Kurzbiografie – Walter Bejamin: War es wirklich Selbstmord?

Walter Benjamin Biografie

Walter Benjamin wurde zu Lebzeiten weder Universitätsprofessor noch berühmter Philosoph. Seine akademische Karriere scheiterte, seine Bücher verkauften sich mäßig, im Exil lebte er zeitweise in bitterer Geldnot und war finanziell von Freunden und einem Forschungsinstitut abhängig. Heute dagegen gehören Begriffe wie „Aura“, „Flaneur“ oder der „Engel der Geschichte“ zum festen Vokabular der Kulturwissenschaften. Kaum ein anderer Denker des 20. Jahrhunderts hat so nachhaltig über Fotografie, Film, Großstadt, Literatur, Konsum und Erinnerung nachgedacht. Auch sein Tod wurde Teil des Mythos: Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten starb Benjamin 1940 im spanischen Grenzort Portbou, sehr wahrscheinlich nach einer Überdosis Morphium. Spätere Theorien behaupteten, er könne von stalinistischen Agenten ermordet worden sein. Belege dafür gibt es bislang nicht – wohl aber genügend Merkwürdigkeiten, um die Geschichte bis heute faszinierend zu machen.

Walter Bendix Schoenflies Benjamin wurde am 15. Juli 1892 in Berlin als ältestes von drei Kindern einer wohlhabenden assimilierten jüdischen Familie geboren. Sein Vater Emil handelte mit Antiquitäten und Kunst und investierte erfolgreich; Benjamin wuchs entsprechend privilegiert im großbürgerlichen West-Berlin auf. Das Bild des armen Exilintellektuellen seiner letzten Lebensjahre darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Kindheit ausgesprochen komfortabel war. Gerade diese verlorene Welt wurde später zum Gegenstand seiner Berliner Kindheit um neunzehnhundert: Wohnungen, Spielzeug, Straßen, Schaufenster und scheinbar nebensächliche Gegenstände werden darin zu Trägern von Erinnerung. Schon hier zeigt sich ein Verfahren, das für sein gesamtes Werk typisch werden sollte. Benjamin interessierte sich weniger für große historische Erzählungen als für kleine Dinge, in denen sich Geschichte verdichtet.

Jugendbewegung, Krieg und ein Doppelsuizid

Als Jugendlicher geriet Benjamin unter den Einfluss des Reformpädagogen Gustav Wyneken und engagierte sich intensiv in der deutschen Jugendbewegung. Er schrieb für deren Zeitschrift Der Anfang und glaubte zeitweise an die Vorstellung einer geistig erneuerten Jugend, die die erstarrte Welt der Erwachsenen überwinden könne. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs zerbrach diese Begeisterung. Wyneken feierte den Krieg als große moralische Erfahrung der Jugend; Benjamin wandte sich daraufhin entschieden von seinem früheren Mentor ab. Dieser Bruch war nicht nur politisch oder philosophisch. Der Krieg traf seinen unmittelbaren Freundeskreis auf dramatische Weise.

Im August 1914 nahmen sich Benjamins enger Freund, der junge Dichter Fritz Heinle, und dessen Freundin Rika Seligson gemeinsam das Leben. Sie töteten sich ausgerechnet in jenem Raum in Berlin, den Benjamin und seine Freunde für Treffen der Jugendbewegung nutzten. Der Doppelsuizid erschütterte Benjamin tief. Er versuchte später, Heinles Gedichte zu bewahren und herauszugeben, und schrieb selbst Sonette auf den verstorbenen Freund. Der alte Text erzählt also nur die halbe Geschichte: Es war nicht allein Heinle, und der Tod stand unmittelbar im Zusammenhang mit der Desillusionierung einer ganzen jungen Generation durch den Krieg. Benjamin selbst entzog sich später der Einberufung; biografische Forschungen berichten, dass er bei einer Untersuchung Symptome einer Lähmung vortäuschte und damit zunächst zurückgestellt wurde.

1915 lernte Benjamin Gershom Scholem kennen. Aus der Bekanntschaft wurde eine der wichtigsten intellektuellen Freundschaften seines Lebens. Scholem wandte sich intensiv dem Judentum, der Kabbala und dem Zionismus zu und emigrierte später nach Palästina. Er hoffte über Jahre, Benjamin werde ihm folgen. Benjamin lernte Hebräisch, erwog zeitweise tatsächlich eine Übersiedlung und beschäftigte sich immer wieder mit jüdischer Theologie und messianischem Denken. Wirklich Zionist wurde er jedoch nie. Die Spannung zwischen jüdischer Mystik und späterem Marxismus sollte geradezu zu einem Kennzeichen seines Denkens werden.

