Rezension zu Tarzan bei den Affen von Burroughs

Burroughs erzählt die Entstehung seiner berühmtesten Figur als Abenteuerroman mit kräftigem Zug zur Legende. Wer das Buch heute liest, begegnet zugleich rasanter Unterhaltung, archaischer Fantasie und Passagen, die deutlich aus einer anderen Zeit stammen.

Tarzan bei den Affen ist einer jener Romane, deren Hauptfigur dem kulturellen Gedächtnis oft vertrauter ist als das Buch selbst. Dabei lohnt die Rückkehr zum Text, denn hier zeigt sich, wie sorgfältig Burroughs das Abenteuer konstruiert: als Geschichte eines Menschen, der zwischen Wildnis und Zivilisation aufwächst, zwischen körperlicher Überlegenheit und sozialer Fremdheit, zwischen Instinkt und Herkunft. Der Roman setzt stark auf Bewegung, Gefahr und Kontrast, lebt aber nicht nur von seinen spektakulären Situationen. Unter der Oberfläche arbeitet er mit einem beständigen Reiz des Vergleichs: Natur gegen Gesellschaft, Sprache gegen Körper, Rangordnung gegen Freiheit. Gerade daraus gewinnt die Lektüre ihren eigentümlichen Ton – zugleich direkt, pathetisch und von einer fast mythischen Einfachheit.

Am Anfang steht eine ausgesetzte englische Familie an der afrikanischen Küste. Nach einer Katastrophe bleibt ein Kind zurück, das nicht unter Menschen, sondern unter Affen aufwächst. Aus diesem Jungen wird Tarzan, der die Gesetze seines Rudels lernt, sich in einer feindlichen Umgebung behaupten muss und doch nie ganz in ihr aufgeht. Der Roman verfolgt, wie aus dieser ungewöhnlichen Herkunft ein doppelter Konflikt entsteht: Tarzan ist der Wildnis vollkommen angepasst und bleibt ihr zugleich fremd, weil in ihm etwas auf ein anderes Leben verweist. Als weitere Menschen in seine Welt treten, verschärft sich dieser Gegensatz. Aus der Robinson-Situation wird dann zunehmend ein Roman über Herkunft, Begehren, Rang und Zugehörigkeit.

Burroughs erzählt das mit großer Entschlossenheit und ohne psychologischen Zierrat. Die Kapitel sind klar auf Spannung gebaut: Gefahr folgt auf Entdeckung, Kampf auf Zufall, Prüfung auf Bewährung. Das wirkt mitunter schematisch, ist aber gerade deshalb wirkungsvoll. Der Roman will nicht das Ungewisse auskosten, sondern Vorwärtsdrang erzeugen. Tarzan erscheint dabei weniger als Figur feinster innerer Schattierungen denn als Projektionszentrum einer elementaren Fantasie: ein Mensch, der ohne gesellschaftliche Erziehung aufwächst und dennoch Stärke, Würde und Urteilskraft entwickelt. Dass diese Anlage manchmal eher Behauptung als Entwicklung ist, gehört zum Stil des Buches. Burroughs interessiert sich stärker für Konstellationen als für seelische Feinzeichnung.

Seine eigentliche literarische Energie gewinnt der Text aus Gegensätzen. Tarzan ist zugleich Naturwesen und Aristokrat, Jäger und Beobachter, Außenseiter und geborener Anführer. Diese Doppelstellung hält den Roman in Bewegung. Besonders aufschlussreich ist, wie sehr das Buch an Selbstbildung interessiert ist: Tarzan eignet sich Wissen an, liest Spuren, deutet Zeichen, ringt den Dingen Namen ab. Die Wildnis ist hier nicht bloß Kulisse, sondern ein Raum, in dem Wahrnehmung geschärft und Ordnung hergestellt werden muss. Darin liegt mehr als bloße Abenteuermaschinerie. Der Roman entwirft ein Bild vom Menschen, das Kraft und Intelligenz nicht trennt, sondern in einer einzigen Gestalt bündelt. Gerade diese Zuspitzung macht seinen Reiz aus, auch wenn sie kaum jemals realistisch sein will.

