
Agatha Christie erfand einige der raffiniertesten Mordrätsel der Literatur, kannte sich beruflich mit Giften aus und verschwand 1926 selbst für elf Tage spurlos. Hercule Poirot ging ihr irgendwann gehörig auf die Nerven, Miss Marple wurde von ihrer Großmutter mitinspiriert – und ihr Theaterstück The Mousetrap läuft seit 1952. Hinter der scheinbar behaglichen Queen of Crime steckt eine überraschend abenteuerliche Biografie.
Vom behüteten Mädchen zur Expertin für Gifte
Agatha Mary Clarissa Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay an der englischen Südküste geboren. Ihr Vater Frederick Miller war Amerikaner, ihre Mutter Clara Engländerin; Agatha war das jüngste von drei Kindern. Die Familie lebte zunächst komfortabel in dem Haus Ashfield. Eine reguläre Schule besuchte Agatha als kleines Mädchen nicht, sondern wurde weitgehend zu Hause unterrichtet. Sie las früh und viel, erfand Geschichten und besaß gleichzeitig musikalisches Talent. Später erhielt sie in Paris Gesangs- und Klavierunterricht und dachte zeitweise darüber nach, Musikerin zu werden. Für eine öffentliche Karriere als Sängerin fehlte ihr nach eigener Einschätzung jedoch die nötige Stimme und vermutlich auch ein Stück jener Selbstsicherheit, die sie als Autorin später keineswegs vermissen ließ. Der Tod des Vaters 1901 verschlechterte die finanzielle Lage der Familie, ohne sie in Armut zu stürzen. Christie wuchs damit in einer Welt auf, die später einen Teil ihrer Romane bevölkern sollte: große Häuser, Dienstpersonal, gesellschaftliche Konventionen und eine Klasse, die nach außen Sicherheit ausstrahlte, während hinter den Türen Geldsorgen, Affären und familiäre Konflikte verborgen bleiben konnten.
1912 lernte sie den Fliegeroffizier Archibald „Archie“ Christie kennen. Am Heiligabend 1914 heirateten sie, mitten im Ersten Weltkrieg. Archie kehrte kurz darauf an die Front zurück, Agatha arbeitete zunächst als freiwillige Krankenschwester in einem Krankenhaus in Torquay und wechselte später in dessen Apotheke. Dafür musste sie sich mit Chemie, Arzneimitteln, Dosierungen und giftigen Substanzen beschäftigen und Prüfungen ablegen. Es war vermutlich die nützlichste Berufsausbildung, die eine zukünftige Krimiautorin bekommen konnte. Christie setzte in ihren Büchern später mehr als dreißig unterschiedliche Giftstoffe ein, darunter Arsen, Strychnin, Cyanid, Digitalis und Thallium, und tat dies mit einer Genauigkeit, die Mediziner und Pharmazeuten beeindruckte. Ihr erstes Buch The Mysterious Affair at Styles wurde sogar im britischen Pharmaceutical Journal positiv gewürdigt, weil die Vergiftung ungewöhnlich korrekt dargestellt war. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Christie erneut in einer Krankenhausapotheke, diesmal am University College Hospital in London, und hielt damit ihr pharmakologisches Wissen aktuell. Die gemütliche ältere Dame, die auf Fotografien häufig aussieht, als könne sie niemandem etwas zuleide tun, wusste tatsächlich ziemlich genau, wie man jemanden vergiften müsste.
Auch Hercule Poirot entstand während des Ersten Weltkriegs. In Torquay lebten damals belgische Flüchtlinge, und Christie fand die Vorstellung reizvoll, aus einem von ihnen einen ehemaligen Spitzenpolizisten zu machen. Poirot bekam einen gewaltigen Schnurrbart, einen noch gewaltigeren Glauben an die eigenen Fähigkeiten und jene „kleinen grauen Zellen“, die fortan unzählige Mörder zur Strecke bringen sollten. Christie schrieb den ersten Roman bereits 1916. Mehrere Verlage lehnten ihn ab, bevor The Bodley Head das Manuskript annahm; 1920 erschien The Mysterious Affair at Styles. Ein Welterfolg war das noch nicht. Aber Christie hatte ihre wichtigste Figur erfunden.
