Rezension zu Tarzans Rückkehr in den Urwald von Edgar Rice Burroughs

Zwischen Pariser Gesellschaft und afrikanischem Urwald sucht Tarzan einen Ort, an dem er bleiben kann. Burroughs verbindet diese Unruhe mit einem Abenteuer voller Intrigen und Gefahren – mit erzählerischem Schwung, aber auch deutlichen Widersprüchen.

Ein Mann kann gesellschaftliche Umgangsformen lernen und dennoch fremd bleiben. Aus dieser Spannung gewinnt Edgar Rice Burroughs in „Tarzans Rückkehr in den Urwald“ mehr als nur einen Anlass für neue Kämpfe. Sein Held trägt die Fähigkeiten des Dschungelbewohners in die europäische Gesellschaft hinein, ohne dort selbstverständlich heimisch zu werden. Das Abenteuer entsteht aus diesem Missverhältnis: Körperliche Überlegenheit schützt nicht vor Täuschung, Aufrichtigkeit nicht vor gesellschaftlichen Fallstricken. Burroughs erzählt das mit deutlichen moralischen Kontrasten und wenig Scheu vor großen Gefühlen. Die Stärke des Romans liegt dabei weniger in psychologischer Feinzeichnung als in der anschaulichen Verbindung von Bewegung und innerer Unruhe. Seine Schwächen gehören allerdings ebenfalls zu dieser Erzählweise: vereinfachte Gegenspieler, weitreichende Zufälle und ein Blick auf Afrika, der den Bedürfnissen des Abenteuerhelden untergeordnet bleibt.

Nachdem Tarzan auf eine gemeinsame Zukunft mit Jane Porter verzichtet hat, reist er nach Europa. Jane fühlt sich weiterhin an ihr Eheversprechen gegenüber William Cecil Clayton gebunden. Tarzan versucht unterdessen, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Durch seine Bekanntschaft mit dem Grafen und der Gräfin de Coude gerät er in die Machenschaften des Russen Nikolas Rokoff und seines Komplizen Paulvitch. Aus der persönlichen Feindschaft entwickeln sich Intrigen und lebensgefährliche Auseinandersetzungen. Ein Auftrag im französischen Dienst führt Tarzan nach Algerien; sein weiterer Weg richtet sich schließlich wieder auf den afrikanischen Urwald seiner Kindheit. Zwischen der Bindung an Jane, neuen Bekanntschaften und der Aussicht auf ein Leben fern von Europa bleibt seine Zukunft zunächst offen.

Burroughs baut diesen Weg als Folge wechselnder Bewährungsproben. Gesellschaftliche Verwicklungen, Spionage und Wildnisabenteuer schließen nicht immer nahtlos aneinander an, erzeugen aber einen kräftigen Vorwärtsdrang. Kaum scheint eine Gefahr überstanden, bereitet sich die nächste vor. Das wirkt gelegentlich konstruiert, zumal Rokoffs Hartnäckigkeit auch die Funktion hat, entfernte Handlungsteile zusammenzuhalten. Dennoch versteht Burroughs, Situationen rasch lesbar zu machen: Wer bedroht ist, wer täuscht und was unmittelbar auf dem Spiel steht, wird selten lange offengelassen. Die Spannung liegt weniger im Rätsel als in der bevorstehenden Konfrontation. Wer erzählerische Wahrscheinlichkeit höher gewichtet als Tempo, wird an manchen Übergängen stocken. Wer sich auf die Übersteigerung einlässt, erlebt dagegen einen Roman, der seine Schauplätze nicht bloß austauscht, sondern jeweils andere Gefahren aus ihnen entwickelt.

Am überzeugendsten ist Tarzan dort, wo seine Fähigkeiten nicht genügen. Im Kampf kann er sich behaupten; im gesellschaftlichen Umgang muss er Absichten entziffern, Rücksichten beachten und mit seinem eigenen Verzicht leben. Daraus entsteht ein reizvoller Abstand zwischen dem nahezu unbezwingbaren Körper und dem verletzlichen Menschen. Burroughs gestaltet diesen Widerspruch überwiegend durch Entscheidungen und Handlungen, nicht durch ausgedehnte Selbstbefragung. Tarzans Bereitschaft, andere zu schützen, lässt ihn groß erscheinen, macht ihn aber auch anfällig für die Bosheit seiner Gegner. Seine moralische Sicherheit hat etwas Entlastendes und zugleich Begrenzendes: Man folgt einem Helden, dessen Anstand selten zweifelhaft ist, dessen Überlegenheit jedoch wenig Raum für tatsächliches Scheitern lässt. Jane bleibt dabei ein wichtiger emotionaler Bezugspunkt, ohne dass die Liebesgeschichte durchgehend die Handlung bestimmt.

