Alexandre Dumas Biografie

Alexandre Dumas schrieb einige der berühmtesten Abenteuerromane der Welt – und führte selbst ein Leben, das problemlos als einer seiner Stoffe durchgehen könnte. Er kämpfte 1830 aufseiten der Revolutionäre, verdiente mit seinen Büchern enorme Summen, baute ein Schloss, häufte trotzdem Schulden an, hatte zahlreiche Liebesbeziehungen und produzierte Literatur zeitweise mit Mitarbeitern beinahe wie in einer Werkstatt. Zugleich wurde der Enkel einer versklavten schwarzen Frau sein Leben lang mit rassistischen Angriffen konfrontiert. Hinter den Musketieren steckt ein Autor, der fast alles im Übermaß betrieb.

Der Sohn eines Generals, den Napoleon fallen ließ

Alexandre Dumas wurde am 24. Juli 1802 in Villers-Cotterêts nordöstlich von Paris geboren. Schon seine Familiengeschichte hätte genügend Stoff für einen historischen Roman geliefert. Sein väterlicher Großvater Alexandre Antoine Davy de la Pailleterie war ein französischer Adeliger, der lange in der Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, lebte. Dort hatte er mit der versklavten schwarzen Frau Marie-Cessette Dumas mehrere Kinder. Ihr Sohn Thomas-Alexandre wurde nach den Regeln der damaligen Kolonialgesellschaft selbst als Sklave geboren, gelangte jedoch mit seinem Vater nach Frankreich, wurde freigelassen beziehungsweise als Sohn anerkannt und erhielt eine standesgemäße Ausbildung. Nach einem Zerwürfnis mit seinem Vater trat er 1786 unter dem Namen seiner Mutter als einfacher Soldat in ein Dragonerregiment ein. Die Französische Revolution eröffnete ihm eine Karriere, die unter dem Ancien Régime für einen Mann seiner Herkunft kaum vorstellbar gewesen wäre: Innerhalb weniger Jahre stieg er bis zum Divisionsgeneral und Oberbefehlshaber auf und gehörte zu den höchstrangigen schwarzen beziehungsweise afrokaribischen Offizieren Europas.

Thomas-Alexandre Dumas war körperlich außergewöhnlich stark, ein erfolgreicher Kavallerieoffizier und offenbar ein Mann mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Er kämpfte in den Revolutionskriegen, nahm an Bonapartes Ägyptenfeldzug teil und geriet dort mit dem späteren Kaiser in Konflikt. Auf der Rückreise nach Frankreich musste sein beschädigtes Schiff im süditalienischen Tarent anlegen, wo er fast zwei Jahre gefangen gehalten wurde. Er kehrte schwer gesundheitlich geschädigt zurück. Bonaparte rehabilitierte ihn anschließend nicht; ausstehende Bezüge und Entschädigungen erhielt er nicht. Als der General 1806 starb, war Alexandre noch keine vier Jahre alt und die Familie wirtschaftlich weitgehend ruiniert. Der berühmte Sohn erinnerte sich später zeitlebens mit geradezu heroischer Verehrung an den Vater. Dessen militärische Abenteuer, Gefangenschaft, Stolz und erlittene Ungerechtigkeiten lassen sich zwar nicht einfach eins zu eins auf Figuren wie Edmond Dantès oder die Musketiere übertragen, aber die Vorstellung eines starken Mannes, der durch politische Willkür zu Fall gebracht wird und gegen sein Schicksal kämpft, hatte für Dumas einen sehr persönlichen Hintergrund.

Seine Mutter Marie-Louise Labouret stammte aus einer Gastwirtsfamilie und musste den Jungen unter bescheidenen Umständen großziehen. Eine umfassende höhere Bildung erhielt Dumas nicht. Seine gute Handschrift verschaffte ihm als Jugendlichem eine Stelle bei einem Notar, doch Büroarbeit war kaum das, was er sich unter einem gelungenen Leben vorstellte. Er las Theaterstücke, schrieb erste Texte und entwickelte den Ehrgeiz, nach Paris zu gehen. Um 1822/23 zog er in die Hauptstadt und erhielt dank alter Beziehungen seines Vaters eine Stelle im Haushalt des Herzogs von Orléans, des späteren Königs Louis-Philippe. Der junge Provinzschreiber fand damit ausgerechnet in jener aristokratischen Umgebung Zugang zur Hauptstadt, gegen deren politische Ordnung er wenige Jahre später selbst auf die Straße gehen sollte.