Der Trick mit Roger Ackroyd – und der Detektiv, den seine Schöpferin irgendwann nicht mehr ausstehen konnte
In den folgenden Jahren schrieb Christie mit erstaunlicher Geschwindigkeit. 1926 erschien The Murder of Roger Ackroyd, der Roman, der ihren Rang im Krimigenre endgültig begründete. Wer ihn noch nicht kennt, sollte möglichst wenig über seinen berühmten erzählerischen Kunstgriff erfahren. Christie verstieß darin gegen eine Erwartung, die viele Leser für selbstverständlich hielten, ohne ihnen die entscheidenden Informationen tatsächlich vorzuenthalten. Das löste damals einen Streit darüber aus, ob sie fair gespielt habe. Gerade dieser Streit zeigt ihre Stärke: Christie verstand den Kriminalroman als Spiel zwischen Autor und Leser, aber sie war bereit, die Regeln dieses Spiels bis an ihre Grenze auszureizen.
Ihre Konstruktionen wirken oft wie minutiös geplante Maschinen. Die erhaltenen Arbeitsunterlagen erzählen jedoch eine interessantere Geschichte. Nach ihrem Tod fanden sich 73 Notizbücher voller kaum entzifferbarer Einfälle, Namenslisten, Mordmethoden, Alternativen, Szenenfolgen und verworfener Lösungen. Derselbe Roman konnte sich über mehrere Hefte verteilen, und eine Idee, die jahrelang herumlag, tauchte später in völlig anderer Form wieder auf. Christie selbst behauptete einmal, sie besitze eigentlich gar keine richtige Methode. Das Endprodukt war präzise, der Entstehungsprozess eher kreatives Chaos. Sie konnte Täter, Motive und Reihenfolgen verändern, bis das Puzzle funktionierte. Gerade darin lag wahrscheinlich ihr außergewöhnliches Talent: nicht darin, von Anfang an einen perfekten Plan zu besitzen, sondern darin, am Ende einen entstehen zu lassen.
Poirot wurde zum wichtigsten wirtschaftlichen Motor dieser Karriere – sehr zum zunehmenden Ärger seiner Schöpferin. Christie empfand ihren eitlen Belgier mit den Jahren als anstrengend und beschrieb ihn später wenig schmeichelhaft als unerträglichen, pompösen, egozentrischen kleinen Kerl. Sie beseitigte ihn trotzdem jahrzehntelang nicht, weil ihre Leser ihn liebten und sie der Ansicht war, ein professioneller Autor müsse dem Publikum auch geben, was es lesen wolle. Bereits während des Zweiten Weltkriegs schrieb sie vorsorglich Curtain, Poirots letzten Fall, und ließ das Manuskript für Jahrzehnte zurückhalten. Als der Roman 1975 schließlich erschien und Poirot darin seinen Abschied nahm, veröffentlichte die New York Times tatsächlich einen Nachruf auf die fiktive Figur – auf ihrer Titelseite. Nur wenige erfundene Menschen haben einen ähnlich offiziellen Tod erlebt.
Miss Marple war das Gegenmodell. Sie erschien zunächst 1927 in einer Kurzgeschichte und 1930 erstmals in einem Roman. Statt eines demonstrativ genialen Privatdetektivs schuf Christie eine ältere unverheiratete Frau, die deshalb unterschätzt wird, weil sie strickt, gärtnert, Klatsch hört und in einem englischen Dorf lebt. Genau daraus zieht sie ihre Stärke. Miss Marple hat genügend menschliches Verhalten beobachtet, um hinter jeder neuen Variante eines Verbrechens ein bekanntes Muster zu erkennen. Christie erklärte später, ihre Großmutter und deren Freundinnen hätten zu den Vorbildern gehört. Hinter der harmlosen Erscheinung steckt dabei ein ausgesprochen düsteres Menschenbild: Miss Marple glaubt keineswegs daran, dass das Landleben Menschen grundsätzlich gut macht. Im Gegenteil. St Mary Mead liefert ihr genügend Beispiele für Gier, Eifersucht, Betrug und Bosheit, um selbst bei spektakulären Morden kaum überrascht zu sein.
Elf Tage verschwunden: das Rätsel, das Agatha Christie selbst nie auflöste
1926 war nicht nur beruflich ein Schlüsseljahr. Im April starb Christies geliebte Mutter. Agatha musste das Elternhaus räumen und befand sich nach den späteren Berichten in einer schweren persönlichen Krise. Gleichzeitig zerbrach ihre Ehe. Archie Christie hatte sich in die jüngere Nancy Neele verliebt und verlangte die Scheidung. Am Abend des 3. Dezember kam es zwischen den Eheleuten zum Streit. Archie fuhr zu Freunden, Agatha ließ ihre siebenjährige Tochter Rosalind in der Obhut des Hauspersonals zurück, setzte sich in ihr Auto und verschwand.
