Aravind Adiga
Aravind Adiga, nach der frei interpretierten Vorstellung unseres Künstlers. Bildnutzung / Lizenzhinweise

Seine Mutter starb kurz vor den wichtigsten Schulprüfungen, trotzdem wurde Aravind Adiga Jahrgangsbester seines indischen Bundesstaates. Statt Arzt zu werden wie sein Vater, studierte er Literatur in New York und Oxford, interviewte als Finanzjournalist Donald Trump und schrieb über einen Chauffeur, der seinen Arbeitgeber ermordet, um reich zu werden. „Der weiße Tiger“ gewann 2008 den Booker Prize und brachte seinem Autor zugleich den Vorwurf ein, Indien für westliche Leser auf Elend und Korruption zu reduzieren. Der Welterfolg machte Adiga berühmt, wurde für seine späteren Bücher aber auch zur Belastung.

Aravind Adiga gehört zu jenen Schriftstellern, deren größter Erfolg fast zu einer zweiten Identität geworden ist. Wer seinen Namen hört, denkt an Der weiße Tiger, den bitterbösen Roman über den Aufstieg eines indischen Dieners zum Unternehmer. Dass der Autor anschließend weitere Bücher geschrieben hat, die sich mit Immobiliengeschäften, Cricket, Familienkonflikten und illegaler Einwanderung beschäftigen, wissen weit weniger Menschen. Dabei ist seine eigene Lebensgeschichte ungewöhnlich genug: ein Sohn aus wohlhabendem Haus, der früh seine Mutter verliert, nach Australien auswandert, an amerikanischen und britischen Eliteuniversitäten studiert und schließlich beschließt, über Menschen zu schreiben, deren Leben mit seinem eigenen kaum etwas gemeinsam hat. Adiga interessiert sich besonders für jene Momente, in denen Ehrgeiz und Verzweiflung Menschen dazu bringen, Dinge zu tun, die sie selbst für unverzeihlich gehalten hätten.

Eine Eins in der Prüfung, drei Wochen nach dem Tod der Mutter

Aravind Adiga wird am 23. Oktober 1974 in Madras, dem heutigen Chennai, geboren. Seine Eltern stammen aus der südindischen Küstenregion um Mangalore. Der Vater K. Madhava Adiga ist Arzt und arbeitet als Urologe, seine Mutter Usha beschäftigt sich mit Sozialarbeit und verfolgt eigene akademische Ambitionen. Die Familie gehört zu einer gebildeten und wirtschaftlich abgesicherten gesellschaftlichen Schicht. Der Großvater väterlicherseits war Vorsitzender der Karnataka Bank, und auch in der mütterlichen Familie gibt es erfolgreiche Ärzte und politisch einflussreiche Persönlichkeiten. Aravind wächst also keineswegs in jenen ärmlichen Verhältnissen auf, die er später so eindringlich beschreiben wird.

Als er sechs Jahre alt ist, zieht die Familie nach Mangalore. In der Hafenstadt an der südwestindischen Küste verbringt er den größten Teil seiner Kindheit. Er besucht die katholisch geprägte St. Aloysius High School und entwickelt früh eine ungewöhnliche Begeisterung für Bücher. Allerdings ist die Auswahl begrenzt. Indien hat seine Wirtschaft noch nicht liberalisiert, ausländische Bücher sind teuer und schwer erhältlich. Aravind leiht sich deshalb Lesestoff aus kleinen kommerziellen Leihbibliotheken. Für zwei Rupien kann er einen Roman vierzehn Tage lang behalten, Comics sind noch billiger.

Zunächst liest er Abenteuer- und Detektivgeschichten. Die Brüder aus der amerikanischen Jugendbuchreihe The Hardy Boys begeistern ihn, später die Thriller von Alistair MacLean. Als er davon genug hat, empfiehlt ihm ein Bibliothekar Agatha Christie. Besonders beeindruckt ihn Alibi, ein Kriminalroman, in dem ausgerechnet der Mörder die Geschichte erzählt. Der Einfall wird später für sein eigenes Schreiben bedeutsam: Auch der Erzähler von Der weiße Tiger gesteht ein schweres Verbrechen, ohne sich deshalb für einen schlechten Menschen zu halten. Nach Christie entdeckt Adiga Oscar Wilde und schließlich die großen europäischen Romanciers des 19. Jahrhunderts.

Ein besonders schönes Detail betrifft seine beiden Großväter, die völlig unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Umgang mit der englischen Sprache haben. Der eine ist überzeugter indischer Nationalist, trägt traditionelle Kleidung und vermeidet es, Englisch zu sprechen. Allerdings beherrscht er die Sprache ausgezeichnet und benutzt sie gelegentlich, um seinen Enkel wegen grammatischer Fehler zurechtzuweisen. Der andere Großvater, ein Chirurg aus Madras, verehrt das Englische derart, dass er angeblich einmal eine offizielle Veranstaltung boykottiert, weil ihm die Sprachkenntnisse des indischen Staatspräsidenten nicht genügen. Aravind wächst zwischen diesen beiden Haltungen auf und entwickelt eine eigene Beziehung zum Englischen. Für ihn ist es weniger die Sprache früherer Kolonialherren als ein Mittel, mit Menschen aus den unterschiedlichen Regionen Indiens und mit der übrigen Welt zu kommunizieren.

