
Katherine Mansfield wurde nur 34 Jahre alt, hinterließ aber einige der vollkommensten Kurzgeschichten des englischsprachigen Modernismus. Ihr eigenes Leben war weit weniger still als ihre Prosa: Beziehungen zu Männern und Frauen, eine Ehe, die sie noch am Hochzeitstag verließ, Schwangerschaft, Krankheit, leidenschaftliche Freundschaften und der frühe Tod ihres Bruders begleiteten ihren Weg. Mit Virginia Woolf verband sie Bewunderung und Konkurrenz, von Anton Tschechow lernte sie entscheidend – und ausgerechnet das koloniale Neuseeland, dem sie unbedingt entkommen wollte, wurde später zum Schauplatz ihrer besten Geschichten.
Eine wohlhabende Kindheit in einem Land, das ihr zu klein wurde
Katherine Mansfield wurde am 14. Oktober 1888 in Wellington als Kathleen Mansfield Beauchamp geboren. Ihr Vater Harold Beauchamp war ein ehrgeiziger Geschäftsmann, der später zu den führenden Persönlichkeiten der Bank of New Zealand gehörte; ihre Mutter Annie stammte ebenfalls aus einer etablierten Familie. Mansfield wuchs also keineswegs in ärmlichen kolonialen Verhältnissen auf. Die Familie wurde mit den Jahren wohlhabender und gesellschaftlich einflussreicher. Gerade diese bürgerliche Welt aus gepflegten Häusern, Gärten, Dienstboten, gesellschaftlichen Erwartungen und sorgfältig gewahrtem Anstand sollte Jahrzehnte später zum Material ihrer Literatur werden.
Als Kind fühlte sich Kathleen innerhalb dieser Umgebung allerdings häufig unpassend. Eine Lehrerin beschrieb sie als schwierig, unordentlich und ausgesprochen fantasievoll. Schon früh schrieb sie Geschichten, gleichzeitig spielte das Cello eine wichtige Rolle. 1903 durfte sie zusammen mit zwei Schwestern nach London gehen und besuchte dort bis 1906 das Queen’s College in Harley Street. Das war keine Universität, wie gelegentlich verkürzt dargestellt wird, sondern eine fortschrittliche höhere Bildungseinrichtung für Frauen. Mansfield begegnete dort Literatur, Kunst und Lebensformen, die ihr aufregender erschienen als die Gesellschaft Wellingtons. Ibsen, Wilde und die Literatur des Fin de Siècle beeindruckten sie, und sie lernte Ida Baker kennen, die sie später meist „LM“ nannte und die bis zu ihrem Tod eine der beständigsten Personen ihres Lebens blieb.
Nach der Rückkehr nach Neuseeland 1906 empfand Mansfield die Heimat zunächst als Provinz, aus der sie wieder fortwollte. Gleichzeitig lebte sie dort erheblich weniger konventionell, als es die gesellschaftlichen Regeln ihrer Familie vorsahen. Sie unterhielt intensive und teilweise erotisch gefärbte Beziehungen zu Männern und Frauen. Besonders wichtig waren die Künstlerin Edie Bendall und Maata Mahupuku, eine junge Māori-Frau aus einer prominenten Ngāti-Kahungunu-Familie, die Mansfield bereits aus der Schulzeit kannte. Wie diese Beziehungen genau zu benennen sind, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht immer eindeutig bestimmen; dass Mansfield starke erotische Gefühle für Frauen empfand, ist dagegen gut dokumentiert. Eine spätere eindeutige Identitätsbezeichnung auf sie zurückzuprojizieren wäre unnötig. Ihr Liebesleben entzog sich ohnehin den einfachen Kategorien ihrer Zeit.
Bemerkenswert ist, dass gerade das Neuseeland, dem Mansfield entkommen wollte, in ihrer Erinnerung immer wichtiger wurde. Landschaften, Familienrituale, Kinder, Dienstboten und gesellschaftliche Klassenunterschiede speicherte sie offenbar genauer, als sie zunächst selbst bemerkte. Ihr Vater, den sie als Vertreter einer engen bürgerlichen Welt kritisierte, unterstützte ihren literarischen Ehrgeiz zugleich finanziell. 1908 erlaubte er ihr die endgültige Rückkehr nach England und zahlte ihr eine jährliche Unterstützung. Mansfield verließ Neuseeland mit neunzehn Jahren. Sie sollte ihre Heimat nie wiedersehen.
