Rezension zu Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 von Edward Bellamy

Ein Mann verschläft mehr als ein Jahrhundert und erwacht in einer Gesellschaft, die seine Gewissheiten nicht mehr teilt. Edward Bellamys Zukunftsroman setzt weniger auf Abenteuer als auf die beunruhigende Frage, warum vertraute Lebensverhältnisse eigentlich selbstverständlich sein sollten.

Eine bessere Gesellschaft lässt sich leichter wünschen als erzählen. Edward Bellamy entscheidet sich in „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“ dafür, sie ausführlich erklären zu lassen. Das macht seinen Roman zu einer Lektüre mit eigenem Rhythmus: Gespräche beanspruchen mehr Raum als Ereignisse, wirtschaftliche Einrichtungen mehr Aufmerksamkeit als individuelle Eigenheiten. Wer sich darauf einlässt, begegnet allerdings nicht bloß einem Katalog wohlmeinender Vorschläge. Bellamy nutzt die Distanz zwischen zwei Zeiten, um vertraute Überzeugungen aus ihrer bequemen Umgebung zu lösen. Seine Stärke liegt im Wechsel des Blickwinkels; seine Schwäche darin, dass die Antworten häufig schon feststehen, bevor die Fragen ausgesprochen sind. Gerade zwischen gedanklicher Öffnung und erzählerischer Festlegung gewinnt das Buch sein eigentümliches Profil.

Julian West lebt 1887 als wohlhabender junger Mann in Boston. Weil er unter Schlaflosigkeit leidet, lässt er sich in einem abgeschirmten unterirdischen Raum seines Hauses in einen hypnotischen Schlaf versetzen. Als er erwacht, befindet er sich noch immer in Boston, doch inzwischen schreibt man das Jahr 2000. Der Arzt Dr. Leete nimmt ihn in seinem Haushalt auf und erklärt ihm gemeinsam mit seiner Familie die veränderten Lebensverhältnisse. Auch Leetes Tochter Edith begleitet West bei seinen ersten Begegnungen mit der ungewohnten Umgebung. Arbeit, Versorgung und gesellschaftliches Zusammenleben folgen Regeln, die seinen bisherigen Erfahrungen widersprechen. Während West versucht, sich zurechtzufinden, muss er zugleich mit dem Verlust seiner vertrauten Gegenwart und seiner persönlichen Bindungen umgehen.

Bellamys wirksamster erzählerischer Kunstgriff besteht darin, West selbst berichten zu lassen. Der Besucher bringt die Einwände seiner Herkunftswelt mit: Wer arbeitet ohne wirtschaftlichen Druck? Wie werden unangenehme Tätigkeiten verteilt? Was geschieht mit persönlichem Ehrgeiz? Dadurch erhält die Darstellung zunächst die Beweglichkeit eines Gesprächs. Allerdings sind die Gewichte ungleich verteilt. Dr. Leete verfügt nahezu immer über eine schlüssige Erklärung, West liefert häufig das passende Stichwort. Die Dialoge entwickeln deshalb selten jene Unsicherheit, aus der lebendige Auseinandersetzungen entstehen. Ihre Klarheit ist zugleich ihr Preis. Man versteht die entworfene Ordnung gut, spürt aber auch, wie zuverlässig der Roman seine Figuren auf das gewünschte Ergebnis zusteuert. Wer dramatische Reibung sucht, wird die ausgedehnten Unterweisungen stellenweise als Stillstand empfinden.

Anschaulich wird dieser Zukunftsentwurf vor allem dort, wo er den Alltag berührt. Waren werden anhand von Mustern ausgewählt und aus zentralen Lagern geliefert; Musik gelangt über technische Leitungen ins Haus. Solche Einzelheiten geben den Erklärungen eine sinnliche Grundlage. Noch wichtiger ist ihre Wirkung auf West: Was ihm selbstverständlich erschien, muss er nun einem verständnislosen Gegenüber erläutern. Besonders beim Einkaufen entsteht daraus ein trockener Humor. Weshalb sollte jemand einen anderen zum Erwerb unnötiger Dinge überreden wollen? Die scheinbar naive Frage legt einen ganzen Mechanismus frei. Bellamy benötigt dafür keine scharfzüngige Satire. Es genügt, dass Edith die Gewohnheiten ihres Gastes höflich nicht versteht. Für einen Moment gerät damit auch die Vertrautheit des Publikums ins Wanken.

