
Ein Held tritt gegen Ungeheuer an, doch seine Kraft allein macht noch keine sichere Welt. „Beowulf“ gewinnt seine Wucht aus dem Wechsel zwischen Kampf, feierlicher Rede und dem Wissen um die Grenzen menschlicher Macht.
„Beowulf“ verlangt eine andere Aufmerksamkeit als ein Roman, der seine Figuren durch Gespräche und innere Widersprüche vertraut macht. Hier treten Menschen zunächst mit Herkunft, Rang und öffentlich ausgesprochenen Ansprüchen hervor. Selbstbewusstsein wird nicht verborgen, sondern vor Zeugen erklärt; Vertrauen muss sich in Taten bewähren. Gerade diese Distanz kann produktiv sein: Man beobachtet einen Helden, der sich beim Wort nehmen lässt, während seine Gefährten durchaus Angst empfinden. In Karl Simrocks deutscher Übertragung begegnet uns das anonym überlieferte altenglische Epos, nicht eine von Simrock erfundene Geschichte. Die Lektüre lohnt sich vor allem dann, wenn man nicht nur auf den nächsten Kampf wartet. Ihre stärksten Spannungen entstehen zwischen dem entschlossenen Auftreten der Figuren und einer Erzählstimme, die menschliche Größe stets im Schatten ihrer Vergänglichkeit betrachtet.
Der Dänenkönig Hrodgar hat mit Heorot eine große Halle errichtet, in der seine Krieger zusammenkommen. Doch das Ungeheuer Grendel sucht den Ort nachts heim und tötet die Schlafenden. Seit Jahren findet der König kein Mittel gegen diese Angriffe. Beowulf, ein junger Krieger aus dem Volk der Geaten, hört von der Not und reist mit Gefährten über das Meer, um Hilfe anzubieten. Am dänischen Hof muss der Fremde erklären, wer er ist und weshalb man seiner Stärke vertrauen soll. Er übernimmt die gefährliche Aufgabe, in der Halle auf Grendel zu warten. Die Handlung führt durch eine skandinavische Welt aus Königshöfen, Küsten und unwegsamen Landschaften; im Mittelpunkt steht zunächst die Begegnung zwischen einem bedrängten Herrscher und einem kampfbereiten Ankömmling.
Schon die Vorbereitung dieses Kampfes zeigt, worin die eigentümliche Spannung des Gedichts liegt. Beowulf legt seine Waffen ab und kündigt an, Grendel mit bloßer Kraft entgegenzutreten. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine öffentliche Bindung: Seine Worte setzen den Maßstab, an dem die Tat gemessen werden wird. Der Erzähler lässt daneben die Gefährten an ihre ferne Heimat denken und daran zweifeln, sie wiederzusehen. Heldischer Anspruch und gewöhnliche Todesangst stehen dicht beieinander. Für mein Lesen ist das überzeugender als ein durchweg unerschütterliches Heldenbild. Beowulf erhält seine Größe nicht dadurch, dass Gefahr harmlos erscheint, sondern dadurch, dass sie ringsum spürbar bleibt. Die feierliche Rede bremst das Geschehen und lädt es zugleich auf; das Warten wird zu einer eigenen dramatischen Situation.
Besonders eindringlich ist die Gestaltung der bedrohlichen Landschaft. Das Moor erscheint nicht als austauschbare Kulisse für ein Abenteuer. Windige Klippen, dunkles Wasser und überhängende Wurzeln machen den Ort körperlich vorstellbar, ohne seine Unheimlichkeit aufzulösen. Ein gehetzter Hirsch würde dort eher am Ufer sterben, als im Wasser Schutz zu suchen: Dieses einzelne Bild vermittelt mehr Schrecken als eine bloße Häufung grausiger Eigenschaften. Gleichzeitig bleiben die Ungeheuer dem menschlichen Bereich beunruhigend nahe. Auch bei ihnen spielen Verwandtschaft und Vergeltung eine Rolle. So lässt sich ihre Bedrohung als etwas lesen, das menschliche Konflikte verzerrt zurückspiegelt. Das Gedicht braucht dafür keine ausführliche Erklärung. Es setzt die Ähnlichkeit neben die Fremdheit und lässt den Leser die Spannung zwischen beiden aushalten.
