeiten und seinen Alkoholismus behandelt sie dagegen lange zurückhaltend. Nach seinem Tod entwickelt sie eine idealisierte Vorstellung von ihm, die sich von der tatsächlichen familiären Situation erheblich unterscheidet. Dass ein geliebter Mensch gleichzeitig ein unzuverlässiger Vater sein kann, gehört zu jenen Widersprüchen, mit denen Travers offenbar nur schwer zurechtkommt.
Die Mutter zieht mit den drei Töchtern nach Bowral in New South Wales. Dort lebt die Familie unter bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen und ist auf die Unterstützung von Verwandten angewiesen. Besonders wichtig wird die resolute Großtante Helen Morehead, genannt Ellie oder Aunt Sass. Sie hilft der Familie finanziell, übernimmt praktische Aufgaben und begegnet den Kindern mit einer Mischung aus Strenge und Fürsorge.
Die Mutter ist mit ihrer neuen Situation zunehmend überfordert. Travers erzählt Jahrzehnte später von einem besonders erschütternden Vorfall: Eines Abends verschwindet Margaret nach einem Streit und droht, sich in einem nahegelegenen Bach das Leben zu nehmen. Die Kinder bleiben verängstigt zurück. Helen übernimmt als älteste Tochter die Verantwortung für ihre jüngeren Schwestern und versucht, sie zu beruhigen. Erst später kehrt die Mutter zurück.
Die Geschichte wird häufig als entscheidender Schlüssel zu Mary Poppins verstanden. Ein Kind erlebt, dass selbst die wichtigsten Erwachsenen plötzlich verschwinden können und ihre Fürsorge keineswegs verlässlich ist. Die Vorstellung einer geheimnisvollen Frau, die aus dem Nichts auftaucht und vorübergehend Ordnung schafft, erhält vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung.
Allerdings sollte man zwischen biografischer Erfahrung und literarischer Erklärung unterscheiden. Travers selbst wehrte sich gegen die Vorstellung, ihre berühmte Figur ließe sich aus einigen Kindheitserlebnissen vollständig herleiten. Sie bestand darauf, dass Geschichten ein eigenes Leben entwickeln und nicht bloß verschlüsselte Berichte über ihre Autoren sind. Trotzdem sind die Parallelen bemerkenswert. Der frühe Tod des Vaters, die psychische Überforderung der Mutter und die strenge, aber hilfreiche Großtante hinterlassen deutliche Spuren in ihrer literarischen Vorstellungswelt.
Besonders die Großtante Ellie wird später als eines der Vorbilder von Mary Poppins erkennbar. Travers beschreibt sie in einer autobiografisch gefärbten Erzählung als eine Frau, die äußerlich fast furchteinflößend wirkt, im Inneren aber außerordentlich liebevoll ist. Der Gegensatz zwischen strenger Erscheinung und verborgener Zärtlichkeit macht auch Mary Poppins aus. Die junge Helen entwickelt früh eine Leidenschaft für Geschichten. Sie liest Märchen, besonders die Brüder Grimm, und liebt deren düstere Seiten. Sie begeistert sich für Zauberei, Verwandlungen und ungewöhnliche Figuren. Ihre Fantasie kennt kaum Grenzen. Als kleines Mädchen spielt sie beispielsweise stundenlang eine brütende Henne und sitzt mit verschränkten Armen auf einem imaginären Nest. Für sie ist das keine bloße Unterhaltung, sondern eine Möglichkeit, eine andere Wirklichkeit zu erschaffen.
Die schulische Ausbildung führt sie zunächst nach Bowral und später auf ein Internat in Sydney. Schon als Jugendliche schreibt sie Gedichte und kleine Geschichten. Ihr Interesse gilt allerdings nicht ausschließlich der Literatur. Sie träumt auch davon, Schauspielerin zu werden und auf der Bühne zu stehen.
Ein neuer Name, Shakespeare und ein Leben voller Geheimnisse
Nach dem Schulabschluss beginnt Helen Goff eine Laufbahn als Schauspielerin. Sie nimmt Unterricht und tritt mit verschiedenen Theaterensembles auf. Besonders interessieren sie die Dramen Shakespeares. In den frühen 1920er-Jahren reist sie mit einer Schauspieltruppe durch Australien und Neuseeland und übernimmt unterschiedliche Rollen.
Für ihre Bühnenkarriere wählt sie den Namen Pamela Lyndon Travers. Der Nachname Travers stammt vom Vornamen ihres verstorbenen Vaters. Die Initialen P. L. wird sie später bevorzugen, weil sie ihre Persönlichkeit hinter dem Namen zurücktreten lassen möchte. Auch ihr genaues Geburtsjahr verschleiert sie. Zeitweise gibt sie 1906 an und macht sich damit sieben Jahre jünger. Die erhaltenen Unterlagen, darunter Briefe aus ihrer Kindheit und Passagierlisten, belegen jedoch 1899 als Geburtsjahr. Aus einem einfachen Altersgeheimnis wird dadurch eine biografische Merkwürdigkeit, über die noch lange nach ihrem Tod unterschiedliche Angaben kursieren.
Die Schauspielerei bringt nicht den erhofften großen Erfolg. Travers besitzt Talent und Bühnenerfahrung, doch ihre eigentlichen Möglichkeiten scheinen in der Literatur zu liegen. Während einer Tournee durch Neuseeland zeigt sie einem Journalisten einige ihrer Texte. Er ermutigt sie, für seine Zeitung zu schreiben. Bald veröffentlicht sie Gedichte, Reportagen und Essays in verschiedenen australischen Zeitschriften.
