
Günter Grass schrieb gegen das Vergessen und verschwieg zugleich jahrzehntelang einen entscheidenden Teil der eigenen Vergangenheit. Mit „Die Blechtrommel“ wurde er zum Erneuerer der deutschen Nachkriegsliteratur, mit seinen Wahlkämpfen für Willy Brandt zum politischen Schriftsteller und mit dem Nobelpreis endgültig zur Institution. Doch Grass war nie nur Gewissen der Republik: Er war streitlustig, rechthaberisch, gelegentlich ungerecht und literarisch längst nicht immer so gut wie sein Ruf. Dass ausgerechnet so einer 2006 seine frühere Zugehörigkeit zur Waffen-SS eingestand, traf deshalb einen empfindlichen Punkt seines Lebenswerks.
Danzig: Kindheit zwischen Kleinbürgertum und Nationalsozialismus
Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr, dem heutigen Gdańsk-Wrzeszcz, geboren. Danzig war damals eine Freie Stadt unter dem Schutz des Völkerbundes, mit deutscher Bevölkerungsmehrheit und einer starken polnischen Minderheit. Grass‘ Vater Willy war Protestant und deutscher Herkunft, seine Mutter Helene katholisch und kaschubischer Abstammung. Die Eltern führten ein kleines Kolonialwarengeschäft; die Familie lebte beengt hinter dem Laden. Es war genau jene kleinbürgerliche Welt aus Nachbarschaft, Gerüchen, Lebensmitteln, katholischen Ritualen, politischen Parolen und provinzieller Enge, die später in Grass‘ Literatur wiederkehren sollte.
Die Vorstellung, Grass habe schon als Jugendlicher das NS-Regime durchschaut, wäre völlig falsch. Er wuchs in dessen Institutionen hinein und war zunächst anfällig für die Versprechen von Heldentum und militärischem Abenteuer. Mit fünfzehn meldete er sich freiwillig zu den U-Booten, nach eigener späterer Darstellung auch deshalb, weil er dem engen Elternhaus entkommen wollte. Angenommen wurde er nicht. Es folgten Einsatz als Luftwaffenhelfer und Reichsarbeitsdienst. 1944 wurde der Siebzehnjährige zum Militär eingezogen und der 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ zugeteilt.
Dieser Punkt ist wichtig, weil später in beide Richtungen verkürzt wurde. Grass hatte sich nicht freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Er war aber auch keineswegs ein innerer Widerstandskämpfer, der nur widerwillig eine Uniform trug. Er räumte 2006 selbst ein, dass die Waffen-SS ihm damals als Eliteeinheit erschien und er gegen sie keine moralischen Vorbehalte hatte. Im Frühjahr 1945 wurde er verwundet, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft und gab gegenüber den Amerikanern korrekt an, Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein. Eine Beteiligung Grass‘ an Kriegsverbrechen ist nicht bekannt.
Was der junge Grass vom Nationalsozialismus verstand, veränderte sich erst nach dessen Zusammenbruch. Seine Heimat Danzig war verloren, große Teile der deutschen Bevölkerung wurden vertrieben, und die Verbrechen des Regimes wurden immer deutlicher sichtbar. Besonders nah lag die Geschichte bereits in der eigenen Familie: Ein kaschubischer Verwandter seiner Mutter hatte zu den Verteidigern der Polnischen Post in Danzig gehört und war nach der deutschen Eroberung erschossen worden. Jahrzehnte später erinnerte Grass in seiner Nobelpreisrede daran. Die deutsche Geschichte war für ihn deshalb nie etwas, das nur in Büchern stattfand. Sie hatte seine Familie, seine Stadt und seine eigene Jugend durchzogen.
Steinmetz, Bildhauer – und ein Schriftsteller, der eigentlich vom Bild her kam
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft schlug Grass sich mit unterschiedlichen Tätigkeiten durch, arbeitete unter anderem in der Landwirtschaft und in einem Kalibergwerk und begann eine Steinmetzlehre. Von 1948 bis 1952 studierte er an der Kunstakademie Düsseldorf Grafik und Bildhauerei, anschließend in Berlin bei dem Bildhauer Karl Hartung. Die bildende Kunst blieb sein ganzes Leben hindurch weit mehr als ein Hobby. Grass zeichnete, radierte, formte Skulpturen und gestaltete viele seiner Buchumschläge selbst. Schnecken, Ratten, Fische, Pilze, Vögel und andere körperlich greifbare Motive wandern bei ihm ständig zwischen Zeichnung und Literatur hin und her.