Ehe, Promotion – und das Ende einer akademischen Karriere

1917 heiratete Benjamin Dora Kellner, Tochter des Wiener Anglisten und Zionisten Leon Kellner. 1918 wurde der gemeinsame Sohn Stefan geboren. Das Paar lebte während des Krieges zeitweise in der Schweiz, und Benjamin promovierte 1919 an der Universität Bern mit einer Arbeit über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. Die Ehe wurde zunehmend schwierig und 1930 geschieden. Benjamins Privatleben war überhaupt erheblich unruhiger, als das Bild des weltabgewandten Gelehrten vermuten lässt. Neben seiner Ehe unterhielt oder suchte er mehrere Liebesbeziehungen, während finanzielle Probleme und seine unsichere berufliche Existenz die Familie zusätzlich belasteten.

Die akademische Katastrophe folgte Mitte der 1920er Jahre. Benjamin wollte sich mit einer Untersuchung des deutschen Barockdramas an der Universität Frankfurt habilitieren. Das spätere Buch Ursprung des deutschen Trauerspiels war jedoch derart unkonventionell geschrieben, dass die Fakultät mit dem Text wenig anfangen konnte. 1925 zog Benjamin den Antrag zurück, nachdem klar geworden war, dass mit einer Annahme kaum zu rechnen war. Damit war seine realistische Aussicht auf eine klassische Universitätskarriere beendet. Das Deutsche Historische Museum betont neben der ungewöhnlichen Schrift auch, dass Benjamins Arbeits- und Lebensweise schwer zu den damaligen akademischen Normen passte. Ironischerweise hielt der jüngere Theodor W. Adorno nur wenige Jahre später in Frankfurt ein Seminar ausgerechnet über die gescheiterte Habilitationsschrift.

Für Benjamin bedeutete das Scheitern, dass er künftig als freier Autor, Übersetzer, Kritiker und Journalist leben musste. Er schrieb für Zeitungen und Zeitschriften, arbeitete für den Rundfunk und übersetzte französische Literatur. Der alte Text liegt mit Balzac, Baudelaire und Marcel Proust tatsächlich richtig. Besonders wichtig waren seine Baudelaire-Übersetzungen und die gemeinsam mit Franz Hessel angefertigten Übersetzungen von Teilen von Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Seine berühmte Abhandlung Die Aufgabe des Übersetzers entstand ebenfalls aus dieser praktischen Beschäftigung. Benjamin wollte zeitweise ausdrücklich auch als Übersetzer wahrgenommen werden und nicht nur als Kritiker.

Zwischen Jerusalem und Moskau

1924 lernte Benjamin auf Capri die lettische kommunistische Theaterregisseurin Asja Lacis kennen und verliebte sich in sie. Lacis veränderte nicht nur sein Privatleben, sondern auch sein Denken. Durch sie beschäftigte er sich intensiver mit Marxismus und sowjetischer Kultur; gleichzeitig las er Georg Lukács‘ Geschichte und Klassenbewusstsein. Im Winter 1926/27 reiste Benjamin nach Moskau, wo Lacis sich aufhielt. Er überlegte ernsthaft, der Kommunistischen Partei beizutreten, entschied sich aber dagegen. Benjamin wurde zwar zunehmend marxistisch, blieb jedoch gegenüber parteipolitischer Disziplin ausgesprochen widerständig.

Genau daraus entstand jenes „linke Außenseitertum“, das der alte Text durchaus treffend benennt. Auf der einen Seite stand Scholem, der Benjamin immer wieder zu jüdischem Denken und einer Übersiedlung nach Palästina drängte. Auf der anderen Seite standen Lacis und später Bertolt Brecht, die ihn stärker zum Marxismus zogen. Dazu kamen Adorno und Max Horkheimer, deren Kritische Theorie wiederum anders funktionierte als Brechts kommunistische Kunstauffassung. Benjamin bewegte sich zwischen all diesen Lagern, ohne sich vollständig einem von ihnen anzuschließen. Seine Texte verbinden deshalb mitunter jüdische Messiasvorstellungen, Marx, Surrealismus, Literaturkritik und materialistische Gesellschaftsanalyse innerhalb weniger Seiten. Scholem hielt Benjamins Marxismus teilweise für eine Verkleidung seines eigentlich theologischen Denkens; Brecht wiederum hätte ihn gern eindeutiger politisch gesehen.