Weniger überzeugend als diese Perspektivwechsel wirkt die Sicherheit, mit der das Gemeinwesen seine Widersprüche überwunden haben soll. Bellamy verbindet materielle Gleichheit mit einer straff organisierten Arbeitswelt, deren militärisches Vokabular auffällt. Dienst, Rang und Auszeichnung sollen nicht unterdrücken, sondern gemeinschaftliche Leistung ermöglichen. Dennoch bleibt beim Lesen die Frage zurück, wie viel Abweichung diese vernünftige Ordnung verträgt. Der Roman räumt solchen Zweifeln weniger Platz ein, als seine Anlage erlauben würde. Auch die Geschlechterrollen markieren eine Grenze des Entwurfs: Wirtschaftliche Eigenständigkeit bedeutet hier keineswegs die Aufhebung festgelegter Zuständigkeiten. Gerade Edith, die West manches erschließt, bleibt als Figur stark an die häusliche und gefühlvolle Seite der Geschichte gebunden. Der Anspruch umfassender Erneuerung reicht weiter als die erzählte Vorstellungskraft.

Dabei wäre es verkürzend, das Buch nur nach der Plausibilität seines Gesellschaftsmodells zu beurteilen. Wests Verlorenheit verleiht den Erörterungen eine persönliche Gegenbewegung. Er soll nicht lediglich neue Einrichtungen verstehen, sondern in einer Gegenwart leben, für die ihm die eigene Vergangenheit keine sichere Orientierung mehr bietet. Die Annäherung an Edith gibt diesem Bedürfnis eine konkrete Gestalt, auch wenn die Liebesgeschichte eher behutsam arrangiert als psychologisch vielschichtig wirkt. Am stärksten ist Bellamy dort, wo gesellschaftliche Einsicht und Empfindung zusammenkommen: Eine andere Verteilung von Sicherheit verändert auch den Blick auf Angst, Würde und Abhängigkeit. So bleibt eine zwiespältige, aber ergiebige Lektüre zurück. Der Roman erklärt mitunter zu viel und lässt zu wenig offen; seine Fragen reichen dennoch über seine fertigen Antworten hinaus.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Ein anderer Blick auf das Vertraute

Dass sich Bellamys Roman im Kanon der utopischen Literatur behaupten konnte, lässt sich vor allem mit seiner Verbindung von einfacher Versuchsanordnung und weitreichender Irritation erklären. Ein einzelner Mensch wechselt die Zeit; dadurch verlieren die Verhältnisse seiner Herkunftswelt ihren Anschein von Unvermeidlichkeit. Nicht eine technische Erfindung steht im Mittelpunkt, sondern die Möglichkeit, Arbeit und Wohlstand grundsätzlich anders zu organisieren. Die literarische Form macht diese Frage zugänglich, ohne wirtschaftliche Vorkenntnisse vorauszusetzen. Zugleich gibt Wests persönliche Entwurzelung dem Gedankenexperiment einen emotionalen Einsatz.

Heute muss man Bellamys Lösungen nicht übernehmen, um den Wert dieser Konstruktion zu erkennen. Gerade ihre Begrenzungen schärfen die Lektüre: Die gerechte Versorgung steht neben beträchtlichem Ordnungsvertrauen, der Wille zur Gleichheit neben überlieferten Rollenbildern. Das Buch fordert deshalb zwei Bewegungen zugleich heraus: sich eine andere Gesellschaft vorzustellen und dem fertigen Bild dieser Gesellschaft zu misstrauen. Seine langen Belehrungen können ermüden, seine Figuren bleiben stellenweise schematisch. Dennoch besitzt es eine produktive Unruhe, die seine eigene Zuversicht übersteigt. Es macht erfahrbar, dass eine gesellschaftliche Ordnung nicht nur den Alltag regelt, sondern auch bestimmt, welche Wünsche und Einwände überhaupt denkbar erscheinen.

Buchdaten

  • Autor: Edward Bellamy
  • Titel: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966374712
  • Softcover-ISBN: 9783966373319

Rezension von Joe und Luisa