Jean-Paul Sartres Die Wörter (Les Mots) ist keine klassische Autobiografie. Sartre erzählt nicht sein ganzes Leben, sondern blickt auf seine Kindheit zurück und untersucht, wie aus dem einsamen, von Erwachsenen umsorgten Jungen ein Mensch wurde, für den Bücher, Sprache und Schreiben nahezu die gesamte Welt bedeuteten. Das 1964 veröffentlichte Werk ist zugleich Kindheitserinnerung, Selbstanalyse und Abrechnung mit dem eigenen früheren Selbstbild.

Sartre beschreibt dabei keineswegs sentimental „die guten alten Zeiten“. Im Gegenteil: Der berühmte Philosoph und Schriftsteller betrachtet das Kind Jean-Paul mit erheblicher Ironie. Er zeigt, wie sehr er sich schon früh als außergewöhnlich empfand, wie bereitwillig seine Familie diese Vorstellung förderte und wie Literatur für ihn zum Ersatz für eine Wirklichkeit wurde, zu der er zunächst kaum Zugang hatte.

Worum geht es in „Die Wörter“?

Jean-Paul Sartre wurde 1905 in Paris geboren. Sein Vater starb, als Sartre noch ein Kleinkind war. Seine Mutter Anne-Marie zog daraufhin mit ihm zurück zu ihren Eltern. Dadurch wuchs Sartre vor allem im Haushalt der Familie Schweitzer auf. Besonders sein Großvater Charles Schweitzer, ein gebildeter Lehrer und Sprachwissenschaftler, prägte seine frühen Jahre.

Der kleine Jean-Paul – in der Familie „Poulou“ genannt – steht stark im Mittelpunkt der Erwachsenen. Er wird bewundert, gefördert und zugleich in eine bestimmte Rolle gedrängt. Früh lernt er, dass er Aufmerksamkeit erhält, wenn er Erwartungen erfüllt. Sartre beschreibt rückblickend, wie er dieses Spiel selbst mitspielt und beginnt, sich als besonders begabtes Kind zu inszenieren.

Gleichzeitig fehlt ihm lange das normale soziale Leben mit Gleichaltrigen. Bücher werden deshalb zu seiner eigentlichen Welt. Lesen eröffnet ihm Räume, Abenteuer und Erfahrungen, die sein Alltag nicht bietet. Später beginnt er selbst zu schreiben. Aus dem lesenden Kind wird ein Kind, das sich als zukünftiger Schriftsteller begreift.

„Lesen“ und „Schreiben“

Die Wörter ist in zwei große Teile gegliedert: „Lesen“ und „Schreiben“. Diese einfache Struktur beschreibt zugleich Sartres geistige Entwicklung.

Im ersten Teil steht die Entdeckung der Bücher im Mittelpunkt. Sartre wächst in einer bildungsbürgerlichen Umgebung auf, in der Literatur hohes Ansehen genießt. Die Bibliothek seines Großvaters wird zu einem beinahe heiligen Ort. Bücher erscheinen dem Kind zunächst nicht als von Menschen gemachte Gegenstände, sondern als Träger einer höheren Wahrheit.

Lesen bedeutet für ihn aber auch Flucht. Während andere Kinder ihre Umwelt unmittelbar erleben, erfährt Sartre vieles zunächst durch Geschichten. Abenteuer werden gelesen, Landschaften vorgestellt, Helden bewundert. Das geschriebene Wort tritt zwischen ihn und die wirkliche Welt.

Im zweiten Teil geht Sartre vom Lesen zum Schreiben über. Er beginnt eigene Geschichten zu verfassen und entwickelt zunehmend die Vorstellung, zum Schriftsteller bestimmt zu sein. Auch dies schildert der erwachsene Sartre mit spöttischer Distanz. Der kleine Poulou schreibt nicht nur aus Freude am Erzählen. Er möchte Bedeutung erlangen und sich selbst beweisen, dass sein Leben einen besonderen Sinn besitzt.

Eine Kindheit unter Erwachsenen

Ein wesentliches Thema des Buches ist Sartres ungewöhnliche Familiensituation. Nach dem frühen Tod des Vaters wächst er in einem Haushalt auf, in dem Mutter, Großmutter und vor allem Großvater seine wichtigsten Bezugspersonen sind.

Der Großvater Charles Schweitzer nimmt eine besonders starke Stellung ein. Er fördert Sartres Bildung, liebt Bücher und sieht in seinem Enkel früh etwas Besonderes. Diese Zuneigung besitzt jedoch eine Kehrseite. Sartre lernt, sich selbst durch den Blick der Erwachsenen wahrzunehmen.

Er spielt den klugen, unterhaltsamen, außergewöhnlichen Jungen. Das Kind entwickelt gewissermaßen eine Rolle und führt sie für seine Familie auf. Rückblickend beschreibt Sartre diese Situation nicht nur als familiäre Idylle, sondern auch als Ursprung seiner frühen Selbsttäuschung.