Eine schwarze Hochzeit, eine Schwangerschaft und ein chaotisches Jahr
Die ersten Londoner Jahre waren alles andere als der elegante Beginn einer Schriftstellerkarriere. Mansfield wollte zunächst weiterhin Musikerin werden, verkaufte ihr Cello aber bald und stürzte sich in das bohèmehafte Leben der Hauptstadt. 1909 wurde zu einem besonders turbulenten Jahr. Sie verliebte sich in den Geiger Garnet Trowell und wurde von ihm schwanger. Gleichzeitig verlobte sie sich aus Gründen, die selbst ihre Biografen nicht vollständig erklären können, mit dem Gesangslehrer George Bowden, der deutlich älter war als sie. Am 2. März heiratete sie ihn in schwarzer Kleidung auf einem Londoner Standesamt. Noch am selben Tag verließ sie ihren frischgebackenen Ehemann.
Ihre Mutter reiste alarmiert aus Neuseeland an. Mansfield hatte sich mit ihren Beziehungen und ihrem Verhalten weit von dem entfernt, was eine respektable Familie ihrer Schicht für eine junge Tochter vorgesehen hatte. Annie Beauchamp trennte sie von Ida Baker und brachte sie nach Bad Wörishofen in Bayern, offenbar ohne sicher zu wissen, dass ihre Tochter schwanger war. Danach kehrte sie nach Neuseeland zurück und strich Katherine aus ihrem Testament. Mansfield erlitt in Deutschland eine Fehlgeburt.
Hinzu kamen gesundheitliche Probleme, die ihr weiteres Leben überschatteten. In dieser Zeit hatte sie eine Beziehung mit dem polnischen Schriftsteller und Kritiker Floryan Sobieniowski. Wahrscheinlich zog sie sich eine sexuell übertragbare Infektion zu; häufig wird Gonorrhoe vermutet, doch die genaue Herkunft der Infektion lässt sich nicht zweifelsfrei bestimmen. 1910 musste ein entzündeter Eileiter operativ entfernt werden. Für eine junge unverheiratete Frau bedeuteten Schwangerschaft, Geschlechtskrankheit und gynäkologische Operation zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur medizinische Risiken, sondern ein erhebliches gesellschaftliches Stigma. Mansfields spätere Geschichten über Sexualität, Ehe und Mutterschaft entstanden in einer Welt, in der Männer sexuelle Freiheiten genießen konnten, während Frauen die körperlichen und sozialen Folgen trugen.
Ausgerechnet der ungeliebte Aufenthalt in Deutschland brachte ihr erstes Buch hervor. Die Beobachtungen aus Bad Wörishofen wurden zu den satirischen Skizzen von „In a German Pension“, die 1911 gesammelt erschienen. Mansfield macht sich darin über Geschlechterrollen, Körperlichkeit und bürgerliche Selbstzufriedenheit lustig, allerdings auch über „die Deutschen“ in einer Weise, die teilweise von nationalen Stereotypen lebt. Es ist ein talentiertes, witziges und noch deutlich unreifes Buch. Wer nur ihre späteren Meistergeschichten kennt, findet hier eine erheblich gröbere Schriftstellerin.
Auch ihr Verhältnis zu Anton Tschechow begann in dieser Zeit – und nicht ohne Schatten. Sobieniowski machte Mansfield intensiver mit russischer Literatur vertraut. Eine ihrer frühen Geschichten, „The Child-Who-Was-Tired“, folgt Tschechows „Sleepy“ so auffällig in Handlung und Anlage, dass der später erhobene Plagiatsvorwurf nicht einfach als Missverständnis abgetan werden kann. Wie man diesen Fall genau bewertet, wird in der Forschung weiterhin diskutiert. Sicher ist aber, dass Tschechow für Mansfield weit mehr wurde als eine Vorlage. Von ihm lernte sie eine Form des Erzählens, in der nicht die große Wendung am Schluss entscheidend ist, sondern jene winzigen Verschiebungen im Bewusstsein einer Figur, nach denen die Welt plötzlich anders aussieht.
