
Bild: Fabelhafte-Buecher.de · erstellt mit KI
Der echte Kanon ist klein - die Lektürepraxis hingegen groß und vielfältig
Fabelhafte Bücher hat im September/Oktober 2026 eine breit angelegte Erhebung zur tatsächlich gelesenen Oberstufenliteratur ausgewertet. Befragt wurden 4.300 Schulen in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz sowie deutsche Auslandsschulen; ausgewertet wurden über 600 Rückmeldungen.
Lektürekorpus und Kanon: Begriffe und Methode
Dokumentiert wurden 646 unterschiedliche Werke von 347 Autoren. Diese 646 Werke bilden das dokumentierte tatsächliche Lektürekorpus. Sie sind nicht „der Kanon“.
Als empirisch definierten schulübergreifenden Kanon betrachten wir Werke, die in mindestens 20 % der verwertbaren Rückmeldungen mit konkreten Lektüreangaben genannt wurden.
Diese Schwelle erreichen 15 Werke – gut 2 % der 646 dokumentierten Werke.
Die 15 Werke des schulübergreifenden Kanons
- Georg Büchner: Woyzeck – rund 55 %
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust – rund 50 %
- Jenny Erpenbeck: Heimsuchung – rund 50 %
- Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug – rund 45 %
- E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann – rund 45 %
- Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti – rund 35 %
- Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – rund 30 %
- Juli Zeh: Corpus Delicti – rund 30 %
- Franz Kafka: Die Verwandlung – rund 30 %
- Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker – rund 25 %
- Patrick Süskind: Das Parfum – rund 25 %
- Arthur Schnitzler: Fräulein Else – rund 25 %
- Caroline Wahl: 22 Bahnen – rund 20 %
- Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel – rund 20 %
- Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame – rund 20 %
Viele Autoren, unterschiedliche Schwerpunkte
Fast 64 % der Autoren sind nur mit einem Werk vertreten. Die größte Bandbreite im dokumentierten Korpus hat Bertolt Brecht mit 14 unterschiedlichen Werken; keines seiner einzelnen Werke überschreitet dabei die 20-%-Schwelle. Goethe, Thomas Mann und Schiller sind mit jeweils 10 Werken vertreten.
482 Werke (74,6 %) zählen wir zu den Klassikern, 164 Werke (25,4 %) zur Gegenwartsliteratur. Als Klassiker definieren wir in dieser Untersuchung Werke, die bis einschließlich 2000 erstmals veröffentlicht wurden. Werke ab 2001 zählen zur Gegenwartsliteratur. Die Zahlen beziehen sich auf unterschiedliche Werke, nicht auf deren Lesehäufigkeit im Unterricht.
Die thematischen Schwerpunkte sind:
- Gesellschaft, Macht und Moral: 97 Werke
- Liebe, Familie und Beziehungen: 79 Werke
- Erwachsenwerden, Identität und Außenseiter: 68 Werke
Abituraufgabenpools prägen die Verbreitung mit
Mehrere häufig genannte Titel stehen im Zusammenhang mit den ländergemeinsamen Abituraufgabenpools des IQB:
- 2020–2022: Faust und Der Verlorene
- 2023–2025: Woyzeck und Corpus Delicti
- 2026–2028: Der zerbrochne Krug und Heimsuchung
Die hohe Verbreitung dieser Titel sollte deshalb nicht als rein „organisch“ gewachsener Kanon verstanden werden.