Theater, Revolution und die Kunst, das eigene Leben zu erzählen

Dumas wollte zunächst nicht Romancier, sondern Dramatiker werden. Paris befand sich in einer Phase erbitterter ästhetischer Auseinandersetzungen zwischen klassizistischer Tradition und der jungen Romantik. Dumas las Shakespeare, Schiller, Goethe und Walter Scott und fand schnell Anschluss an Autoren wie Victor Hugo, Alfred de Vigny, Gérard de Nerval und Charles Nodier. 1829 gelang ihm mit „Henri III et sa cour“ der Durchbruch. Das Stück war eines der frühen großen Erfolge des romantischen historischen Dramas in Frankreich und kam noch vor Victor Hugos berühmter „Hernani“-Schlacht auf die Bühne. Dumas war mit 26 Jahren plötzlich eine literarische Größe. Weitere erfolgreiche Dramen wie „Antony“ und „La Tour de Nesle“ folgten. Seine besondere Stärke war schon damals weniger philosophische Tiefe als Theaterinstinkt: rasche Szenenwechsel, wirkungsvolle Auftritte, starke Emotionen und ein sehr genaues Gefühl dafür, wann ein Publikum eine Überraschung braucht.

1830 wurde aus dem Dramatiker für einige Tage tatsächlich ein Revolutionär. Während der Julirevolution, die König Karl X. stürzte, beteiligte sich Dumas aktiv an den Ereignissen. Besonders berühmt wurde seine Expedition nach Soissons, wo er Schießpulver für die Aufständischen beschaffen wollte. Dumas schilderte später ausführlich, wie er sich von General Gérard und Lafayette Schreiben beschaffte, diese eigenmächtig zu seinen Gunsten ergänzte und schließlich unter erheblichem Druck die Herausgabe von Pulver erreichte. Für Dumas typisch ist, dass die Geschichte bereits in der Wirklichkeit wie eine Szene aus einem Dumas-Roman klingt. Teile des Vorgangs wurden schon damals dokumentiert; seine späteren Memoiren gestalten das Ereignis jedoch mit so viel Dialog, Dramaturgie und Selbstbewusstsein aus, dass man auch hier den Schriftsteller vom Zeugen nicht vollständig trennen sollte. Dumas war nicht nur ausgezeichnet darin, Abenteuer zu erleben. Er wusste anschließend ebenso gut, wie man daraus die Geschichte eines Abenteuers macht.

Politisch blieb er schwer auf eine einfache Formel zu bringen. Nach der Revolution von 1830 war zunächst ausgerechnet sein früherer Arbeitgeber, der Herzog von Orléans, als Louis-Philippe König geworden. Dumas entfernte sich später von dessen Regierung, begrüßte 1848 den erneuten revolutionären Umbruch und kandidierte selbst erfolglos für ein politisches Mandat. Ein systematischer politischer Denker war er nicht. Republikanische Sympathien, Freiheitsbegeisterung, persönliche Loyalitäten und seine Neigung zum großen historischen Auftritt vermischten sich bei ihm. Noch deutlicher wurde das Jahrzehnte später in Italien, als er sich mit bemerkenswertem persönlichem Einsatz auf die Seite Giuseppe Garibaldis stellte. Dumas war politisch vor allem dort zu Hause, wo Geschichte gerade sichtbar in Bewegung geriet.

Die Musketiere – und die Literaturfabrik Alexandre Dumas

In den 1840er-Jahren fand Dumas die Form, die ihn weltberühmt machte: den Fortsetzungsroman. Zeitungen kämpften um Auflage und Leserbindung, und ein spannender Roman, der über Wochen oder Monate täglich weiterging, war ein hervorragendes Geschäftsmodell. Dumas besaß dafür nahezu ideale Fähigkeiten. Er konnte Szenen bauen, Dialoge schreiben, Figuren mit wenigen Strichen erkennbar machen und eine Handlung genau dort abbrechen lassen, wo der Leser unbedingt wissen wollte, wie es weiterging. „Die drei Musketiere“ erschienen 1844 zunächst als Fortsetzungsroman in „Le Siècle“. Noch im selben Jahr begann die Veröffentlichung des „Grafen von Monte Christo“. In kurzer Folge entstanden „Zwanzig Jahre danach“, „Die Königin Margot“, „Der Chevalier de Maison-Rouge“, „Der Vicomte de Bragelonne“ und zahlreiche weitere historische Romane.