Der Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation gewinnt Anschaulichkeit, weil Tarzan beide Lebensformen kennt. Die Gesellschaft verlangt Selbstbeherrschung und bietet doch reichlich Gelegenheit zu Grausamkeit und Betrug. Der Urwald bedroht den Körper, erscheint ihm aber auch als Raum unmittelbaren Handelns. Diese Gegenüberstellung ist wirkungsvoll, solange sie Tarzans Empfinden sichtbar macht; als Erklärung menschlichen Zusammenlebens bleibt sie grob. Denn auch seine vermeintliche Unabhängigkeit kommt nicht ohne Freundschaft, Anerkennung und Gemeinschaft aus. Gerade darin liegt eine Spannung, die den Roman interessanter macht als seine einfachen Wertungen: Tarzan kann sich von gesellschaftlichen Konventionen abwenden, nicht aber mühelos von seinem Bedürfnis nach Nähe. Die Rückkehr verspricht deshalb mehr als Sicherheit vor Intrigen. Sie trägt die Hoffnung auf eine Zugehörigkeit, die nicht ständig Verstellung verlangt.

Deutliche Distanz verlangt dagegen die Verteilung von Würde und Handlungsmacht. Zwar treten afrikanische Figuren als mutige Verbündete auf, doch Tarzans herausgehobene Stellung wird dadurch kaum infrage gestellt. Seine Führungsrolle unter den Waziri verbindet persönliche Bewährung mit einer weißen Überlegenheitsfantasie. Auch die geheimnisvolle Stadt Opar dient vor allem als Schauplatz von Bedrohung, Begehren und außerordentlichen Reichtümern. Eigenständige Lebenswelten bleiben hinter ihrer Wirkung auf den Helden zurück. Ähnlich eng sind häufig die Rollen der Frauen an Schönheit, Liebe und Rettung gebunden. Das lässt sich nicht durch das Erzähltempo erledigen. Trotzdem wäre es verkürzend, die Lektüre darauf zu reduzieren: Burroughs kann Gefahr räumlich verständlich und körperlich spürbar machen. Man liest mit Spannung weiter und bemerkt zugleich, wie eng dieser Abenteuerraum um seinen Helden gebaut ist.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Ein beständiger Abenteuerstoff

Der Platz dieses Romans lässt sich genauer im Kanon der Abenteuerliteratur als in einem unbestrittenen allgemeinen Literaturkanon beschreiben. Seine anhaltende Lesbarkeit erklärt sich vor allem aus der Anlage der Hauptfigur: Tarzan beherrscht unterschiedliche Welten, ohne in einer von ihnen vollständig aufzugehen. Darin steckt ein ergiebiger erzählerischer Widerspruch. Außerordentliche Kraft und scharfe Sinne lösen nicht die Frage, mit wem und nach welchen Regeln er leben möchte. Der Roman gibt diesem Konflikt sichtbare Formen: gesellschaftliche Kleidung und körperliche Freiheit, höfliche Rede und unmittelbare Gefahr, Liebesverzicht und die Suche nach Gemeinschaft.

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Hinzu kommt eine Dramaturgie, die auf klare Situationen und starke Erwartungen setzt. Burroughs muss seine Figuren nicht vielschichtig ausarbeiten, um Anteilnahme zu erzeugen; oft reichen ein drohender Verrat oder eine räumlich genau erfassbare Notlage. Darin liegt seine Stärke als Abenteuererzähler, aber auch seine Grenze. Heutige Leser müssen Zufälle, schematische Bösewichte und rassistische Hierarchien nicht übersehen, um diese Wirkung wahrzunehmen. Als Klassiker verdient das Buch deshalb weder ehrfürchtige Schonung noch pauschale Abfertigung. Es bleibt lesenswert als energisch erzählte Wunschvorstellung von Freiheit, deren Voraussetzungen und Ausschlüsse im selben Text deutlich hervortreten.

Buchdaten

  • Autor: Burroughs
  • Titel: Tarzans Rückkehr in den Urwald
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988830449
  • Softcover-ISBN: 9783988830197

Rezension von Emma und Sophia