Rezension zu Viel Lärm um nichts von Shakespeare

Zwei Liebesgeschichten zwischen scharfem Wortwitz und gefährlichem Misstrauen: Shakespeare zeigt, wie leicht Menschen den Geschichten anderer glauben. Eine Komödie, deren Vergnügen einen bitteren Beigeschmack behält.

Wie viel Nähe verträgt ein Mensch, der immer die schlagfertigste Antwort haben möchte? Und wie belastbar ist eine Liebe, die fremden Stimmen bereitwilliger glaubt als dem geliebten Gegenüber? An solchen Fragen lässt sich die besondere Spannung von „Viel Lärm um nichts“ beschreiben. Die Komödie verlangt keineswegs, jede ihrer gesellschaftlichen Regeln noch zu teilen. Ihr Reiz liegt vielmehr darin, dass man über Eitelkeit lachen und sich im nächsten Augenblick über ihre Folgen ärgern kann. Bei der Lektüre lohnt es sich deshalb, nicht nur auf die Pointen zu achten, sondern auch auf das, was sie abwehren. Hinter dem Vergnügen am geistreichen Gespräch wird eine Unsicherheit spürbar, die den Figuren mehr abverlangt als sprachliche Gewandtheit.

Im sizilianischen Messina empfängt Leonato, der Gouverneur der Stadt, den aus einem siegreichen Feldzug zurückkehrenden Don Pedro und dessen Begleiter. Zu ihnen gehören Claudio und Benedikt. Claudio verliebt sich in Leonatos Tochter Hero; eine Verbindung zwischen beiden findet Unterstützung in ihrem Umfeld. Zwischen Benedikt und Leonatos Nichte Beatrice herrscht dagegen ein eingespielter Streit aus Spott und Gegenrede. Beide erklären wenig Interesse an Ehe und romantischer Bindung. Ihre Freunde möchten dennoch nachhelfen und die beiden zusammenbringen. Gleichzeitig verfolgt Don Juan, Don Pedros Bruder, eigene Pläne gegen Claudios Verbindung mit Hero. So entwickeln sich zwei Liebesgeschichten nebeneinander, in denen Gespräche, arrangierte Begegnungen und die Behauptungen anderer den weiteren Verlauf bestimmen.

Die stärkste Entscheidung des Stücks liegt darin, diese beiden Geschichten nicht bloß als abwechslungsreiche Unterhaltung nebeneinanderzustellen. Sie beleuchten unterschiedliche Schwächen: Hier steht der Stolz auf die eigene Unabhängigkeit einer Annäherung im Weg, dort erweist sich eine scheinbar selbstverständliche Verbindung als erschreckend anfällig für Misstrauen. Beatrice und Benedikt besitzen dabei die größere Anziehungskraft. Ihre Angriffe lassen sich als Versuche lesen, das Gespräch fortzusetzen, ohne ein Bedürfnis nach Nähe eingestehen zu müssen. Das macht ihre Begegnungen komisch und zugleich verletzlich. Allerdings ist diese sprachliche Beweglichkeit ungleich verteilt: Neben ihnen wirkt Hero zurückgenommen. Wer eine gleichmäßig ausgearbeitete Figurenzeichnung erwartet, wird diese Gewichtsverteilung deutlich spüren. Gerade der Kontrast gibt der Komödie jedoch ihre Spannung.

Shakespeares Dialoge leben davon, dass Worte aufgenommen, verdreht und gegen ihren Urheber zurückgeschickt werden. Ein Gespräch kann dadurch zugleich Wettkampf, Flirt und öffentliche Selbstdarstellung sein. Auch Nebenfiguren wie Margaret dürfen andere mit sprachlichem Geschick aus dem Gleichgewicht bringen. Das hält die Gesellschaft des Stücks in Bewegung: Geist ist kein exklusiver Besitz der Hauptfiguren. Für die Lektüre bedeutet dieses Verfahren allerdings, dass der Witz Aufmerksamkeit verlangt. Wer eine Replik nur als Mitteilung liest, verpasst leicht ihren Angriff oder ihre Anspielung. Hilfreich ist es, die Stimmen innerlich zu hören, Pausen mitzudenken und sich vorzustellen, wer gerade vor wem glänzen möchte. Dann gewinnt der Text an Tempo.

