Kurzbiografie – Samuel Agnon: Der erste hebräische Nobelpreisträger

Samuel Agnon

Samuel Joseph Agnon gehört zu den eigenwilligsten Figuren der modernen hebräischen Literatur. Geboren wurde er als Schmuel Josef Czaczkes im galizischen Buczacz, heute Butschatsch in der Westukraine. Aus dem Sohn einer traditionellen jüdischen Familie wurde ein Schriftsteller, der zwischen Ostgalizien, Jaffa, Berlin, Bad Homburg und Jerusalem lebte und dabei eine Literatur schuf, die zugleich tief in Bibel, Talmud, Midrasch und chassidischer Erzähltradition verwurzelt und unverkennbar modern ist. 1966 erhielt er gemeinsam mit Nelly Sachs den Literaturnobelpreis. Agnon war damit der erste israelische Nobelpreisträger und ist bis heute der einzige hebräischsprachige Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhalten hat.

Das klingt zunächst nach einer sehr würdevollen Kulturbiografie. Tatsächlich ist Agnons Leben wesentlich eigentümlicher. Er machte aus seinem Namen eine literarische Erfindung, behandelte selbst sein Geburtsdatum als Material für einen persönlichen Mythos, entzog sich im Ersten Weltkrieg offenbar mit recht drastischen Mitteln dem Militärdienst, verlor zweimal große Teile seiner Bibliothek und seiner Manuskripte und interpretierte diese Katastrophen wiederum symbolisch im Rahmen jüdischer Geschichte. Zugleich war er Zionist und überzeugter Bewohner Jerusalems, aber keineswegs ein einfacher literarischer Propagandist des Zionismus. Seine großen Romane zeigen vielmehr, wie schwierig das Verhältnis zwischen religiöser Tradition, moderner jüdischer Existenz, Einwanderung und politischer Wirklichkeit tatsächlich war.

Schon das Geburtsdatum ist nicht ganz zuverlässig

Bei Agnon beginnt die Unsicherheit erstaunlicherweise bereits mit seinem Geburtstag. Das Nobelpreisarchiv nennt den 17. Juli 1888. Das Agnon House in Jerusalem und neuere biografische Forschung gehen dagegen von 1887 aus. Noch interessanter ist, dass Agnon selbst seine Geburt mit dem jüdischen Trauertag Tischa beAw verband, an dem der Zerstörung der Tempel in Jerusalem gedacht wird. Nach Forschungen des Agnon House passt diese von ihm erzählte Datierung nicht sauber zu den historischen Kalenderdaten. Offenbar war ihm die symbolische Bedeutung wichtiger als die nüchterne Chronologie.

Das ist keine belanglose Fußnote. Agnon inszenierte die eigene Biografie immer wieder als Teil einer größeren jüdischen Geschichte. Er erzählte von einer Familientradition, nach der seine Vorfahren zum Stamm Levi und sogar zur Linie des Propheten Samuel gehört hätten; beweisen lässt sich das nicht, und Agnon präsentierte es selbst ausdrücklich als überlieferte Familientradition. Seine autobiografischen Aussagen sollte man deshalb mit einer gewissen Vorsicht lesen. Bei kaum einem Schriftsteller verschwimmen Lebensgeschichte, religiöse Symbolik und literarische Selbsterfindung so früh miteinander.

Buczacz: jüdische Tradition in Ostgalizien

Agnon wuchs in Buczacz auf, einer galizischen Kleinstadt mit einem großen jüdischen Bevölkerungsanteil. Sein Vater war im Pelzhandel tätig und religiös gelehrt; Agnon erhielt von klein auf eine traditionelle jüdische Ausbildung. Nach Angaben des Agnon House besuchte er bereits als Dreijähriger den Cheder und erhielt später zusätzlich Privatunterricht in Literatur und Fremdsprachen. Neben Hebräisch kannte er auch Jiddisch und las deutsche Literatur. Seine wichtigsten sprachlichen Grundlagen sah er später jedoch ausdrücklich in Bibel, Mischna, Talmud, Midrasch, rabbinischen Kommentaren und mittelalterlicher jüdischer Literatur.