1924 reist sie nach England. Sie ist 24 Jahre alt, ehrgeizig und entschlossen, sich als Schriftstellerin durchzusetzen. Später wird sie gelegentlich erzählen, sie sei mit kaum mehr als zehn Pfund in London angekommen. Auch diese Darstellung gehört zu ihrer Neigung, die eigene Lebensgeschichte dramatisch auszuschmücken. Tatsächlich kann sie zumindest zeitweise auf die Unterstützung wohlhabender Verwandter zurückgreifen und verfügt über Kontakte, die ihr den Einstieg in die Londoner Literaturszene erleichtern.
In England lernt sie die Schriftstellerin und Künstlerin Madge Burnand kennen. Die beiden Frauen werden enge Gefährtinnen und wohnen über viele Jahre zusammen, zunächst in London und später in einem Landhaus in Sussex. Ihre Beziehung ist Gegenstand unterschiedlicher biografischer Deutungen. Die Biografin Valerie Lawson und andere Autoren sehen Hinweise auf eine Liebesbeziehung. Eindeutige Aussagen über deren intime Einzelheiten lassen sich jedoch nicht treffen. Travers selbst sprach nur ungern über ihr Privatleben und hielt zahlreiche Beziehungen bewusst im Verborgenen.
Sie heiratet nie, hat aber Beziehungen und enge persönliche Bindungen zu Männern und Frauen. Ihre Haltung zur Sexualität ist für ihre Zeit ungewöhnlich selbstbestimmt. Gleichzeitig scheint sie emotionale Nähe immer wieder mit einem starken Bedürfnis nach Unabhängigkeit zu verbinden. Sie möchte geliebt werden, ohne ihr Leben vollständig mit einem anderen Menschen teilen zu müssen. Dass eine solche Haltung für ihre Partner schwierig sein kann, wird in späteren biografischen Darstellungen mehrfach deutlich.
In London entdeckt Travers außerdem eine geistige Welt, die für ihr weiteres Leben entscheidend wird. Sie interessiert sich für irische Mythen, keltische Überlieferungen und spirituelle Traditionen. Besonders wichtig wird der Kontakt zum irischen Dichter George William Russell, bekannt unter dem Namen Æ. Russell gehört zu den angesehenen Persönlichkeiten der irischen Literaturszene und fördert junge Autoren. Er veröffentlicht Gedichte von Travers und führt sie in Kreise ein, zu denen auch William Butler Yeats gehört.
Für Travers ist die Begegnung eine intellektuelle Offenbarung. Sie beschäftigt sich fortan intensiv mit Märchen, Mythen und religiösen Vorstellungen aus unterschiedlichen Kulturen. Besonders fasziniert sie die Idee, dass traditionelle Geschichten verborgene Erkenntnisse über das menschliche Leben enthalten könnten. Sie interessiert sich für Theosophie, Astrologie und östliche Religionen. Später beschäftigt sie sich mit den Lehren des spirituellen Lehrers Georges I. Gurdjieff, dessen Vorstellungen von Bewusstsein und persönlicher Entwicklung sie nachhaltig beeinflussen.
Dieser Teil ihres Lebens wird in populären Darstellungen häufig übergangen. Dabei lässt sich Mary Poppins ohne Travers’ Interesse an Mythen und Spiritualität nur unvollständig verstehen. Ihre magische Kinderfrau ist keine gewöhnliche Märchenfee, die Wünsche erfüllt und anschließend verschwindet. Sie scheint vielmehr Zugang zu einer Wirklichkeit zu besitzen, die den übrigen Menschen verborgen bleibt. Tiere sprechen mit ihr, vertraute Gegenstände entwickeln ein Eigenleben, und gewöhnliche Räume verwandeln sich in geheimnisvolle Welten.
Travers möchte damit keine bloßen Zaubertricks vorführen. Sie glaubt, dass Märchen und Mythen Erfahrungen ausdrücken können, für die die alltägliche Sprache nicht ausreicht. Gerade deshalb ärgert sie sich später so sehr über die Verfilmung ihrer Bücher. Walt Disney macht aus ihren geheimnisvollen Geschichten ein fröhliches Familienmusical. Für Travers geht damit ein wesentlicher Teil ihrer Bedeutung verloren.
Mary Poppins erscheint – und ist keineswegs besonders nett
Anfang der 1930er-Jahre lebt Travers mit Madge Burnand in einem Cottage in Sussex. Sie schreibt Gedichte, Essays und journalistische Texte, doch der große literarische Erfolg bleibt aus. Im Winter 1933 erkrankt sie an einer Brustfellentzündung und muss längere Zeit das Bett hüten. Während dieser erzwungenen Ruhephase beginnt sie, eine Geschichte über ein ungewöhnliches Kindermädchen auszuarbeiten.
Die Figur Mary Poppins hatte bereits zuvor in kleineren Texten eine Rolle gespielt. Nun entwickelt Travers daraus ein eigenständiges Buch. 1934 erscheint Mary Poppins im Verlag Gerald Howe, illustriert von Mary Shepard, der Tochter des berühmten Zeichners E. H. Shepard, der unter anderem die klassischen Bilder zu Winnie-the-Pooh geschaffen hatte.
