Rezension zu Pride and Prejudice von Jane Austen

Zwischen Elizabeth Bennet und Mr. Darcy stehen verletzte Eitelkeit, Standesbewusstsein und voreilige Urteile. Jane Austen macht daraus eine Liebesgeschichte, deren Witz die gesellschaftlichen Zwänge keineswegs verharmlost.

Bei Jane Austen kann eine höfliche Unterhaltung unangenehmer werden als ein offener Streit. In Pride and Prejudice verraten Menschen ihre Eitelkeit gerade dann, wenn sie ihre gute Erziehung vorführen möchten. Der Roman verlangt deshalb Aufmerksamkeit für kleine Verschiebungen: Wer weicht einer Frage aus, wer verwechselt Vermögen mit Verdienst, wer hält seine Kränkung für Menschenkenntnis? Seine besondere Lesefreude entsteht aus dem Abstand zwischen dem, was Figuren von sich glauben, und dem, was ihre Worte erkennen lassen. Dabei bleibt Austen nicht auf der sicheren Seite des Spotts. Auch eine schlagfertige Heldin erhält keinen Freibrief für ihre Urteile. So verbindet das Buch die Leichtigkeit einer Gesellschaftskomödie mit einer unbequemen Frage: Wie zuverlässig ist der eigene Blick, wenn die Eitelkeit mitredet?

Die Familie Bennet lebt mit ihren fünf Töchtern auf dem Landsitz Longbourn im englischen Hertfordshire. Weil der Besitz nach dem Tod des Vaters nicht an die Töchter fallen soll, beschäftigt deren künftige Versorgung besonders Mrs. Bennet. Als der wohlhabende Junggeselle Mr. Bingley das nahe Netherfield bezieht, entstehen neue Bekanntschaften und Heiratshoffnungen. Zwischen ihm und der ältesten Tochter Jane wächst Zuneigung. Janes Schwester Elizabeth begegnet dagegen Bingleys vermögendem Freund Mr. Darcy mit wachsender Abneigung: Sein abweisendes Auftreten verletzt sie, während ihn die Verhältnisse und das Verhalten ihrer Familie auf Distanz halten. Bei Bällen, Besuchen und Gesprächen treffen beide immer wieder aufeinander. Zugleich bringen weitere Bekanntschaften und familiäre Erwartungen Elizabeth in Situationen, in denen sie über mögliche Bindungen entscheiden muss.

Die eigentliche Bewegung dieses Romans liegt im Gespräch. Austen lässt Höflichkeiten kippen, Komplimente ihren berechnenden Unterton verraten und selbstbewusste Reden an ihrer eigenen Umständlichkeit scheitern. Besonders Mr. Collins, dessen Unterwürfigkeit gegenüber gesellschaftlich Höhergestellten mit erstaunlicher Selbstzufriedenheit einhergeht, ist darin eine ergiebige Figur. Sein Redefluss ist komisch, weil er kaum wahrnimmt, was andere tatsächlich sagen. Elizabeths Schlagfertigkeit setzt dazu einen beweglichen Gegenakzent. Ihre Antworten können befreien, aber auch vorschnell abschließen, was genauerer Prüfung bedürfte. Der Witz dient deshalb nicht bloß der Unterhaltung. Er macht Machtverhältnisse hörbar und zeigt zugleich, wie angenehm es sein kann, sich durch einen gelungenen Einwand im Recht zu fühlen. Man lacht mit Elizabeth, ohne ihr dauerhaft bedenkenlos folgen zu können.

Diesen Vorbehalt hält die Erzählweise mit großer Geschmeidigkeit wach. Häufig rückt sie so nahe an Elizabeths Wahrnehmung heran, dass ihre Schlussfolgerungen zunächst selbstverständlich wirken. Dann genügt eine abweichende Beobachtung, und die Sicherheit bekommt Risse. Austen verlangt keine Bewunderung für eine unfehlbare Heldin, sondern Interesse an einer klugen Person, deren Klugheit Grenzen hat. Auch Darcy erschöpft sich nicht in seiner anfänglichen Unzugänglichkeit. Entscheidend ist dabei weniger ein verborgenes wahres Wesen, das nur enthüllt werden müsste, als die Frage, woran Charakter überhaupt zu erkennen ist. Auftreten, Auskunft und Handlung ergeben nicht immer dasselbe Bild. Daraus gewinnt der Roman eine Spannung, die ohne ständige äußere Ereignisse auskommt: Man möchte wissen, welche Deutung trägt.

