
Ein Ehepaar nimmt zwei Menschen bei sich auf, und die vertrauten Beziehungen geraten in Bewegung. Goethe erzählt von Anziehung und Verantwortung mit einer Ruhe, die das Unbehagen nur verstärkt.
Wie viel wissen Menschen über die Gefühle, mit denen sie ihr Handeln begründen? Goethes „Die Wahlverwandtschaften“ verlangt keine schnelle Antwort. Der Roman lässt vielmehr spüren, wie unsicher selbst wohlüberlegte Erklärungen werden können, sobald Wünsche ins Spiel kommen. Seine besondere Wirkung liegt für mich in der Spannung zwischen sprachlicher Beherrschung und wachsender innerer Unruhe. Man liest nicht im Sog fortwährender Überraschungen, sondern mit zunehmender Aufmerksamkeit für das Beiläufige: einen Vorbehalt, eine Geste, ein allzu bereitwilliges Einverständnis. Das kann zunächst distanziert wirken. Wer jedoch nicht auf unmittelbare Nähe zu den Figuren besteht, entdeckt eine eigentümlich beunruhigende Lektüre. Der Roman macht es schwer, sich auf die Seite einer einzigen Person zu schlagen – und gerade darin liegt eine seiner Stärken.
The Heart wants, what the heart wants – Goethe Edition
Eduard und Charlotte leben als wohlhabendes Ehepaar auf einem ländlichen Gut. Sie beschäftigen sich mit ihrem Anwesen, seiner Landschaft und den Möglichkeiten, das gemeinsame Leben einzurichten. Eduard möchte einen Freund, den Hauptmann, zu sich einladen; zugleich kommt die Aufnahme der jungen Ottilie, Charlottes Pflegetochter, zur Sprache. Mit beiden Gästen verändert sich der Alltag des Hauses. Gemeinsame Arbeiten, Spaziergänge, Gespräche und musikalische Stunden bringen die vier näher zusammen. Dabei entstehen neue Anziehungen: Eduard fühlt sich zu Ottilie hingezogen, Charlotte zum Hauptmann. Die bestehende Ehe und die neuen Neigungen geraten miteinander in Konflikt. Zunächst versuchen die Beteiligten, ihre Empfindungen mit Rücksicht auf die anderen und innerhalb der vertrauten gesellschaftlichen Formen zu behandeln, aber irgendwie haben dann doch auch beide Lust auf etwas Abwechslung. Die langjährige Ehe mag ein wenig angestaubt sein.
Goethes erzählerische Zurückhaltung ist dabei wirkungsvoller als jede demonstrative Enthüllung. Die Sprache bleibt gefasst, auch wenn diese Fassung den Figuren zunehmend Mühe bereitet. Der Erzähler rückt ihnen nahe genug, um Wünsche und Selbsttäuschungen erkennen zu lassen, ohne jedes Gefühl durch ein abschließendes Urteil zu erklären. So entsteht eine unangenehm produktive Unsicherheit: Wo endet Rücksicht, wo beginnt das Ausweichen? Wann wird Geduld zur Weigerung, eine Entscheidung zu treffen? Für mich liegt hier die eigentliche Spannung des Romans. Nicht das Außergewöhnliche hält die Aufmerksamkeit wach, sondern die langsame Verschiebung dessen, was im Umgang miteinander noch möglich scheint. Die ruhige Darstellung kann kühl erscheinen; gerade dadurch lässt sie dem Publikum wenig Gelegenheit, sich mit raschem Mitgefühl zu entlasten.
Das chemische Gespräch, dem der Titel seinen Sinn verdankt, bietet eine verführerische Erklärung für diese Verschiebungen. Stoffe lösen Verbindungen und gehen neue ein; die Figuren erproben daran ein Bild menschlicher Beziehungen. Als fertiger Schlüssel wäre dieses Gleichnis allerdings zu einfach. Menschen sprechen über ihre Anziehung, rechtfertigen sie und müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben. Besonders ergiebig wird die Lektüre deshalb dort, wo zwischen Empfindung und Auslegung ein Abstand sichtbar bleibt. Eduards Zusammenspiel mit Ottilie beim Musizieren etwa lässt Nähe entstehen, ohne dass sie ausdrücklich erklärt werden müsste. Solche Szenen überzeugen stärker als eine bloße Behauptung großer Leidenschaft. Sie machen verständlich, weshalb die Beteiligten in kleinen Übereinstimmungen so viel Bestätigung finden möchten.