Dass ein einzelner Mensch bei diesem Tempo nicht alles allein produzierte, war schon den Zeitgenossen aufgefallen. Dumas arbeitete mit zahlreichen anderen Autoren zusammen; der wichtigste war Auguste Maquet. Das Verfahren war weder das simple Plagiat, als das Gegner es darstellten, noch das einsame Genie am Schreibtisch, das spätere Ausgaben lange suggerierten. Dumas und Maquet entwickelten Stoffe und Handlungspläne gemeinsam. Maquet recherchierte historische Hintergründe und lieferte häufig einen ersten Entwurf mit Handlung und Dialogen. Dumas überarbeitete, erweiterte und dramatisierte diesen Text anschließend erheblich. Gerade bei den „Drei Musketieren“ lässt sich dieser Arbeitsprozess anhand erhaltener Materialien nachvollziehen. Dass auf den Büchern dennoch allein Alexandre Dumas stand, war wirtschaftlich bequem: Sein Name verkaufte Zeitungen und Bücher, Maquets Name kaum.

Die Zusammenarbeit endete im Streit. Maquet verlangte ausstehende Zahlungen und wollte als Mitautor jener Bücher anerkannt werden, an denen er entscheidend mitgearbeitet hatte. Die Gerichte bestätigten seinen Anspruch auf eine erhebliche Geldsumme, ließen die alleinige literarische Urheberschaft aber bei Dumas. Damit war die Frage keineswegs für alle Zeiten entschieden. Heute wäre es genauso unredlich, Maquet als bloßen Sekretär abzutun, wie Dumas zu einem Hochstapler zu erklären, der lediglich die Manuskripte anderer unterschrieb. Maquet lieferte einen wesentlichen Teil der Konstruktion einiger berühmter Romane; Dumas gab ihnen in der Überarbeitung Tempo, Dialog, Humor und jene erzählerische Energie, die Maquets eigene Romane nie annähernd so erfolgreich machte. Es war echte Zusammenarbeit unter höchst ungleichen Bedingungen.

Dumas bediente sich außerdem freimütig historischer und literarischer Vorlagen. Für die „Drei Musketiere“ griff er stark auf die pseudobiografischen „Mémoires de M. d’Artagnan“ von Gatien de Courtilz de Sandras zurück. D’Artagnan selbst hatte tatsächlich gelebt, ebenso wie einige andere Figuren, doch Dumas verschob Daten, erfand Zusammenhänge und verwandelte historische Persönlichkeiten ohne große Skrupel in Romanfiguren. Historische Zuverlässigkeit war nie sein Hauptanliegen. Wer bei Dumas nachlesen will, was im Frankreich Richelieus exakt geschah, benutzt das falsche Buch. Wer erfahren will, wie man historische Stoffe so erzählt, dass Menschen fast zwei Jahrhunderte später noch wissen wollen, wie d’Artagnan, Athos, Porthos und Aramis aus einer aussichtslos scheinenden Situation entkommen, ist dagegen beim richtigen Autor.

Rassismus, Ruhm und ein Mann, der sich nicht kleinmachen ließ

Dumas’ Erfolg beseitigte den Rassismus des 19. Jahrhunderts keineswegs. Seine afrikanische Herkunft war allgemein bekannt, und Karikaturisten sowie Gegner griffen regelmäßig seine Hautfarbe, seine Haare und seine Gesichtszüge an. Das geschah nicht beiläufig, sondern gehörte teilweise ganz selbstverständlich zur öffentlichen Polemik jener Zeit. Besonders hässlich verband sich rassistische Herabsetzung mit der Debatte über seine Mitarbeiter: Der Vorwurf lautete nicht nur, Dumas lasse andere für sich schreiben, sondern wurde von Gegnern mit Vorstellungen über seine angebliche körperliche, moralische oder intellektuelle „Natur“ verknüpft. Eugène de Mirecourts berüchtigte Broschüre „Fabrique de romans: Maison Alexandre Dumas et compagnie“ von 1845 attackierte sowohl seine Arbeitsweise als auch seine Person und trug wesentlich zum Bild der angeblichen Dumas’schen Literaturfabrik bei.