Simrocks Sprache macht diese Lektüre allerdings nicht bequem. Wörter wie „Brünne“ und „Recken“, ungewöhnliche Satzstellungen und dicht aufeinanderfolgende gleiche Anfangslaute verlangen stellenweise ein langsameres Lesen. Der Stabreim ist dabei mehr als Schmuck: Er verbindet Wörter durch ihren Klang und gibt den Versen Nachdruck. Wo sich die Wendungen häufen, kann der Ton schwer und zeremoniell werden; wo er trägt, entsteht eine deutlich hörbare Bewegung. Ein versuchsweise laut gelesener Abschnitt erschließt sich deshalb manchmal besser als beim schnellen Überfliegen. Man muss diese Sprachgestalt nicht vorbehaltlos mögen. Ihre Stärke liegt gerade darin, die Geschichte nicht in unauffälliges Gegenwartsdeutsch zu glätten. Der Abstand bleibt erhalten, ebenso aber die Wucht einer Rede, in der Mut, Feindschaft und Vertrauen öffentlich Gewicht bekommen.
Die größere erzählerische Anlage fordert ebenfalls Geduld. Rückblicke, eingeschobene Geschichten und wiederholte Berichte unterbrechen den geraden Weg durch die Handlung. Sie können sperrig wirken, schaffen aber auch den Eindruck, dass hinter jeder gegenwärtigen Begegnung ältere Bindungen und Verletzungen stehen. Dazu kommt der Wechsel vom jungen Kämpfer zum alten Herrscher: Dieselbe außergewöhnliche Kraft erhält unter veränderten Bedingungen einen anderen Sinn. Besonders klar wird die gedämpfte Haltung in Hrodgars Warnung vor Übermut. Besitz und Macht können den Menschen seine Grenzen vergessen lassen; selbst die Blüte körperlicher Stärke währt nur eine Weile. Darin liegt für mich der nachhaltigste Zug des Epos. Es würdigt entschlossenes Handeln, ohne daraus ein Versprechen dauerhafter Sicherheit zu machen. Der ernste Ton ist verdient, weil das Gedicht seine Bewunderung immer wieder begrenzt.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Die literarische Beständigkeit von Beowulf
Dass sich „Beowulf“ im Kanon behauptet, lässt sich nicht allein mit seinem Rang als altenglisches Epos erklären. Literarisch trägt vor allem eine Verbindung, die hier ungewöhnlich geschlossen wirkt: Das Gedicht erzählt von übermenschlicher Kraft und hält zugleich an der Verletzlichkeit des Menschen fest. Seine Ungeheuer sind keine verzichtbaren Ausschmückungen. An ihnen gewinnt der Kampf gegen Bedrohung eine anschauliche Form; im Gegensatz zwischen Jugend und Alter wird sichtbar, wie wenig selbst große Taten die Sterblichkeit aufheben. Für mich erklärt diese Spannung mehr von der bleibenden Lesewirkung als die bloße Anerkennung eines ehrwürdigen Textes.
Hinzu kommen Bilder, die sich nicht erst durch historische Kenntnisse erschließen: die unsichere Nachtruhe in der Halle, der allein wache Kämpfer, das Wasser, vor dem selbst ein gehetztes Tier zurückweicht. Heutigen Lesern können die Rangordnung, der demonstrative Ruhm und die feierliche Sprache fremd bleiben. Doch gerade Hrodgars Mahnung gegen Übermut verhindert, dass man das Werk auf eine Verherrlichung von Stärke reduzieren muss. Seine Größe liegt für mich darin, Bewunderung und Ernüchterung nebeneinander bestehen zu lassen. Wer diese Spannung wahrnimmt, liest mehr als eine Folge alter Heldentaten.
Buchdaten
- Autor: Simrock
- Titel: Beowulf
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783988282880
- Softcover-ISBN: 9783988281883
Rezension von Sophia und Marc