Diese Herkunft erklärt einen Teil seines Schreibens. Grass denkt häufig körperlich. Bei ihm wird gegessen, verdaut, gekocht, geschwitzt, uriniert, kopuliert, verwest und gestorben. Seine Gegenstände haben Gewicht und Geruch. Das unterscheidet ihn deutlich von einer Nachkriegsliteratur, die moralische und historische Probleme mitunter sehr abstrakt verhandelte. Bei Grass liegen tote Aale in Pferdeköpfen, wachsen übergroße Adamsäpfel, werden Kartoffeln geschält und Trommeln zerschlagen. Die Geschichte kommt nicht sauber daher.
1954 heiratete Grass die Schweizer Tänzerin Anna Schwarz. Zwei Jahre später zog das Paar nach Paris. Dort lebten beide zeitweise unter bescheidenen Bedingungen, bekamen 1957 ihre Zwillinge Franz und Raoul und Grass arbeitete an dem Roman, der sein Leben verändern sollte. 1958 las er aus dem Manuskript bei der Gruppe 47 und erhielt deren Preis. Ein Jahr später erschien „Die Blechtrommel“.
Oskar Matzerath und ein Roman, nach dem die deutsche Literatur anders aussah
Dass ein erster Roman einen Autor sofort zum internationalen Schriftsteller macht, geschieht selten. Grass gelang es 1959. „Die Blechtrommel“ erzählt die Geschichte Oskar Matzeraths, der angeblich bereits bei seiner Geburt über einen vollständig entwickelten Verstand verfügt und an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr zu wachsen. Mit seiner Blechtrommel kommentiert er Familie, Danzig, Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit. Zugleich ist Oskar alles andere als ein zuverlässiger Zeuge. Er lügt, erfindet und korrigiert sich, wechselt sogar zwischen erster und dritter Person. Grass erzählt deutsche Geschichte ausdrücklich nicht aus der Perspektive eines moralisch sauberen Beobachters.
Das war ein entscheidender Kunstgriff. Die ersten Nachkriegsjahre hatten eine starke Neigung zu klaren Rollen entwickelt: Täter, Opfer, Widerständler, Mitläufer, Heimkehrer. Grass stellte in die Mitte seines Romans ausgerechnet eine groteske Figur, die sich diesen Kategorien entzieht. Oskar ist Opfer und Manipulator, Kind und Erwachsener, Beobachter und Beteiligter. Er verweigert das körperliche Wachstum, während die Gesellschaft um ihn herum ihre moralische Verkrüppelung kaum bemerkt. Sein schrilles Trommeln stört eine Welt, die sehr gern wieder zur Normalität übergehen würde.
Der Roman provozierte. Grass war nicht zimperlich mit Religion, Sexualität oder deutscher Selbstachtung. Gerade katholische Kreise stießen sich an einzelnen Szenen, und konservative Leser empfanden die körperliche Deutlichkeit teilweise als Zumutung. Aber die sprachliche Kraft war kaum zu übersehen. Grass konnte erzählen, übertreiben, abschweifen, Figuren karikieren und plötzlich von der Farce in das Grauen wechseln. Dabei bleibt „Die Blechtrommel“ trotz ihres literarischen Anspruchs erstaunlich lesbar. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu manchem späteren Grass: Hier arbeitet der Überfluss für die Geschichte.
1961 folgte die Novelle „Katz und Maus“, 1963 „Hundejahre“. Gemeinsam bilden die Bücher die sogenannte Danziger Trilogie. „Katz und Maus“ konzentriert sich stärker auf Schuld und Erinnerung: Der Erzähler Pilenz rekonstruiert seine Beziehung zum Außenseiter Joachim Mahlke und weiß selbst nicht, in welchem Maß seine Erzählung Beichte, Entschuldigung oder Selbstrechtfertigung ist. „Hundejahre“ ist größer, wilder und ungleichmäßiger, entwickelt aber Grass‘ Vorstellung weiter, dass deutsche Vergangenheit nicht als abgeschlossene Akte behandelt werden kann. Die Tätergesellschaft verschwindet 1945 nicht einfach. Menschen behalten Gewohnheiten, Sprache, Ressentiments und ihre Fähigkeit zur Selbstentlastung.
