
Vermutlich denken wir bei Oberstufenlektüre alle mehr oder weniger an dieselben Autoren. Goethe und Schiller natürlich, Kleist und Kafka, Brecht und sicher noch die Familie Mann. Seit Generationen hält sich das Bild eines Schulkanons, der aus einigen Dutzend Klassikern besteht und von Kultusministerien, Lehrplänen und Abiturvorgaben immer wieder neu sortiert wird. Mit der Wirklichkeit in den Oberstufen hat dieses Bild erstaunlich wenig zu tun.
Mehr als 4.000 deutschsprachige Schulen weltweit: Was wird wirklich gelesen?
Welche Bücher Schüler in der Oberstufe lesen, lässt sich auf den ersten Blick leicht beantworten. Die meisten Bundesländer veröffentlichen Vorgaben für das Abitur, Lehrpläne nennen Epochen und Themen, Verlage bieten passende Schulausgaben an.
Das beantwortet aber nur einen Teil der Frage. Denn Unterricht besteht nicht ausschließlich aus Pflichtlektüre. Schulen und Fachschaften haben Spielräume, Lehrer setzen zusätzliche Schwerpunkte, vergleichen Werke miteinander oder greifen Bücher auf, die zu einem Kurs, einem Thema oder einer Klasse besonders gut passen.
Uns interessierte deshalb nicht allein, was gelesen werden soll, sondern was tatsächlich gelesen wird. Für unsere Oberstufen-Lektüreliste hat Fabelhafte Bücher im September und Oktober 2026 knapp 4.300 Schulen angeschrieben und danach gefragt, welche literarischen Werke sie tatsächlich im Unterricht lesen und besprechen. Nicht nur diejenigen, die für das Abitur vorgeschrieben sind. Sondern auch Bücher, die Fachschaften auswählen, Lehrer ergänzen, Kurse als Vergleichslektüre heranziehen oder Schulen aus eigener Überzeugung in ihren Unterricht aufnehmen.
Wir haben nicht nur Gymnasien und Schulen mit Oberstufe in Deutschland angeschrieben, sondern auch in Österreich und der deutschsprachigen Schweiz sowie deutsche Schulen auf der ganzen Welt und um Einblick in ihre Oberstufenlektüre gebeten. Über 600 Schulen haben geantwortet. Nach unserer Kenntnis ist dies eine der bislang umfangreichsten Erhebungen dazu, welche literarischen Werke an deutschsprachigen Schulen in der Oberstufe tatsächlich eingesetzt werden.
Sie ist keine repräsentative Zufallsstichprobe im sozialwissenschaftlichen Sinn. Sie beansprucht also nicht, auf die Nachkommastelle auszurechnen, wie viele Schüler gerade welches Buch lesen. Ihr Vorteil liegt an einer anderen Stelle: Sie bildet eine ungewöhnlich große Zahl konkreter Entscheidungen aus der Unterrichtspraxis ab.
Und diese Entscheidungen zeigen nicht nur, welche Werke zum gemeinsamen Kern gehören. Sie zeigen vor allem, wie groß die Welt außerhalb dieses Kerns ist.
29 Pflichtwerke – und 646 dokumentierte Lektüren
Besonders deutlich wird der Unterschied in Deutschland. Nur 29 unterschiedliche Werke gehören derzeit zum verbindlichen deutschen Abitur-Pflichtkern. Dem stehen 646 Werke im gesamten von uns dokumentierten deutschsprachigen Lektürekorpus gegenüber.
Rein rechnerisch ist das ein Verhältnis von ungefähr eins zu 22. Direkt vergleichbar sind die Zahlen allerdings nicht: Die 29 Werke beziehen sich auf deutsche Abiturvorgaben, die 646 auf die wesentlich breitere tatsächliche Lektürepraxis in Deutschland, Österreich, der deutschsprachigen Schweiz und deutschen Auslandsschulen.