Die Familie erwartet viel von ihren Kindern. Aravind und sein fünf Jahre älterer Bruder Anand gehören zu den besten Schülern ihrer Jahrgänge. Gute Noten sind nicht einfach erfreuliche Ergebnisse, sondern beinahe eine familiäre Verpflichtung. Sport, Kino und Freundschaften müssen hinter dem schulischen Erfolg zurückstehen. Die Söhne sollen später angesehene Berufe ergreifen, vorzugsweise als Ärzte oder Ingenieure. Ihr Vater hat schließlich selbst eine erfolgreiche medizinische Laufbahn eingeschlagen.

Dann verändert ein schwerer Schicksalsschlag das Familienleben. Usha Adiga erkrankt an Krebs und stirbt 1990, als Aravind erst 15 Jahre alt ist. Der Tod seiner Mutter trifft ihn kurz vor den entscheidenden Abschlussprüfungen. Nach Erinnerungen ehemaliger Mitschüler liegen zwischen ihrem Tod und den Prüfungen lediglich drei Wochen. Trotzdem erreicht Aravind das beste Ergebnis seines gesamten Bundesstaates Karnataka. Auch sein älterer Bruder hatte fünf Jahre zuvor zu den erfolgreichsten Schülern gehört.

Was nach einer beeindruckenden Geschichte über Willenskraft klingt, hat eine bedrückende Kehrseite. Adiga wird später erklären, dass die Erwartungen seiner Familie seine Kindheit stark eingeschränkt hätten. Die Mutter habe von ihren Söhnen außergewöhnliche Leistungen verlangt, auch um den gesellschaftlichen Status der Familie zu behaupten. Ihr früher Tod hinterlässt bei ihm nicht nur Trauer, sondern nach seiner eigenen Darstellung zwei bleibende Antriebe: die Angst, sein Leben zu verschwenden, und den Ehrgeiz, etwas Bedeutendes daraus zu machen. Beides wird ihn bis in seine schriftstellerische Laufbahn begleiten.

1991 wandert die Familie nach Australien aus. Für Adiga bedeutet das einen radikalen Bruch. Die gewohnte Umgebung, die Freunde und das Schulsystem verschwinden auf einmal aus seinem Alltag. In Sydney besucht er die James Ruse Agricultural High School, eine besonders leistungsorientierte staatliche Schule. Anschließend geht er in die Vereinigten Staaten und studiert englische Literatur am Columbia College der Columbia University in New York. 1997 schließt er sein Studium als Zweitbester seines Jahrgangs ab. Danach setzt er seine Ausbildung am Magdalen College in Oxford fort, wo die Literaturwissenschaftlerin Hermione Lee zu seinen Lehrern gehört.

Der Sohn einer Familie, in der nahezu alles auf medizinische und technische Berufe ausgerichtet war, hat sich für die Literatur entschieden. Sein Vater scheint sich damit arrangiert zu haben, doch Adiga selbst ist noch keineswegs sicher, welchen Beruf er einmal ausüben möchte. Zunächst denkt er an eine wissenschaftliche Karriere.

Donald Trump, die Börse und die Straßen von Delhi

Nach seiner Zeit in Oxford geht Adiga nach Princeton und beschäftigt sich mit der Möglichkeit einer Promotion. Doch die Aussicht, weitere sechs Jahre mit wissenschaftlicher Forschung zu verbringen, schreckt ihn ab. Er verlässt die akademische Laufbahn und beginnt als Journalist zu arbeiten. Um die Jahrtausendwende schreibt er für die Financial Times und andere Wirtschaftsmedien. Zeitweise beschäftigt er sich mit der New Yorker Börse und interviewt wohlhabende Unternehmer und Finanzmanager. Zu seinen Gesprächspartnern gehört auch Donald Trump, damals vor allem als Immobilienunternehmer und Medienpersönlichkeit bekannt.

Es ist eine ungewöhnliche journalistische Ausbildung für jemanden, der später vor allem über die Schattenseiten des Kapitalismus schreiben wird. Adiga lernt die Welt der Wirtschaft aus einer Perspektive kennen, in der Aktienkurse, Unternehmensgewinne und finanzielle Erwartungen das Denken bestimmen. Dabei erlebt er, wie selbstverständlich sich erfolgreiche Geschäftsleute als Gewinner eines grundsätzlich gerechten Wettbewerbs betrachten. Die Frage, unter welchen Bedingungen andere Menschen ihren Wohlstand ermöglichen, tritt in dieser Welt häufig in den Hintergrund.

2003 kehrt er als Südasienkorrespondent des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time nach Indien zurück. Er arbeitet zunächst in Neu-Delhi und beschäftigt sich mit den politischen und wirtschaftlichen Veränderungen des Landes. Indien erlebt seit den Reformen von 1991 einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. In den großen Städten entstehen neue Unternehmen, Einkaufszentren und wohlhabende Mittelschichten. Internationale Konzerne investieren, und vor allem die Informationstechnologie verspricht Millionen Menschen einen gesellschaftlichen Aufstieg.