Damit berührt das Buch ein Thema, das über Sartres eigene Biografie hinausgeht: Wie stark entsteht unser Bild von uns selbst dadurch, wie andere Menschen uns sehen?

Bücher als Ersatz für die Wirklichkeit

Lesen erscheint in Die Wörter keineswegs ausschließlich positiv. Sartre war ohne Zweifel ein leidenschaftlicher Leser, doch im Rückblick betrachtet er seine frühe Bücherwelt auch kritisch.

Literatur ermöglicht ihm, die Grenzen seines Alltags zu verlassen. Gleichzeitig verhindert sie teilweise, dass er die Wirklichkeit unmittelbar erlebt. Statt Abenteuer zu bestehen, liest er über Abenteuer. Statt die Welt kennenzulernen, eignet er sich zunächst Vorstellungen über sie an.

Genau darin steckt einer der interessantesten Gedanken des Buches. Wörter können Wirklichkeit erschließen – sie können sich aber auch vor die Wirklichkeit schieben. Ein Mensch kann schließlich mehr mit seinen Vorstellungen über die Welt beschäftigt sein als mit der Welt selbst.

Sartre beschreibt also nicht einfach, wie schön Bücher sind. Er untersucht auch die Gefahr, aus Literatur eine Ersatzwelt zu machen.

Schreiben und der Wunsch nach Unsterblichkeit

Noch radikaler wird Sartres Selbstkritik beim Thema Schreiben. Als Kind entwickelt er früh die Vorstellung, als Autor etwas Dauerhaftes schaffen zu können. Literatur verspricht ihm eine Form von Unsterblichkeit.

Der zukünftige Schriftsteller möchte nicht einfach Geschichten erzählen. Er möchte durch seine Bücher Bedeutung erhalten. Der Gedanke, eines Tages ein großer Autor zu sein, gibt seinem Leben eine Aufgabe und rechtfertigt zugleich seine Sonderstellung.

Der erwachsene Sartre entlarvt darin einen Mechanismus, den er später philosophisch immer wieder untersucht hat: Menschen erzählen sich Geschichten darüber, wer sie seien und wozu sie bestimmt seien. Solche Geschichten können Halt geben, aber sie können auch zur Selbsttäuschung werden.

Der kleine Sartre glaubt an seine Bestimmung zum Schriftsteller. Der ältere Sartre untersucht, wie und warum dieser Glaube entstanden ist.

Wie zuverlässig sind Sartres Erinnerungen?

Die Wörter erschien 1964. Zwischen der beschriebenen Kindheit und dem Schreiben des Buches liegen also rund fünf Jahrzehnte. Deshalb sollte man das Werk nicht wie ein Protokoll betrachten, das jede Szene exakt dokumentiert.

Doch genau darin liegt auch ein Missverständnis, wenn man von einer Autobiografie ausschließlich faktische Rekonstruktion erwartet. Sartre versucht nicht, jeden Tag seiner Kindheit chronologisch wiederzugeben. Er konstruiert aus der Perspektive des älteren Mannes eine Deutung seiner frühen Jahre.

Das macht das Buch nicht wertlos oder automatisch unglaubwürdig. Es bedeutet vielmehr, dass zwei Figuren gleichzeitig anwesend sind: das Kind, das erlebt, und der ältere Sartre, der dieses Kind interpretiert. Zwischen beiden liegt ein ganzes Leben.

Gerade die Distanz ist entscheidend für das Buch. Sartre beschreibt nicht nur, was er als Kind dachte. Er zeigt, was er Jahrzehnte später von diesen Gedanken hält.

Sartre gegen den eigenen Mythos

Besonders bemerkenswert ist die Härte, mit der Sartre sein früheres Selbst betrachtet. Er präsentiert sich nicht als Wunderkind, dessen spätere Karriere bereits unvermeidlich war. Vielmehr macht er sich über genau diese Vorstellung lustig.

Der Junge hält sich für außergewöhnlich, weil seine Umgebung ihm dieses Gefühl vermittelt. Er träumt von Ruhm, Bedeutung und literarischer Größe. Der berühmte Sartre, der rückblickend erzählt, könnte diesen Mythos bequem bestätigen. Stattdessen zerlegt er ihn.

Das unterscheidet Die Wörter von vielen Erinnerungsbüchern prominenter Menschen. Sartre versucht nicht, seine Kindheit nachträglich als logische Vorbereitung auf seine spätere Berühmtheit darzustellen. Er untersucht vielmehr die Illusionen, mit denen er selbst seinem Leben Bedeutung verlieh.

Natürlich entsteht dadurch wiederum eine neue Inszenierung: auch der schonungslose Selbstkritiker Sartre ist eine literarische Figur. Gerade deshalb bleibt das Buch spannend.

Was hat das mit Sartres Philosophie zu tun?

Man muss Sartres philosophische Werke nicht kennen, um Die Wörter zu verstehen. Dennoch lassen sich viele Themen wiedererkennen, die auch sein Denken prägen.