Gerade deshalb ist der Kontrast interessant. Wer nur auf Abiturvorgaben schaut, sieht einen kleinen, stark verdichteten Ausschnitt. Wer in die Schulen schaut, entdeckt darum herum Hunderte weitere Bücher.
Diese Bücher gehören nicht automatisch zum Kanon. Im Gegenteil: Ein großer Teil von ihnen zeigt gerade, wo der Kanon endet und die Freiheit der einzelnen Länder, Schulen, Fachschaften und Lehrer beginnt.
Zwei fast bundesweite Pflichtwerke – und danach beginnt der Föderalismus
Ganz ohne gemeinsamen Kern funktioniert der deutsche Literaturunterricht trotzdem nicht. Der auffälligste Fixpunkt ist derzeit Heinrich von Kleists Der zerbrochne Krug. Das Stück steht in 11 von 12 Bundesländern, die konkrete Abiturlektüren vorgeben. Dahinter folgt Jenny Erpenbecks Heimsuchung mit 10 von 12 Ländern.
Allein diese Kombination erzählt bereits einiges über den gegenwärtigen Kanon. Auf der einen Seite Kleist, geboren 1777 und seit Generationen Schulautor. Auf der anderen Jenny Erpenbeck, geboren 1967, mit einem Roman aus dem Jahr 2008.
Dass gerade diese beiden Werke in fast allen Ländern auftauchen, ist allerdings kein Zufall. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) koordiniert als wissenschaftliche Einrichtung der Länder die ländergemeinsamen Abituraufgabenpools. Für das Fach Deutsch werden dabei jeweils für drei aufeinanderfolgende Prüfungsjahre zwei Lektüren festgelegt, deren Kenntnis für die Bearbeitung entsprechender Poolaufgaben vorausgesetzt wird. Für die Prüfungsjahre 2026 bis 2028 sind das Kleists Der zerbrochne Krug und Erpenbecks Heimsuchung. Ihre fast bundesweite Verbreitung zeigt damit weniger eine zufällige Übereinstimmung der Länder als vielmehr, wie die länderübergreifende Koordination einen – wenn auch sehr schmalen – gemeinsamen Konsens schafft.
Nach diesen wenigen Fixpunkten wird das Bild allerdings schnell unübersichtlich. Von gerade einmal 29 Werken, die in den deutschen Abiturvorgaben konkret genannt werden, erscheinen 25 nur in einem einzigen Bundesland.
Der gemeinsame deutsche Pflichtkern ist also schmal. Dahinter beginnt fast sofort der Föderalismus. Ein Schüler in Hamburg kann am Ende seiner Schulzeit einen deutlich anderen literarischen Parcours hinter sich haben als eine Schülerin in Bayern, Hessen oder Sachsen. Und selbst diese amtlichen Unterschiede sind nur der Anfang. Hinzu kommen die Entscheidungen der einzelnen Schulen.
Goethe ist groß. Brecht ist breiter. Moyes cooler.
Auch bei den Autoren lohnt sich ein anderer Blick als die klassische Frage nach dem „wichtigsten“ Schriftsteller. Denn kanonische Stellung und Zahl der verwendeten Werke sind nicht dasselbe.
Bertolt Brecht ist in unserer Sammlung mit 14 unterschiedlichen Werken vertreten und damit der Autor mit der größten Bandbreite. Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und Friedrich Schiller folgen mit jeweils zehn verschiedenen Werken.
Das bedeutet nicht, dass alle 14 Brecht-Titel zum Schulkanon gehören. Es zeigt vielmehr, dass Kanonisierung auch auf der Ebene des Autors stattfinden kann. Ein Name kann fest zum kulturellen Bestand des Unterrichts gehören, obwohl verschiedene Schulen ganz unterschiedliche Texte desselben Schriftstellers auswählen. Gerade Brecht ist dafür ein gutes Beispiel. Sein Platz im Schulunterricht hängt nicht an einem einzigen Buch. Drama, Lyrik und Prosa bieten Schulen unterschiedliche Zugänge.