Der Roman wird schnell erfolgreich. Die Leser begegnen einer Figur, die sich kaum in die vertrauten Muster der damaligen Kinderliteratur einfügt. Mary Poppins kommt mit dem Ostwind zur Familie Banks in die Londoner Cherry Tree Lane. Sie übernimmt die Betreuung der Kinder Jane, Michael und ihrer jüngeren Geschwister. Schon ihr Auftreten macht deutlich, dass sie keinen Widerspruch duldet. Sie ist streng, selbstbewusst und überzeugt davon, dass sie nahezu alles besser weiß als ihre Umgebung.
Das Magische geschieht meist völlig unvermittelt. Mary Poppins kann mit Tieren sprechen, auf dem Geländer eine Treppe hinaufgleiten oder ungewöhnliche Ausflüge unternehmen. Doch wenn die Kinder nach einer Erklärung fragen, tut sie häufig so, als sei überhaupt nichts Besonderes geschehen. Sie bestreitet ihre eigenen Wunder mit einer Selbstverständlichkeit, die ihre jungen Schützlinge gelegentlich zur Verzweiflung bringt. Die literarische Mary Poppins ist zudem außerordentlich eitel. Sie bewundert sich im Spiegel, achtet auf ihr Äußeres und erwartet von anderen die Anerkennung ihrer besonderen Fähigkeiten. Sie kann unfreundlich und ungerecht sein. Ihre Zuneigung zeigt sie selten direkt. Gerade dadurch unterscheidet sie sich von jenen freundlichen Erwachsenen, die in vielen Kinderbüchern des frühen 20. Jahrhunderts vor allem als moralische Vorbilder auftreten.
Die Geschichten besitzen häufig eine dunkle, geheimnisvolle Seite. Kinder begegnen beunruhigenden Gestalten, werden mit der Möglichkeit des Verlassenwerdens konfrontiert und erfahren, dass die Welt der Erwachsenen keineswegs immer vernünftig oder zuverlässig ist. Mary Poppins bringt zwar Ordnung in den Haushalt, aber sie erklärt den Kindern nicht, weshalb die Welt so funktioniert, wie sie funktioniert. Sie verlangt, dass sie das Ungewöhnliche hinnehmen, ohne es vollständig verstehen zu können.
Gerade darin liegt die Stärke der Bücher. Travers traut ihren jungen Lesern zu, mit Unsicherheit und Mehrdeutigkeit umzugehen. Nicht jedes Abenteuer besitzt eine eindeutige Moral. Manche Ereignisse bleiben rätselhaft, und nicht jede Frage erhält eine Antwort. In dieser Hinsicht steht Mary Poppins in der Tradition von Lewis Carrolls Alice im Wunderland, das ebenfalls mit den scheinbar selbstverständlichen Regeln des Alltags spielt. Allerdings ist Travers weniger an sprachlichem Unsinn interessiert als an der Vorstellung einer geheimnisvollen Ordnung hinter der sichtbaren Welt.
Auf den ersten Band folgen Mary Poppins Comes Back (1935), Mary Poppins Opens the Door (1943) und Mary Poppins in the Park (1952). Später entstehen weitere Bücher, darunter Mary Poppins from A to Z (1963), Mary Poppins in the Kitchen (1975) und zwei späte Fortsetzungen aus den 1980er-Jahren. Insgesamt umfasst die Reihe acht eigenständige Bände.
Nicht alle erreichen die Qualität des Originals. Gerade die späteren Geschichten wirken gelegentlich wie Variationen bekannter Einfälle. Travers kann sich in mythologischen Anspielungen und geheimnisvollen Andeutungen verlieren, die erwachsene Leser möglicherweise interessanter finden als Kinder. Dennoch besitzt die Figur Mary Poppins eine ungewöhnliche Beständigkeit. Ihre Mischung aus Strenge, Unberechenbarkeit und verborgener Fürsorge bleibt über Jahrzehnte wiedererkennbar.
Literarisch sind die Bücher auch deshalb bemerkenswert, weil ihre Hauptfigur keine sympathische Identifikationsfigur im gewöhnlichen Sinn ist. Mary Poppins möchte nicht geliebt werden, jedenfalls nicht offen. Sie will respektiert werden, bewundert werden und ihre Geheimnisse für sich behalten. Dass Kinder eine solche Figur trotzdem lieben können, sagt einiges über Travers’ Verständnis von kindlicher Fantasie aus. Eine Geschichte muss nicht immer beruhigend sein, um faszinierend zu wirken.
Ein Kind, ein Astrologe und die verschwiegene Hälfte einer Familie
1939 trifft Travers eine Entscheidung, die zu den umstrittensten Ereignissen ihres Lebens gehört. Sie möchte ein Kind adoptieren und reist nach Irland. Dort kennt sie eine Familie, die mit dem irischen Literaturbetrieb verbunden ist. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Joseph Hone und seine Frau kümmern sich um mehrere Enkelkinder, deren Eltern sie nicht ausreichend versorgen können. Insgesamt gehören sieben Kinder zur Familie.
Unter ihnen befinden sich die Zwillingsbrüder Camillus und Anthony. Travers interessiert sich für eine Adoption und steht vor der Frage, welches Kind sie aufnehmen soll. Die Familie würde es begrüßen, wenn beide Zwillinge gemeinsam ein neues Zuhause erhielten. Travers entscheidet sich jedoch, nur einen von ihnen zu adoptieren.
