
Ein ehemaliger Pfarrer sucht einen neuen Anfang, doch sein Haus und seine Vergangenheit lassen ihn nicht los. Henrik Ibsens „Rosmersholm“ verbindet politische Überzeugungen mit den schwer durchschaubaren Ansprüchen von Liebe und Gewissen.
Man kann eine Überzeugung ablegen und dennoch nach ihren Regeln weiterleben. Um diese schmerzhafte Verzögerung zwischen Denken und Empfinden kreist Henrik Ibsens „Rosmersholm“. Das Drama verlangt Aufmerksamkeit für Menschen, die ihre Wünsche nicht ohne Weiteres verstehen und ihre Beweggründe auch im vertrauten Gespräch nur teilweise offenlegen. Seine Spannung entsteht weniger aus sichtbaren Ereignissen als aus der Frage, was ein ausgesprochenes Wort mit einer Beziehung anrichtet. Wer eine geradlinige Auseinandersetzung zwischen überlebter Moral und befreiendem Fortschritt erwartet, wird hier keine bequeme Bestätigung finden. Gerade darin liegt die Stärke dieser bedrückenden Lektüre: Ibsen lässt gute Absichten gelten, ohne ihnen deshalb zu trauen. Freiheit erscheint nicht als fertiger Zustand, sondern als etwas, an dem auch aufrichtige Menschen scheitern können.
Auf dem norwegischen Herrensitz Rosmersholm lebt Johannes Rosmer, ein ehemaliger Pfarrer, nach dem Tod seiner Frau Beate mit Rebekka West zusammen. Rebekka war bereits zu Beates Lebzeiten im Haus und ist Rosmer eine enge Vertraute geworden. In ihren Gesprächen beschäftigt beide die Aussicht auf ein anderes, freieres Leben. Rosmer hat sich von seinem früheren Glauben entfernt und möchte sich für eine geistige Erneuerung der Gesellschaft einsetzen. Damit gerät er in Gegensatz zu seinem Schwager, dem konservativen Rektor Kroll, der ihn für die eigene politische Seite gewinnen will. Während unterschiedliche Erwartungen an Rosmer herangetragen werden, kommen auch seine Beziehung zu Rebekka und die Erinnerungen an seine Ehe zur Sprache. Die Handlung entwickelt sich überwiegend in Gesprächen innerhalb des Hauses.
Ibsens entscheidender Kunstgriff besteht darin, die Vergangenheit nicht als abgeschlossene Vorgeschichte zu behandeln. Sie verändert sich mit jeder neuen Aussage, obwohl ihre Ereignisse längst geschehen sind. Eine Erinnerung, die eben noch beruhigte, kann kurz darauf wie eine Ausflucht wirken. Dadurch bekommen die Dialoge einen eigentümlichen Sog: Man liest nicht nur weiter, um etwas zu erfahren, sondern um bereits Gehörtes neu abzuwägen. Einen Erzähler, der die Motive ordnet, gibt es nicht. Pausen, Nachfragen und ausweichende Antworten übernehmen diese Arbeit, ohne ein endgültiges Urteil zu liefern. Das ist dicht gebaut und verlangt zugleich Geduld. Wer vor allem äußere Handlung sucht, dürfte die wiederholten Gespräche über Vertrauen und Gewissen zunächst als Stillstand empfinden.
Besonders überzeugend ist Rebekka, weil sie sich nicht auf die Rolle einer befreienden Gefährtin oder einer berechnenden Gegenspielerin reduzieren lässt. Ihr Wille besitzt eine Energie, die Rosmers vorsichtiger Selbstprüfung fehlt. Dennoch macht Ibsen aus diesem Gegensatz keine einfache Verteilung von Stärke und Schwäche. Nähe verändert hier auch denjenigen, der Einfluss auszuüben glaubt. Rosmers moralischer Ernst kann achtbar wirken und zugleich einen kaum erfüllbaren Anspruch an andere richten. Rebekkas Entschlossenheit wiederum lässt sich nicht sauber von ihrem Bedürfnis nach Zugehörigkeit trennen. So entsteht eine Beziehung, in der Hilfe und Macht, Zuneigung und Selbstbehauptung ineinandergreifen. Das Unbehagen der Lektüre wächst gerade dort, wo sich die Figuren besonders ernsthaft um Aufrichtigkeit bemühen.
