Rezension zu Die Schildbürger von Simrock

In Schilda fehlt es nicht an Einsatz, sondern am Zweifel an den eigenen Ideen. Simrocks Die Schildbürger verwandelt gemeinschaftlichen Eifer in Komik – und lässt hinter dem Gelächter auch die Härte des Spotts erkennen.

Ein guter Vorsatz schützt nicht vor einem schlechten Ergebnis. In Simrocks Die Schildbürger wird aus dieser alltäglichen Erfahrung ein ganzes Erzählprinzip: Menschen wollen etwas Nützliches erreichen, verständigen sich über das Vorgehen und machen durch ihre Anstrengungen alles nur verkehrter. Dabei richtet sich der Spott weniger gegen mangelnden Fleiß als gegen ein Denken, das seine Voraussetzungen nicht überprüft. Gerade deshalb erschöpft sich die Lektüre nicht im Wiedererkennen berühmter Streiche. Interessant ist, wie die Erzählung dem Unsinn Gewicht verleiht: durch öffentliche Beratung, umständliche Begründungen und den selbstverständlichen Anspruch, vernünftig zu handeln. Das ist oft ausgesprochen komisch, gelegentlich ermüdend und nicht immer harmlos. Wer sich auf den älteren Sprachgestus einlässt, entdeckt hinter der vermeintlich schlichten Schwanksammlung ein vielgestaltiges Spiel mit Urteilskraft und Selbsttäuschung.

Die eigentliche Hauptfigur ist hier eine Gemeinschaft. Zwar treten einzelne Bürger mit bestimmten Berufen und Aufgaben hervor, doch entscheidend wird meist das Zusammenspiel: Ein Einfall findet Zustimmung, eine Maßnahme wird ausgeführt, ein Fehlschlag verlangt nach einer weiteren Erklärung. Das gemeinsame Handeln macht den Irrtum nicht kleiner, sondern stattet ihn mit Autorität aus. Niemand muss besonders hintergründig gezeichnet sein, damit diese Dynamik sichtbar wird. Die knappe Figurenzeichnung gehört zur Form des Schwanks; sie lenkt den Blick auf Handlungen und Folgen statt auf ausführliche Lebensgeschichten.

Besonders deutlich zeigt sich dieses Verfahren am dunklen Rathaus und dem Versuch, Licht hineinzutragen. Die Episode verwandelt eine falsche Vorstellung in sichtbare Arbeit. Etwas, das sich nicht wie ein gewöhnlicher Gegenstand transportieren lässt, wird behandelt, als komme es nur auf genügend Einsatz an. Der Leser erkennt die Unmöglichkeit, während die Beteiligten ihr Vorhaben ernst nehmen. Aus diesem Wissensgefälle entsteht die Komik. Zugleich steckt darin eine schärfere Beobachtung: Betriebsamkeit kann davon abhalten, die entscheidende Frage überhaupt zu stellen. Die Geschichte braucht keine ausdrückliche Belehrung, weil das Missverhältnis zwischen Aufwand und Wirkung für sich spricht.

Einen anderen Akzent setzt der Müller, der beim Reiten die Säcke selbst trägt, um sein Pferd zu schonen. Hier wirkt keine große öffentliche Beratung, sondern eine gut gemeinte persönliche Entscheidung. Die Last bleibt dennoch beim Tier. Komisch ist die Trennung zwischen Absicht und tatsächlicher Wirkung, die dem Handelnden verborgen bleibt. Solche Szenen geben dem Buch mehr Beweglichkeit, als eine bloße Parade besonders törichter Menschen hätte. Fürsorge, Ehrgeiz und Gemeinsinn sind nicht von sich aus lächerlich; lächerlich werden sie durch ihre verfehlte Anwendung.