Der Ton ist entsprechend groß, manchmal feierlich, oft von demonstrativer Eindeutigkeit. Burroughs schreibt nicht ironisch, nicht gebrochen, nicht modern im Sinn späterer Abenteuerliteratur. Gefühle, Loyalitäten und Gegnerschaften sind markant gesetzt. Das kann man als schlicht empfinden, oft hat es aber einen eigenen erzählerischen Nachdruck. Schwieriger ist für heutige Leser anderes: Der Roman trägt Vorstellungen in sich, die deutlich aus seiner Entstehungszeit stammen und heute befremdlich oder unerquicklich wirken können. Bestimmte Bilder von "Zivilisation", "Wildheit" und menschlicher Hierarchie erscheinen nicht nur vereinfacht, sondern auch ideologisch belastet. Diese Seiten lassen sich nicht weglesen. Wer das Buch ernst nimmt, wird seine Abenteuerlust deshalb mit kritischer Distanz verbinden müssen.

Gerade in dieser Spannung bleibt Tarzan bei den Affen lesenswert. Der Roman ist eingängig, bildkräftig und handlungssicher, aber er ist nicht einfach unschuldig. Seine berühmte Figur verdankt ihre Wirkung einer radikalen Vereinfachung, die Stärke, Einsamkeit und Überlegenheit bündelt; zugleich zeigt der Text, wie sehr solche Fantasien an kulturelle Wunschbilder gebunden sind. Literarisch liegt der Reiz weniger in stilistischer Raffinesse als in der Klarheit des Entwurfs. Burroughs baut mit sicherem Instinkt eine Legende, und man spürt beim Lesen, warum sie sich so tief eingeprägt hat. Doch gerade die Stellen, die den Mythos tragen, machen auch sichtbar, wo der Roman heute hart, fremd oder unerquicklich werden kann.

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Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Dass sich Tarzan bei den Affen so hartnäckig im literarischen Gedächtnis gehalten hat, liegt vor allem an der Kraft seiner Grundfigur. Burroughs findet ein sofort verständliches, fast emblematisches Modell: ein Mensch zwischen zwei Ordnungen, der keiner ganz angehört und aus diesem Mangel eine besondere Stellung gewinnt. Solche Figuren bleiben erinnerbar, weil sie nicht nur Handlungsträger sind, sondern Konflikte in einer einzigen Gestalt bündeln. Hinzu kommt die klare Dramaturgie. Der Roman arbeitet mit starken Situationen, deutlichen Gegensätzen und einem Erzählrhythmus, der auch dort trägt, wo der Stil schlicht bleibt.

Zur anhaltenden Wirkung gehört aber ebenso, dass das Buch mehr zeigt als bloße Abenteuerlust. Es berührt Fragen nach Herkunft, Erziehung, Sprache, sozialer Form und dem Wunsch nach einem unverstellten, mächtigen Selbst. Gerade weil diese Motive in zugespitzter Form auftreten, haben sie eine lange Nachwirkung entfaltet. Zugleich bleibt der Roman an manchen Stellen deutlich an die Denkweisen seiner Entstehungszeit gebunden. Das macht ihn nicht erledigt, aber erklärungsbedürftig. Seine Präsenz im Kanon verdankt er deshalb weniger makelloser Unangreifbarkeit als der Tatsache, dass hier ein wirkmächtiger Mythos entstanden ist, der Literatur-, Medien- und Abenteuergeschichte nachhaltig geprägt hat.

Buchdaten

  • Autor: Burroughs
  • Titel: Tarzan bei den Affen
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988830357
  • Softcover-ISBN: 9783988830104

Rezension von Flora