Bei dieser Entscheidung spielt ein Astrologe eine Rolle. Nach den Recherchen ihrer Biografin Valerie Lawson konsultiert Travers den amerikanischen Astrologen L. Edward Johndro, der die Horoskope der beiden Jungen untersucht. Er empfiehlt ihr Camillus. Seine Berechnungen sollen ergeben haben, dass dessen astrologische Konstellation besonders gut zu ihrer eigenen passe. Travers folgt der Empfehlung und nimmt Camillus mit nach England. Anthony bleibt in Irland zurück.
Dass eine gebildete Schriftstellerin ihre Entscheidung über das Schicksal zweier Kinder auch von einem Horoskop abhängig macht, ist bemerkenswert. Travers interessiert sich zwar seit Jahren für astrologische und mystische Vorstellungen, doch hier hat ihr Glaube unmittelbare Folgen für andere Menschen. Sie trennt zwei Brüder, die gemeinsam aufgewachsen wären, und entscheidet über ihre Zukunft aufgrund von Kriterien, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt ist.
Noch schwerer wiegt, was anschließend geschieht. Travers erzählt Camillus, sie sei seine leibliche Mutter und sein Vater sei bereits gestorben. Von seiner tatsächlichen Herkunft und seinem Zwillingsbruder erfährt er nichts. Der Junge wächst in dem Glauben auf, ein Einzelkind zu sein. Die Schriftstellerin schafft damit eine familiäre Wirklichkeit, die vollständig auf einer bewusst aufrechterhaltenen Unwahrheit beruht.
Camillus erhält eine privilegierte Erziehung. Er lebt mit seiner Mutter in England und während des Zweiten Weltkriegs zeitweise in den Vereinigten Staaten. Travers kümmert sich um seine Bildung und versucht, ihm ein gutes Leben zu ermöglichen. Doch die Beziehung wird durch ihren starken Kontrollanspruch belastet. Nach späteren Berichten bestimmt sie wichtige Bereiche seines Alltags und erwartet, dass er sich ihren Vorstellungen anpasst.
Der Konflikt eskaliert, als Camillus siebzehn Jahre alt ist. Eines Tages erscheint ein junger Mann vor der Londoner Wohnung und verlangt, seinen Bruder zu sehen. Es ist Anthony, der inzwischen von der Existenz seines Zwillings weiß. Travers versucht zunächst, die Begegnung zu verhindern. Doch Camillus erfährt schließlich die Wahrheit und sucht den Kontakt zu seinem Bruder. Die Entdeckung erschüttert sein bisheriges Leben. Er muss erkennen, dass seine vermeintliche Mutter ihn über seine Herkunft belogen hat und dass ein wesentlicher Teil seiner Familiengeschichte bewusst vor ihm verborgen wurde. Die Beziehung zu Travers verschlechtert sich erheblich. Über längere Zeit kommt es zu einer Entfremdung.
Später haben beide Brüder mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Camillus führt zeitweise ein schwieriges Leben, heiratet und bekommt drei Kinder. Seine Beziehung zu Travers bleibt kompliziert. Dass die Zwillingsbrüder unter sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen und familiären Bedingungen aufwuchsen, macht ihre spätere Entwicklung zu einer bedrückenden Geschichte. Allerdings wäre es spekulativ, ihre Alkoholprobleme allein auf die Trennung zurückzuführen. Dafür fehlen belastbare psychologische Untersuchungen.
Anthony stirbt 2005, Camillus 2011. In späteren Interviews wird deutlich, wie stark die frühe Trennung das Leben der Brüder geprägt hat. Camillus erklärt einem Bekannten sinngemäß, er habe lange das Gefühl gehabt, dass ihm ein Teil seiner selbst fehle.
Für Travers’ Biografie ist diese Episode besonders wichtig, weil sie einen tiefen Widerspruch offenlegt. Eine Frau, die in ihren Büchern über Fürsorge, kindliche Fantasie und die Geheimnisse des Erwachsenwerdens schreibt, verweigert ihrem eigenen Sohn grundlegende Informationen über seine Herkunft. Sie besitzt offenbar ein großes Bedürfnis nach Mutterschaft, möchte die Beziehung aber gleichzeitig nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.
Man kann nachvollziehen, dass Adoptionen in den 1930er- und 1940er-Jahren häufig von Geheimhaltung begleitet wurden. Die gesellschaftlichen Vorstellungen über uneheliche Kinder, Herkunft und familiäre Zugehörigkeit unterschieden sich erheblich von heutigen Auffassungen. Doch diese historische Einordnung erklärt nicht vollständig, weshalb Travers auch die Existenz des Zwillingsbruders verschwieg und später versuchte, den Kontakt zwischen beiden zu verhindern.
Die Entscheidung bleibt eine der schwerwiegendsten persönlichen Fehlleistungen einer Schriftstellerin, deren Bücher Millionen Kindern Freude bereitet haben. Gerade deshalb gehört sie in eine ernsthafte Biografie.
Walt Disney kauft die Rechte – und die Autorin verliert die Kontrolle
Während des Zweiten Weltkriegs hält sich Travers mit ihrem Sohn längere Zeit in den Vereinigten Staaten auf. Sie arbeitet zeitweise für amerikanische Informationsdienste und beteiligt sich an Sendungen, die in besetzte europäische Länder ausgestrahlt werden. Außerdem unternimmt sie Reisen in den amerikanischen Südwesten und beschäftigt sich mit den kulturellen und spirituellen Traditionen der Navajo.
