Anthony Doerr
Bild: Librairie Mollat, CC BY-SA 3.0 Quelle

Zehn Jahre arbeitete Anthony Doerr an einem Roman über zwei Jugendliche im Zweiten Weltkrieg. Als er dafür den Pulitzerpreis gewann, saß er mit seinem Sohn in der Küche und aß Minzeis. Der amerikanische Schriftsteller hatte zuvor in einer Fischfabrik gearbeitet, auf Schaffarmen ausgeholfen und mit zwei Babys ein turbulentes Jahr in Rom verbracht. Seine Bücher handeln von Erinnerung, Verlust und Menschen, die in schwierigen Zeiten anständig bleiben wollen. Dabei schreibt Doerr manchmal so gefühlvoll, dass Kritiker ihm vorwerfen, die Wirklichkeit schöner erscheinen zu lassen, als sie ist.

Anthony Doerr erfuhr im April 2015 auf ungewöhnlich unspektakuläre Weise von seinem größten Erfolg. Er hielt sich mit seiner Familie in Paris auf und aß gerade mit seinem Sohn Owen Minzeis mit Schokoladenstückchen. Seine Frau Shauna verfolgte heimlich im Nebenzimmer die Bekanntgabe der Pulitzerpreise im Internet. Plötzlich kam sie aufgeregt in die Küche, kurz darauf begann das Telefon zu klingeln. Doerr hatte für Alles Licht, das wir nicht sehen den Pulitzerpreis erhalten, eine der bedeutendsten amerikanischen Literaturauszeichnungen. Sein Roman stand bereits seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Doch dass ausgerechnet eine Geschichte, an der er zehn Jahre gearbeitet hatte, ihn weltberühmt machen würde, war keineswegs selbstverständlich gewesen.

Ein Junge lernt, wie Erinnerungen verschwinden

Anthony Doerr wurde am 27. Oktober 1973 in Cleveland, Ohio, geboren. Seine Mutter war Lehrerin und las ihren Kindern regelmäßig vor. Die Familie liebte Bücher, Natur und Reisen. Auf gemeinsamen Ferienfahrten nach Florida sammelte Anthony Muscheln, die ihn so faszinierten, dass er sie jahrelang aufbewahrte. Später wurden sie zur Anregung für seine erste Erzählsammlung Der Muschelsammler. Seine wichtigste Kindheitserfahrung war allerdings weniger erfreulich. Als Doerr noch zur Schule ging, zog seine an Alzheimer erkrankte Großmutter zur Familie. Der Jugendliche erlebte, wie sie nach und nach die Orientierung verlor, ihre Angehörigen nicht mehr erkannte und selbst alltägliche Handlungen vergaß. Gleichzeitig erinnerte sie sich noch an ihre alte Telefonnummer und konnte ihn beim Kartenspiel Gin Rummy mühelos besiegen. Der Widerspruch beschäftigte ihn lange. Jahre später verarbeitete er diese Erfahrung in Geschichten über die Zerbrechlichkeit des menschlichen Gedächtnisses.

Doerr studierte Geschichte am Bowdoin College in Maine und absolvierte anschließend ein Studium des kreativen Schreibens an der Bowling Green State University. Dazwischen arbeitete er in verschiedenen Berufen, unter anderem auf Schaffarmen, als Koch und in einer Fischverarbeitungsfabrik in Alaska. Besonders angenehm dürfte die Arbeit am Fließband, an dem Fische ausgenommen wurden, nicht gewesen sein. Doch Doerr lernte unterschiedliche Lebenswelten kennen, die sich später in seiner Literatur wiederfinden. 2002 erschien sein erster Erzählband The Shell Collector. Zwei Jahre später folgte der Roman About Grace, in dem ein Mann seine Familie verlässt, weil er fürchtet, durch eine schreckliche Vorahnung den Tod seiner Tochter verhindern zu müssen. Die Geschichte besitzt ungewöhnliche Einfälle, ist aber gelegentlich allzu kunstvoll konstruiert.

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2004 erhielt Doerr ein Stipendium für einen Aufenthalt an der Amerikanischen Akademie in Rom. Seine Frau hatte gerade Zwillinge zur Welt gebracht. Statt in aller Ruhe an einem neuen Buch zu schreiben, verbrachten beide viele Nächte damit, zwei schreiende Babys zu beruhigen. Die fremde Stadt, Schlafmangel und die Schwierigkeiten des jungen Familienlebens lieferten reichlich Stoff für sein Erinnerungsbuch Vier Jahreszeiten in Rom (2007). Es zeigt einen Schriftsteller, der nicht über weltbewegende Fragen nachdenkt, sondern manchmal einfach nur verzweifelt versucht, genug Schlaf zu bekommen.

Ein verärgerter Fahrgast und zehn Jahre Arbeit

Die Idee zu seinem berühmtesten Roman entstand ebenfalls 2004. Doerr saß in einem Zug nach New York, als sein Vordermann plötzlich wütend wurde. Die Verbindung seines Mobiltelefons war in einem Tunnel abgebrochen. Doerr wunderte sich über die Reaktion. Schließlich war es doch ein technisches Wunder, dass Menschen überhaupt über große Entfernungen miteinander sprechen konnten. Er begann über die Geschichte des Radios nachzudenken und entdeckte, welche Bedeutung dieses Medium während des Zweiten Weltkriegs gehabt hatte. Die Nationalsozialisten nutzten es für Propaganda, Widerstandsgruppen dagegen zur heimlichen Verständigung.