Doch Adiga sieht auch die andere Seite. Auf seinen Reisen begegnet er Menschen, die von diesem Aufschwung kaum profitieren: schlecht bezahlten Arbeitern, Dienern, Fahrern, Straßenhändlern und Bewohnern überfüllter Armenviertel. Viele arbeiten in den Haushalten jener Menschen, die vom wirtschaftlichen Erfolg des Landes profitieren. Adiga interessiert sich zunehmend für die Beziehung zwischen beiden Gruppen. Besonders auffällig erscheint ihm, wie stark persönliche Abhängigkeiten weiterhin das Leben vieler Beschäftigter bestimmen.

Für seine spätere literarische Arbeit werden diese Beobachtungen entscheidend. Er möchte verstehen, warum Menschen, die von ihren Arbeitgebern schlecht behandelt werden, häufig trotzdem loyal bleiben. Weshalb Diener ihre wohlhabenden Herren vor Diebstahl schützen, obwohl sie selbst kaum Geld besitzen. Und warum wirtschaftlicher Erfolg keineswegs automatisch zu mehr Freiheit für diejenigen führt, die ganz unten stehen.

Adiga stößt dabei auf einen Widerspruch, der ihn nicht mehr loslassen wird. Die indische Gesellschaft verändert sich wirtschaftlich rasant, doch zahlreiche alte Machtverhältnisse bestehen fort. Kastenhierarchien, familiäre Verpflichtungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten verbinden sich mit einem Kapitalismus, der seinen Gewinnern nahezu unbegrenzte Möglichkeiten verspricht. In dieser Welt kann ein Mensch zwar reich werden, aber seine Herkunft lässt sich nicht einfach abschütteln.

2005 gibt Adiga seine feste Stelle bei Time auf und versucht, als freier Journalist und Schriftsteller zu arbeiten. Er zieht nach Mumbai, eine Stadt, die ihn gleichermaßen fasziniert und erschöpft. In den folgenden Jahren wird er ihre Straßen, Wohnhäuser und sozialen Gegensätze zu einem wichtigen Bestandteil seiner Literatur machen.

Ein Mord, vierzig Tage und ein außergewöhnliches Debüt

Die ersten Entwürfe zu Der weiße Tiger entstehen bereits Jahre vor der Veröffentlichung. Adiga beschäftigt sich lange mit der Geschichte eines armen jungen Mannes, der sich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Herkunft befreien möchte. Frühfassungen des Romans kursieren bereits 2004 im Freundeskreis. Doch Adiga ist unzufrieden und verwirft große Teile seiner Arbeit. Erst nach seinem Abschied vom festen Journalismus gelingt ihm eine entscheidende Neufassung. Nach Angaben des Magazins seiner früheren Universität schreibt er diese in ungefähr 40 Tagen.

Die Geschichte ist ungewöhnlich konstruiert. Balram Halwai, der Sohn eines armen Rikschafahrers, erzählt in sieben Nächten seine Lebensgeschichte in Briefen an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao. Er wächst in einem nordindischen Dorf auf, muss früh die Schule verlassen und verdient seinen Lebensunterhalt zunächst in einem Teeladen. Später wird er Chauffeur eines wohlhabenden Mannes und gelangt nach Delhi. Dort beobachtet er aus nächster Nähe, wie Reichtum, Korruption und gesellschaftliche Macht zusammenwirken.

Balram ist allerdings kein unschuldiger Held, der lediglich unter ungerechten Verhältnissen leidet. Er ist klug, ehrgeizig, skrupellos und zunehmend überzeugt, dass er nur durch ein Verbrechen aus seiner Lage entkommen kann. Schließlich ermordet er seinen Arbeitgeber, raubt dessen Geld und baut sich in Bangalore eine neue Existenz als Unternehmer auf. Der gesellschaftliche Aufstieg ist gelungen, doch sein Fundament besteht aus Mord und Verrat.

Genau darin liegt die besondere Schärfe des Romans. Adiga erzählt keine beruhigende Geschichte darüber, dass Fleiß und Anständigkeit irgendwann belohnt werden. Sein Held gelangt vielmehr zu der Überzeugung, dass die Regeln einer ungerechten Gesellschaft nur durch einen radikalen Bruch überwunden werden können. Doch indem Balram selbst zum Unternehmer wird, übernimmt er teilweise jene Verhaltensweisen, die er zuvor an seinen Arbeitgebern verachtet hat. Der vermeintliche Befreier wird damit selbst zum Bestandteil des Systems.

Der Titel verweist auf ein seltenes Tier. Ein weißer Tiger soll nur einmal unter vielen Generationen vorkommen. Balram begreift sich als ein ähnlich ungewöhnliches Wesen, das dazu bestimmt ist, sich von den übrigen Menschen seiner Umgebung abzuheben. Besonders wichtig ist dabei das Bild vom Hühnerkäfig: Tiere sehen, wie ihre Artgenossen geschlachtet werden, bleiben aber trotzdem in ihrem Käfig. Balram benutzt dieses Bild, um die Unterwürfigkeit armer Arbeiter zu erklären. Sie könnten sich theoretisch wehren, fürchten aber die Konsequenzen für sich selbst und ihre Familien.