Auch die Beschäftigung mit der Umgebung gewinnt erzählerisches Gewicht. Wege, Gebäude und Gartenanlagen sind keine austauschbare Kulisse. An ihrer Gestaltung zeigt sich das Bedürfnis, dem eigenen Leben eine überschaubare Form zu geben. Noch deutlicher wird diese Spannung beim Umgang mit dem Friedhof und den Spuren der Vergangenheit: Was schöner und geordneter aussehen soll, besitzt bereits eine Geschichte, über die sich nicht folgenlos verfügen lässt. Diese Passagen erweitern den Roman über den Liebeskonflikt hinaus. Zugleich gehören sie zu seinen möglichen Hürden. Wer vor allem das nächste Gespräch zwischen den Hauptfiguren erwartet, mag die Einzelheiten der Planung als Verzögerung empfinden. Für mich lohnt sich diese Verlangsamung, weil sie den Wunsch nach Ordnung auch außerhalb der ausgesprochenen Gefühle sichtbar macht.
Die größte Zumutung bleibt das Verhältnis von Nähe und Abstand zu den Personen. Ihre Bildung und Gesprächsfähigkeit bewahren sie nicht davor, aneinander vorbeizuleben. Immer wieder entsteht der Eindruck, eine verständige Aussprache müsste genügen; ebenso regelmäßig erweist sich diese Hoffnung als unzureichend. Das kann beim Lesen ungeduldig machen. Auch die sorgfältige Verknüpfung von Gegenständen, Zufällen und Bedeutungen wirkt gelegentlich so dicht, dass man hinter jeder Einzelheit eine weitere Absicht vermutet. Doch diese Anstrengung gehört zur Wirkung des Buches. Man beginnt selbst, nach Bestätigungen und Warnzeichen zu suchen, und gerät damit in eine ähnliche Unsicherheit wie die Figuren. Ich schätze den Roman gerade dafür, dass er diese Unsicherheit nicht durch eine bequem verteilte Schuld aufhebt.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Seinen Platz im literarischen Kanon rechtfertigt „Die Wahlverwandtschaften“ für mich durch die Genauigkeit, mit der der Roman widersprüchliche Ansprüche nebeneinander bestehen lässt. Es ist nicht so, dass Charlotte ihren Eduard nicht mehr liebt – trotzdem würde sie den Hauptmann nicht von der Bettkante stoßen. Und Eduard nicht die junge Ottilie.
Die neuen Gefühle sind nicht einfach unwahr, weil sie eine Ehe gefährden. Die bestehenden Verpflichtungen verlieren umgekehrt nicht schon deshalb ihr Gewicht, weil eine andere Verbindung in dem Moment verheißungsvoll erscheint. Diese Spannung lässt sich nicht erledigen, indem man nur einer Seite recht gibt. Gerade deshalb bleibt die Lektüre ergiebig: Mit wachsender Lebenserfahrung können andere Rücksichten, Versäumnisse und Selbstrechtfertigungen in den Vordergrund treten.
Hinzu kommt eine Form, die zur erneuten Lektüre einlädt. Was zunächst nebensächlich wirkte, kann später einen ganzen Zusammenhang verändern. Allerdings verlangt das Buch die Bereitschaft, seine Distanz und seine Umwege auszuhalten. Die gesellschaftliche Abgeschlossenheit des Schauplatzes und die Zurückhaltung des Erzählens können heutigen Lesern fremd bleiben. Man muss diese Fremdheit nicht wegreden, um die Leistung des Romans anzuerkennen. Seine Stärke besteht nicht darin, unsere vertrauten Ansichten zu bestätigen, sondern darin, vorschnelle Urteile über Freiheit, Liebe und Verantwortung ungemütlich zu machen.
Buchdaten
- Autor: Goethe
- Titel: Die Wahlverwandtschaften
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966378116
- Softcover-ISBN: 9783966376112
Rezension von Joe und Luisa

