
Welche literarische Figur wären Sie selbst gerne für einen Tag?
Orlando von Virginia Woolf. Ich finde die Vorstellung faszinierend, über Jahrhunderte zu leben, verschiedene Epochen zu erleben und zu sehen, wie sich die Welt und das eigene Ich verändern. Der Tag müsste dafür aber sehr lang sein.
Was ist die ungewöhnlichste Situation, in der Sie jemals geschrieben haben?
Da ich viel reise, kann ich inzwischen beinahe überall schreiben. Einen besonders ungewöhnlichen Ort könnte ich deshalb gar nicht nennen. Das Ungewöhnliche ist für mich vermutlich längst alltäglich geworden.
Welches Buch hätten Sie gerne selbst geschrieben?
„Atemschaukel“ von Herta Müller. Mich fasziniert, wie sie Wörter miteinander verbindet und Bilder schafft, die zugleich fremd und unmittelbar einleuchtend sind. Eine solche sprachliche Erfindungskraft bewundere ich sehr.
Was ist der größte, aber falsche Mythos, den Menschen über das Leben als Schriftsteller glauben?
Dass eine gute Geschichte im Kopf und das richtige Handwerkszeug genügen, um Literatur zu schreiben. Natürlich lässt sich vieles lernen. Aber literarische Kraft entsteht für mich auch darin, was eine Sprache anklingen lässt, ohne es auszusprechen. Ein Text kann alles erklären und trotzdem wenig erzählen.
Welche Marotte oder Angewohnheit begleitet Sie beim Schreiben?
Beim Schreiben versammle ich viele Bücher um mich herum, fast wie einen Schutzraum. Unterwegs öffne ich meinen E-Reader und blättere vor dem ersten eigenen Satz wahllos durch meine Lieblingsbücher.
Wie autobiografisch sind Ihre Bücher? Wie viel von Ihnen selbst fließt dort ein?
Meine Bücher sind alle persönlich inspiriert, ihre Geschichten aber weit von meinem eigenen Leben entfernt. Das Persönliche liegt oft weniger im Geschehen als in den Empfindungen und Fragen, aus denen ein Text entsteht. Ohne diesen Bezug würde ich wahrscheinlich nicht schreiben. Schreiben ist für mich eine fortwährende Auseinandersetzung mit meinem Leben und eine Möglichkeit, mich meiner eigenen Existenz zu vergewissern.
Was können Sie uns schon über Ihr nächstes Projekt verraten?
Mein zweiter Roman soll im Herbst 2027 bei kul-ja! erscheinen. Zugleich arbeite ich an einem Langgedicht, in dem ich eine eigene „Lyriksprache“ entwickle. Dabei versuche ich, mich selbst zu übersetzen und erkunde, was sich in dieser Sprache ausdrücken lässt.
Team Klassiker oder Team Gegenwartsliteratur – was inspiriert Sie mehr und warum?
Ich orientiere mich stark an der Gegenwartsliteratur. Mich interessiert, welche neuen Formen und sprachlichen Möglichkeiten sie eröffnet. Die Klassiker bilden jedoch ein wichtiges Fundament meines Schreibens. Entscheidend ist für mich weniger, wann ein Buch geschrieben wurde, als das, was seine Sprache in mir auslöst.