Der weiße Tiger erscheint 2008 und wird sofort zu einem großen Erfolg. Schon vor der Verleihung des Booker Prize gehört das Buch in Indien zu den Bestsellern. Am 14. Oktober 2008 erhält Adiga schließlich den renommierten britischen Literaturpreis. Er ist erst 33 Jahre alt und zählt zu den jüngsten Preisträgern der Geschichte. Dass ein Debütroman ausgezeichnet wird, ist ebenfalls außergewöhnlich.

Die Geschichte passt zudem erstaunlich gut in ihre Zeit. Während die internationale Finanzwelt 2008 von einer schweren Krise erschüttert wird, erzählt Adiga von einem Menschen, der den wirtschaftlichen Erfolg zum höchsten Lebensziel erhebt und dafür buchstäblich über Leichen geht. Die satirische Überzeichnung macht den Roman zu einer ebenso unterhaltsamen wie unangenehmen Lektüre.

Allerdings besitzt der Text auch deutliche Schwächen. Balram spricht häufig weniger wie ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen als wie ein außerordentlich scharfsinniger Gesellschaftskritiker. Seine Beobachtungen sind so pointiert und seine Urteile so umfassend, dass man gelegentlich eher die Stimme des Autors als die seiner Romanfigur zu hören glaubt. Die ständige Zuspitzung kann außerdem ermüden. Fast jeder gesellschaftliche Kontakt dient dazu, eine neue Form von Korruption oder Ausbeutung sichtbar zu machen. Das ist wirkungsvoll, lässt aber wenig Raum für jene menschlichen Erfahrungen, die nicht in das düstere Bild passen.

Trotzdem ist Der weiße Tiger ein bemerkenswerter Schelmenroman. Balram erinnert an Figuren der europäischen Literatur, die mit List, Täuschung und gelegentlich krimineller Energie gesellschaftliche Grenzen überwinden. Adiga selbst nennt Charles Dickens und Honoré de Balzac als wichtige literarische Vorbilder. Wer diese Verbindung näher betrachten möchte, findet auf Fabelhafte Bücher beispielsweise unsere Rezensionen zu Oliver Twist von Dickens und zu Glanz und Elend der Kurtisanen von Balzac. Auch dort erzählen die Autoren von Menschen, deren Schicksal durch Armut, gesellschaftliche Stellung und die Verlockungen des Geldes bestimmt wird. Adiga führt diese Tradition in das Indien des 21. Jahrhunderts.

Indien ist empört – und der Bookerpreis landet teilweise in Schottland

Der Erfolg des Romans löst in Indien heftige Diskussionen aus. Adiga beschreibt sein Heimatland als eine Gesellschaft, in der Korruption, Armut, Gewalt und Erniedrigung fast allgegenwärtig erscheinen. Manche Kritiker werfen ihm deshalb vor, ein einseitiges Bild zu zeichnen. Gerade westliche Leser, die nur wenig über Indien wissen, könnten den Eindruck gewinnen, das Land bestehe überwiegend aus reichen Ausbeutern, unterwürfigen Dienern und korrupten Politikern.

Der Vorwurf ist nicht völlig unbegründet. Der weiße Tiger konzentriert sich so stark auf die dunklen Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung, dass andere Wirklichkeiten kaum vorkommen. Indien besitzt eine außerordentlich vielfältige Kultur, zahlreiche soziale Milieus und eine lange Geschichte politischer und gesellschaftlicher Selbstorganisation. Diese Vielfalt erscheint in Adigas Roman oft nur am Rand. Es handelt sich allerdings um eine literarische Satire, nicht um eine umfassende soziologische Untersuchung.

Adiga weist die Kritik zurück, er dürfe aufgrund seiner privilegierten Herkunft nicht über arme Menschen schreiben. Die Vorstellung, Schriftsteller sollten ausschließlich von ihren eigenen Erfahrungen erzählen, hält er für eine unzulässige Einschränkung der Literatur. Er bestreitet nicht, dass er selbst aus einem vergleichsweise wohlhabenden Elternhaus stammt und eine hervorragende Ausbildung erhalten hat. Gerade deshalb sieht er es als seine Aufgabe an, jene gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben, die Menschen seines Milieus häufig ausblenden.

Die Debatte wird besonders interessant, wenn man die journalistische Herkunft seiner Literatur berücksichtigt. Adiga hat zahlreiche Menschen aus armen Verhältnissen kennengelernt und ihre Lebensbedingungen beobachtet. Daraus entsteht jedoch noch keine unmittelbare Kenntnis ihres Innenlebens. Ein Schriftsteller muss erfinden, und die Erfindung kann immer auch ein falsches Bild erzeugen. Die besondere Stärke des Romans liegt deshalb weniger in einem Anspruch auf dokumentarische Authentizität als in der Überzeugungskraft seiner Hauptfigur. Balram ist kein repräsentativer indischer Chauffeur, sondern eine literarisch zugespitzte Gestalt, deren Handlungen grundlegende Fragen über gesellschaftliche Ungleichheit aufwerfen.

Auch einzelne Darstellungen werden kritisiert. In Nepal stößt der Roman auf Widerspruch, weil nepalesische Figuren wiederholt in negativen Zusammenhängen erscheinen. Ein Journalist der Kathmandu Post beanstandet beispielsweise, dass nepalesische Männer vor allem als zwielichtige Sicherheitskräfte und Frauen als Prostituierte dargestellt würden. Hier geht es um eine konkrete literarische Frage: Wenn bestimmte Gruppen fast ausschließlich in abwertenden Rollen auftreten, entsteht auch dann ein einseitiges Bild, wenn jede einzelne Szene für sich genommen denkbar wäre.