Der gemeinsame Kanon besteht deshalb nicht ausschließlich aus einer Handvoll überall identisch gelesener Werke. Er kann ebenso aus Autoren bestehen, über deren Bedeutung weitgehend Einigkeit herrscht, während die konkrete Textauswahl auseinandergeht.
Drei Viertel Tradition, ein Viertel Gegenwart
Auch die Vorstellung, die Oberstufe beschäftige sich nahezu ausschließlich mit alter Literatur, hält den Daten nicht stand. Für unsere Untersuchung haben wir eine klare zeitliche Grenze gezogen: Als Klassiker zählen wir alle Werke, die bis einschließlich 2000 erstmals veröffentlicht wurden. Alles ab 2001 rechnen wir zur Gegenwartsliteratur. Marcel Reich-Ranicki wäre mit der Definition vielleicht nicht einverstanden, aber jedes Werk einzeln einzuordnen, ist für eine große Untersuchung auch keine Lösung.
Das Ergebnis: Mit 482 Werken sind rund drei Viertel der 646 erfassten Werke Klassiker, rund ein Viertel (164 Titel) stammt aus dem neuen Jahrtausend.
Das ist keine literarische Revolution. Ältere und etablierte Literatur dominiert weiterhin deutlich. Die alten Meister sind keineswegs aus den Klassenzimmern verschwunden. Aber ein Viertel Gegenwartsliteratur ist auch keine Randerscheinung.
Der Deutschunterricht der Oberstufe lebt offenbar von beidem: von Werken, an denen sich literaturgeschichtliche Traditionen zeigen lassen, und von Büchern, deren Welt den Schülern zeitlich sehr viel näher liegt.
Dass Jenny Erpenbecks Heimsuchung inzwischen zu den am breitesten verankerten deutschen Abiturlektüren zählt, ist dafür vielleicht das sichtbarste Beispiel. Noch interessanter wird es aber jenseits des gemeinsamen Kerns.
Oder hätten Sie gedacht, dass in deutschen Klassenzimmern Jonathan Franzens Korrekturen gelesen werden? Oder John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter? Auch Jojo Moyes Ein ganzes halbes Jahr mutet eher wie Literatur an, die die Jugend sowieso liest. Bei genauerer Überlegung ist das wenig überraschend – Lehrer suchen nach Texten, die Schüler zum lesen animieren – also wieso nicht da abholen, wo deren Lesegewohnheiten beginnen?
Deutschland, Österreich und die Schweiz lesen nicht dieselbe Oberstufe
In Deutschland erzeugen die Abiturvorgaben der Länder trotz aller föderalen Unterschiede einen erkennbaren gemeinsamen Kern. Der zerbrochne Krug und Heimsuchung sind dafür die auffälligsten Beispiele. Um diesen Pflichtbestand herum wählen Schulen und Lehrer weitere Werke aus. Allerdings gilt schon innerhalb Deutschlands keineswegs überall das gleiche Modell: Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben keine landesweit festgelegten konkreten Pflichtlektüren für das schriftliche Deutsch-Abitur. In den dokumentierten Abiturvorgaben von zwölf Bundesländern für die Prüfungsjahre 2026 bis 2028 werden insgesamt 29 unterschiedliche literarische Werke konkret genannt. Nur vier davon tauchen in mehr als einem Bundesland auf. Die übrigen 25 finden sich jeweils nur in einem Land.
Teilweise geben die Länder stattdessen Themenfelder, Epochen oder andere curriculare Rahmenbedingungen vor; welche konkreten Werke gelesen werden, entscheiden dann in wesentlich stärkerem Maße Schulen, Fachschaften und Lehrer.