Sartre misstraut der Vorstellung, ein Mensch besitze von Geburt an ein festes Wesen oder eine vorherbestimmte Aufgabe. Menschen erschaffen sich vielmehr durch ihr Handeln und durch die Bedeutungen, die sie ihrem Leben geben.

Der kleine Sartre tut allerdings genau das Gegenteil: Er stellt sich vor, bereits zum Schriftsteller bestimmt zu sein. Sein Leben soll einem vorgegebenen Plan folgen. Der erwachsene Sartre erkennt darin nachträglich eine Form der Selbsttäuschung.

Damit wird die autobiografische Erzählung zugleich zu einem philosophischen Beispiel. Sartre untersucht an seinem eigenen Leben, wie Menschen Identitäten konstruieren und anschließend so behandeln, als seien sie naturgegeben.

Der ironische Ton

Zu den größten Stärken des Buches gehört sein Ton. Sartre schreibt elegant, pointiert und häufig sehr komisch. Die Ironie richtet sich dabei immer wieder gegen ihn selbst.

Das verhindert, dass aus der Kindheitsgeschichte ein sentimentales Erinnerungsbuch wird. Sartre betrachtet die bildungsbürgerliche Welt seiner Familie ebenso kritisch wie seine eigene Rolle darin. Seine frühe Verehrung von Literatur erscheint mal rührend, mal lächerlich und gelegentlich sogar grotesk.

Gerade deshalb ist Die Wörter auch für Leser interessant, die mit Existentialismus wenig anfangen können. Das Buch funktioniert als literarische Selbstanalyse unabhängig von Sartres philosophischem Werk.

Rezension: Wie liest sich „Die Wörter“ heute?

Die Wörter ist vergleichsweise kurz und sprachlich deutlich zugänglicher als Sartres große philosophische Werke. Wer bei seinem Namen sofort an komplizierte existentialistische Theorie denkt, dürfte überrascht sein.

Eine traditionelle Handlung sollte man allerdings nicht erwarten. Die Spannung entsteht nicht daraus, was als Nächstes passiert. Sie entsteht daraus, wie Sartre seine eigenen Erinnerungen interpretiert.

Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo Sartre die Wechselwirkung zwischen Literatur und Selbstbild beschreibt. Wer viel liest, kennt zumindest abgeschwächt die Erfahrung, dass Bücher nicht nur Wissen vermitteln, sondern Vorstellungen darüber prägen, wie ein interessantes Leben aussehen sollte. Sartre treibt diesen Gedanken ins Extreme: Er beginnt nicht nur durch Bücher die Welt zu verstehen, sondern auch sich selbst wie eine literarische Figur zu betrachten.

Man muss seiner rückblickenden Deutung nicht in jedem Punkt vertrauen. Autobiografie ist immer Auswahl und Konstruktion. Aber gerade bei Sartre gehört dieses Problem zum Reiz des Werkes. Ein Mann, der sich zeitlebens mit Freiheit, Identität und Selbsttäuschung beschäftigte, macht schließlich seine eigene Kindheit zum Untersuchungsgegenstand.

Unser Fazit

Die Wörter ist weniger eine Geschichte über Sartres Kindheit als eine Geschichte darüber, wie ein Mensch eine Vorstellung von sich selbst entwickelt.

Bücher geben dem einsamen Jungen eine Welt. Schreiben gibt ihm eine Aufgabe. Die Bewunderung seiner Familie vermittelt ihm das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Aus diesen Elementen entsteht langsam die Identität des zukünftigen Schriftstellers.

Der ältere Sartre blickt jedoch nicht ehrfürchtig auf diesen Ursprung zurück. Er nimmt die Konstruktion auseinander. Genau darin liegt die Stärke des Buches: Der berühmte Autor erzählt nicht, wie selbstverständlich aus dem begabten Kind Jean-Paul Sartre werden musste. Er zeigt, wie das Kind sich selbst eine Geschichte erzählte, nach der genau das geschehen würde.

So wird Die Wörter zu einem klugen Buch über Literatur, Kindheit und Selbsttäuschung – und über die Macht von Geschichten, nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Leben zu formen.

Jean-Paul Sartre und „Die Wörter“ – die wichtigsten Fakten

  • Autor: Jean-Paul Sartre (1905–1980)
  • Originaltitel: Les Mots
  • Erstveröffentlichung: 1964
  • Gattung: autobiografische Prosa
  • Aufbau: zwei Teile – „Lesen“ und „Schreiben“
  • Behandelter Zeitraum: vor allem Sartres frühe Kindheit
  • Wichtige Bezugspersonen: seine Mutter Anne-Marie und sein Großvater Charles Schweitzer
  • Zentrale Themen: Kindheit, Lesen, Schreiben, Selbstbild, Erinnerung, Bildung und Selbsttäuschung
  • Besonderheit: keine vollständige Autobiografie, sondern eine rückblickende Analyse der Entstehung des eigenen Schriftsteller-Selbstverständnisses
  • Literarischer Kontext: Das Buch erschien im selben Jahr, in dem Sartre der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, den er ablehnte.