Schon als Jugendlicher veröffentlichte er Gedichte und Erzählungen. Anders als der alte Text nahelegt, sollte man sich seinen Aufstieg nicht als plötzlichen Sprung vom unbekannten Provinzjungen zum Nobelpreisträger vorstellen. Er bewegte sich früh innerhalb der hebräischen und jüdischen Literaturszene und entschied sich zunehmend dafür, auf Hebräisch zu schreiben. Gerade das war historisch bedeutsam: Modernes Hebräisch befand sich damals selbst mitten in einem gewaltigen kulturellen Transformationsprozess. Agnon verband die jahrhundertealte schriftliche Überlieferung mit einer Sprache, die gleichzeitig wieder zur modernen Alltagssprache wurde.

Aus Czaczkes wird Agnon

Um 1908 ging der junge Schriftsteller nach Jaffa im damaligen Osmanischen Palästina. Beim exakten Jahr widersprechen sich auch hier einzelne Quellen; das Agnon House nennt 1908, während das Nobelpreisarchiv 1907 angibt. Dort veröffentlichte er die Erzählung Agunot. Aus ihrem Titel leitete er das Pseudonym „Agnon“ ab, das er später zu seinem Familiennamen machte. Schon der eigene Name war also Teil seines literarischen Projekts.

Agnon wollte nach eigener Darstellung ursprünglich von körperlicher Arbeit leben, fand dafür jedoch keine geeignete Beschäftigung. Stattdessen wurde er unter anderem Sekretär der zionistischen Organisation Hovevei Zion, arbeitete für einen frühen jüdischen Repräsentativrat und war Sekretär eines freiwilligen jüdischen Schiedsgerichts. In seiner Nobelpreisrede übertrieb er seine damalige Bekanntschaft mit den Bewohnern des Landes humorvoll beinahe ins Grenzenlose und behauptete sinngemäß, er habe damals fast jeden Juden im Land gekannt.

Schon in diesen frühen Jahren entstand eines der Grundprobleme seines späteren Werkes: Wie verhält sich die jahrhundertealte jüdische Tradition zu dem modernen Projekt eines jüdischen Lebens in Palästina? Agnon beantwortete diese Frage nie mit einem einfachen politischen Lehrsatz. Seine Literatur lässt sowohl die säkulare Pionierwelt als auch die orthodoxe Tradition widersprüchlich erscheinen. Darin unterscheidet er sich deutlich von einem Autor, der lediglich eine politische Bewegung literarisch verherrlichen wollte.

Deutschland, Buber und ein außergewöhnlich großzügiger Mäzen

1912 ging Agnon nach Deutschland und blieb dort bis 1924. Er lebte unter anderem in Berlin, Leipzig, Wiesbaden und Bad Homburg und bewegte sich im Umfeld deutsch-jüdischer Intellektueller und Zionisten. Seine Texte erschienen teilweise in deutscher Übersetzung in Martin Bubers Zeitschrift Der Jude, und Agnon arbeitete mit Buber an einer Sammlung chassidischer Geschichten. Die beiden verband eine wichtige literarische und intellektuelle Beziehung, auch wenn man daraus keine völlige Übereinstimmung ihrer Weltanschauungen ableiten sollte.

Noch wichtiger für seine Karriere wurde Salman Schocken. Der erfolgreiche Unternehmer, Kaufhausbesitzer, Verleger und Sammler erkannte Agnons Talent früh und unterstützte ihn über Jahre finanziell. Diese Förderung ermöglichte Agnon etwas, wovon viele Schriftsteller nur träumen können: Er konnte sich in erheblichem Maß auf das Schreiben konzentrieren, ohne permanent seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Später erschien sein Werk im Schocken Verlag. Unterstützer aus Schockens Umfeld bemühten sich über Jahre auch darum, Agnon international und beim Nobelpreiskomitee bekannt zu machen. Der Nobelpreis war also nicht Ergebnis einer plötzlichen Entdeckung im Jahr 1966, sondern auch das Ende einer langen internationalen Vermittlungs- und Übersetzungsgeschichte.