Mit diesen drei Büchern hatte Grass seinen literarischen Rang im Grunde schon begründet. Vieles, was später kam, war interessant, manches sehr gut – aber die ungewöhnliche Verbindung aus sprachlicher Energie, grotesker Fantasie, historischer Genauigkeit und erzählerischer Frechheit der Danziger Trilogie erreichte er nur noch selten vollständig.
Willy Brandt und die Versuchung, das Gewissen der Republik zu werden
Grass wollte nie der Schriftsteller sein, der sich nur über Bücher äußert. Anfang der 1960er-Jahre lernte er Willy Brandt näher kennen und begann sich aktiv für die SPD zu engagieren. Er schrieb Reden und Wahlkampfmaterial, organisierte Schriftsteller, reiste durch die Bundesrepublik und sprach vor Wählern. Bei den Bundestagswahlkämpfen 1965, 1969 und 1972 gehörte er zu den sichtbarsten prominenten Unterstützern der Sozialdemokraten. Grass war damit weit mehr als ein Künstler, der gelegentlich seinen Namen unter einen Aufruf setzte. Er betrieb praktisch Wahlkampf.
Bemerkenswert ist, dass er damals noch gar kein SPD-Mitglied war. Erst 1982 trat er in die Partei ein. Seine Beziehung zur Sozialdemokratie war ohnehin nie bequem. Grass unterstützte Brandts Ostpolitik und gesellschaftliche Reformen, kritisierte die Partei aber regelmäßig, wenn sie ihm zu zaghaft oder opportunistisch erschien. 1993 trat er wieder aus, weil die SPD dem sogenannten Asylkompromiss und damit einer Einschränkung des Grundrechts auf Asyl zugestimmt hatte. Fünf Jahre später warb er trotzdem erneut für eine rot-grüne Bundesregierung. Parteidisziplin lag ihm weniger als die Überzeugung, einer Partei sagen zu dürfen, was sie seiner Meinung nach zu tun habe.
Diese politische Einmischung hatte eine große Stärke. Grass verstand Demokratie tatsächlich als etwas, das Beteiligung verlangt. Er sprach gegen die Notstandsgesetze, kritisierte die Unterdrückung des Prager Frühlings ebenso wie westdeutschen Rechtsradikalismus, engagierte sich gegen das atomare Wettrüsten und für Minderheiten und Flüchtlinge. Als Präsident der West-Berliner Akademie der Künste von 1983 bis 1986 mischte er sich ebenfalls ständig ein. 1989 trat er sogar aus der Akademie aus, weil sie ihm im Fall Salman Rushdie nicht entschieden genug für die Freiheit des bedrohten Schriftstellers eintrat.
Aber mit der Dauer entstand eine zweite Seite. Grass gewöhnte sich daran, dass die Bundesrepublik ihm zuhörte. Seine Interventionen bekamen zunehmend den Ton einer moralischen Instanz, die nicht nur eine politische Meinung äußert, sondern gleich mitliefert, was ein verantwortlicher Bürger zu denken habe. Seine enorme Selbstsicherheit machte ihn wirkungsvoll und manchmal anstrengend. Der Trommler, der einst gegen selbstzufriedene Autoritäten angeschrieben hatte, war selbst eine geworden.
Privatleben: weniger ordentlich als die öffentliche Moral
Grass‘ privates Leben passte ebenfalls nicht ganz zum Bild des strengen öffentlichen Mahners. Mit Anna Schwarz hatte er vier Kinder: die Zwillinge Franz und Raoul, Laura und Bruno. Die Ehe zerbrach in den frühen 1970er-Jahren und wurde 1978 geschieden. Grass lebte danach mit der Architektin und Malerin Veronika Schröter zusammen; 1974 wurde ihre gemeinsame Tochter Helene geboren. Gleichzeitig beziehungsweise später hatte er eine Beziehung mit der Lektorin Ingrid Krüger, aus der 1979 die Tochter Nele hervorging. Im selben Jahr heiratete Grass die Organistin Ute Grunert, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte. Grass selbst sprach später literarisch von insgesamt acht Kindern seiner weit verzweigten Familie.