John Middleton Murry, Ida Baker und Beziehungen, die selten einfach waren
Ende 1911 lernte Mansfield John Middleton Murry kennen, einen jungen Literaturkritiker und Herausgeber der avantgardistischen Zeitschrift „Rhythm“. Aus Bekanntschaft wurde Zusammenarbeit, aus Zusammenarbeit eine Liebesbeziehung. Murry zog 1912 zu ihr. Heiraten konnten beide zunächst nicht, weil Mansfield juristisch noch immer mit George Bowden verheiratet war; diese Ehe wurde erst 1918 geschieden. Wenige Tage später heirateten Mansfield und Murry.
Die Beziehung war intensiv und schwierig. Beide liebten einander, lebten aber über lange Zeiträume getrennt und führten ihre Beziehung teilweise in Hunderten von Briefen. Mansfield verlangte Nähe und emotionale Verlässlichkeit, die Murry ihr nicht immer geben konnte oder wollte. Murry wiederum musste mit einer Partnerin leben, die äußerst empfindlich, wechselhaft und keineswegs immer freundlich war. In Briefen konnte Mansfield zärtlich und abhängig wirken, dann wieder schneidend und verächtlich. Eine große romantische Liebesgeschichte lässt sich daraus ebenso wenig machen wie eine reine Leidensbeziehung.
Eine zweite Konstante blieb Ida Baker. Mansfield gab ihr den Namen Leslie Moore oder kurz LM. Baker organisierte Reisen, pflegte Mansfield während ihrer Krankheiten, half finanziell und war oft dort, wenn Murry nicht da war. Mansfield war auf diese Hingabe angewiesen und konnte gleichzeitig erstaunlich grausam mit Baker umgehen. Dass Baker ihr Leben teilweise um Mansfield herum organisierte, erzeugte eine Beziehung, in der Zuneigung und Abhängigkeit schwer voneinander zu trennen sind. Auch deshalb ist die private Mansfield weniger liebenswert als das spätere Bild der empfindsamen todkranken Schriftstellerin vermuten lässt. Sie konnte charmant, witzig und großzügig sein, aber ebenso egozentrisch, manipulativ und verletzend.
Über Murry gelangte sie mitten in die literarische Avantgarde. Sie und Murry waren zeitweise eng mit D. H. Lawrence und dessen Frau Frieda befreundet und waren 1914 sogar Zeugen bei deren Hochzeit. Die Freundschaft wurde später schwierig; Lawrence konnte ebenso explosiv und verletzend sein wie Mansfield, und die zeitweise Idee einer eng verbundenen Künstlergemeinschaft überstand den Alltag nicht lange. Mansfield hatte daneben Kontakte zu T. S. Eliot, Bertrand Russell, Lytton Strachey und Lady Ottoline Morrell. Sie bewegte sich damit im Umfeld der Bloomsbury Group, gehörte aber nicht einfach zum festen Kern. Für manche Mitglieder blieb sie die brillante, schwer einzuordnende Frau aus der Kolonie.
1916 lernte sie Virginia Woolf näher kennen. Zwischen beiden entstand eine seltene Mischung aus Freundschaft, literarischer Nähe und Konkurrenz. Virginia und Leonard Woolf veröffentlichten 1918 mit ihrer noch jungen Hogarth Press Mansfields „Prelude“. Woolf erkannte sehr genau, wie gut Mansfield schreiben konnte, und gestand in ihrem Tagebuch sogar ihre Eifersucht auf dieses Talent ein. Mansfield wiederum schätzte Woolf, urteilte aber nicht immer freundlich über deren Bücher. Gerade diese Rivalität ist literarisch produktiver als die Vorstellung zweier harmonisch verbundener Modernistinnen. Beide versuchten auf unterschiedliche Weise, die traditionelle Handlung aufzubrechen und das flüchtige Bewusstsein, die Wahrnehmung und das Ungesagte zum eigentlichen Gegenstand der Prosa zu machen.