Adiga reagiert auf die allgemeinen Vorwürfe mit der Erklärung, er habe bewusst einen unangenehmen Roman schreiben wollen. Der wirtschaftliche Aufschwung Indiens habe vielen Menschen neue Möglichkeiten eröffnet, aber die Armen profitierten davon keineswegs im selben Maß. Diese Ungleichheit interessiere ihn mehr als das Selbstbild einer erfolgreichen neuen Wirtschaftsmacht.

Neben dem literarischen Streit erlebt er die weniger angenehmen Seiten des plötzlichen Ruhms. Kurz nach der Bookerpreisverleihung erscheinen Berichte über eine angebliche Auseinandersetzung mit seinem früheren amerikanischen Literaturagenten Jay Mandel. Es wird spekuliert, ob Adiga sich wegen höherer Einnahmen von ihm getrennt habe. Der Schriftsteller widerspricht entschieden und stellt klar, dass die Zusammenarbeit bereits im November 2007 beendet worden sei, also vor der Veröffentlichung seines Romans. Der Grund habe nichts mit Geld zu tun gehabt, sondern mit seiner Unzufriedenheit über die Vertretung seiner Interessen.

Was Adiga tatsächlich mit den 50.000 Pfund Preisgeld macht, erzählt er später mit trockenem Humor. Einen beträchtlichen Betrag spendet er seiner früheren Schule in Mangalore, die auch ein Waisenhaus betreibt. Ein weiterer Teil geht an das Finanzamt. Den Rest, scherzt er in einem Interview, werde er wohl in verschiedenen schottischen Destillerien lassen. Ob er tatsächlich entsprechend viel Whisky kaufte, ist nicht überliefert. Dass er den Literaturbetrieb gelegentlich lieber mit Ironie als mit feierlichen Dankesreden behandelt, zeigt die Bemerkung jedoch deutlich.

Sein weltweiter Erfolg führt auch zu einer persönlichen Veränderung. Adiga ist nun ein berühmter Schriftsteller, obwohl er sich selbst kaum als Teil des etablierten Literaturbetriebs betrachtet. Er lebt weiterhin in Indien, geht auf die Straße und beobachtet Menschen, deren Alltag vom Booker Prize völlig unberührt bleibt. Diese Nähe zum gesellschaftlichen Leben ist für ihn wichtig. Er befürchtet, dass erfolgreiche Schriftsteller irgendwann vor allem über andere erfolgreiche Schriftsteller schreiben und den Kontakt zu den Menschen verlieren, die nicht zu ihrem eigenen Milieu gehören.

Eine Wohnung in Mumbai, ein kranker Schriftsteller und der Schatten des Tigers

Die Jahre nach dem Bookerpreis verlaufen keineswegs so reibungslos, wie der Erfolg vermuten lässt. Adiga zieht innerhalb Mumbais mehrfach um und arbeitet an neuen Romanen. Zeitweise lebt er in Santacruz East, einem Stadtviertel, in dem ältere Wohnhäuser, kleinere Geschäfte und neue Bauprojekte aufeinandertreffen. Später kann er sich eine größere Wohnung im Stadtteil Versova leisten. Der plötzliche Wohlstand verändert auch den Umgang seiner Umgebung mit ihm. Sein Immobilienmakler wundert sich beispielsweise, wie ein Mann, der seit Monaten keiner geregelten Arbeit nachgeht, plötzlich in eine bessere Wohnung ziehen kann.

Adiga selbst genießt zunächst die neue Freiheit. Er geht am Strand laufen, trainiert im Fitnessstudio und beobachtet das Leben in den Restaurants und Straßen seiner Nachbarschaft. Doch für seinen nächsten Roman zieht es ihn ausgerechnet wieder in jene Gegend zurück, die er gerade verlassen hat. Dort möchte er die Geschichte eines alten Wohnhauses erzählen, das durch die wirtschaftliche Entwicklung Mumbais bedroht wird.

Die Entscheidung hat unangenehme Folgen. Der Staub zahlreicher Baustellen belastet seine Atemwege. Eines Morgens hustet er auf einem Bahnsteig Blut. Ein Arzt diagnostiziert chronische Bronchitis. Adiga muss über längere Zeit behandelt werden und verbringt zahlreiche Stunden in Krankenhauswartezimmern. Er wird erneut krank und beschließt schließlich, Mumbai zumindest vorübergehend zu verlassen. In Bangalore besitzt er eine Wohnung, die seine Mutter ihm hinterlassen hat. Dorthin zieht er sich zurück, um seine Gesundheit wiederherzustellen.

Aus der Beschäftigung mit den Veränderungen Mumbais entsteht Last Man in Tower, 2011 veröffentlicht und auf Deutsch als Letzter Mann im Turm erschienen. Im Mittelpunkt steht ein pensionierter Lehrer, der in einem älteren Wohnhaus lebt. Als ein Immobilienentwickler den Bewohnern ein großzügiges Angebot macht, um das Gebäude abreißen und durch ein lukrativeres Projekt ersetzen zu können, stimmen fast alle zu. Nur der Lehrer weigert sich. Aus einer zunächst überschaubaren Auseinandersetzung entwickelt sich ein immer grausamerer Konflikt.