Diese Unabhängigkeit machte Benjamin originell, aber beruflich wenig zuverlässig einzuordnen. Er war kein orthodoxer Kommunist, kein akademischer Philosoph, kein praktizierender Theologe und auch kein klassischer Literaturkritiker. Sein 1928 veröffentlichtes Buch Einbahnstraße besteht etwa aus kurzen Beobachtungen, Aphorismen, Traumprotokollen und gesellschaftlichen Miniaturen. Heute wirkt diese Form modern; für eine akademische Karriere war sie wenig hilfreich.

Hashisch, Ibiza und eine erste ernsthafte Suizidkrise

Zur weniger bekannten Seite Benjamins gehören seine Drogenexperimente. Ab Ende der 1920er Jahre nahm er unter kontrollierten Bedingungen wiederholt Haschisch und protokollierte seine Wahrnehmungen teilweise äußerst genau. Ihn interessierte dabei weniger Rausch als Freizeitvergnügen als die Veränderung von Sprache, Zeitgefühl, Wahrnehmung und Assoziation. Die später veröffentlichten Protokolle gehören deshalb durchaus in sein intellektuelles Werk. Die Versuche fanden keineswegs nur auf Ibiza statt; sie begannen bereits Jahre zuvor.

1932 und erneut 1933 hielt sich Benjamin auf Ibiza auf. Das war weniger mediterraner Künstlerurlaub als auch eine Folge seiner permanenten Geldprobleme: Auf der Insel konnte er vergleichsweise billig leben. Dort schrieb er, beobachtete die Landschaft und das einfache Inselleben und setzte einige seiner Experimente fort. 1933 entstand auch der rätselhafte Text Agesilaus Santander, der mit der niederländischen Künstlerin Anna Maria Blaupot ten Cate und zugleich mit Benjamins berühmter Beschäftigung mit Paul Klees Bild Angelus Novus verbunden ist.

Wichtiger für die spätere Todesgeschichte ist jedoch ein anderes Ereignis: Benjamin hatte bereits 1932 ernsthaft erwogen, sich das Leben zu nehmen. In Nizza schrieb er ein Testament und Abschiedsbriefe. Berufliche Niederlagen, finanzielle Sorgen, politische Verzweiflung und ein chaotisches Privatleben hatten ihn in eine schwere Krise geführt. Letztlich führte er den Plan damals nicht aus. Dass bereits acht Jahre vor Portbou eine konkret vorbereitete Suizidabsicht dokumentiert ist, wird in populären Mordtheorien über seinen Tod häufig unterschlagen.

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Exil in Paris: berühmt erst nach dem Tod

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verließ Benjamin Deutschland 1933 endgültig. Paris wurde sein wichtigster Aufenthaltsort im Exil. Das Leben dort war hart. Er hatte kein reguläres Einkommen, schrieb Rezensionen und Aufsätze und war zunehmend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Hannah Arendt war nicht seine Geldgeberin, wie die alte Biografie behauptet. Arendt gehörte zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis und sollte später erheblich zu seiner internationalen Wiederentdeckung beitragen. Die regelmäßige finanzielle Unterstützung kam dagegen vor allem vom emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung. Adorno war wesentlich daran beteiligt, Benjamin diese Hilfe zu sichern.

Diese Hilfe hatte allerdings ihren Preis. Adorno und Horkheimer übten erheblichen redaktionellen Einfluss auf Benjamins Beiträge aus. Besonders seine Arbeiten über Baudelaire führten zu Konflikten. Adorno kritisierte bestimmte Texte als theoretisch unzureichend und warf Benjamin zeitweise vor, sich Brechts Marxismus zu stark anzunähern. Für Benjamin war die Situation unangenehm: Er war intellektuell eigenständig, finanziell aber auf ein Institut angewiesen, dessen führende Köpfe seine Texte verändern oder zurückweisen konnten. Die Spannungen zwischen Benjamin und der Frankfurter Schule sollte man deshalb nicht als harmonische Zusammenarbeit großer Geister romantisieren.