Der Tod des Bruders und die Rückkehr nach Neuseeland – auf dem Papier
Der entscheidende Einschnitt in Mansfields Schreiben kam 1915. Ihr jüngerer Bruder Leslie, genannt Chummie, war zum Militär gegangen und hielt sich vor seinem Einsatz eine Zeit lang in England auf. Bruder und Schwester sprachen viel über ihre gemeinsame Kindheit und träumten sogar davon, irgendwann nach Neuseeland zurückzukehren. Am 7. Oktober 1915 wurde Leslie in Frankreich im Alter von 21 Jahren getötet – nicht in einem regulären Gefecht, sondern bei einem Unfall während der Vorführung einer Handgranate.
Mansfield traf der Tod schwer. Gleichzeitig veränderte er ihr Verhältnis zu ihrer Herkunft. Die neuseeländische Kindheit, die sie als junge Frau so energisch hinter sich lassen wollte, wurde nun zu etwas unwiederbringlich Verlorenem. Sie begann „The Aloe“, eine lange Familiengeschichte, neu zu bearbeiten. Daraus entstand „Prelude“. Später folgten „At the Bay“, „The Garden Party“ und „The Doll’s House“. Das koloniale Neuseeland war nun nicht mehr der langweilige Rand der Welt, sondern der Erinnerungsraum, in dem Mansfield ihre präzisesten Geschichten fand.
Gerade diese Erzählungen zeigen, weshalb ihre Kurzprosa so wichtig wurde. Äußerlich geschieht oft erstaunlich wenig. Eine Familie zieht in ein neues Haus. Menschen verbringen einen Tag am Meer. Eine wohlhabende Familie gibt eine Gartenparty, während in unmittelbarer Nachbarschaft ein Arbeiter stirbt. Kinder bekommen ein Puppenhaus geschenkt. Doch Mansfield verschiebt ständig die Perspektive. Ein Geräusch, ein Geruch, eine beiläufige Bemerkung oder eine Veränderung des Lichts kann für eine Figur plötzlich eine ganze soziale oder emotionale Wirklichkeit öffnen.
„The Garden Party“ ist dafür besonders charakteristisch. Die junge Laura Sheridan wird während der Vorbereitungen für eine elegante Feier mit dem Tod eines armen Nachbarn konfrontiert. Sie möchte die Party absagen, lässt sich von ihrer Familie aber schnell wieder in deren Welt hineinziehen. Später besucht sie die Familie des Toten und sieht dessen Leichnam. Mansfield liefert keine saubere moralische Lektion darüber, was Laura nun gelernt habe. Der Moment bleibt widersprüchlich: erschütternd, schön, beschämend und kaum in Sprache zu fassen. Genau darin unterscheidet sich Mansfield von einem Autor, der seine Geschichte auf eine Pointe oder Botschaft hin konstruiert.
Ihre Geschichten werden deshalb manchmal als „handlungslos“ beschrieben. Das ist nur halb richtig. Mansfield verlagert die Handlung nach innen. Ein gesellschaftliches Ritual kann äußerlich unverändert weitergehen, während sich in einer Figur etwas fundamental verschiebt. Ihre großen Themen sind Klassenunterschiede, Ehe, weibliche Rollen, Kinder, Einsamkeit, erotische Unsicherheit und jene kleinen Grausamkeiten, mit denen Menschen einander täglich verletzen, ohne sie überhaupt als Grausamkeiten wahrzunehmen. Ihre Sprache bleibt dabei meist viel leichter als die Bedeutung, die darunter liegt.
Tuberkulose und ein Wettlauf gegen die Zeit
Ende 1917 zeigten sich eindeutige Anzeichen einer schweren Lungenerkrankung. Anfang 1918 erlitt Mansfield eine Lungenblutung; die Tuberkulose wurde nun zu einer Realität, die sich nicht länger verdrängen ließ. Eine zuverlässige Behandlung gab es damals nicht. Ruhe, gute Luft, Ernährung und Sanatoriumsaufenthalte konnten helfen, die Krankheit aber nicht heilen. Mansfield war noch keine dreißig Jahre alt und wusste zunehmend, dass ihr wahrscheinlich wenig Zeit blieb.