Der Roman zeigt eine andere Seite von Adigas erzählerischem Können. Während Der weiße Tiger fast vollständig von der Stimme seines skrupellosen Erzählers lebt, entfaltet Letzter Mann im Turm ein größeres Ensemble. Die Bewohner besitzen unterschiedliche Wünsche, wirtschaftliche Zwänge und Vorstellungen von Gerechtigkeit. Besonders interessant ist, wie sich die anfangs sympathisch wirkenden Nachbarn zunehmend gegen den alten Lehrer wenden. Ihre Solidarität endet dort, wo sie dem eigenen finanziellen Vorteil im Weg steht.

Literarisch ist das Buch weniger unmittelbar und weniger komisch als Der weiße Tiger. Manche Passagen ziehen sich, und die zahlreichen Figuren verlangen mehr Aufmerksamkeit. Dafür gelingt Adiga eine differenziertere Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse. Nicht alle Beteiligten sind einfach gut oder böse. Viele Menschen handeln aus nachvollziehbaren Motiven und werden gerade dadurch zu Tätern. Der Roman verkauft sich allerdings nicht annähernd so gut wie sein Vorgänger.

Der erste große Erfolg beginnt Adiga zu belasten. Er hat mit seinem Debüt nicht nur den Booker Prize gewonnen, sondern gleichzeitig einen internationalen Bestseller geschrieben. Jede neue Veröffentlichung wird daran gemessen. Adiga erklärt später, dass er sich zeitweise davor gefürchtet habe, sein eigener weißer Tiger könne ihn verschlingen. Er weiß, dass sich der Erfolg des ersten Romans nicht einfach wiederholen lässt, möchte aber auch nicht sein restliches Leben damit verbringen, Varianten derselben Geschichte zu schreiben.

Cricket statt Medizin: Wenn Eltern das Leben ihrer Kinder verplanen

Mit Selection Day, 2016 veröffentlicht und in Deutschland als Golden Boy erschienen, kehrt Adiga zu einem Thema zurück, das ihn besonders persönlich beschäftigt: dem Leistungsdruck innerhalb von Familien. Der Roman erzählt von zwei Brüdern aus ärmlichen Verhältnissen, die von ihrem ehrgeizigen Vater auf eine Karriere als professionelle Cricketspieler vorbereitet werden. Schon als Kinder müssen sie trainieren, auf zahlreiche Vergnügungen verzichten und ihr Leben dem sportlichen Erfolg unterordnen. Der Vater betrachtet ihre Begabung vor allem als Möglichkeit, der Familie zu Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen zu verhelfen.

Adiga erkennt in dieser Geschichte Parallelen zu seiner eigenen Jugend. Auch er und sein Bruder mussten sich früh auf ein eng begrenztes Ziel konzentrieren. Während die Romanfiguren Cricket spielen sollen, erwartete seine Familie schulische Spitzenleistungen. Die dahinterstehende Vorstellung ist ähnlich: Wer sich genügend anstrengt und seine eigenen Wünsche zurückstellt, wird eines Tages erfolgreich sein. Doch was geschieht mit einem Menschen, der erst im Erwachsenenalter merkt, dass er vielleicht ein ganz anderes Leben hätte führen wollen?

Besonders die Figur Manjunath beschäftigt Adiga. Der Junge ist sportlich begabt, interessiert sich aber auch für andere Dinge und beginnt, seine eigene Sexualität zu entdecken. Seine Gefühle passen nicht zu den Vorstellungen seines Vaters und zur männlich geprägten Welt des professionellen Sports. Der Roman zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen und familiärer Ehrgeiz miteinander verschmelzen können, bis der Betroffene kaum noch weiß, welche Wünsche tatsächlich seine eigenen sind.

Die Entstehung des Buches dauert fünf Jahre. Adiga arbeitet intensiv an den Figuren, beschäftigt sich mit Cricket und interviewt junge Sportler. Dabei entwickelt er eine zunehmend kritische Sicht auf die Kommerzialisierung des indischen Nationalsports. Cricket ist für ihn längst nicht mehr nur ein Spiel, sondern ein riesiger Wirtschaftszweig, in dem Sponsoren, Medienunternehmen und Investoren erhebliche Summen verdienen. Für begabte Jungen aus armen Familien kann der Sport eine Möglichkeit zum Aufstieg bieten. Zugleich werden sie zu wirtschaftlichen Hoffnungen, deren persönliches Wohlergehen leicht in den Hintergrund gerät.

Ein ungewöhnliches Detail betrifft Adigas eigene Begeisterung für Cricket. Als kleiner Junge interessiert er sich zunächst stärker für Hockey. Erst ein signiertes Foto des berühmten Cricketspielers Ravi Shastri bringt ihn dem anderen Sport näher. Ausgerechnet Shastris Großvater wohnt damals in seiner Nachbarschaft. Später verfolgt Adiga die zunehmende Kommerzialisierung des Cricket mit wachsender Skepsis. Er scherzt in einem Interview sogar, dass indische Zeitungen in einigen Jahrzehnten vielleicht fragen müssten, wer den Cricket-Sport eigentlich umgebracht habe.