Die politischen Gespräche sind deshalb mehr als ein Hintergrund für das private Geschehen. Krolls Verteidigung der bestehenden Ordnung und die Erwartungen der fortschrittlichen Seite zeigen, wie rasch ein Mensch zum Beweisstück für eine Sache werden kann. Rosmers Name und gesellschaftliches Ansehen interessieren seine Umgebung nicht unabhängig von seinen Überzeugungen. Zugleich lässt sich seine geistige Neuorientierung nicht von Rebekkas Einfluss und ihrer gemeinsamen Lebenssituation ablösen. Ibsen gibt keiner Seite die angenehme Stellung eines unbeteiligten Richters. Das macht die Auseinandersetzungen schärfer, als es ihre teilweise förmliche Sprache zunächst vermuten lässt. Allerdings können die politischen Lager und ihr Anspruch auf persönliche Gefolgschaft heutigen Lesern erklärungsbedürftig erscheinen; ihre Funktion im Beziehungsgefüge bleibt dennoch gut erkennbar.
Auch der Schauplatz arbeitet an dieser Beklemmung mit. Die Familienbildnisse, die überlieferte Ordnung des Hauses und das wiederkehrende Motiv der weißen Pferde geben Rosmersholm eine Gegenwart, die von Erinnerung durchsetzt ist. Das Unheimliche bleibt dabei an die Wahrnehmung und die Gespräche der Bewohner gebunden. Es ergänzt die psychologische Spannung, statt sie durch einen bloßen Schreckeffekt zu ersetzen. Mitunter wirkt diese symbolische Verdichtung schwer: Fast jede Äußerung scheint eine zusätzliche Bedeutung tragen zu müssen, und der moralische Wortschatz lässt wenig Luft. Doch die Strenge hat ihren Ertrag. Das Haus wird beim Lesen zu einem Ort, an dem selbst der Wunsch nach Erneuerung die alten Ansprüche nicht einfach außer Kraft setzt.
Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?
Die bleibende Kraft des Dramas
„Rosmersholm“ behauptet seinen literarischen Rang nicht durch eine leicht herauslösbare Botschaft. Das Stück bietet vielmehr eine Form, in der unterschiedliche Deutungen einander prüfen können. Entscheidende Beweggründe bleiben unsicher, ohne dass die Figuren deshalb beliebig würden. Ihre Worte und Handlungen setzen der Auslegung Grenzen; zugleich reichen sie nie aus, um einen Menschen vollständig zu erklären. Diese Verbindung aus genauer dramatischer Konstruktion und verweigerter Eindeutigkeit macht das Werk ergiebig für wiederholte Lektüren.
Hinzu kommt die unbequeme Genauigkeit seiner Fragen: Wann wird moralische Verantwortung zur Selbstbestrafung? Wie frei ist eine Entscheidung, die aus Liebe zu einem anderen Menschen getroffen wird? Und kann das Verlangen nach Gewissheit selbst zerstörerisch werden? Solche Fragen gewinnen hier Gewicht, weil sie an einer konkreten Beziehung entstehen, nicht als Lehrsätze vorgetragen werden. Fremd bleiben können der unerbittliche Ernst und die Vorstellung, das eigene Leben müsse einem hohen sittlichen Maßstab vollständig entsprechen. Gerade diese Fremdheit lohnt jedoch die Auseinandersetzung. Ibsens Drama zwingt nicht zur Zustimmung, sondern dazu, die Kosten solcher Ansprüche wahrzunehmen.
Buchdaten
- Autor: Ibsen
- Titel: Rosmersholm
- Verlag: Gröls Verlag
- Hardcover-ISBN: 9783966378758
- Softcover-ISBN: 9783966376754
Rezension von Emma und Sophia

