Rezension zu Jahrmarkt der Eitelkeit Band II von Thackeray

Becky Sharp sucht gesellschaftlichen Glanz, Amelia Sedley Halt in ihren persönlichen Bindungen. Thackerays zweiter Band macht aus diesen gegensätzlichen Lebenswegen eine scharf beobachtete Geschichte über Ansehen, Abhängigkeit und die Kosten des schönen Scheins.

Wie viel Anstand kann man sich leisten, und wie viel Ansehen lässt sich auf Kredit erwerben? William Makepeace Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeit“ stellt solche Fragen nicht im luftleeren Raum, sondern zwischen Familienbesuchen, gesellschaftlichen Einladungen und unbezahlten Rechnungen. Im zweiten Band gewinnt das Verhältnis zwischen öffentlichem Auftreten und privatem Leben besonderes Gewicht. Die Lektüre verlangt dabei mehr als Interesse an den weiteren Schicksalen der Figuren: Man muss einem Erzähler zuhören wollen, der kommentiert, abschweift und seine scheinbar verbindlichen Urteile gelegentlich selbst untergräbt. Gerade diese Unruhe macht den Reiz des Romans aus. Hinter dem gesellschaftlichen Treiben bleiben Verletzungen sichtbar, die kein geistreicher Kommentar ganz verdecken kann. Das Buch unterhält, ohne seinen Lesern einen bequemen Platz außerhalb des Geschehens anzubieten.

Der zweite Band führt die miteinander verbundenen Lebensgeschichten von Becky Sharp und Amelia Sedley weiter. In England und auf dem europäischen Kontinent bewegen sich beide durch Familienkreise und gesellschaftliche Milieus, in denen Herkunft, Vermögen und Beziehungen ihre Möglichkeiten bestimmen. Becky versucht an der Seite ihres Mannes Rawdon Crawley, einen aufwendigen Lebensstil und den Zugang zu vornehmen Kreisen zu sichern. Amelia ist stärker auf ihr familiäres Umfeld angewiesen; ihre Bindung an ihren Sohn und die Unterstützung des ihr ergebenen William Dobbin prägen ihren Alltag. Während Becky Kontakte knüpft und gesellschaftliche Chancen verfolgt, stehen für Amelia persönliche Treue und familiärer Zusammenhalt im Vordergrund. Finanzielle Verpflichtungen, Erwartungen der Verwandtschaft und unterschiedliche Vorstellungen von Zuneigung setzen die Beziehungen unter Druck.

Thackerays Stärke liegt darin, diese Gegensätze nicht zu einer einfachen Gegenüberstellung von schlechter und guter Frau erstarren zu lassen. Becky besitzt die größere Beweglichkeit: Sie erkennt Wünsche, Schwächen und Eitelkeiten ihrer Umgebung und weiß sich darauf einzustellen. Ihr Geschick bereitet Vergnügen, auch wenn seine Rücksichtslosigkeit zunehmend schwerer wiegt. Amelia erscheint zunächst als das mildere Gegenbild, doch ihre Treue kann in eine Verengung des Blicks übergehen. Wer aufrichtig fühlt, versteht deshalb noch nicht zuverlässig die Menschen um sich herum. Besonders in den Begegnungen mit Dobbin bekommt diese Spannung einen schmerzlichen Klang. Der Roman verlangt weder unbedingte Bewunderung für Beckys Energie noch vorbehaltlose Zustimmung zu Amelias Hingabe. Seine Figuren bleiben interessant, weil ihre Vorzüge zugleich etwas Belastendes haben.

Der Erzähler sorgt dafür, dass diese Unsicherheit erhalten bleibt. Er tritt vor, spricht das Publikum an und behandelt die Gesellschaft bisweilen wie eine Vorstellung, deren Darsteller er ebenso gut kennt wie deren Tricks. Scheinbares Lob kann dabei eine besonders wirksame Form des Tadels sein. Wenn vorbildliche Familienliebe oder großzügige Gastfreundschaft beschworen werden, lohnt sich der Blick auf die Interessen dahinter. Das ist oft komisch, aber selten harmlos. Zugleich besitzt diese Stimme etwas Aufdringliches: Sie lässt eine Szene nicht immer für sich wirken, sondern versieht sie mit weiteren Betrachtungen. Wer eine ununterbrochen voranschreitende Handlung erwartet, wird gelegentlich ungeduldig werden. Wer Freude an einem streitbaren, beweglichen Erzähler hat, findet gerade in diesen Unterbrechungen einen wesentlichen Teil des Lesevergnügens.