Wie Agnon dem Ersten Weltkrieg entging

Eine weniger feierliche Episode findet sich während des Ersten Weltkriegs. 1916 drohte dem österreichisch-ungarischen Staatsbürger Agnon die Einberufung zum Militär. Nach biografischen Darstellungen wollte er unbedingt verhindern, Soldat zu werden. Vor der medizinischen Untersuchung rauchte er demnach massiv und nahm eine größere Menge Tabletten ein, um krank genug zu erscheinen, für den Dienst untauglich erklärt zu werden. Das funktionierte – allerdings offenbar so gut, dass er anschließend selbst längere Zeit medizinisch behandelt werden musste.

Damit ist Agnon sicherlich kein spektakulärer Kriegsabenteurer. Aber gerade diese Episode macht ihn menschlicher als die alte Nobelpreisträger-Vita. Während Millionen Männer im Ersten Weltkrieg eingezogen wurden, versuchte der spätere Literaturnobelpreisträger mit ausgesprochen handfesten Mitteln, sich der Armee zu entziehen.

Esther Marx, Familie und ein Haus voller Bücher

1920 heiratete Agnon Esther Marx, Tochter einer wohlhabenden orthodoxen Familie. Deren Familie soll der Verbindung zunächst skeptisch gegenübergestanden haben, weil man Agnon gesellschaftlich für keine besonders glänzende Partie hielt. Das Paar bekam in Deutschland zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, und blieb bis zu Agnons Tod verheiratet. Erhaltene Briefe zeigen einen wesentlich privateren Agnon als das feierliche Bild des späteren Nationaldichters: Ehemann, Vater, gelegentlich besorgt um Geld, Haushalt und Kinder und zugleich ständig mit seinen literarischen Projekten beschäftigt.

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Eine seiner großen Leidenschaften waren Bücher. Agnon sammelte alte hebräische Werke und baute eine Bibliothek von Tausenden Bänden auf. Diese Sammlung war nicht bloß Dekoration eines gelehrten Schriftstellers. Die religiösen und literarischen Texte, die ihn umgaben, waren das Rohmaterial seiner Sprache. Seine Prosa ist voller Anklänge an biblische und rabbinische Texte, die für einen entsprechend gebildeten hebräischen Leser Bedeutungen hervorrufen, die in Übersetzungen kaum vollständig wiedergegeben werden können.

Der Brand von Bad Homburg: Tausende Bücher und ein Roman verschwinden

1924 geschah eine der großen Katastrophen seines Lebens. Während Agnon wegen einer Operation im Krankenhaus lag, brannte sein Haus in Bad Homburg. Rund 4.000 hebräische Bücher gingen verloren, darunter wertvolle ältere Ausgaben. Ebenfalls verbrannten zahlreiche Manuskripte, ein gemeinsam mit Martin Buber vorbereitetes Werk über chassidische Überlieferung und ein umfangreicher, nahezu publikationsreifer autobiografischer Roman von ungefähr 700 Seiten.

Der Verlust traf Agnon tief. In seiner Nobelpreisrede erinnerte er mehr als vier Jahrzehnte später ausführlich daran. Er verstand den Brand offenbar auch als Zeichen, dass sein langer Aufenthalt außerhalb Palästinas beendet werden sollte. Noch 1924 kehrte er mit seiner Familie zurück und ließ sich schließlich dauerhaft in Jerusalem nieder.

Und fünf Jahre später verliert er erneut seine Bibliothek

Damit war die Geschichte allerdings nicht beendet. Während der schweren arabisch-jüdischen Unruhen von 1929 wurde Agnons Haus im Jerusalemer Stadtteil Talpiot geplündert und erneut ein Teil seiner Bibliothek zerstört. In einem ausführlichen Brief an Salman Schocken schilderte Agnon selbst die Ereignisse im Viertel.