Die Krankheit beschleunigte ihren ohnehin unsteten Lebensstil. Sie wechselte zwischen England, Frankreich, Italien und der Schweiz und suchte Orte mit günstigem Klima ebenso wie Ärzte mit neuen Behandlungsmethoden. Immer wieder war Ida Baker bei ihr. Murry blieb emotional wichtig, konnte oder wollte ihr aber nicht permanent folgen. Mansfield fühlte sich von ihm häufig verlassen, während er zugleich seine eigene Arbeit und sein eigenes Leben aufrechterhalten musste. Ihre Briefe aus diesen Jahren zeigen sowohl große Zuneigung als auch Bitterkeit.
Literarisch war gerade die Zeit der fortschreitenden Krankheit außerordentlich produktiv. 1920 erschien „Bliss and Other Stories“, 1922 „The Garden Party and Other Stories“. In „Bliss“ erlebt die scheinbar vollkommen glückliche Bertha Young einen Augenblick geradezu ekstatischer Lebensfreude, bevor sie erkennt, dass ihr Mann offenbar eine Beziehung mit jener Frau hat, auf die Bertha selbst emotional und möglicherweise erotisch fixiert ist. „The Daughters of the Late Colonel“ erzählt von zwei Schwestern, die nach dem Tod ihres tyrannischen Vaters theoretisch frei sind und doch nicht wissen, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollen. In „The Fly“ erscheint Trauer als etwas, das zugleich tief und erschreckend instabil sein kann.
Nicht jede Geschichte ist gleich stark. Mansfield neigt gelegentlich zur Süßlichkeit, und manche kindlichen Perspektiven wirken heute etwas kostbar inszeniert. Ihr Frühwerk ist deutlich ungleichmäßiger als die späten Sammlungen. Auch die ständige Verbindung mit Tschechow kann ihren eigenen Anteil an der Entwicklung der modernen Kurzgeschichte kleiner erscheinen lassen, als er war. In den besten Geschichten hat sie eine unverwechselbare Form gefunden: keine große Handlung, kein erklärendes Urteil, sondern psychologische Bewegung in wenigen Seiten. Sie benötigt manchmal nur einen Nachmittag, um eine Figur sichtbar zu machen.
Heilung der Seele, Gurdjieff und ein sehr früher Tod
Mit fortschreitender Tuberkulose wurde Mansfield anfälliger für unkonventionelle Heilungsversprechen. 1922 unterzog sie sich in Paris einer schmerzhaften experimentellen Behandlung durch den russischen Arzt Iwan Manuchin, die mit Röntgenbestrahlung arbeitete. Der erhoffte Durchbruch blieb aus. Gleichzeitig kam Mansfield zunehmend zu der Überzeugung, ihre körperliche Krankheit könne nicht unabhängig von ihrer seelischen Lebensweise geheilt werden.
Im Oktober 1922 trat sie in das von dem spirituellen Lehrer Georges I. Gurdjieff geleitete „Institute for the Harmonious Development of Man“ in Fontainebleau bei Paris ein. Gurdjieffs Gemeinschaft verband körperliche Arbeit, Tänze, Disziplin und mystische Lehren. Aus heutiger Perspektive lässt sich leicht fragen, weshalb eine schwer tuberkulosekranke Frau sich ausgerechnet dorthin begab, statt medizinische Schonung zu suchen. Für Mansfield selbst war der Schritt offenbar konsequenter. Sie glaubte nicht mehr an eine Wunderheilung durch Ärzte und suchte nach einer anderen Form, ihr Leben zu ordnen. Ihre letzten Briefe legen nahe, dass sie dort zumindest zeitweise eine Ruhe fand, die ihr zuvor gefehlt hatte.
Am 9. Januar 1923 kam John Middleton Murry zu Besuch nach Fontainebleau. Am Abend erlitt Mansfield eine schwere Lungenblutung. Sie starb noch in derselben Nacht, 34 Jahre alt. Ihr gesamtes reifes Werk war damit innerhalb weniger Jahre entstanden. Pläne für weitere zusammenhängende Geschichten aus Neuseeland blieben unvollendet.