Schon damals interessiert sich Walt Disney für eine Verfilmung von Mary Poppins. Seine Töchter lieben die Bücher, und er erkennt das Potenzial der Figur für einen großen Familienfilm. Doch Travers weigert sich lange, die Rechte zu verkaufen. Sie befürchtet, dass Disney aus ihren geheimnisvollen Geschichten eine sentimentale Unterhaltung machen könnte, die mit ihren eigenen Vorstellungen wenig gemeinsam hat.
Die Verhandlungen ziehen sich über viele Jahre hin. Erst Anfang der 1960er-Jahre gelingt es Disney, die Rechte zu erwerben. Ein wesentlicher Grund dürfte finanzieller Natur gewesen sein. Travers’ Einnahmen aus den Büchern sind zurückgegangen, und das Angebot des amerikanischen Filmkonzerns ist außerordentlich attraktiv.
Nach späteren Angaben erhält Travers etwa 100.000 Dollar sowie eine Beteiligung von fünf Prozent an den Bruttoeinnahmen des Films. Für eine Kinderbuchautorin ist das eine erhebliche Summe. Die Verfilmung wird sie dauerhaft wohlhabend machen.
Allerdings ist Travers nicht bereit, ihre Figur einfach aus der Hand zu geben. Sie verlangt Mitsprache bei der Entwicklung des Drehbuchs und reist 1961 nach Kalifornien, um mit den Disney-Mitarbeitern über die geplante Produktion zu sprechen. Die Treffen werden auf ihren Wunsch aufgezeichnet. Dadurch existieren bis heute Tonaufnahmen, die einen ungewöhnlich direkten Einblick in die Auseinandersetzungen bieten.
Travers kritisiert nahezu jeden Aspekt der geplanten Verfilmung. Sie möchte keine Zeichentricksequenzen, lehnt zahlreiche musikalische Ideen ab und ist mit der Darstellung von Mary Poppins unzufrieden. Besonders die Absicht, das geheimnisvolle Kindermädchen zu einer freundlichen, singenden Figur zu machen, widerspricht ihren Vorstellungen.
Die Disney-Mitarbeiter versuchen, Kompromisse zu finden. Die Brüder Richard und Robert Sherman schreiben die Musik, während Drehbuchautor Don DaGradi an der Handlung arbeitet. Travers besteht immer wieder auf Änderungen und versucht, die Gestaltung bis in kleinste Einzelheiten zu beeinflussen. Ihr Verhalten bringt die Beteiligten teilweise an den Rand der Geduld. Gleichzeitig sollte man die Auseinandersetzung nicht bloß als Geschichte einer schwierigen Schriftstellerin betrachten, die den armen Filmemachern das Leben schwer macht. Travers verteidigt eine Figur, die sie selbst geschaffen und deren literarische Bedeutung sie über Jahrzehnte entwickelt hat. Walt Disney dagegen verfolgt ein eigenes künstlerisches und wirtschaftliches Konzept. Der Konflikt betrifft deshalb auch die Frage, wem eine Geschichte gehört, sobald ihre Verfilmungsrechte verkauft worden sind.
1964 kommt Mary Poppins mit Julie Andrews in der Titelrolle und Dick Van Dyke als Bert in die Kinos. Der Film wird zu einem der größten Erfolge der Disney-Geschichte und gewinnt fünf Oscars. Millionen Zuschauer lieben die Lieder, die fantasievollen Szenen und die freundliche Heldin, die der Familie Banks zu mehr Zusammenhalt verhilft. Travers selbst ist entsetzt. Sie empfindet die Figur als zu liebenswürdig, die Handlung als zu sentimental und die Zeichentricksequenzen als unangemessen. Besonders die tanzenden Pinguine und andere animierte Figuren widersprechen ihrer Vorstellung einer geheimnisvollen, ernst zu nehmenden Kinderbuchwelt.
Bei der Filmpremiere in Los Angeles soll sie geweint haben. Später wird diese Szene häufig als Beweis dafür dargestellt, dass der Film sie am Ende doch gerührt habe. Tatsächlich ist die Bedeutung ihrer Tränen nicht eindeutig belegt. Vieles spricht dafür, dass sie mit dem Ergebnis weiterhin unzufrieden war. Eine besonders hartnäckige Legende besagt, Travers habe sich gegen Julie Andrews persönlich gewehrt. Ihre Kritik richtete sich jedoch vor allem gegen die Gestaltung der Filmfigur und gegen das Gesamtkonzept. Andrews war eine hervorragende Sängerin und Schauspielerin, aber ihre freundlichere Mary Poppins entsprach nicht dem Wesen der Bücher.
Trotz ihres Ärgers profitiert Travers finanziell erheblich von der Verfilmung. Der Film macht ihre Figur weltberühmt und sorgt dafür, dass die Bücher über Jahrzehnte hinweg immer neue Leser finden. Die wirtschaftliche Wirkung ist so groß, dass Travers künftig nicht mehr auf regelmäßige Einnahmen aus journalistischer Arbeit angewiesen ist.