Daraus muss keine nachträgliche Moralanklage werden. Ein Schriftsteller, der politische Verantwortung fordert, hat keinen Anspruch auf ein makelloses Privatleben zu unterschreiben. Interessant ist aber der Kontrast zwischen Grass‘ öffentlicher Neigung zum moralisch eindeutigen Urteil und einer eigenen Biografie, die erheblich widersprüchlicher war. Gerade seine Bücher über die Geschlechterbeziehungen wurden deshalb auch kritisch gelesen.
„Der Butt“ von 1977 ist ein gutes Beispiel. Grass spannt darin auf mehr als siebenhundert Seiten einen Bogen von der Steinzeit bis zur Gegenwart und erzählt eine alternative Geschichte der Geschlechter, des Essens und der Macht. Das Buch ist sprachlich opulent, komisch und ungeheuer erfinderisch. Gleichzeitig kann es auch überladen und selbstverliebt wirken. Überhaupt liegt in Grass‘ Überfluss sowohl seine größte Stärke als auch seine größte Schwäche. Wo alles funktioniert, entsteht eine pralle, körperliche Welt. Wo es nicht funktioniert, häufen sich Symbolik, historische Bezüge, politische Botschaften, Wortspiele und groteske Einfälle, bis der Roman unter dem eigenen Gewicht ächzt. Nicht jeder Grass von sechshundert Seiten wird allein deshalb besser, weil Grass sechshundert Seiten geschrieben hat.
Wiedervereinigung: der Mahner gegen die Euphorie
Besonders isoliert stand Grass 1989 und 1990 in der deutschen Einheitsdebatte. Der Mauerfall löste bei großen Teilen der Bevölkerung Begeisterung aus; Grass reagierte mit Skepsis. Das wurde häufig so zusammengefasst, er sei gegen die Wiedervereinigung gewesen. Er selbst widersprach dieser Darstellung später ausdrücklich. Sein Vorschlag war eine längere Phase einer deutsch-deutschen Konföderation, bevor aus zwei Staaten ein gemeinsames politisches Gebilde entstehen sollte.
Sein stärkstes Argument war historisch. Der deutsche Nationalstaat könne nach Auschwitz nicht einfach wieder als selbstverständliches politisches Ideal behandelt werden. Das war eine ernste Warnung, hatte aber auch etwas eigentümlich Starres. Viele Ostdeutsche wollten 1990 gerade nicht Gegenstand eines jahrelangen westdeutschen historischen Seminars sein, sondern möglichst schnell politische Freiheit, Rechtsstaat und westdeutschen Lebensstandard. Grass unterschätzte dieses Bedürfnis deutlich.
Andere Einwände waren vorausschauender. Er warnte davor, die DDR ausschließlich nach westdeutschen Regeln abzuwickeln, kritisierte später die Treuhand und sah die Gefahr, dass aus der staatlichen Einheit keine soziale oder psychologische Einheit entstehe. Jahrzehnte später wirken einige dieser Befürchtungen weniger abwegig als im nationalen Überschwang von 1990. Seine drastische Verbindung von deutschem Einheitsstaat und Auschwitz blieb trotzdem problematisch: Sie konnte den Eindruck erzeugen, als sei bereits die staatliche Einheit Deutschlands selbst historisch verdächtig.