Am nächsten Morgen wurde der Wagen bei Newlands Corner in Surrey verlassen aufgefunden. Von Christie fehlte jede Spur. Es begann eine riesige Suchaktion, über die die britische Presse täglich berichtete. Polizisten, Freiwillige und Hunde suchten nach ihr; Zeitungen spekulierten über Unfall, Suizid, Mord und einen spektakulären Werbegag. Auch Archie geriet zeitweise in den Blick der Öffentlichkeit. Für eine Frau, deren Beruf darin bestand, rätselhafte Vermisstenfälle und Morde zu konstruieren, war die Situation geradezu grotesk. Elf Tage später wurde Christie mehr als 300 Kilometer entfernt im Swan Hydropathic Hotel in Harrogate entdeckt. Sie hatte dort unter dem Namen „Theresa Neele“ eingecheckt – ausgerechnet dem Nachnamen der Frau, mit der ihr Mann eine Beziehung hatte. Mitglieder der Hotelkapelle erkannten sie auf Pressebildern und verständigten die Polizei. Archie reiste nach Harrogate. Nach zeitgenössischen Berichten erkannte Christie ihn zunächst nicht beziehungsweise schien keine klare Erinnerung an ihre Identität und die vergangenen Tage zu besitzen.
Damit enden die gesicherten Fakten und beginnen fast hundert Jahre Spekulation. Zeitgenössische Ärzte und die Familie sprachen von Gedächtnisverlust. Spätere Autoren vermuteten eine dissoziative Reaktion auf den Tod der Mutter und den Zusammenbruch der Ehe, andere eine bewusst inszenierte Aktion gegen Archie, wieder andere eine Mischung aus psychischer Krise und planvollem Verhalten. Dass sie sich ausgerechnet „Neele“ nannte, ist zweifellos auffällig. Dass sie in einem Hotel lebte, Zeitung las, Klavier spielte und offenbar gesellschaftlich funktionierte, hat wiederum Zweifel an einer vollständigen Amnesie genährt. Christie selbst löste das Rätsel nie auf. Sie sprach öffentlich kaum darüber und ließ die Episode auch in ihrer umfangreichen Autobiografie praktisch aus. Wir Nachgeborenen können deshalb nicht seriös entscheiden, welche Erklärung zutrifft. Das Interessante ist gerade, dass ausgerechnet bei der berühmtesten Rätselautorin der Welt eine der bekanntesten Episoden ihres eigenen Lebens ungelöst bleibt.
Die Ehe war danach nicht mehr zu retten. 1928 wurden Agatha und Archie Christie geschieden. Ihre Tochter Rosalind blieb bei der Mutter. Christie befand sich nun in einer für ihre Zeit ungewöhnlichen Lage: geschieden, Mitte dreißig, Mutter – und finanziell zunehmend unabhängig durch ihre eigene Arbeit. Schreiben war spätestens jetzt nicht mehr nur Vergnügen, sondern Beruf.
Mit dem Orient-Express ins zweite Leben
Nach der Scheidung tat Christie etwas, das für eine allein reisende Frau Ende der 1920er Jahre keineswegs selbstverständlich war: Sie stieg in den Orient-Express und reiste allein Richtung Naher Osten. Über Bagdad gelangte sie zur archäologischen Ausgrabung von Ur, wo sie Leonard und Katherine Woolley kennenlernte. Bei einem zweiten Aufenthalt 1930 begegnete sie dem deutlich jüngeren Archäologen Max Mallowan. Christie war 39, Mallowan 25. Noch im selben Jahr heirateten sie.
Die Ehe hielt bis zu Christies Tod und eröffnete ihr eine völlig neue Welt. Sie begleitete Mallowan regelmäßig zu Ausgrabungen im Irak und in Syrien, fotografierte Funde, katalogisierte Material und half bei praktischen Arbeiten. Berühmt wurde die Geschichte, sie habe empfindliche archäologische Objekte mit ihrer Gesichtscreme gereinigt; tatsächlich gehörte sie auf den Grabungen keineswegs nur als mitreisende Ehefrau zur Kulisse. Sie absolvierte sogar eine fotografische Weiterbildung, um Funde besser dokumentieren zu können. Ihre Erfahrungen flossen unmittelbar in Romane wie Murder in Mesopotamia, Appointment with Death und Death on the Nile ein. Eine Reise im Orient-Express, die wegen schweren Wetters mehrere Tage aufgehalten wurde, lieferte Material für Murder on the Orient Express. Selbst auf Ausgrabungen schrieb Christie weiter. Bei einer Arbeit soll ein ausgegrabenes Skelett von den Archäologen scherzhaft nach einer Figur ihres gerade entstehenden Romans „Lord Edgware“ genannt worden sein.