Besonders überzeugend ist die konkrete Darstellung des Geldes. Es bleibt nicht bloß ein Thema, über das gesprochen wird, sondern bestimmt Wohnungen, Kleidung, Einladungen und den Umgang mit Verwandten. Beckys und Rawdons Fähigkeit, trotz mangelnder Einkünfte gesellschaftlich mitzuhalten, verbindet Komik mit wachsendem Unbehagen. Der schöne Schein braucht Menschen, die warten, vertrauen oder die Rechnung übernehmen. So erhält die Satire eine materielle Schwere: Hinter dem eleganten Auftritt stehen Verpflichtungen, die sich nicht durch Charme beseitigen lassen. Auch die Familien erscheinen unter diesem Blick weniger als sichere Zufluchtsorte denn als Gefüge aus Zuneigung, Erwartungen und Einfluss. Thackeray beobachtet genau, wie rasch ein freundlicher Empfang davon abhängen kann, welchen Vorteil ein Gast verspricht oder welchen Rang er besitzt.

Bei aller Schärfe erschöpft sich der Band jedoch nicht im Entlarven. Rawdons Zuneigung zu seinem Sohn und Dobbins beharrliche Fürsorge geben dem Roman eine Wärme, die neben den gesellschaftlichen Auftritten leicht übersehen werden könnte. Gerade weil Thackeray Gefühle nicht durchweg verspottet, treffen die Szenen unerwiderter oder missverstandener Liebe. Weniger überzeugend wirkt mitunter die ungleiche Verteilung der erzählerischen Energie: Beckys Szenen besitzen häufig mehr Tempo und Witz als Amelias häusliche Welt. Manche Nebenwege und wiederholten Kommentare dehnen zudem die Lektüre. Dennoch lohnt es sich, diese unterschiedliche Geschwindigkeit auszuhalten. Der Band lebt vom Wechsel zwischen glänzender Selbstdarstellung und stillen Belastungen. Seine eigentliche Härte entsteht dort, wo ein gesellschaftlich erfolgreicher Auftritt mit einem Versagen gegenüber den nächsten Menschen zusammenfällt.

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Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Literarische Bedeutung

Dass sich „Jahrmarkt der Eitelkeit“ im literarischen Kanon behauptet hat, lässt sich vor allem mit seiner Verbindung von Gesellschaftssatire und widersprüchlicher Figurenzeichnung erklären. Der Roman zeigt nicht lediglich, dass Menschen eitel oder habgierig sind. Er macht erfahrbar, wie solche Eigenschaften in Beziehungen wirken und wie schwer es ist, sich ihnen zu entziehen. Becky durchschaut vieles, ohne dadurch moralisch überlegen zu werden; Amelia meint es ehrlich, ohne deshalb frei von Selbsttäuschung zu sein. Diese Anlage verhindert, dass die Lektüre in einer bequemen Verurteilung einzelner Figuren aufgeht. Der zweite Band trägt wesentlich dazu bei, weil er die Belastbarkeit von Bindungen und gesellschaftlichen Erfolgen ausführlich erprobt.

Hinzu kommt eine Erzählstimme, die ihre eigene Rolle nicht verbirgt. Ihre Kommentare machen das Urteilen selbst zum Bestandteil des Romans. Heutigen Lesern können die vielen gesellschaftlichen Abstufungen, die demonstrative Vertraulichkeit des Erzählers und manche ausführliche Abschweifung fremd erscheinen. Auch die Vorstellungen von weiblicher Tugend und mütterlicher Hingabe verlangen Abstand. Doch das Buch bleibt ergiebig, weil seine besten Szenen über solche Vorgaben hinausreichen: Sie zeigen Menschen, deren Wünsche verständlich sind und deren Verhalten dennoch Schaden anrichtet. Darin liegt ein tragfähiger Grund für seine anhaltende literarische Bedeutung.

Buchdaten

  • Autor: Thackeray
  • Titel: Jahrmarkt der Eitelkeit Band II
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988284389
  • Softcover-ISBN: 9783988283382

Rezension von Emma und Sophia