Literarisch verarbeitete Grass diese Haltung 1995 in „Ein weites Feld“. Der Roman verbindet die deutsche Vereinigung mit Theodor Fontane und der Geschichte des 19. Jahrhunderts und wurde zum vielleicht berühmtesten Verriss der deutschen Nachkriegsliteratur. Marcel Reich-Ranicki erklärte das Buch für misslungen; der „Spiegel“ zeigte ihn auf dem Titel, wie er den Roman mit beiden Händen zerreißt. Das Bild wurde selbst zu einem Stück Literaturgeschichte. Aber um Fair zu sein – Reich-Ranicki war Kritiker. Was anderes als Kritisieren konnte der auch nicht. Nur da lief er zur Hochform auf. Sein Verriss war typisch theatralisch und in der Sache übertrieben. Grass wollte deutsche Geschichte, Fontane, DDR, Staatssicherheit, Treuhand und Vereinigung zugleich erzählen. Das Ergebnis ist ehrgeizig, gelehrt und streckenweise schwerfällig. Der Roman verkauft sich besser als sein Ruf vermuten lässt, aber selbst wer Grass‘ politische Skepsis teilt, muss ihn nicht für ein Meisterwerk halten. Der Nobelpreisträger war eben nicht bei jedem großen politischen Thema automatisch auch literarisch in Bestform.
2006: Die Zwiebel und das Schweigen
Dann kam jene Enthüllung, die sein öffentliches Bild stärker erschütterte als jeder Literaturstreit. 2006 veröffentlichte Grass den autobiografischen Band „Beim Häuten der Zwiebel“. Bereits vor Erscheinen erklärte er in einem Interview, dass er als Jugendlicher der Waffen-SS angehört hatte. Bis dahin hatte die Öffentlichkeit gewusst, dass er Luftwaffenhelfer und Soldat gewesen war. Die Zugehörigkeit zur 10. SS-Panzer-Division „Frundsberg“ hatte Grass jedoch jahrzehntelang nicht öffentlich gemacht.
Historisch änderte die Enthüllung weniger, als die Aufregung vermuten ließ. Grass war siebzehn, wurde erst in den letzten Kriegsmonaten eingesetzt und war an keinen bekannten Verbrechen beteiligt. Seine amerikanischen Kriegsgefangenenunterlagen belegten außerdem, dass er seine SS-Zugehörigkeit 1945 gegenüber den Amerikanern keineswegs verschwiegen hatte.
Der eigentliche Skandal war deshalb ein moralischer. Grass hatte über Jahrzehnte Politiker, Künstler und die deutsche Gesellschaft aufgefordert, nichts zu verdrängen und sich ihrer NS-Biografie zu stellen. Er hatte das Schweigen der Kriegsgeneration zu einem der zentralen Themen seines Werks gemacht. Genau dieser Mann hatte einen unangenehmen Teil der eigenen Geschichte erst im Alter von 78 Jahren öffentlich erzählt. Seine Verteidigung war menschlich nachvollziehbar. Die Scham sei mit den Jahren gewachsen; er habe lange gebraucht, um sich diesem Teil seiner Jugend zu stellen. Aber sie löste den Widerspruch nicht auf. Gerade jemand, der anderen so oft verspätete Aufrichtigkeit vorwarf, musste sich fragen lassen, weshalb für ihn selbst andere Fristen gelten sollten.
Manche Kritiker gingen anschließend zu weit und erklärten Grass‘ gesamte politische und literarische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nachträglich für Heuchelei. Das wird dem Werk nicht gerecht. Vielleicht erklärt gerade die eigene Verstrickung einen Teil seines obsessiven Interesses an Schuld, Mitläufertum und Erinnerung. Aber umgekehrt wäre es ebenso bequem, das Schweigen zur genialen Voraussetzung seiner Literatur umzudeuten. Grass wusste jahrzehntelang, was er nicht erzählte. Dass dies seine moralische Autorität beschädigte, war keine ungerechte Reaktion.
„Beim Häuten der Zwiebel“ wurde dadurch zu einem merkwürdigen Buch. Die Zwiebel steht für Erinnerungsschichten, die sich nacheinander lösen und den Erzähler zugleich zum Weinen bringen. Das Bild ist wirkungsvoll. Nur zeigte die Debatte, dass Grass Erinnerung zuvor nicht ausschließlich als unwillkürlichen Prozess behandelt hatte. Er hatte als öffentliche Person auch entschieden, welche Schicht er nicht abziehen wollte.