Dass Narrheit in Schilda zunächst auch eine gewählte Rolle ist, fügt diesem Muster einen Widerspruch hinzu. Die Gemeinde möchte durch den Anschein der Unvernunft ihre eigenen Interessen schützen. Damit steht am Anfang keine einfache Gleichung von Dummheit und Unfähigkeit, sondern der Versuch, Torheit zweckmäßig einzusetzen. Für die Lektüre ist weniger die Vorgeschichte dieses Entschlusses entscheidend als die Frage, was aus einer solchen gemeinsamen Rolle wird. Wo die einzelnen Unternehmungen sich verselbstständigen, verliert die Unterscheidung zwischen gespieltem Unsinn und tatsächlichem Fehlurteil ihre beruhigende Klarheit.

Die Erzählweise verstärkt diese Unsicherheit durch einen auffallend sachlichen Ernst. Sie behandelt geringfügige oder widersinnige Vorgänge mit einer Ausführlichkeit, die ihnen Bedeutung zu verleihen scheint. Gerade der Kontrast zwischen sprachlichem Gewicht und dürftigem Ergebnis trägt den Humor. Allerdings verlangt dieses Verfahren Geduld. Ältere Wendungen und weit ausgeführte Begründungen können eine Pointe hinauszögern, deren Richtung längst erkennbar ist. Was beim einzelnen Schwank wirkungsvoll vorbereitet wird, kann bei fortlaufender Lektüre zur Wiederholung werden. Das Buch gewinnt deshalb, wenn man seinen Episoden Raum lässt, statt nur auf den nächsten Höhepunkt zu warten.

Auch die Grenzen des Vergnügens gehören zur Bewertung. Wo körperlicher Schaden zum Bestandteil einer Pointe wird, genügt der Hinweis auf die komische Form nicht, um jedes Unbehagen aufzulösen. Ebenso verdienen die Rollenverteilungen zwischen Männern und Frauen Aufmerksamkeit, statt als selbstverständliche Ordnung durchzugehen. Der Text gewährt seinen Figuren nur begrenzt Schutz vor dem Gelächter. Diese Distanz ermöglicht präzise komische Situationen, hält aber auch menschliche Nähe auf Abstand. Seine stärksten Momente hat das Buch dort, wo man nicht lediglich über vermeintlich Dumme lacht, sondern im falschen Schluss eine vertraute Versuchung erkennt.

Anzeige

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Die Beständigkeit der Schildbürgergeschichten beruht wesentlich auf der Verbindung von Anschaulichkeit und Übertragbarkeit. Eine misslungene praktische Handlung bleibt im Gedächtnis, ohne dass man sämtliche Einzelheiten ihrer Erzählung behalten müsste. Zugleich bietet die wiederkehrende Gemeinde einen Zusammenhang für unterschiedliche Formen des Scheiterns. So können die Geschichten einzeln wirken und dennoch das Bild einer gemeinsamen Lebenswelt ergeben.

Simrock ist dabei als Bearbeiter eines älteren Erzählstoffs zu lesen, nicht als dessen ursprünglicher Erfinder. Für den literarischen Wert seiner Fassung ist entscheidend, wie die überlieferten Schwänke sprachlich und erzählerisch zur Geltung kommen. Der feierliche Ton bewahrt ihnen eine Eigenart, die über die bloße Mitteilung einer Pointe hinausgeht.

Gegenwärtig bleibt vor allem die Beobachtung, dass Einigkeit kein Beweis für Richtigkeit ist. Eine Gruppe kann ihren Irrtum sorgfältig organisieren und gerade dadurch gegen Zweifel abschirmen. Daraus muss keine unmittelbare Gleichsetzung mit heutigen Verhältnissen werden. Die Geschichten sind ergiebiger, wenn man ihre Mechanik wahrnimmt: gute Absichten, ungeprüfte Annahmen und ein Handeln, das sich vom Ergebnis nicht recht belehren lässt. Trotz mancher sprachlichen Hürde und mancher Härte bleibt darin ein überzeugender Anlass zur Lektüre.

Buchdaten

  • Autor: Simrock
  • Titel: Die Schildbürger
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988282910
  • Softcover-ISBN: 9783988281913

Rezension von Hanna und Sophia