Am unbequemsten wird die Komödie dort, wo aus Gerede ein Urteil über einen Menschen entsteht. Die Handlung um Hero zeigt, wie rasch männliches Ehrgefühl und Eifersucht in öffentliche Härte umschlagen können. Dabei fällt auf, wie wenig Raum ihre eigene Stimme gegenüber den Behauptungen anderer erhält. Das ist keine beiläufige Störung des Liebesspiels, sondern dessen dunkler Gegenpol. Gerade hier bewährt sich Beatrice als mehr als eine Lieferantin guter Antworten: Ihre Entschiedenheit stellt die Loyalitäten der Männer auf die Probe. Die Lektüre gewinnt dadurch Schärfe, verliert aber ihre Unbeschwertheit. Claudios Verhalten kann so stark gegen ihn einnehmen, dass die versöhnliche Bewegung des Stücks emotional nicht mehr vollständig überzeugt. Diese Reibung sollte eine Rezension nicht mit dem Hinweis auf die Gattung wegwischen.

Einen anderen Ton bringt die Stadtwache um ihren wichtigtuerischen Anführer hinein. Seine verdrehten Ausdrücke sind zunächst handfeste Sprachkomik: Einer möchte gebildet und bedeutend wirken und verrät gerade damit seine Unsicherheit. Zugleich macht seine Umständlichkeit wichtige Verständigung mühsam. Solche Szenen können auf der Seite länger erscheinen, als ihr Witz trägt; ohne Stimme und körperliches Spiel fehlt ihnen mitunter der Schwung. Dennoch passen sie genau in ein Stück, in dem sprachliche Sicherheit keine verlässliche Urteilskraft garantiert. So bleibt „Viel Lärm um nichts“ eine lohnende, aber nicht durchgehend behagliche Komödie. Ihre besten Momente verbinden das Vergnügen am Schlagabtausch mit dem Verdacht, dass glänzende Rede auch vor genauerem Hinsehen schützen kann.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Was die Komödie im Kanon hält

Ein wesentlicher Grund für die anhaltende Wirkung des Stücks liegt in Beatrice und Benedikt. Das streitende Liebespaar bietet nicht nur wirkungsvolle Pointen, sondern einen ergiebigen dramatischen Widerspruch: Zwei Menschen möchten sich nichts vormachen lassen und hängen gerade deshalb besonders an ihrem Selbstbild. Ihre Wortgefechte haben als Modell geistreicher Liebesauseinandersetzungen weit über dieses Stück hinausgewirkt. Dass Shakespeare sie mit der gefährdeteren Verbindung zwischen Hero und Claudio verschränkt, verhindert zugleich, dass Schlagfertigkeit als ausreichende Lebenskunst erscheint.

Für heutige Leser liegt die Stärke deshalb weniger in einer vermeintlich unveränderten Vorstellung von Liebe als im Nebeneinander verschiedener Erfahrungen. Anziehung kann spielerisch sein, Vertrauen erschreckend schwach, gesellschaftliche Anerkennung grausam. Die Voraussetzungen dieser Gesellschaft bleiben dabei fremd: Besonders die Bindung weiblichen Ansehens an sexuelle Unbescholtenheit und die Bereitschaft zur raschen Versöhnung können Widerstand hervorrufen. Diesen Widerstand muss man nicht überwinden, um das Stück zu schätzen. Seine literarische Lebenskraft zeigt sich auch darin, dass es Lachen ermöglicht, ohne jeden Anlass zum Unbehagen zu beseitigen. Gerade deshalb erschöpft es sich nicht in seiner Intrige.

Buchdaten

  • Autor: Shakespeare
  • Titel: Viel Lärm um nichts
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783988282767
  • Softcover-ISBN: 9783988281760

Rezension von Emma und Marc