Später verband er beide Verluste symbolisch mit der Zerstörung der beiden jüdischen Tempel. Auch hier zeigt sich Agnons auffällige Neigung, eigene Lebensereignisse in eine größere religiöse Geschichtserzählung einzufügen. Das muss man nicht als bewusste Täuschung verstehen. Für ihn scheint diese Form der Selbstdeutung tatsächlich ein grundlegender Teil seiner Vorstellung von Geschichte gewesen zu sein. Gleichzeitig sollte ein moderner Biograf solche Erzählungen eben als Agnons eigene Deutung kennzeichnen und nicht einfach als objektive Tatsachen übernehmen.

Religiös, zionistisch – aber literarisch keineswegs eindeutig

Agnon lebte persönlich zunehmend traditionell und religiös observant. Sein späteres Leben in Jerusalem war eng an jüdische religiöse Praxis gebunden. Trotzdem sind seine Romane keine frommen Erbauungsbücher. Immer wieder entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen der ehrwürdigen Sprache religiöser Überlieferung und Geschichten, in denen Gewissheiten zerfallen, Menschen scheitern und selbst scheinbar einfache moralische Ordnungen fragwürdig werden.

Besonders interessant ist das in Gestern, vorgestern (Tmol Shilshom, international meist Only Yesterday). Der Roman erzählt von einem jungen galizischen Juden, der aus zionistischer Begeisterung nach Palästina auswandert. Dort findet er jedoch keineswegs einfach die ersehnte Heimat. Die säkularen Zionisten von Jaffa und die traditionelle religiöse Welt Jerusalems erscheinen beide widersprüchlich, und der Held bleibt ein Fremder, der zwischen unterschiedlichen jüdischen Lebensentwürfen schwankt. Gerade diese Distanz zu einfachen ideologischen Antworten hat den Roman zu einem Schlüsselwerk Agnons gemacht.

Eine heutige kritische Lektüre kann gleichzeitig fragen, was bei dieser starken Konzentration auf innerjüdische Konflikte aus dem Blick gerät. Dan Jacobson hat etwa darauf hingewiesen, dass in Only Yesterday sowohl die säkularen Zionisten als auch die religiösen Juden die arabische Bevölkerung, in deren Umgebung sie leben, auffällig wenig wahrnehmen. Das ist keine Widerlegung des Romans, aber eine relevante Grenze seiner Perspektive – insbesondere für heutige Leser.

Der Untergang seiner galizischen Heimat

Agnons Rückkehr nach Jerusalem bedeutete nicht, dass Buczacz aus seiner Literatur verschwand. Im Gegenteil: Die verlorene Welt der galizischen Juden wurde mit zunehmendem Alter immer wichtiger. In Nur wie ein Gast zur Nacht kehrt ein Ich-Erzähler in seine frühere Heimat zurück und findet eine jüdische Gemeinschaft vor, die durch Krieg, wirtschaftlichen Niedergang und Emigration bereits tief beschädigt ist. Der Roman erschien noch vor der vollständigen Vernichtung dieser Welt im Holocaust.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam diese Rückschau eine noch düsterere Bedeutung. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Buczacz wurde während der deutschen Besatzung ermordet. Agnon erinnerte in seiner Nobelpreisrede ausdrücklich daran, dass Menschen, die in seiner Jugend seine Lieder gesungen hatten, später erschossen, lebendig begraben oder in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Sein später posthum erschienenes Eine Stadt und ihre Fülle wurde zu einer literarischen Erinnerungslandschaft für die vernichtete Welt seiner Geburtsstadt.

Ein Schriftsteller, den Übersetzer fürchten dürfen

Ein Grund, warum Agnon außerhalb des hebräischen Sprachraums trotz Nobelpreis deutlich weniger bekannt ist als etwa Kafka oder Thomas Mann, liegt in seiner Sprache. Sein Hebräisch greift auf Jahrtausende schriftlicher Überlieferung zurück. Ein Satz kann zugleich nach Bibel, Talmud, mittelalterlichem Kommentar oder chassidischer Geschichte klingen und diese Tradition ironisch brechen. Solche Schichten lassen sich in einer Übersetzung nur teilweise erhalten. Der Jüdische Verlag beschreibt entsprechend gerade die Verbindung des biblischen Hebräisch mit der Erfahrung der Moderne als eine Besonderheit seines Werks.