Die Reisen zeigen außerdem, wie unvollständig das verbreitete Bild der zurückgezogenen englischen Dame ist. Christie war reiselustig, abenteuerfreudig und erstaunlich praktisch. Bereits in den frühen 1920er Jahren war sie mit Archie auf einer längeren Reise durch das britische Empire unterwegs und lernte auf Hawaii surfen. Mit Max überquerte sie später Wüsten, lebte unter einfachen Bedingungen auf Ausgrabungen und fuhr durch Gebiete, die für eine europäische Schriftstellerin dieser Generation alles andere als gewöhnliche Reiseziele waren. 1946 veröffentlichte sie mit Come, Tell Me How You Live einen humorvollen Bericht über das Leben auf archäologischen Expeditionen.
Gleichzeitig nutzte sie den Namen Mary Westmacott, um Bücher zu schreiben, bei denen niemand sofort einen Mord erwartete. Zwischen 1930 und 1956 erschienen sechs Romane unter diesem Pseudonym, stärker auf Liebe, Familie, Identität und psychologische Konflikte konzentriert. Christie genoss offenbar, dass diese Bücher zunächst ohne die Erwartungen gelesen wurden, die an „Agatha Christie“ längst geknüpft waren. 1949 wurde ihre Identität öffentlich bekannt. Die Westmacott-Romane sind heute wesentlich weniger berühmt, zeigen aber, dass sie sich selbst keineswegs ausschließlich als Herstellerin ausgeklügelter Whodunits verstand.
Was Christie besser konnte als fast alle anderen – und was schlecht gealtert ist
Agatha Christies große Begabung lag weniger in tiefen psychologischen Porträts als in der Kontrolle von Information. Sie wusste genau, welche Tatsache ein Leser sehen darf, ohne ihre Bedeutung zu erkennen. Ein Satz, eine Uhrzeit, ein Gegenstand auf einem Tisch oder eine beiläufige Bemerkung bekommt erst rückblickend Gewicht. Ihre besten Täuschungen beruhen deshalb nicht darauf, dass sie dem Leser Informationen vorenthält, sondern darauf, dass sie Wichtiges zwischen Unwichtigem versteckt. Hinzu kommt ihre Fähigkeit, abgeschlossene Versuchsanordnungen zu bauen: ein Zug steckt im Schnee, eine Gruppe sitzt auf einer Insel fest, ein Haus ist voller Verdächtiger. Die Zahl der Möglichkeiten wird begrenzt, und gerade dadurch wird das Spiel interessanter.
Dabei war Christie experimentierfreudiger, als ihr Ruf als gemütliche Vertreterin des „Golden Age“-Krimis vermuten lässt. In The Murder of Roger Ackroyd spielt sie mit der Erzählinstanz, in Murder on the Orient Express mit der Vorstellung einer eindeutigen Täterrolle, in And Then There Were None beseitigt sie praktisch den klassischen Detektiv vollständig und schließt zehn Menschen mit ihrer Vergangenheit auf einer Insel ein. Five Little Pigs rekonstruiert einen sechzehn Jahre zurückliegenden Mord fast ausschließlich aus Erinnerungen verschiedener Beteiligter. In Curtain stellt sie selbst Poirots Vorstellung von Gerechtigkeit auf eine harte Probe. Die Formelhaftigkeit ihres Gesamtwerks ist real; bei Dutzenden Romanen wiederholen sich Typen, Schauplätze und Konstruktionen. Aber ihre besten Bücher wurden Klassiker, weil sie innerhalb dieser Formel überraschend oft neue Lösungen fand.