In Paris arbeitete Benjamin vor allem an seinem gigantischen Passagen-Werk. Ausgangspunkt waren die überdachten Einkaufspassagen des 19. Jahrhunderts. Daraus entwickelte sich ein Projekt über Warenwelt, Mode, Werbung, Architektur, Fotografie, Prostituierte, Sammler, Flaneure, Barrikaden und die Entstehung der modernen Großstadt. Benjamin sammelte Tausende Zitate und Beobachtungen und ordnete sie in thematischen Konvoluten. Eine fertige Monografie wurde daraus nie. Gerade dieser fragmentarische Zustand hat aber später wesentlich zu der Faszination des Werkes beigetragen.

1936 erschien sein heute vielleicht bekanntester Essay, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Benjamin fragte darin, was mit Kunst geschieht, wenn Fotografien und Filme Werke unbegrenzt reproduzierbar machen. Der berühmte Begriff der „Aura“ bezeichnet dabei vereinfacht die besondere Einmaligkeit und Distanz eines Werkes, die durch technische Reproduktion verändert wird. Benjamin sah darin keineswegs nur kulturellen Verfall. Film und Fotografie eröffneten für ihn auch neue politische und gesellschaftliche Möglichkeiten. Die Schrift ist deshalb bis heute für Debatten über Massenmedien, Kopie, Original, digitale Bilder und technische Kultur erstaunlich anschlussfähig.

Internierung durch die Franzosen – obwohl er vor Hitler geflohen war

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs geriet Benjamin in eine jener absurden Situationen, die viele deutsche Exilanten trafen. Frankreich internierte ihn 1939 als deutschen Staatsangehörigen und damit formal als Angehörigen eines feindlichen Staates – obwohl er Jude war und vor eben jenem deutschen Regime geflohen war. Benjamin kam mit anderen Deutschen in ein Internierungslager bei Nevers. Nach einigen Monaten wurde er freigelassen und konnte nach Paris zurückkehren.

Dort schrieb er 1940 seine berühmten Thesen Über den Begriff der Geschichte. Zu ihnen gehört das Bild vom „Engel der Geschichte“, das von Paul Klees Angelus Novus ausgeht. Der Engel sieht die Vergangenheit nicht als triumphalen Fortschritt, sondern als Katastrophe, bei der Trümmer auf Trümmer gehäuft werden. Der sogenannte Fortschritt treibt ihn dennoch unaufhaltsam in die Zukunft. Der Text entstand in einem Moment, in dem Benjamins eigene Welt tatsächlich zusammenbrach.

Als die Wehrmacht Frankreich überrannte, floh Benjamin aus Paris. Seine umfangreichen Materialien zum Passagen-Werk ließ er zurück. Der Schriftsteller und Bibliothekar Georges Bataille versteckte sie in der Bibliothèque nationale, wodurch sie den Krieg überstanden. Benjamin selbst versuchte, über Südfrankreich, Spanien und Portugal in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Horkheimer und das Institut hatten ihm bei der Beschaffung eines amerikanischen Visums geholfen. Das entscheidende Problem war ein fehlendes beziehungsweise nicht akzeptiertes französisches Ausreisepapier.

Portbou: Was geschah wirklich?

Im September 1940 schloss sich Benjamin einer kleinen Flüchtlingsgruppe an, die unter Führung der Widerstandskämpferin Lisa Fittko zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien gelangen wollte. Der gesundheitlich angeschlagene 48-Jährige hatte große Schwierigkeiten mit dem beschwerlichen Weg. Auffällig war seine schwere Aktentasche, die er unter keinen Umständen zurücklassen wollte. Fittko erinnerte sich später, Benjamin habe erklärt, darin befinde sich ein Manuskript, das ihm wichtiger sei als sein eigenes Leben.

Die Gruppe erreichte tatsächlich Portbou auf der spanischen Seite. Dort erklärten die Behörden jedoch, die Flüchtlinge würden am nächsten Tag nach Frankreich zurückgeschickt. Für Benjamin musste eine Rückkehr in das inzwischen von Deutschland kontrollierte Frankreich wie ein Todesurteil erscheinen. In dieser Nacht nahm er nach der überwiegenden Darstellung der Quellen eine große Menge Morphium. Seine Mitreisende Henny Gurland berichtete kurze Zeit später ihrem Mann, Benjamin habe ihr selbst gesagt, er habe Morphium eingenommen. Außerdem übermittelte sie den Inhalt einer Abschiedsbotschaft für Adorno. Darin erklärte Benjamin sinngemäß, er sehe in seiner ausweglosen Situation keine andere Möglichkeit mehr.