Unter der Komödie liegt eine sehr konkrete Sorge um Sicherheit. Die Aussicht auf eine Ehe bedeutet für die Frauen dieses Romans nicht nur privates Glück, sondern auch eine Entscheidung über ihre Lebensverhältnisse. Charlotte Lucas bildet hier einen wichtigen Gegenpol zu Elizabeth. Ihre nüchterne Abwägung lässt sich nicht einfach als Gefühlsarmut abtun; sie macht den Preis sichtbar, den ein hoher Anspruch an Liebe haben kann. Auch die Ehe der Bennets trübt jede bequeme Vorstellung vom häuslichen Glück. Der Vater zieht sich gern in ironische Distanz zurück, die Mutter verwandelt ihre Sorge in aufdringliche Betriebsamkeit. Beides ist lächerlich, beides hat Folgen für die Töchter. Gerade diese Verbindung von Komik und Belastung bewahrt das Buch davor, seine Liebeshandlung zur bloßen Wunschvorstellung zu verengen.

Heutigen Lesern kann das beharrliche Kreisen um Besuche, Einladungen und Heiratsaussichten zunächst eng erscheinen. Auch manche Nebenfigur ist so deutlich auf eine komische Eigenart zugespitzt, dass ihre Auftritte etwas Wiederholendes bekommen. Wer rasche Ortswechsel und unmittelbar ausgesprochene Gefühle erwartet, braucht Geduld. Doch die Wiederkehr ähnlicher Situationen schärft den Blick: Ein Gespräch verändert sein Gewicht, sobald man die Beteiligten anders einschätzt. Austens Zurückhaltung bei großen Gefühlsbekundungen ist deshalb eher Stärke als Mangel. Zuneigung muss sich an Aufmerksamkeit, Rücksicht und Verhalten bewähren. Das macht die Liebesgeschichte überzeugend, ohne sie von ihren materiellen Voraussetzungen zu lösen. Ihr Reiz liegt nicht darin, dass gesellschaftliche Hindernisse verschwinden, sondern darin, wie genau Menschen innerhalb dieser Hindernisse aufeinander reagieren.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Ein Roman über die Kunst des Urteilens

Pride and Prejudice hat sich im literarischen Kanon behaupten können, weil seine Liebeshandlung mehr trägt als die Frage nach dem passenden Paar. Austen verbindet gesellschaftliche Beobachtung mit einer Erzählweise, die das Publikum an Irrtümern beteiligt. Wir erhalten nicht einfach den überlegenen Überblick über fremde Schwächen. Die Nähe zu Elizabeth verführt dazu, ihre Sicherheit zu teilen, und macht die Überprüfung dieser Sicherheit zu einem eigenen Leseerlebnis. Darin liegt ein guter Grund, das Buch erneut aufzuschlagen: Frühe Gespräche zeigen andere Konturen, wenn man die Figuren bereits kennt.

Hinzu kommt die Genauigkeit, mit der Austen Gefühle und Interessen ineinandergreifen lässt. Geld erklärt nicht alles, lässt sich aber auch nicht aus der Liebe herausrechnen. Witz kann Unabhängigkeit ausdrücken und zugleich Selbsttäuschung schützen. Diese Spannungen halten die Figuren lebendig, statt sie zu Beispielen einer fertigen Lebensweisheit zu machen. Fremd bleiben können die engen gesellschaftlichen Spielräume und die Bedeutung kleinster Umgangsformen. Wer sich darauf einlässt, findet jedoch keinen bloßen Katalog vergangener Konventionen, sondern eine präzise gestaltete Erfahrung davon, wie Menschen einander verkennen, prüfen und ernst nehmen lernen.

Buchdaten

  • Autor: Austen
  • Titel: Pride and Prejudice
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988288882
  • Softcover-ISBN: 9783988287588

Rezension von Emma und Marc