Dumas antwortete auf rassistische Provokationen häufig mit Witz und demonstrativem Selbstbewusstsein. Nicht jede der ihm zugeschriebenen schlagfertigen Antworten lässt sich zuverlässig belegen, aber die zeitgenössischen Quellen zeigen deutlich, dass seine Herkunft permanent öffentlich thematisiert wurde. Bemerkenswert ist, dass Dumas sich davon weder sozial noch literarisch in eine defensive Rolle drängen ließ. Er war einer der sichtbarsten Männer im kulturellen Paris, pflegte einen auffälligen Lebensstil, ließ sich fotografieren und karikieren und machte keinerlei Versuch, seine Familiengeschichte zu verschweigen. In seinen Memoiren setzte er seinem Vater vielmehr ein großes literarisches Denkmal.

Auch sein 1843 erschienener Roman „Georges“ ist in diesem Zusammenhang interessant. Er spielt auf Mauritius und behandelt Rassismus, koloniale Gesellschaft und die Frage, wie weit Bildung und persönlicher Erfolg rassistische Grenzen tatsächlich überwinden können. Das Buch gehört nicht zu Dumas’ großen Meisterwerken, zeigt aber, dass das Thema für ihn mehr war als biografischer Hintergrund. Gleichzeitig wäre es falsch, aus Dumas einen modernen antirassistischen Theoretiker zu machen. Er war ein Mann des 19. Jahrhunderts und teilte manche Vorstellungen seiner Epoche. Aber er wusste aus eigener Erfahrung, dass Herkunft und Hautfarbe selbst einem reichen, berühmten und gefeierten Schriftsteller als Mittel zur Herabsetzung entgegengehalten wurden.

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Frauen, Kinder, Schloss und Schulden

Dumas verdiente phasenweise enorme Summen und schaffte es dennoch zuverlässig, noch mehr Geld auszugeben. Dieses Talent gehört fast ebenso sehr zu seiner Legende wie seine literarische Produktivität. Er liebte gutes Essen, Reisen, Theater, Gesellschaften und einen Haushalt, der selten klein ausfiel. 1847 bezog er bei Port-Marly sein eigens errichtetes Château de Monte-Cristo, einen verspielten Renaissancebau mit Park und separatem Arbeitspavillon. Es war Wohnhaus, Repräsentationsobjekt und Bühne eines Schriftstellers, der seinen Erfolg sichtbar machen wollte. Freunde, Bekannte, Mitarbeiter und Menschen, die sich für Freunde hielten, waren dort willkommen. Wirtschaftlich war das Unternehmen katastrophal.

Ähnlich unübersichtlich war sein Liebesleben. Dumas hatte zahlreiche Beziehungen und Affären. Mit der Näherin Catherine Labay bekam er 1824 einen Sohn, den später ebenfalls berühmten Alexandre Dumas den Jüngeren. Der Vater erkannte ihn erst 1831 offiziell an. Die Beziehung zwischen beiden war liebevoll, aber keineswegs unkompliziert: Dumas fils wurde deutlich bürgerlicher, moralischer und finanziell vernünftiger als sein Vater und betrachtete dessen Lebensführung bisweilen mit einer Mischung aus Zuneigung und Entsetzen. Dumas père erkannte außerdem eine Tochter, Marie-Alexandrine, an; weitere Kinder wurden ihm zugeschrieben. 1840 heiratete er die Schauspielerin Ida Ferrier, mit der er bereits seit Jahren verbunden war. Eine monogame Ehe wurde daraus nicht, und schon wenige Jahre später lebten beide wieder getrennt.