Nicht alles daran ist gut gealtert. Christie schrieb als Angehörige der britischen Mittelklasse und des britischen Empire ihrer Zeit. In frühen Büchern finden sich stereotype und abwertende Beschreibungen ethnischer, nationaler und religiöser Gruppen. Das offensichtlichste Beispiel ist And Then There Were None: Der britische Originaltitel von 1939 enthielt ein heute eindeutig rassistisches Schimpfwort; auch der zugrunde liegende Kinderreim wurde entsprechend verwendet. Die amerikanische Ausgabe erschien bereits 1940 unter einem anderen Titel, und spätere britische und internationale Ausgaben änderten Titel und Text ebenfalls. In jüngerer Zeit wurden außerdem weitere Christie-Ausgaben redaktionell verändert, um einzelne abwertende Formulierungen zu entfernen. Man muss daraus weder den Schluss ziehen, Christie sei auf ihr problematischstes Vokabular zu reduzieren, noch so tun, als sei es bedeutungslos. Ihre Bücher stammen aus einer Gesellschaft, deren Selbstverständlichkeiten sich an manchen Stellen deutlich von heutigen unterscheiden, und genau das sieht man ihnen an.
Eine ähnliche Vorsicht gilt für ihre Darstellungen des Nahen Ostens. Christie kannte die Region aus eigener Anschauung besser als viele britische Autoren ihrer Zeit und arbeitete auf archäologischen Grabungen tatsächlich mit. Trotzdem blickt sie in manchen Texten unverkennbar mit den Kategorien einer wohlhabenden Britin der imperialen Epoche auf die Menschen und Gesellschaften, die sie beschreibt. Dass ihre Reiseerfahrung real war, macht ihre Perspektive informierter, nicht automatisch neutral.
Zwei Milliarden Bücher, eine tote Romanfigur auf der Titelseite und eine Mausefalle, die nicht aufhört
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Christie längst eine Institution. Ihr Rechteverwalter beziffert die Verkäufe ihres Werkes heute auf mehr als eine Milliarde englischsprachige Exemplare und eine weitere Milliarde Übersetzungen. Solche historischen Gesamtzahlen lassen sich naturgemäß nicht auf das einzelne Exemplar überprüfen; dass Christie zu den kommerziell erfolgreichsten Schriftstellern der Literaturgeschichte gehört, steht jedoch außer Frage. Ihr Werk umfasst nach offizieller Zählung 66 Kriminalromane, 14 Kurzgeschichtensammlungen, sechs Romane als Mary Westmacott und mehr als zwanzig Bühnenstücke.
Besonders absurd erfolgreich wurde The Mousetrap. Das Stück begann als kurzes Hörspiel für Queen Mary, wurde erweitert und eröffnete 1952 im Londoner West End. Christie schenkte die Rechte ihrem damals neunjährigen Enkel Mathew Prichard – ohne ahnen zu können, was sie ihm da übergab. Die Produktion läuft mit einer pandemiebedingten Unterbrechung bis heute weiter und befindet sich 2026 auf dem Weg in ihr 75. Jahr. Damit ist The Mousetrap das am längsten gespielte Theaterstück der Welt. Zu seinem Ritual gehört seit Jahrzehnten, dass das Publikum nach der Vorstellung gebeten wird, die Identität des Täters nicht weiterzuerzählen. Dass dieses Geheimnis nach Zehntausenden Aufführungen überhaupt noch halbwegs funktioniert, ist vielleicht Christies größter Sieg über die menschliche Mitteilungsfreude.
1956 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire ernannt, 1971 zur Dame Commander und damit zu Dame Agatha Christie. Max Mallowan war bereits 1968 wegen seiner archäologischen Arbeit zum Ritter geschlagen worden; das Ehepaar konnte damit tatsächlich als Sir Max und Dame Agatha auftreten. In den letzten Lebensjahren verschlechterte sich Christies Gesundheit. Ihr letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman war 1975 Curtain, den sie schon Jahrzehnte zuvor geschrieben hatte. Nach Poirots Tod druckte die New York Times den erwähnten Nachruf. Agatha Christie selbst starb am 12. Januar 1976 im Alter von 85 Jahren in ihrem Haus Winterbrook bei Wallingford. Noch im selben Jahr erschien Sleeping Murder, Miss Marples letzter Fall, ebenfalls lange zuvor geschrieben. Ihre Autobiografie wurde 1977 posthum veröffentlicht.
Ihr Erfolg wird manchmal mit dem etwas herablassenden Hinweis erklärt, Christie habe eben leicht lesbare Unterhaltung produziert. Das greift zu kurz. Leicht lesbar zu schreiben und gleichzeitig Millionen Leser über Jahrzehnte zuverlässig in die falsche Richtung denken zu lassen, ist kein geringes Handwerk. Ihre Sprache ist nicht der Grund, warum sie Literaturgeschichte geschrieben hat. Ihre Konstruktionen sind es.