Aus dieser Überlegung entwickelte sich Alles Licht, das wir nicht sehen (2014). Der Roman erzählt von der blinden Französin Marie-Laure, die mit ihrem Vater vor der deutschen Besatzungsmacht fliehen muss, und dem deutschen Waisenjungen Werner, dessen außergewöhnliches technisches Talent ihn in eine nationalsozialistische Eliteschule führt. Die beiden Geschichten laufen lange nebeneinander, bis sich die Wege der Jugendlichen schließlich in der französischen Hafenstadt Saint-Malo kreuzen. Doerr recherchierte jahrelang, beschäftigte sich mit Funktechnik, der deutschen Besatzung Frankreichs und der Geschichte der Stadt. Seine besondere Stärke liegt in kleinen Beobachtungen: Geräusche, Gerüche und die Oberflächen von Gegenständen bekommen bei ihm eine Bedeutung, die andere Autoren leicht übersehen.

Der Roman wurde weltweit gefeiert und 2023 als vierteilige Netflix-Serie verfilmt. Ganz frei von Schwächen ist er jedoch nicht. Besonders die Figur Werner wurde kritisch beurteilt, weil sie als sensibler, im Grunde anständiger Junge erscheint, dessen Verstrickung in die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht immer überzeugend dargestellt wird. Der Schriftsteller William T. Vollmann bemängelte in der New York Times, dass Doerrs Darstellung des Nationalsozialismus teilweise zu schematisch bleibe. Auch manche Zufälle wirken etwas zu geschickt arrangiert. Trotzdem gelingt Doerr ein eindringlicher Roman über menschliche Entscheidungen in einer unmenschlichen Zeit. Unsere Rezension zu Alles Licht, das wir nicht sehen würdigt besonders die beiden jugendlichen Hauptfiguren und die ungewöhnlich bildhafte Sprache.

Warum Bücher manchmal länger leben als Menschen

Mit Wolkenkuckucksland (2021) wagte Doerr ein noch größeres literarisches Experiment. Der Roman verbindet das Konstantinopel des 15. Jahrhunderts, eine amerikanische Kleinstadt der Gegenwart und ein Raumschiff der Zukunft. Die Figuren kennen einander nicht, doch ihre Geschichten werden durch einen alten griechischen Text miteinander verbunden. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Bücher, Geschichten und menschliches Wissen selbst Kriege und Katastrophen überstehen können. Auch die Erinnerung an seine Großmutter spielt dabei eine Rolle: Doerr beschäftigt sich mit der Angst, dass Erfahrungen und ganze Lebensgeschichten unwiederbringlich verschwinden.

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Das Buch ist fantasievoll und anspruchsvoll, verlangt seinen Lesern aber Geduld ab. Die zahlreichen Zeitsprünge und unterschiedlichen Figuren können verwirren, und nicht jede Verbindung wirkt gleichermaßen natürlich. Doerr riskiert hier mehr als in seinem vorherigen Bestseller. Unsere Rezension zu Wolkenkuckucksland hebt besonders die ungewöhnliche Konstruktion und die Liebe zu Büchern hervor.

Heute lebt Doerr mit seiner Frau Shauna und seinen beiden Söhnen in Boise, Idaho. Er gehört zu den erfolgreichsten amerikanischen Schriftstellern seiner Generation, ist aber kein Autor, der jährlich einen neuen Roman veröffentlicht. Seine Bücher entstehen langsam, aus intensiver Recherche und zahlreichen Überarbeitungen. Seine Stärke liegt in der Verbindung persönlicher Schicksale mit großen historischen Fragen. Allerdings sind seine Geschichten manchmal so sorgfältig auf menschliche Wärme und Hoffnung ausgerichtet, dass ihre dunkleren Seiten etwas an Schärfe verlieren.

Wer Anthony Doerr kennenlernen möchte, beginnt am besten mit Alles Licht, das wir nicht sehen. Der Roman ist trotz seiner historischen Hintergründe gut verständlich und eignet sich auch für Oberstufenschüler. Wolkenkuckucksland ist das ungewöhnlichere, aber deutlich anspruchsvollere Buch. Besonders interessant bleibt Doerrs Fähigkeit, kleine Dinge wichtig zu machen: eine Muschel, eine alte Erinnerung oder eine Stimme aus dem Radio. Vielleicht hat er das bereits als Jugendlicher gelernt, als seine Großmutter allmählich vergaß, wer er war – und ihn trotzdem noch beim Kartenspielen besiegte.

Anthony Doerr – Fakten

  • Lebensdaten: Geboren am 27. Oktober 1973 in Cleveland, Ohio, USA.
  • Familie: Verheiratet mit Shauna Doerr, zwei Söhne (Zwillinge). Wohnort Boise, Idaho.
  • Ausbildung und Beruf: Geschichtsstudium am Bowdoin College, anschließend kreatives Schreiben an der Bowling Green State University; früher unter anderem Koch und Arbeiter in der Fischverarbeitung.
  • Wichtige Werke: Der Muschelsammler (2002), About Grace (2004), Vier Jahreszeiten in Rom (2007), Memory Wall (2010), Alles Licht, das wir nicht sehen (2014), Wolkenkuckucksland (2021).
  • Auszeichnungen: Pulitzerpreis 2015, Andrew Carnegie Medal 2015, Story Prize 2010 und zahlreiche weitere Literaturpreise.
  • Erfolg: Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen; Alles Licht, das wir nicht sehen wurde 2023 als Netflix-Miniserie verfilmt.

Verfasst von Emma und Hanna.