Der Erfolg besitzt allerdings eine bittere Ironie. Die meisten Menschen lernen Mary Poppins nun in einer Version kennen, die ihre Schöpferin selbst ablehnt. Die Figur gehört kulturell längst nicht mehr allein ihrer Autorin. Walt Disney hat sie so stark verändert, dass für viele Zuschauer die singende Julie Andrews zur eigentlichen Mary Poppins geworden ist.
Saving Mr. Banks: Wie Disney seine eigene Geschichte schöner machte
2013 erscheint der Film Saving Mr. Banks, in dem Emma Thompson die Schriftstellerin und Tom Hanks Walt Disney spielt. Die Handlung erzählt von den schwierigen Verhandlungen um die Verfilmungsrechte und verbindet sie mit Rückblenden auf Travers’ Kindheit in Australien.
Besonders die Beziehung zu ihrem alkoholkranken Vater steht im Mittelpunkt. Der Film entwickelt daraus eine bewegende Geschichte über Verlust, Erinnerung und die heilende Kraft des Erzählens. Walt Disney erkennt angeblich die persönliche Bedeutung von Mary Poppins für die Schriftstellerin und gewinnt schließlich ihr Vertrauen.
Das ist unterhaltsames Kino, aber keine zuverlässige Biografie. Schon die grundlegende Handlung stimmt nur teilweise mit den historischen Vorgängen überein. Disney hatte die entscheidenden Filmrechte bereits erworben, bevor Travers zu den ausführlichen Besprechungen nach Kalifornien kam. Die im Film dargestellte persönliche Überzeugungsarbeit Walt Disneys ist in wesentlichen Teilen erfunden. Auch seine angebliche Reise nach London, um Travers durch ein vertrauliches Gespräch über ihre Kindheit zur Zustimmung zu bewegen, besitzt keine belastbare historische Grundlage.
Besonders auffällig ist die Darstellung der Autorin selbst. Emma Thompson spielt Travers als steife, unfreundliche und emotional verschlossene Frau, die erst durch Disney lernt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Die tatsächliche Schriftstellerin war zweifellos schwierig, aber auch humorvoll, intellektuell neugierig und gesellschaftlich wesentlich vielseitiger, als diese Filmfigur vermuten lässt. Der Literaturwissenschaftler Jerry Griswold, der Travers persönlich kannte, kritisiert die Darstellung ausdrücklich. Er hält sie für eine unfaire Verkürzung einer außergewöhnlich klugen und komplexen Persönlichkeit. Andere Zeitzeugen, darunter Angehörige ihres Adoptivsohns, beschreiben Travers dagegen tatsächlich als kontrollierend und selbstbezogen. Die unterschiedlichen Einschätzungen zeigen, dass sich die Schriftstellerin nicht einfach auf eine einzige Charaktereigenschaft reduzieren lässt.
Am wichtigsten ist jedoch, dass Saving Mr. Banks den historischen Konflikt zu einer Geschichte über die Einsicht eines großen Filmproduzenten umformt. Disney erscheint als verständnisvoller Mann, der hinter der Strenge der Schriftstellerin deren verletzte Seele erkennt. Travers wird damit gewissermaßen nachträglich von jenem Unternehmen erlöst, das ihre Bücher gegen ihren ausdrücklichen Willen erheblich verändert hatte.
Die Wirklichkeit war weniger versöhnlich. Travers änderte ihre grundsätzliche Ablehnung der Disney-Version nicht. Sie blieb überzeugt, dass der Film ihre Figur falsch darstellte. Der wirtschaftliche Erfolg beeinflusste diese Haltung offenbar kaum. Bemerkenswert ist außerdem, dass Travers selbst eine Meisterin der biografischen Selbstinszenierung war. Sie verschwieg ihr tatsächliches Alter, idealisierte die Erinnerung an ihren Vater und hielt wesentliche Teile ihres Privatlebens geheim. Die Vorstellung, ihre wahre Persönlichkeit ließe sich in einem zweistündigen Hollywoodfilm endgültig erklären, wäre ihr vermutlich besonders unangenehm gewesen.
Der Film ist deshalb eher eine weitere Bearbeitung ihrer Lebensgeschichte als ein verlässliches Porträt. Er erzählt nicht nur von der Entstehung von Mary Poppins, sondern auch von Disneys eigener Vorstellung, wie eine gute Geschichte enden sollte: mit Versöhnung, Verständnis und einem möglichst glücklichen Schluss. Gerade dieser Wunsch nach einem versöhnlichen Ende ist etwas, dem Travers in ihren eigenen Büchern regelmäßig misstraute.
Zwischen Zen-Buddhismus, Astrologie und einem Leben ohne einfache Antworten
Nach dem Erfolg von Mary Poppins kann Travers weitgehend unabhängig leben. Sie reist viel, beschäftigt sich weiterhin mit spirituellen Fragen und veröffentlicht neben den Kinderbüchern auch Essays über Mythen, Märchen und religiöse Traditionen.
Besonders die Lehren von Georges I. Gurdjieff beschäftigen sie. Der aus dem Kaukasus stammende spirituelle Lehrer vertritt die Vorstellung, Menschen lebten häufig in einem Zustand unbewusster Gewohnheiten und müssten durch besondere Übungen zu größerer Selbsterkenntnis gelangen. Travers interessiert sich intensiv für diese Gedanken und beschäftigt sich auch nach Gurdjieffs Tod mit seinem Werk.