Es wäre leicht, Dumas’ Privatleben nur als charmantes Abenteuer des notorischen Frauenhelden zu erzählen. Für die Frauen und Kinder, die mit seinen Entscheidungen leben mussten, war die Sache weniger romantisch. Der Autor, dessen Romane Freundschaft, Loyalität und große Gefühle feiern, war privat nicht immer zuverlässig. Gleichzeitig besaß er eine ausgesprochene Großzügigkeit, die finanziell zu seinem Problem beitrug. Er unterstützte Freunde, Beschäftigte, ehemalige Geliebte und Menschen aus seinem Umfeld, oft ohne genau darauf zu achten, ob er es sich leisten konnte. Verschwendung, Großzügigkeit und mangelnde Selbstkontrolle lassen sich bei ihm kaum sauber voneinander trennen.

Das Théâtre-Historique, das Dumas 1847 mitgründete, verschärfte seine finanziellen Probleme. Es sollte vor allem großformatige historische Stücke und Bearbeitungen seiner Romane zeigen, verursachte jedoch hohe Kosten und ging im Umfeld der Revolution von 1848 wirtschaftlich zugrunde. Das Château musste verkauft werden, Gläubiger bedrängten ihn, und nach dem Staatsstreich Louis-Napoléon Bonapartes von 1851 ging Dumas nach Brüssel. Politische Motive spielten dabei eine Rolle, aber auch die angenehmere Tatsache, dass französische Gläubiger ihn dort zunächst schlechter erreichen konnten. Der Mann, dessen Bücher enorme Einnahmen erzeugten, war damit zeitweise praktisch bankrott.

Garibaldi, Zeitungen und ein alter Schriftsteller, der immer weiterzog

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich gründete Dumas eigene Zeitungen, darunter „Le Mousquetaire“ und später „Monte-Cristo“. Wirtschaftlich waren diese Unternehmungen nicht dauerhaft erfolgreich, aber sie passten zu seinem Bedürfnis, gleichzeitig Schriftsteller, Publizist, Unternehmer und öffentliche Figur zu sein. Er reiste ausgiebig durch Europa, Nordafrika und Russland und verwandelte auch diese Reisen in Bücher. Dumas schrieb über beinahe alles, was ihm begegnete. Selbst die Kochkunst wurde zum Gegenstand eines monumentalen „Grand dictionnaire de cuisine“, das erst nach seinem Tod erschien.

1860 führte ihn seine Abenteuerlust mitten in die italienische Einigungsbewegung. Dumas unterstützte Giuseppe Garibaldi nicht nur publizistisch, sondern reiste nach Sizilien, beteiligte sich an der Beschaffung von Waffen und stellte eigenes Geld zur Verfügung. Nach Garibaldis Einzug in Neapel wurde Dumas dort mit Aufgaben im Bereich Museen und Altertümer betraut. Zugleich gründete er die Zeitung „L’Indipendente“, die Garibaldis Sache unterstützte. Der inzwischen fast sechzigjährige Bestsellerautor lebte damit erneut dort, wo gerade Revolution und Politik stattfanden. Auch hier wird deutlich, weshalb der Titel „Revolutionär“ zwar nicht völlig falsch, aber zu eng ist: Dumas war weniger ein konsequenter politischer Ideologe als ein Mann mit republikanischen Überzeugungen, starkem Freiheitsideal und einer nahezu unwiderstehlichen Anziehungskraft auf historische Großereignisse.

Seine Begeisterung für Garibaldi hielt jedoch nicht ewig jede politische Realität aus. Dumas geriet in Konflikte, sein Einfluss in Neapel schwand, und schließlich kehrte er nach Frankreich zurück. In seinen letzten Jahren ließ auch seine enorme körperliche und geistige Energie nach. Nach einem Schlaganfall war er zunehmend auf Hilfe angewiesen. 1870 nahm ihn sein Sohn in seinem Haus in Puys bei Dieppe auf. Dort starb Alexandre Dumas am 5. Dezember 1870 während des Deutsch-Französischen Krieges. Zunächst wurde er in der Normandie, später in seiner Heimatstadt Villers-Cotterêts bestattet.