Die bittere Pointe: Am folgenden Tag durften die übrigen Mitglieder der Gruppe weiterreisen. Benjamin hatte offenbar in genau jenem Moment aufgegeben, bevor sich die Situation nochmals änderte. Diese grausame Ironie trug stark zum späteren Mythos seines Todes bei.

Einige Details sind allerdings tatsächlich unklar. Das Original der Abschiedsbotschaft ist nicht erhalten; Henny Gurland gab ihren Inhalt später aus der Erinnerung wieder. Der spanische Arzt vermerkte als Todesursache eine Hirnblutung beziehungsweise einen natürlichen medizinischen Befund und nicht ausdrücklich eine Morphiumvergiftung. Auch die genaue Chronologie des Sterbens ist in verschiedenen Dokumenten widersprüchlich. Genau an diesen Lücken setzte Jahrzehnte später eine alternative Theorie an: Benjamin könnte von stalinistischen Agenten ermordet worden sein. Der Journalist Stephen Schwartz machte diese These 2001 prominent; später griff auch ein Dokumentarfilm die Zweifel auf.

Für einen Mord gibt es jedoch keinen belastbaren Beweis. Die großen neueren Benjamin-Biografien und philosophischen Nachschlagewerke gehen weiterhin vom Suizid aus. Dafür sprechen nicht nur Gurlands zeitnahe Aussage und das überlieferte Abschiedswort, sondern auch Benjamins Besitz von Morphium und seine bereits 1932 konkret vorbereitete Suizidabsicht. Die Mordthese ist deshalb als interessante spätere Spekulation erwähnenswert, sollte aber nicht so dargestellt werden, als stünden zwei gleich gut belegte Erklärungen nebeneinander.

Auch die Aktentasche liefert bis heute Stoff für Spekulationen. Was genau in ihr lag, ist unbekannt. Immer wieder wurde vermutet, Benjamin habe eine entscheidende letzte Fassung des Passagen-Werks mitgeführt. Dafür gibt es keinen sicheren Beleg – und die umfangreichen bekannten Materialien des Projekts befanden sich ohnehin bereits bei Bataille in Paris. Ein offenbar mitgeführtes Manuskript ist verschollen. Was darin stand, wissen wir nicht.

Der berühmte Unbekannte

Als Benjamin starb, war er außerhalb eines relativ kleinen intellektuellen Kreises keineswegs weltberühmt. Seine akademische Karriere war gescheitert, sein größtes Projekt unvollendet und viele seiner heute bekanntesten Texte waren kaum verbreitet oder überhaupt noch unveröffentlicht. Erst nach dem Krieg änderte sich das. Adorno und Scholem halfen bei der Herausgabe seiner Schriften; Hannah Arendt spielte vor allem im englischsprachigen Raum eine entscheidende Rolle. Ihre 1968 erschienene Einleitung zu Illuminations machte Benjamin einem wesentlich größeren Publikum bekannt. Ab den 1960er und 1970er Jahren wuchs sein Einfluss enorm.

Heute reicht dieser Einfluss weit über Philosophie und Literaturwissenschaft hinaus. Kunstgeschichte, Medientheorie, Architektur, Fototheorie, Stadtforschung, Kulturwissenschaft und politische Theorie greifen auf Benjamin zurück. Dabei ist eine gewisse Ironie kaum zu übersehen: Ein Mann, den die deutsche Universität für ungeeignet hielt, wurde Jahrzehnte nach seinem Tod zu einem der meistdiskutierten Autoren genau dieser Universitäten.

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Seine Popularität hat allerdings auch eine Kehrseite. Begriffe wie „Aura“, „Flaneur“ oder „Engel der Geschichte“ werden inzwischen häufig aus ihren komplizierten Zusammenhängen gelöst und beinahe wie Zitate auf Postkarten verwendet. Benjamin selbst ist dadurch gelegentlich leichter zu verehren als zu lesen. Seine Texte können ausgesprochen schwierig, sprunghaft und voraussetzungsreich sein. Gerade das Passagen-Werk ist kein gewöhnliches Buch, sondern ein gewaltiges Archiv aus Zitaten, Beobachtungen und Entwürfen.