Ihr Interesse an spirituellen Lehren beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Tradition. Sie liest buddhistische und hinduistische Texte, untersucht alte Mythen und interessiert sich für die symbolische Bedeutung von Märchen. Zeitweise beschäftigt sie sich mit Zen-Buddhismus und unternimmt Reisen nach Japan. Die Verbindung unterschiedlicher Traditionen kann man als Ausdruck großer geistiger Neugier betrachten. Allerdings besitzt Travers auch eine erhebliche Bereitschaft, spekulative Vorstellungen für persönliche Entscheidungen heranzuziehen. Besonders die Adoption ihres Sohnes zeigt, dass sie der Astrologie eine Bedeutung zuschreibt, die über bloßes kulturelles Interesse weit hinausgeht.
Ihre Beschäftigung mit Mythen beeinflusst auch ihre literarische Arbeit. In About the Sleeping Beauty (1975) untersucht sie das Märchen von Dornröschen und versucht, seine tieferen symbolischen Bedeutungen zu erschließen. Dabei interessiert sie weniger die gewöhnliche Handlung als die Frage, weshalb bestimmte Geschichten über Jahrhunderte hinweg immer wieder erzählt werden. Ein ähnliches Thema verfolgt sie in What the Bee Knows (1989), einer Sammlung von Essays über Märchen, Symbole und traditionelle Erzählungen. Travers betrachtet solche Geschichten als Ausdruck grundlegender menschlicher Erfahrungen. Ihre Deutungen sind oft anregend, gelegentlich aber auch stark von persönlichen spirituellen Überzeugungen geprägt.
Literarisch sind diese Arbeiten weniger unmittelbar zugänglich als die Mary-Poppins-Bücher. Travers setzt umfangreiche Kenntnisse mythologischer und religiöser Traditionen voraus und neigt dazu, einzelne Bilder mit sehr weitreichenden Bedeutungen aufzuladen. Nicht jede ihrer Interpretationen überzeugt. Manchmal entsteht der Eindruck, dass sie in alten Geschichten vor allem jene Geheimnisse findet, nach denen sie ohnehin gesucht hat.
Das mindert ihre Bedeutung als Kinderbuchautorin nicht. Im Gegenteil: Gerade die Mischung aus Alltag, Fantasie und verborgener symbolischer Ordnung verleiht ihren besten Geschichten eine ungewöhnliche Atmosphäre. Wer Mary Poppins ausschließlich als freundliche Zauberfrau betrachtet, übersieht diesen Teil des Werks.
1977 wird Travers für ihre literarischen Leistungen zum Officer of the Order of the British Empire ernannt. Die Auszeichnung bestätigt ihre gesellschaftliche Anerkennung, auch wenn sie selbst sich nur ungern als berühmte Schriftstellerin inszenieren lässt. Ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit bleibt widersprüchlich. Einerseits möchte sie ernst genommen werden und ärgert sich, wenn ihre Bücher ausschließlich auf den Erfolg der Disney-Verfilmung reduziert werden. Andererseits lehnt sie biografische Nachfragen häufig ab und verweigert Journalisten Einblicke in ihr persönliches Leben.
Besonders deutlich wird diese Haltung in einem Interview von 1988. Travers erklärt sich zu einem Gespräch bereit, verlangt aber, dass ihre private Biografie nicht zum Thema gemacht wird. Sie möchte lieber über Bücher, Mythen und Geschichten sprechen als über ihre Familie oder frühere Beziehungen. Dabei hinterlässt sie selbst umfangreiche persönliche Unterlagen. Teile ihres Nachlasses verkauft sie an die Mitchell Library in Sydney, wo sie von Wissenschaftlern untersucht werden können. Die Frau, die ihre Privatsphäre schützen wollte, sorgt damit zugleich dafür, dass künftige Generationen ihre Briefe und Manuskripte lesen können. Auch das gehört zu den Widersprüchen ihres Lebens. Am 23. April 1996 stirbt Pamela Lyndon Travers im Alter von 96 Jahren in London. Sie wird nach einer kirchlichen Trauerfeier eingeäschert. Zu diesem Zeitpunkt sind ihre Bücher längst Klassiker der englischsprachigen Kinderliteratur, auch wenn die Filmfigur Mary Poppins den Namen ihrer Schöpferin weltweit überstrahlt.
Die Kunst, Kinder ernst zu nehmen – ohne ihnen alles zu erklären
P. L. Travers gehört zu den ungewöhnlichsten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Ihr Erfolg beruht nicht allein auf der Erfindung eines magischen Kindermädchens, sondern auf einer besonderen Vorstellung davon, was Kinderliteratur leisten kann. Ihre Geschichten behandeln Kinder nicht als kleine Erwachsene, denen ständig erklärt werden muss, wie die Welt funktioniert. Sie nehmen vielmehr ernst, dass Kinder in einer Umgebung leben, deren Regeln ihnen häufig unverständlich bleiben. Erwachsene geben Anweisungen, treffen Entscheidungen und verlangen Gehorsam, ohne ihre Motive offenzulegen. Mary Poppins macht diese Erfahrung zum Bestandteil ihrer fantastischen Abenteuer.
Die Figur ist deshalb keineswegs immer sympathisch. Sie besitzt etwas Einschüchterndes und Unberechenbares. Travers lässt sie gelegentlich fast grausam erscheinen, ohne daraus ein ausdrückliches moralisches Problem zu machen. In den besten Geschichten entsteht daraus eine besondere Spannung: Mary Poppins ist zugleich Beschützerin und Quelle der Verunsicherung.