Golden Boy gehört zu Adigas persönlichsten Romanen. Im Gegensatz zu Der weiße Tiger arbeitet er hier weniger mit einer provokanten Hauptfigur als mit den psychologischen Folgen familiärer Erwartungen. Allerdings besitzt das Buch nicht dieselbe erzählerische Energie. Der Wechsel zwischen Sport, gesellschaftlicher Kritik und persönlicher Entwicklung gelingt nicht immer reibungslos, und manche Figuren wirken stärker als Vertreter bestimmter Konflikte denn als eigenständige Menschen.

2018 wird Selection Day von Netflix als Serie adaptiert. Die Verfilmung macht Adigas Geschichte einem weiteren Publikum zugänglich, erreicht aber nicht die internationale Aufmerksamkeit, die später die Verfilmung von Der weiße Tiger erhalten wird.

Ein illegaler Einwanderer und die Frage nach dem Gewissen

2020 veröffentlicht Adiga mit Amnesty, auf Deutsch Amnestie, seinen bis dahin jüngsten Roman. Er spielt nicht mehr in Indien, sondern in Sydney. Im Mittelpunkt steht Danny, ein junger Mann aus Sri Lanka, der ohne gültigen Aufenthaltsstatus in Australien lebt. Er arbeitet als Reinigungskraft, bewegt sich möglichst unauffällig durch die Stadt und versucht, sich vor den Behörden zu verstecken. Dann erfährt er von einem Mord, über den er wichtige Informationen besitzt.

Danny gerät in ein moralisches Dilemma. Wenn er zur Polizei geht, könnte er dazu beitragen, ein schweres Verbrechen aufzuklären. Gleichzeitig riskiert er, selbst festgenommen und abgeschoben zu werden. Schweigt er dagegen, schützt er seine eigene Zukunft, nimmt aber möglicherweise in Kauf, dass ein Mörder unbestraft bleibt.

Die Geschichte greift ein Motiv auf, das Adiga seit seinem Debüt beschäftigt: Was geschieht mit moralischen Überzeugungen, wenn ein Mensch in einer Situation lebt, in der schon die eigene Existenz gefährdet ist? Bei Balram in Der weiße Tiger führt diese Frage zum Mord. Danny dagegen steht vor der Entscheidung, ob er trotz erheblicher persönlicher Risiken zur Aufklärung eines Mordes beitragen soll.

Adigas eigener Aufenthalt in Australien liefert einen biografischen Hintergrund, doch seine damaligen Lebensumstände waren völlig anders. Er kam als Sohn eines Arztes ins Land, konnte eine angesehene Schule besuchen und später an amerikanischen Eliteuniversitäten studieren. Danny hingegen muss seinen Alltag damit verbringen, nicht aufzufallen. Gerade dieser Gegensatz macht die Geschichte interessant, verlangt vom Autor aber erneut, sich in Erfahrungen hineinzuversetzen, die er selbst nicht gemacht hat.

Amnestie wird von zahlreichen Kritikern positiv aufgenommen und gelangt 2021 auf die Shortlist des australischen Miles Franklin Literary Award. Besonders gelobt werden die Darstellung der ständigen Angst vor Entdeckung und die moralische Spannung. Andere Rezensenten empfinden den Roman als übermäßig konstruiert. Die Handlung spielt sich innerhalb eines eng begrenzten Zeitraums ab, und Danny muss seine Lage immer wieder neu abwägen. Das erzeugt Druck, führt aber gelegentlich auch zu Wiederholungen.

2021 erlebt Adigas berühmtester Roman schließlich eine weitere Karriere. Der iranisch-amerikanische Regisseur Ramin Bahrani verfilmt Der weiße Tiger für Netflix. Adarsh Gourav spielt Balram, Rajkummar Rao und Priyanka Chopra Jonas übernehmen wichtige Nebenrollen. Der Film wird international erfolgreich und erhält unter anderem eine Oscar-Nominierung für das beste adaptierte Drehbuch.

Bemerkenswert ist, dass Bahrani kein zufällig ausgewählter Regisseur ist. Er und Adiga kennen sich bereits seit ihrer gemeinsamen Studienzeit an der Columbia University. Beide verbindet eine lange Freundschaft und das Interesse an Geschichten über gesellschaftliche Außenseiter. Adiga hat seinen Roman sogar Bahrani gewidmet. Der Regisseur kennt frühe Manuskriptfassungen aus dem Jahr 2004 und erklärt später, er habe schon damals davon geträumt, die Geschichte zu verfilmen. Dass zwischen der ersten Beschäftigung mit dem Stoff und der fertigen Produktion mehr als fünfzehn Jahre liegen, macht den Film auch zu einer ungewöhnlich späten Verwirklichung eines gemeinsamen Projekts.

Was bleibt vom weißen Tiger?

Aravind Adiga lebt nach den jüngsten veröffentlichten Autorenangaben in Indien. Er hat sich bewusst dafür entschieden, nicht dauerhaft in London oder New York zu bleiben, obwohl seine Ausbildung und seine beruflichen Kontakte ihm ein solches Leben vermutlich ermöglicht hätten. Er erklärt, dass er für seine Arbeit auf die unmittelbare Erfahrung der indischen Gesellschaft angewiesen sei. Die Straßen, Gespräche und alltäglichen Veränderungen liefern ihm Material, das sich aus der Ferne nur schwer ersetzen lasse.