Was sollte man von Walter Benjamin lesen?

Wer Benjamin kennenlernen möchte, sollte nicht unbedingt mit dem Passagen-Werk beginnen. Zugänglicher ist Einbahnstraße, weil sich die kurzen Texte einzeln lesen lassen und bereits viele seiner Interessen enthalten: Großstadt, Werbung, Kindheit, Konsum, Schreiben und politische Erfahrung. Ebenfalls gut geeignet ist Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Dort zeigt sich der oft übersehene literarische Benjamin, dessen Erinnerungsprosa mindestens ebenso interessant sein kann wie seine theoretischen Arbeiten.

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ist der naheliegende Einstieg in seine Medientheorie. Über den Begriff der Geschichte ist kürzer, aber wesentlich schwieriger und verbindet Marxismus, Theologie und Geschichtsphilosophie in ungewöhnlich dichter Form. Wer sich für Literatur interessiert, findet in seinen Essays über Kafka, Baudelaire und Proust einen Benjamin, der selbst beim Schreiben über andere Autoren fast immer zugleich über die moderne Gesellschaft nachdenkt.

Das Passagen-Werk sollte man dagegen eher als Landschaft betreten denn von Seite eins bis zum Ende „durchlesen“. Gerade sein fragmentarischer Charakter entspricht Benjamins Methode: Geschichte erscheint nicht als glatte Erzählung, sondern in Fundstücken, Bildern und plötzlich aufscheinenden Verbindungen.

Walter Benjamin – die wichtigsten Fakten

  • Vollständiger Name: Walter Bendix Schoenflies Benjamin
  • Geboren: 15. Juli 1892 in Berlin
  • Gestorben: in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 beziehungsweise nach amtlichen Quellen am 26./27. September in Portbou, Spanien
  • Herkunft: wohlhabende assimilierte jüdische Familie
  • Studium: Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte unter anderem in Freiburg, Berlin, München und Bern
  • Promotion: 1919 über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik
  • Ehefrau: Dora Kellner, verheiratet 1917–1930
  • Sohn: Stefan Benjamin
  • Habilitation: 1925 an der Universität Frankfurt gescheitert beziehungsweise zurückgezogen
  • Wichtige Beziehungen: Gershom Scholem, Asja Lacis, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Hannah Arendt
  • Politische Einordnung: stark vom Marxismus beeinflusst, aber nie Mitglied der Kommunistischen Partei; zugleich dauerhaft von jüdischem und messianischem Denken geprägt
  • Übersetzungen: unter anderem Baudelaire, Balzac und gemeinsam mit Franz Hessel Teile von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
  • Wichtige Werke: Einbahnstraße, Ursprung des deutschen Trauerspiels, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Über den Begriff der Geschichte und das unvollendete Passagen-Werk
  • Drogenexperimente: wiederholte, schriftlich protokollierte Versuche mit Haschisch
  • Exil: ab 1933 überwiegend in Paris
  • Finanzielle Unterstützung im Exil: vor allem durch das Institut für Sozialforschung, vermittelt unter anderem durch Adorno
  • Internierung: 1939 zeitweise von den französischen Behörden als deutscher Staatsangehöriger interniert
  • Tod: nach überwiegendem Forschungsstand Suizid durch Morphium während der Flucht vor dem Nationalsozialismus
  • Mordtheorie: seit Jahrzehnten diskutiert, aber ohne überzeugende Belege
  • Offenes Rätsel: der Inhalt einer auf der Flucht mitgeführten und später verschwundenen Aktentasche beziehungsweise eines darin vermuteten Manuskripts

 

Zitate, die Walter Benjamin zugesprochen werden:

„Gaben müssen den Beschenkten so tief treffen,
daß er erschrickt.“ 

„Kinder, wenn sie sich Geschichten ausdenken, sind Regisseure, die sich vom ›Sinn‹ nicht zensieren lassen.“

„In deutschen Kleinstädten kann man sich die Zimmer
ohne Fensterbretter gar nicht vorstellen.“
W. Benjamins Bestseller, die man gelesen haben sollte: