
Eine abhandengekommene Tasche zwingt zwei Brüder dazu, gemeinsam durch das winterliche West-Berlin zu ziehen – und konfrontiert sie dabei mit Konflikten, die längst vor diesem Tag begonnen haben. In „Frankie und Freddie“ verbindet Sven Regener lakonische Komik mit der ernsteren Frage, was Geschwister einander trotz aller Distanz noch bedeuten.
Am 23. Dezember 1980 stellt Freddie Lehmann fest, dass ihm in West-Berlin eine Tasche fehlt. Darin befinden sich Pass, Visum, Flugticket und Geld für eine bevorstehende Reise nach New York. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Frank, genannt Frankie, versucht er, ihre Spur wiederzufinden. Der Weg durch die winterliche Stadt wird dabei bald mehr als eine praktische Suche: Zwischen den beiden treten unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, alte Enttäuschungen und lange nicht ausgesprochene Erwartungen hervor.
Regener interessiert sich weniger für die Spannung einer geradlinigen Verfolgung als für das, was unterwegs geschieht. Gespräche geraten ins Stocken, kleine Anlässe führen zu Reibungen, und beide Brüder verteidigen hartnäckig ihre jeweilige Sicht. Gerade aus diesen Verschiebungen gewinnt der Roman seine Komik. Die Figuren erklären sich selten offen; ihre Unsicherheit, ihr Trotz und ihre Überforderung zeigen sich vielmehr in Nebensätzen, Wiederholungen und verfehlten Antworten.
Frankie ist Leserinnen und Lesern aus den Herr-Lehmann-Romanen bekannt, doch das Buch verlangt keine detaillierte Kenntnis der früheren Geschichten. Im Mittelpunkt steht diesmal das Verhältnis zum älteren Bruder. Freddie blickt auf einen möglichen Neuanfang, während Frankie enger an seinem vertrauten Alltag hängt. Regener reduziert diesen Gegensatz nicht auf feste Rollen. Beide Figuren erhalten Momente der Selbstbehauptung, aber auch Augenblicke, in denen ihre Verletzlichkeit sichtbar wird.
West-Berlin im Jahr 1980 bleibt dabei nicht bloß eine nostalgische Kulisse. Verschneite Straßen, Kneipen, Wohnungen und Wege durch die geteilte Stadt erzeugen ein Gefühl von Begrenzung und Improvisation. Die Umgebung passt zu Figuren, die sich an Gewohnheiten festhalten und zugleich von Veränderung sprechen. So wird die Stadt zum Hintergrund einer Geschichte über Aufbruchswünsche, Zögern und die Schwierigkeit, sich wirklich von einem vertrauten Leben zu lösen.
Besonders überzeugend ist die Verbindung von Melancholie und trockenem Witz. Regener lässt Pausen stehen und vertraut darauf, dass sich Gefühle aus Situationen und Dialogen ergeben, statt sie ausführlich zu benennen. Das Erzähltempo bleibt dabei bewusst ruhig. Wer eine stark verdichtete Handlung oder schnelle Enthüllungen erwartet, wird Geduld mitbringen müssen. Wer sich auf die Eigenheiten der Gespräche einlässt, findet jedoch einen präzisen Roman über Brüder, misslungene Verständigung und die Hoffnung auf eine andere Richtung im Leben.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Erstens zeigt der Roman eine Brüderbeziehung ohne künstliche Harmonie: Verbundenheit, Gereiztheit und gegenseitige Verantwortung bestehen gleichzeitig. Zweitens tragen die knappen, eigensinnigen Dialoge viele Szenen und machen selbst Umwege oder Missverständnisse unterhaltsam. Drittens erhält das winterliche West-Berlin eine erzählerische Funktion, weil es Fragen nach Stillstand, Ausbruch und Zugehörigkeit verstärkt. Ein möglicher Einwand betrifft das absichtlich ruhige Tempo: Die Suche nach der Tasche ist vor allem Anlass für Begegnungen, Gespräche und Stimmungen. Wer einen konsequent spannungsgetriebenen Plot erwartet, könnte die vielen Abschweifungen als zu zurückhaltend empfinden.
Buchdaten
- Autor: Sven Regener
- Verlag: Galiani
- Preis: 24,00 €
- ISBN: 9783869713199
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Rezension von Flora