In Israel dagegen war Agnon keineswegs der vom alten Text suggerierte Autor, den nur ein kleines „Fachpublikum“ wahrnahm. Er gehörte schon lange vor dem Nobelpreis zum literarischen Zentrum des Landes, erhielt zweimal den Bialik-Preis und zweimal den Israel-Preis und wurde 1962 Ehrenbürger Jerusalems. Seine Werke wurden Schulstoff, Gegenstand umfangreicher Forschung und Teil des israelischen literarischen Kanons. Die Behauptung, Anerkennung durch ein breites Publikum sei ihm im Wesentlichen versagt geblieben, würde ich daher streichen oder zumindest deutlich differenzieren.

1966: Nobelpreis gemeinsam mit Nelly Sachs

1966 teilte Agnon den Literaturnobelpreis mit der deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs. Die Schwedische Akademie würdigte Agnon für seine charakteristische Erzählkunst mit Motiven aus dem Leben des jüdischen Volkes.

Seine Nobelpreisrede war typisch Agnon. Anstatt einfach über literarische Technik zu sprechen, stellte er sich in eine jahrtausendealte religiöse und literarische Tradition, sprach über seinen Vater, jüdische Gelehrte, seine verbrannten Bücher, Jerusalem und die vernichtete jüdische Bevölkerung seiner Heimatstadt. Er erklärte Bibel, Mischna, Talmud, Midrasch und mittelalterliche Gelehrte zu seinen wichtigsten geistigen Lehrern. Das war ebenso eine literarische Selbstbeschreibung wie eine kulturelle Positionierung: Agnon präsentierte sich in Stockholm nicht lediglich als moderner israelischer Schriftsteller, sondern als Glied einer langen jüdischen Texttradition.

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Was sollte man von Agnon lesen?

Als Einstieg bietet sich Nur wie ein Gast zur Nacht an. Der Roman verbindet die Rückkehr in die galizische Heimat mit der Erfahrung, dass eine vertraute Welt bereits im Verschwinden begriffen ist. Gerade deutsche Leser haben hier zudem eine vergleichsweise gut zugängliche Übersetzung; die deutsche Fassung von Karl Steinschneider lag bereits dem Nobelpreiskomitee vor.

Noch bedeutender innerhalb seines Gesamtwerks ist Gestern, vorgestern. Darin wird das zionistische Einwanderungsprojekt nicht als geradlinige Erfolgsgeschichte erzählt, sondern als Geschichte von Fremdheit, Idealen, religiösem Zweifel und unerwartetem Scheitern. Der bizarre Erzählstrang um den Hund Balak gehört zu den berühmtesten Teilen des Romans und hat bis heute sehr unterschiedliche Interpretationen hervorgerufen. Die Brautkammer beziehungsweise The Bridal Canopy führt dagegen tief in die jüdische Welt Galiziens des frühen 19. Jahrhunderts und verbindet Reisegeschichte, religiöse Überlieferung und zahlreiche eingeschobene Erzählungen. Das Agnon House bezeichnet gerade dieses Werk als seinen frühen großen Durchbruch. Wer kürzer beginnen möchte, kann zu Liebe und Trennung greifen. Die darin versammelten Geschichten zeigen sehr gut, wie Agnon scheinbar traditionelle Formen benutzt und darunter Unsicherheit, Begehren, Verlust und Trennung sichtbar macht.

Schira, sein großer, erst nach seinem Tod vollständig veröffentlichter Roman, führt schließlich in das Jerusalem der 1930er Jahre. Eine Liebesgeschichte verbindet sich dort mit politischen Spannungen, jüdischer Einwanderung und den immer bedrohlicheren Nachrichten aus Deutschland. Der Roman blieb unvollendet und besitzt deshalb auch formal etwas Offenes und Verstörendes.