Was man von Agatha Christie lesen sollte
Wer nur einen Christie-Roman lesen möchte und noch nichts über dessen Auflösung weiß, sollte The Murder of Roger Ackroyd wählen. Mehr sollte man vorher tatsächlich nicht wissen. Für den klassischen Poirot eignet sich Murder on the Orient Express: begrenzter Raum, viele Verdächtige und eine Lösung, die Christies Bereitschaft zeigt, mit den Regeln des Genres zu spielen. Death on the Nile verbindet dasselbe Prinzip mit ihrer Reiseerfahrung und einer stärkeren Vorgeschichte der Figuren.
And Then There Were None funktioniert auch ohne Poirot oder Miss Marple und ist vermutlich ihre reinste Spannungsmaschine: zehn Menschen, eine Insel, alte Schuld und eine rasch schrumpfende Zahl von Überlebenden. Den historischen Originaltitel sollte man dabei kennen, weil er zur Publikationsgeschichte des Romans gehört; für die Qualität seiner Konstruktion ist er glücklicherweise nicht nötig.
Wer Miss Marple kennenlernen möchte, kann mit The Murder at the Vicarage beginnen, noch besser ist für viele Leser A Murder Is Announced. Und wer wissen möchte, ob Christie jenseits des Kriminalromans etwas konnte, sollte einen der Mary-Westmacott-Romane ausprobieren, insbesondere Absent in the Spring. Dort gibt es keinen Mord, den eine Detektivin aufklären könnte. Stattdessen muss eine Frau langsam erkennen, dass ihr Bild vom eigenen Leben womöglich falsch ist. Das ist auf eine andere Weise ziemlich grausam.
Agatha Christie war keine große Stilistin im Sinne Virginia Woolfs und keine psychologische Tiefenbohrerin wie Dostojewski. Sie war etwas anderes: eine außergewöhnliche Konstrukteurin von Geschichten. Man kann sechzig Seiten lang überzeugt sein, alles verstanden zu haben. Dann erklärt Poirot fünf Minuten lang, was wirklich passiert ist. Und plötzlich muss man das halbe Buch im Kopf noch einmal lesen…
Agatha Christie – die wichtigsten Fakten
- Vollständiger Name: Agatha Mary Clarissa Christie, geborene Miller
- Geboren: 15. September 1890 in Torquay, Devon
- Gestorben: 12. Januar 1976 in Winterbrook bei Wallingford, Oxfordshire
- Eltern: Frederick Alvah Miller und Clarissa „Clara“ Miller
- Geschwister: Margaret „Madge“ und Louis „Monty“
- Erster Ehemann: Archibald Christie, verheiratet 1914 bis zur Scheidung 1928
- Tochter: Rosalind Christie, später Hicks, geboren 1919
- Zweiter Ehemann: der Archäologe Max Mallowan, verheiratet ab 1930 bis zu Christies Tod
- Erster Roman: The Mysterious Affair at Styles, geschrieben 1916, veröffentlicht 1920
- Erster Auftritt Hercule Poirots: The Mysterious Affair at Styles
- Erster Auftritt Miss Marples: Kurzgeschichte The Tuesday Night Club von 1927; erster Roman The Murder at the Vicarage 1930
- Pharmazeutisches Wissen: Arbeit als Krankenschwester und später in Krankenhausapotheken während beider Weltkriege
- Spezialgebiet: verdächtig genaue Verwendung von Giften und Medikamenten als Mordmittel
- Durchbruch: The Murder of Roger Ackroyd, 1926
- Verschwinden: vom 3. bis 14./15. Dezember 1926; nach elf Tagen in einem Hotel in Harrogate gefunden
- Hotelname: eingecheckt als „Theresa Neele“; Neele war der Familienname der Geliebten ihres ersten Mannes
- Pseudonym: Mary Westmacott
- Westmacott-Romane: sechs zwischen 1930 und 1956
- Kriminalromane: 66 nach offizieller Werkzählung
- Kurzgeschichtensammlungen: 14 nach offizieller Werkzählung
- The Mousetrap: Londoner Premiere 1952; bis heute das am längsten laufende Theaterstück der Welt
- Poirots letzter Fall: Curtain, 1975
- Kuriosum: Hercule Poirot erhielt 1975 einen Nachruf auf der Titelseite der New York Times
- Letzter Miss-Marple-Roman: Sleeping Murder, posthum 1976 veröffentlicht
- Verkäufe: der Rechteinhaber nennt insgesamt rund zwei Milliarden Exemplare in englischer Sprache und Übersetzungen. Das ist nicht wirklich wenig…
Verfasst vom Autorenteam.