Der Tod setzte allerdings eine zweite Geschichte in Gang: die Entstehung der „Katherine Mansfield“, die die Nachwelt kennenlernen sollte. Mansfield hatte Murry ihre Manuskripte, Briefe und Notizbücher überlassen und ihn gebeten, mit ihnen verantwortungsvoll umzugehen. Murry veröffentlichte nach ihrem Tod umfangreiche Auszüge aus Tagebüchern und Korrespondenz. Seine Auswahl machte Mansfield weithin bekannt, formte aus ihr aber auch eine beinahe heilige Figur: die empfindsame, leidende, früh verstorbene Künstlerin auf der Suche nach geistiger Reinheit.
Dieses Bild war nicht frei erfunden, aber unvollständig. Es verdeckte die sexuell experimentierfreudige junge Frau, den scharfen Spott, ihre schwierigen Beziehungen und die gelegentliche Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen, auf deren Hilfe sie angewiesen war. Spätere vollständigere Editionen ihrer Briefe und Notizbücher machten diese widersprüchlichere Mansfield wieder sichtbar. Das bekommt ihr besser. Eine makellose Heilige wäre als Schriftstellerin kaum so interessant wie diese scharfe, manchmal ungerechte und häufig außerordentlich genaue Beobachterin anderer Menschen und ihrer selbst.
Was man von Katherine Mansfield lesen sollte
Wer Mansfield kennenlernen möchte, sollte nicht chronologisch mit „In a German Pension“ beginnen. Das Frühwerk ist literaturgeschichtlich interessant und zeigt ihren satirischen Ausgangspunkt, aber noch nicht die Schriftstellerin auf der Höhe ihrer Möglichkeiten. Der beste Einstieg ist „The Garden Party and Other Stories“. Dort stehen mit „The Garden Party“, „At the Bay“, „The Doll’s House“ und „The Fly“ mehrere ihrer stärksten Texte nebeneinander. Danach bietet sich „Bliss and Other Stories“ an, insbesondere wegen „Bliss“ und „The Daughters of the Late Colonel“.
„Prelude“ sollte man ebenfalls lesen, gerade weil dort aus scheinbar banalem Familienalltag ein komplexes Geflecht von Geschlechterrollen, kindlicher Wahrnehmung, Sexualität und Macht entsteht. Wer anschließend Tschechows Erzählungen danebenlegt, versteht besser, was Mansfield von ihm gelernt hat: nicht bloß Kürze, sondern die Fähigkeit, eine Geschichte offen zu lassen, ohne sie unfertig wirken zu lassen. Gleichzeitig sieht man, wie stark sie dieses Verfahren auf ihre eigene Welt übertragen hat – auf weibliche Erfahrung, koloniale Gesellschaft und die flüchtigen Bewusstseinsbewegungen des frühen Modernismus.
Katherine Mansfield schrieb keine großen Romane und hatte keine fünfzigjährige Karriere. Ihr Ruhm beruht auf einem verhältnismäßig kleinen Werk, dessen Qualität zudem nicht gleichmäßig ist. Aber ihre besten Geschichten benötigen keine Entschuldigung wegen ihres geringen Umfangs. Sie gehören zu jener seltenen Kurzprosa, bei der nach zehn Seiten mehr von einer Figur sichtbar geworden ist, als manche Romane nach fünfhundert erreichen. Mansfield wusste, dass ein ganzes Leben manchmal in einem Blick, einer beiläufigen Zurückweisung oder einem Birnbaum im Abendlicht aufscheinen kann. Das war ihre eigentliche Entdeckung – und darin wirkt sie bis heute erstaunlich modern.
Katherine Mansfield – Fakten
- Geboren: 14. Oktober 1888 in Wellington, Neuseeland
- Gestorben: 9. Januar 1923 in Fontainebleau bei Paris
- Geburtsname: Kathleen Mansfield Beauchamp
- Eltern: Harold Beauchamp und Annie Burnell Beauchamp, geborene Dyer
- Ehemann: John Middleton Murry; verheiratet ab 1918
- Wichtige Werke: „Prelude“, „Bliss and Other Stories“ und „The Garden Party and Other Stories“
- Literarische Bedeutung: eine der wichtigsten Erneuerinnen der englischsprachigen Kurzgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts
- Todesursache: Tuberkulose; Tod infolge einer schweren Lungenblutung
Verfasst von Sophia und Marc.