Israel, Iran und ein später Streit, den Grass selbst suchte
Grass verlor nach 2006 keineswegs die Lust, öffentliche Debatten zu beginnen. 2012 veröffentlichte er das Prosagedicht „Was gesagt werden muss“. Darin kritisierte er die israelische Atompolitik, warnte vor einem möglichen israelischen Präventivschlag gegen den Iran und griff die Lieferung deutscher U-Boote an Israel an. Zugleich forderte er internationale Kontrollen sowohl der israelischen als auch der iranischen Nuklearanlagen.
Kritik an einer israelischen Regierung oder deren Militärpolitik ist selbstverständlich nicht antisemitisch. Die Kontroverse entstand aus der konkreten Argumentation des Gedichts. Grass bezeichnete Israel als Gefahr für den ohnehin brüchigen Weltfrieden, während er den iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad vergleichsweise beiläufig als „Maulhelden“ abtat. Kritiker warfen ihm deshalb vor, die Bedrohung Israels durch das iranische Regime und dessen aggressive Rhetorik zu verharmlosen und eine fragwürdige moralische Gleichsetzung herzustellen. Hinzu kam zwangsläufig seine eigene Waffen-SS-Vergangenheit.
Grass erklärte daraufhin, er habe nicht Israel als Staat, sondern vor allem die Regierung Benjamin Netanjahus kritisieren wollen, und betonte seine Unterstützung für das Existenzrecht Israels. Die israelische Regierung reagierte dennoch drastisch und erklärte ihn zur Persona non grata. Auch diese Entscheidung wurde kritisiert; ein Einreiseverbot ist eine ebenso grobe Antwort auf einen schlechten politischen Text wie die Behauptung, jede scharfe Israelkritik sei automatisch antisemitisch.
Literarisch war das Gedicht ohnehin kein Höhepunkt. Es war im Wesentlichen ein politischer Kommentar mit Zeilenumbrüchen und jenem schweren Tonfall des späten Grass, der jede Intervention beinahe schon vor ihrer Veröffentlichung mit historischer Bedeutung ausstattete. Der junge Autor der „Blechtrommel“ hatte Macht und Pathos durch Groteske unterlaufen. Der alte Grass war gelegentlich selbst sehr pathetisch geworden.
Nobelpreis, Spätwerk und die Frage, wie viel Grass man wirklich lesen muss
1999 hatte Grass den Literaturnobelpreis erhalten. Die Schwedische Akademie würdigte insbesondere jene „munterschwarzen Fabeln“, mit denen er das vergessene Gesicht der Geschichte sichtbar gemacht habe. Die Entscheidung galt weithin als verspätete Anerkennung eines Autors, dessen entscheidende Bücher bereits Jahrzehnte zurücklagen. Tatsächlich hätte niemand den Nobelpreis begründen müssen, wenn Grass nach „Hundejahre“ kaum noch etwas geschrieben hätte. Die Danziger Trilogie allein sichert ihm einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte.
Das spätere Werk ist wechselhafter. „Der Butt“ ist ein faszinierendes Monstrum, reich an Einfällen, aber ebenso reich an Länge. „Die Rättin“ von 1986 verbindet Umweltzerstörung, atomare Bedrohung und Menschheitsuntergang zu einer großen apokalyptischen Fantasie, überlädt ihre Konstruktion aber stellenweise so sehr, dass man die Ratte fast um einen kürzeren Weltuntergang bitten möchte. „Ein weites Feld“ wurde zum Symbol einer Phase, in der der politische Grass dem Erzähler mitunter im Weg stand.
Eine bemerkenswerte Rückkehr gelang 2002 mit „Im Krebsgang“. Grass erzählt darin vom Untergang des Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ im Januar 1945, bei dem Tausende Menschen starben. Das Thema war heikel, weil deutsche Opfergeschichten jahrzehntelang von Vertriebenenverbänden und politischen Rechten instrumentalisiert worden waren und viele linke Intellektuelle deshalb zurückhaltend reagierten. Grass gelang es, über deutsches Leid zu schreiben, ohne die Vorgeschichte deutscher Verbrechen verschwinden zu lassen. Gleichzeitig zeigt er, wie verdrängte Geschichten von einer neuen extremen Rechten vereinnahmt werden können. Das Buch ist wesentlich knapper als viele seiner späten Romane und gerade deshalb wirkungsvoller.