Mehr als 130 Jahre nach seinem Tod erhielt sein Grab noch einmal politische Bedeutung. 2002 ließ der französische Präsident Jacques Chirac Dumas’ sterbliche Überreste in das Pariser Panthéon überführen, wo er nun in der Nähe Victor Hugos und Émile Zolas liegt. Chirac verband die Ehrung ausdrücklich auch mit Dumas’ Herkunft und der Geschichte der Sklaverei und des Rassismus. Das war eine späte symbolische Anerkennung eines merkwürdigen Widerspruchs: Dumas’ Figuren gehörten längst zum französischen Kulturerbe, während der Autor selbst wegen seiner Abstammung zu Lebzeiten immer wieder als nicht vollständig zugehörig behandelt worden war.

Warum Dumas bis heute so gut funktioniert

Literarisch muss man Dumas nicht größer machen, als er ist. Er war kein stilistischer Perfektionist wie Flaubert, kein psychologischer Analytiker wie Dostojewski und kein Denker, dessen Romane wegen philosophischer Komplexität gelesen werden. Manche Figuren sind Typen, manche Zufälle unwahrscheinlich, historische Fakten werden nach Bedarf zurechtgebogen, und bei einem Gesamtwerk dieser Größenordnung gibt es zwangsläufig viel Routineware. Wer Dumas nach den Maßstäben eines sorgfältig komponierten modernen literarischen Romans beurteilt, findet genügend Angriffsflächen.

Aber innerhalb seiner eigentlichen Kunstform war er außergewöhnlich gut. Dumas verstand Bewegung. Seine Romane haben Zug, weil ständig etwas geschieht und weil fast jede Szene eine neue Möglichkeit öffnet. Er konnte mehrere Handlungsstränge über Hunderte oder Tausende Seiten führen und trotzdem Figuren schaffen, die sich mit wenigen Eigenschaften dauerhaft ins Gedächtnis einprägen. Vor allem verstand er Freundschaft, Verrat, Rache, Loyalität, Maskerade und Wiedererkennung als erzählerische Motoren. Sein Theaterhintergrund ist in den Romanen überall spürbar: Menschen treten auf, reden, handeln und verschwinden wieder, während die nächste Szene bereits vorbereitet wird. Lange Beschreibungen sind selten Selbstzweck; die Geschichte will vorwärts.

„Die drei Musketiere“ ist deshalb sehr viel mehr als ein historisches Kostümstück. Das Buch lebt von der Chemie seiner vier Hauptfiguren, von Humor, Tempo und der Lust daran, immer neue Schwierigkeiten zu erzeugen. Seine historische Welt ist unzuverlässig, aber erzählerisch geschlossen. „Der Graf von Monte Christo“ ist noch eindrucksvoller konstruiert. Die Geschichte des unschuldig eingekerkerten Edmond Dantès, der entkommt, zu ungeheurem Reichtum gelangt und seine Feinde systematisch vernichtet, ist zunächst eine nahezu perfekte Rachefantasie. Interessant wird sie dort, wo Dumas die Folgen dieser Rache sichtbar macht. Dantès kann sich zum Instrument einer höheren Gerechtigkeit erklären, doch irgendwann erkennt er, dass er Menschen trifft, deren Schuld längst nicht so eindeutig ist wie die seiner ursprünglichen Gegner. Der Roman besitzt deshalb bei aller melodramatischen Übertreibung eine moralische Dimension, die viele einfache Rachegeschichten nicht erreichen.

Dumas wird manchmal gerade wegen seiner enormen Popularität literarisch unterschätzt. Das Gegenargument sollte allerdings nicht lauten, ihn nachträglich zum tiefsten französischen Romancier des 19. Jahrhunderts zu erklären. Seine Größe liegt in einer anderen Disziplin. Er war einer der größten Unterhaltungserzähler der europäischen Literatur. Dass seine Figuren bis heute in Filmen, Serien, Comics und neuen Bearbeitungen weiterleben, ist kein Zufall. Sie wurden von einem Autor geschaffen, der verstand, dass Leser nicht nur wissen wollen, was eine Figur denkt, sondern vor allem, was sie als Nächstes tun wird.

Was man von Alexandre Dumas lesen sollte

Wer Dumas nur einmal ausprobieren möchte, hat zwei naheliegende Möglichkeiten. „Die drei Musketiere“ ist das leichtere, schnellere und humorvollere Buch. Es zeigt Dumas als Meister von Dialog, Freundschaft und Abenteuer und bildet den Beginn eines wesentlich größeren Romanzyklus. Wer danach „Zwanzig Jahre danach“ und „Der Vicomte de Bragelonne“ liest, erlebt außerdem eine seltene Besonderheit der Unterhaltungsliteratur: Die Helden altern. Freundschaften verändern sich, politische Loyalitäten verschieben sich, und aus den unbekümmerten jungen Männern werden Figuren, die mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben müssen.