Das ist literarisch interessant, kann aber auch kritisiert werden. Manche Geschichten sind stark episodisch aufgebaut, und die Figuren entwickeln sich nur wenig. Jane und Michael Banks erleben immer neue Abenteuer, lernen aber kaum etwas, das ihr Leben dauerhaft verändert. Mary Poppins bleibt grundsätzlich dieselbe rätselhafte Persönlichkeit. Wer Kinderbücher bevorzugt, in denen Figuren nachvollziehbare Entwicklungen durchlaufen, wird diese Struktur möglicherweise als unbefriedigend empfinden.
Auch Travers’ Neigung zur symbolischen Überhöhung ist nicht immer überzeugend. Manche fantastische Szene scheint weniger aus der Handlung zu entstehen als aus dem Wunsch der Autorin, einen mythologischen Gedanken unterzubringen. Die Bücher besitzen dadurch eine geistige Tiefe, verlieren gelegentlich aber an erzählerischer Leichtigkeit.
Gerade deshalb ist der Vergleich mit der Disney-Verfilmung interessant. Der Film vereinfacht die Figur erheblich, gewinnt dadurch aber einen eigenen künstlerischen Reiz. Seine Lieder, die Darsteller und die Verbindung von Realfilm und Animation besitzen eine Qualität, die man nicht einfach deshalb abwerten sollte, weil sie den Vorstellungen der Autorin widersprechen.
Walt Disney schuf keine besonders werkgetreue Verfilmung. Er schuf vielmehr eine eigenständige Interpretation, die für Millionen Menschen zum prägenden Bild von Mary Poppins wurde. Dass Travers damit unzufrieden war, ist nachvollziehbar. Dass der Film trotzdem hervorragend funktioniert, bleibt ebenfalls wahr.
Wer sich für die ursprüngliche Figur interessiert, sollte deshalb unbedingt den ersten Mary-Poppins-Band lesen. Dort begegnet man einer Frau, die erheblich weniger freundlich ist als Julie Andrews und deren Zauberei häufig mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Besonders für Erwachsene, die den Film aus ihrer Kindheit kennen, dürfte diese Lektüre eine Überraschung sein.
Travers’ übriges Werk ist für ein breites Publikum weniger bedeutend. Ihre Essays über Märchen und Mythen sind vor allem für Leser interessant, die sich mit religiösen und symbolischen Deutungen beschäftigen möchten. Ihre Romane außerhalb der Mary-Poppins-Reihe besitzen einzelne Qualitäten, haben aber keine vergleichbare Wirkung entfaltet.
Was von Pamela Lyndon Travers bleibt, ist deshalb vor allem eine literarische Figur, die ihre Schöpferin in gewisser Weise überlebt und überwältigt hat. Mary Poppins ist längst größer geworden als die Bücher, in denen sie erstmals erschien. Sie gehört zum kulturellen Gedächtnis vieler Generationen, ohne dass diese ihren Ursprung noch kennen müssten.
Die Lebensgeschichte ihrer Schöpferin macht die Figur allerdings in einem anderen Licht sichtbar. Travers wuchs mit einem alkoholkranken Vater und einer überforderten Mutter auf, verlor früh wichtige Sicherheiten und suchte später in spirituellen Vorstellungen nach einer verborgenen Ordnung der Welt. Sie schuf eine Kinderfrau, die alles unter Kontrolle zu haben scheint, während ihr eigenes Leben von persönlichen Widersprüchen und schwierigen Beziehungen geprägt blieb. Besonders die Geschichte ihres Adoptivsohns zeigt, wie wenig die Fähigkeit, eindrucksvoll über Kinder zu schreiben, mit einem vorbildlichen Umgang mit Kindern verwechselt werden darf. Travers konnte eine außergewöhnliche literarische Welt erschaffen und gleichzeitig Entscheidungen treffen, die das Leben anderer Menschen schwer belasteten.
Vielleicht liegt gerade darin der interessanteste Widerspruch dieser Biografie. Mary Poppins kommt, wenn eine Familie Hilfe braucht, und verschwindet wieder, sobald ihre Aufgabe erfüllt scheint. Ihre Schöpferin dagegen hielt an der Kontrolle über die Menschen und Geschichten ihres Lebens oft länger fest, als diesen guttat.
P. L. Travers – die wichtigsten Fakten
- Geboren: 9. August 1899 in Maryborough, Queensland, Australien, als Helen Lyndon Goff.
- Gestorben: 23. April 1996 in London.
- Eltern: Travers Robert Goff, Bankangestellter; Margaret Agnes Goff, geborene Morehead.
- Familie: Zwei jüngere Schwestern; unverheiratet; 1939 Adoption des Sohnes Camillus Travers, der einen Zwillingsbruder namens Anthony hatte.
- Wichtigste Werke: Mary Poppins (1934), Mary Poppins Comes Back (1935), I Go by Sea, I Go by Land (1941), Mary Poppins Opens the Door (1943), Mary Poppins in the Park (1952), About the Sleeping Beauty (1975), What the Bee Knows (1989).
- Besondere Bedeutung: Schöpferin der Mary-Poppins-Reihe; 1977 Ernennung zum Officer of the Order of the British Empire.
Verfasst vom Emma und Hanna