Über sein Privatleben spricht er vergleichsweise wenig. In Interviews gibt er sich freundlich, manchmal ausgesprochen selbstironisch, bleibt bei persönlichen Fragen aber zurückhaltend. Dass er aus einer wohlhabenden Familie stammt, bestreitet er nicht. Gleichzeitig beschreibt er seine Jugend keineswegs als unbeschwerte Zeit voller Möglichkeiten. Die Erwartungen seiner Eltern, die Krankheit und der frühe Tod seiner Mutter sowie die wiederholten Ortswechsel haben sein Verhältnis zu Erfolg und Sicherheit stark geprägt.

Adiga hat einmal erklärt, dass ihn weniger eine umfassende politische Theorie als eine Verbindung aus Angst und Ehrgeiz zum Schreiben antreibe. Er fürchte, sein Leben zu verschwenden, und wolle deshalb etwas hervorbringen, das Bestand habe. Diese Selbstauskunft ist aufschlussreicher als manches literarische Bekenntnis. Denn seine Romanfiguren werden häufig von genau denselben Kräften angetrieben. Sie möchten aufsteigen, anerkannt werden und ihrem bisherigen Leben entkommen. Dabei geraten sie in Situationen, in denen Erfolg und persönliches Glück immer weiter auseinanderfallen.

Literarisch bleibt Der weiße Tiger sein eindrucksvollstes Werk. Der Roman besitzt eine unmittelbare Energie, die Adiga später nicht mehr in derselben Form erreicht hat. Seine satirische Stimme ist unverwechselbar, die Handlung zielgerichtet und die Hauptfigur zugleich abstoßend und faszinierend. Dass Balram ein Mörder ist, macht ihn nicht sympathisch. Doch der Leser versteht zunehmend, wie er zu seinen Entscheidungen gelangt. Diese Fähigkeit, eine moralisch fragwürdige Figur verständlich zu machen, ohne ihr Verhalten einfach zu entschuldigen, gehört zu den größten Stärken des Buches.

Letzter Mann im Turm ist gesellschaftlich differenzierter, verlangt aber mehr Geduld. Golden Boy überzeugt durch die psychologische Auseinandersetzung mit familiärem Ehrgeiz, verliert allerdings gelegentlich an erzählerischer Spannung. Amnestie zeigt schließlich, dass Adiga auch außerhalb Indiens interessante Geschichten über gesellschaftliche Abhängigkeit erzählen kann.

Wer seine Bücher kennenlernen möchte, sollte mit Der weiße Tiger beginnen. Der Roman ist vergleichsweise kurz, unterhaltsam und gerade wegen seiner unangenehmen Hauptfigur eine lohnende Lektüre. Danach bietet sich Letzter Mann im Turm an, weil Adiga dort eine weniger eindeutige und größere gesellschaftliche Welt entwirft. Golden Boy ist besonders interessant für Leser, die sich für Sport, Erziehung und die Folgen überzogener Erwartungen interessieren.

Adigas Werk zeigt vor allem, wie eng gesellschaftlicher Aufstieg und persönliche Abhängigkeit miteinander verbunden sein können. Seine Figuren möchten frei werden, geraten aber häufig nur in neue Formen der Unfreiheit. Das gilt in gewisser Weise auch für den Autor selbst. Der Booker Prize eröffnete ihm eine internationale Karriere und ermöglichte finanzielle Unabhängigkeit. Gleichzeitig wurde der Erfolg von Der weiße Tiger zu einem Maßstab, dem seine späteren Bücher kaum entkommen konnten.

Dass Adiga inzwischen selbst zugegeben hat, vermutlich niemals wieder einen Roman mit derselben Wirkung schreiben zu können, ist deshalb keine ungewöhnliche Bescheidenheit. Es ist die nüchterne Erkenntnis eines Schriftstellers, der schon mit seinem ersten Buch einen Erfolg erreichte, von dem andere Autoren ihr ganzes Leben träumen. Sein weißer Tiger hat ihm die Freiheit gegeben, Schriftsteller zu sein. Ganz losgeworden ist er ihn trotzdem nicht.

Aravind Adiga – die wichtigsten Fakten

  • Geboren: 23. Oktober 1974 in Madras (heute Chennai), Indien.
  • Eltern: K. Madhava Adiga, Arzt und Urologe; Usha Adiga, Sozialarbeiterin, gestorben 1990.
  • Familie: Ein älterer Bruder, Anand Adiga.
  • Ausbildung und Beruf: Studium an der Columbia University und am Magdalen College in Oxford; anschließend Finanzjournalist und Südasienkorrespondent für Time.
  • Wichtigste Werke: Der weiße Tiger (2008), Zwischen den Attentaten (2008), Letzter Mann im Turm (2011), Golden Boy (2016), Amnestie (2020).
  • Wichtigste Auszeichnungen: Man Booker Prize für Der weiße Tiger (2008), British Book Awards – Author of the Year (2009).

Verfasst von Sophia und Marc.