Grass war ohnehin besser, wenn seine politischen Überzeugungen durch Figuren, groteske Bilder und widersprüchliche Erzähler hindurchmussten. Wo er unmittelbar erklärte, was Deutschland, Europa oder die Welt nun zu denken habe, wurde er schnell zum Leitartikler. Wo er Oskar Matzerath trommeln ließ, war er schwerer festzulegen und literarisch größer.
Was man von Günter Grass lesen sollte
Was muss man von dem alten Streithansel denn nun lesen? Der Einstieg bleibt „Die Blechtrommel“. Sie ist nicht nur sein bekanntestes, sondern sein mit Abstand wichtigstes Buch. Wer mit drastischen Bildern und einer gewissen sprachlichen Üppigkeit umgehen kann, findet darin einen erstaunlich unterhaltsamen Roman über eine wenig unterhaltsame Epoche. Oskar Matzerath gehört zu den großen unzuverlässigen Erzählern der Weltliteratur, und dass man nach mehr als sechzig Jahren noch über seine Perspektive, seine Schuld und seine Glaubwürdigkeit streiten kann, spricht für das Buch. Auch unsere Liste der 100 wichtigsten Bücher führt die „Blechtrommel“.
Danach sei „Katz und Maus“ empfohlen. Die Novelle ist wesentlich kürzer und konzentrierter und zeigt Grass‘ Beschäftigung mit Schuld, Erinnerung und männlichem Geltungsdrang fast ohne die gelegentlichen Längen seiner großen Romane. Wer anschließend die Danziger Trilogie vervollständigen möchte, liest „Hundejahre“. Das Buch verlangt mehr Geduld, besitzt aber Passagen von großer erzählerischer Kraft.
Aus dem mittleren Werk lohnt „Der Butt“ zumindest für Leser, die Grass‘ maßlosen Erzähltrieb mögen und sich von mehreren hundert Seiten Geschlechter-, Essens- und Menschheitsgeschichte nicht abschrecken lassen. „Im Krebsgang“ ist dagegen die beste Empfehlung aus dem Spätwerk: kurz, politisch klug und erzählerisch kontrollierter. „Beim Häuten der Zwiebel“ schließlich sollte man weniger wegen seiner literarischen Qualität als wegen seiner biografischen Bedeutung lesen. Es ist das Buch, in dem der große deutsche Erinnerungsautor endlich an jener Stelle ankam, an der seine eigene Erinnerung jahrzehntelang auffällig still gewesen war.
Günter Grass muss deshalb weder als moralische Instanz verehrt noch wegen seiner Widersprüche vom literarischen Sockel gestoßen werden. Sein Schweigen über die Waffen-SS war real, seine gelegentliche Selbstgerechtigkeit ebenso. Seine politischen Urteile konnten hellsichtig und völlig verfehlt sein, seine späteren Bücher großartig oder ermüdend. Genau deshalb ist das Bild des unfehlbaren Gewissens der Nation heute weniger interessant als der widersprüchliche Mensch dahinter.
Grass wollte, dass Deutschland sich erinnert. Am Ende zwang seine eigene Biografie dazu, auch über die Grenzen solcher Erinnerung zu sprechen. Vielleicht passt das sogar besser zu seinen großen Büchern als die frühere Heldenrolle. In der „Blechtrommel“ erzählt schließlich ausgerechnet kein untadeliger Zeuge die Geschichte. Warum sollte es bei ihrem Autor anders sein?
Günter Grass – Fakten
- Geboren: 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr
- Gestorben: 13. April 2015 in Lübeck
- Eltern: Willy und Helene Grass; die Mutter stammte aus einer kaschubischen Familie
- Berufe: Schriftsteller, Bildhauer und Grafiker
- Durchbruch: „Die Blechtrommel“ von 1959
- Wichtige Werke: „Die Blechtrommel“, „Katz und Maus“, „Hundejahre“, „Der Butt“ und „Im Krebsgang“
- Politisches Engagement: langjähriger Unterstützer der SPD; Parteimitglied 1982 bis 1993
- Nobelpreis: Literatur 1999
- Familie: sechs leibliche Kinder; seit 1979 in zweiter Ehe mit Ute Grunert verheiratet
Verfasst von Marc und Sophia