„Der Graf von Monte Christo“ ist dagegen der größere Einzelroman. Er braucht Geduld und ist in ungekürzten Ausgaben erheblich umfangreicher, als viele Verfilmungen vermuten lassen. Dafür entwickelt Dumas dort seine Vorstellung von Verrat, Gefangenschaft, Wiedergeburt und Rache am vollständigsten. „Die Königin Margot“ eignet sich für Leser, die seine historischen Romane in einer brutaleren, politischeren Variante kennenlernen wollen. Und „Georges“ lohnt sich als weniger bekanntes Buch gerade wegen seiner Beschäftigung mit Kolonialgesellschaft und Rassismus.

Bei Dumas sollte man möglichst zu vollständigen Übersetzungen greifen. Gerade „Der Graf von Monte Christo“ und die Musketierromane wurden über Jahrzehnte immer wieder stark gekürzt, weil Verlage ihre enorme Länge für moderne Leser reduzieren wollten. Dabei verschwinden Nebenhandlungen, Figuren und oft genau jene langsamer aufgebauten Verbindungen, die später wichtig werden. Dumas ist zweifellos lang, aber selten aus demselben Grund wie ein schwerfälliger Autor. Er schreibt viel, weil er immer noch eine Geschichte zu erzählen hat.

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Alexandre Dumas führte kein Leben, das sich leicht in die übliche Erzählung vom einsamen Schriftsteller am Schreibtisch einordnen lässt. Er schrieb mit anderen, verdiente ein Vermögen und verlor es, engagierte sich in Revolutionen, verfolgte Frauen und wurde von Gläubigern verfolgt, gründete Theater und Zeitungen, reiste quer durch Europa und stellte aus beinahe allem Literatur her. Dass seine eigene Selbstinszenierung dabei manchmal kaum von seinen Romanen zu unterscheiden ist, gehört zu seinem Reiz. Dumas war kein zurückhaltender Beobachter des 19. Jahrhunderts. Er wollte mitten darin sein – und wenn das wirkliche Leben nicht dramatisch genug war, konnte er immer noch eine bessere Version davon erzählen.

Alexandre Dumas – Fakten

  • Vollständiger Name: Alexandre Dumas Davy de la Pailleterie
  • Geboren: 24. Juli 1802 in Villers-Cotterêts, Frankreich
  • Gestorben: 5. Dezember 1870 in Puys bei Dieppe, Frankreich
  • Großmutter väterlicherseits: Marie-Cessette Dumas, eine versklavte schwarze Frau aus Saint-Domingue
  • Berufe: Schriftsteller, Dramatiker, Journalist und Theaterunternehmer
  • Durchbruch: „Henri III et sa cour“ 1829
  • Wichtigster Mitarbeiter: Auguste Maquet
  • Bekannteste Romane: „Die drei Musketiere“, „Der Graf von Monte Christo“, „Zwanzig Jahre danach“, „Der Vicomte de Bragelonne“ und „Die Königin Margot“
  • Ehefrau: Ida Ferrier, verheiratet 1840; später getrennt
  • Bekannter Sohn: Alexandre Dumas der Jüngere, Autor der „Kameliendame“
  • Château de Monte-Cristo: ab 1847 Wohnsitz und Repräsentationsbau bei Port-Marly
  • Italien: ab 1860 Unterstützung Giuseppe Garibaldis und zeitweilige Tätigkeit in Neapel
  • Panthéon: Überführung seiner sterblichen Überreste nach Paris im Jahr 2002

 

Dumas‘ Bücher, die man gelesen haben sollte:

 

 

 

 

 

 
 

 

Zitate, die Dumas zugeschrieben werden:

„Das Leben ist bezaubernd, man muß es nur durch die richtige Brille sehen.“

„Die Kette der Ehe ist so schwer zu tragen, daß zwei Personen dazu gehören, manchmal sogar drei.“
 

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