Der Mensch hinter dem Nobelpreisträger

Agnon eignet sich schlecht für eine glatte Heiligenvita. Schon seine eigene Lebensgeschichte behandelte er wie Literatur. Er änderte seinen Namen, verschob oder symbolisierte sein Geburtsdatum und stellte private Katastrophen in Beziehung zur jüdischen Heilsgeschichte. Beim drohenden Militärdienst half er dem Schicksal offenbar mit Tabletten und Zigaretten nach. Gleichzeitig verbrachte er Jahrzehnte mit größter Ernsthaftigkeit damit, aus alten religiösen Texttraditionen eine moderne Literatur zu schaffen.

Auch politisch und kulturell lässt er sich nicht bequem in eine einzelne Schublade stecken. Er gehörte zum zionistischen Projekt, lebte bewusst in Jerusalem und schrieb auf modernem Hebräisch. Gleichzeitig zeigen seine besten Bücher, wie groß die Distanz zwischen politischen Idealen und wirklichem Leben sein kann. Er war religiös observant, aber seine Literatur untergräbt immer wieder einfache Gewissheiten. Er trauerte um die zerstörte jüdische Welt Osteuropas, ohne einfach in Nostalgie zu verharren.

Gerade darin liegt seine Modernität. Agnon erzählt von Menschen, die gleichzeitig dazugehören und fremd bleiben, die sich nach Heimat sehnen und feststellen, dass auch eine erreichte Heimat neue Formen der Fremdheit hervorbringen kann. Dass ausgerechnet ein so tief in jüdischer Tradition verwurzelter Autor zu einem Meister der Ambivalenz wurde, erklärt besser als jede Ranglistenbehauptung, warum sein Werk literaturgeschichtlich so interessant ist.

Samuel Joseph Agnon – die wichtigsten Fakten

  • Geburtsname: Schmuel Josef Czaczkes / Shmuel Yosef Czaczkes
  • Schriftstellername: Samuel Joseph Agnon / S. Y. Agnon
  • Geburtsort: Buczacz in Ostgalizien, damals Österreich-Ungarn, heute Butschatsch in der Ukraine
  • Geburtsdatum: nicht völlig eindeutig; das Nobelpreisarchiv nennt den 17. Juli 1888, während biografische Forschung 1887 annimmt und Agnon selbst sein Geburtsdatum literarisch überformte
  • Gestorben: 17. Februar 1970 in Rehovot, Israel
  • Beigesetzt: Ölberg in Jerusalem, mit Staatsbegräbnis
  • Sprache: Hebräisch
  • Auswanderung nach Palästina: um 1908
  • Deutschland: 1912–1924
  • Ehefrau: Esther Marx
  • Kinder: zwei
  • Wichtiger Förderer und Verleger: Salman Schocken
  • Literaturnobelpreis: 1966 gemeinsam mit Nelly Sachs
  • Weitere Auszeichnungen: zweimal Bialik-Preis, zweimal Israel-Preis
  • Bedeutende Werke: Die Brautkammer, Eine einfache Geschichte, Nur wie ein Gast zur Nacht, Gestern, vorgestern, Schira sowie zahlreiche Erzählungen
  • Zentrale Themen: jüdische Tradition und Moderne, Heimat und Fremdheit, Religion, Zionismus, Erinnerung, Verlust, Liebe, Trennung und das Verschwinden der ostjüdischen Lebenswelt
  • Besonderheit: erster israelischer Nobelpreisträger und bis heute einziger hebräischsprachiger Literaturnobelpreisträger
  • 50-Schekel-Schein: Agnon war auf älteren 50-Schekel-Banknoten abgebildet; auf dem heutigen Schein befindet sich Saul Tschernichowski.

 

 

 

 

 

 

 

Nobelpreis.org über „Shmuel Yosef Agnon“

„The Nobel Prize in Literature 1966 was divided equally between Shmuel Yosef Agnon „for his profoundly characteristic narrative art with motifs from the life of the Jewish people“ and Nelly Sachs „for her outstanding lyrical and dramatic writing, which interprets Israel’s destiny with touching strength“.

Autor: Autorenteam