In den Rückmeldungen aus der Schweiz begegnete uns deutlich mehr Freiheit. Eine Kantonsschule im Zürcher Oberland antwortete beispielsweise, es gebe keine Pflichtlektüren; die Lehrpersonen hätten Lehrfreiheit. Ähnlich formulierte es ein Gymnasium im Kanton Waadt: Eine offizielle Lektüreliste existiere nicht, die Kollegen der Oberstufe suchten ihre Bücher selbst aus.
Aus Etoy beispielsweise wurden als regelmäßig gelesene Werke Rafik Schamis Eine Hand voller Sterne, Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen, Martin Suters Allmen und die Libellen, Max Frischs Biedermann und die Brandstifter und Caroline Wahls 22 Bahnen genannt.
Ein kanonischer Schweizer Autor wie Frisch steht darin neben dem Schweizer Gegenwartsautor Suter, aber ebenso selbstverständlich neben Schami und Wahl. Die einzelne Schule stellt ihre Lektüre deutlich freier zusammen, als es ein zentraler Pflichtkatalog erlauben würde.
Auch die österreichischen Rückmeldungen haben einen eigenen Ton. Ein Gymnasium in Wien arbeitet sich über seine Module durch einen ausgesprochen klassischen Bestand – von Zweigs Angst über Lessings Nathan der Weise, Goethes Faust I, Büchners Woyzeck und Kafkas Verwandlung bis zu Frischs Andorra. Auffällig sind zugleich Arthur Schnitzlers Fräulein Else und am Ende Anne Webers Annette, ein Heldinnenepos.
In einer anderen Schule ebenfalls in Wien stehen hingegen neben Goethe, Brecht, Kafka und Dürrenmatt zahlreiche Autoren, die in dieser Dichte in einer deutschen Schulliste sehr viel weniger selbstverständlich nebeneinander auftauchen: Peter Rosegger, Marlen Haushofer, Johann Nestroy, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Joseph Roth, Robert Musil, Thomas Bernhard, Peter Handke, Ödön von Horváth, Friedrich Torberg, Wolf Haas, Michael Köhlmeier oder Arno Geiger. Dazu kommen mit Tonio Schachingers Echtzeitalter und Wolf Haas’ Wackelkontakt ausgesprochen aktuelle österreichische Literatur.
Besonders interessant ist nicht nur, welche Werke Grenzen überschreiten, sondern auch, was an deren Rändern passiert. Max Frisch etwa begegnet uns in schweizerischen, österreichischen und deutschen Zusammenhängen. Daneben treten aber nationale Traditionen, lokale Vorlieben und die Freiheit einzelner Schulen immer stärker hervor.
Gerade diese Unterschiede helfen dabei, Kanon und Unterrichtspraxis auseinanderzuhalten: Was über Länder und Schulen hinweg immer wiederkehrt, spricht für kanonische Stabilität. Was nur lokal oder vereinzelt auftaucht, gehört zur viel größeren Peripherie des tatsächlich Gelesenen.
Schulen lesen Themen, nicht nur große Namen
Warum kommen überhaupt 646 verschiedene Werke zusammen? Eine Antwort liefert der Blick auf die Themen.
Die größte Gruppe der Sammlung bilden mit 97 Werken Texte aus dem Feld „Gesellschaft, Macht und Moral“. Es folgen „Liebe, Familie und Beziehungen“ mit 79 Werken und „Erwachsenwerden, Identität und Außenseiter“ mit 68. Das klingt zunächst beinahe banal. Natürlich beschäftigen sich Romane und Dramen mit Macht, Liebe oder Identität. Für die Auswahl im Unterricht ist es aber entscheidend.
Eine Oberstufenlektüre muss nicht zwingend zum Kanon gehören, um für den Unterricht interessant zu sein. Mit ihr muss sich arbeiten lassen. Sie muss Fragen aufwerfen, Konflikte sichtbar machen, Vergleichsmöglichkeiten eröffnen und im besten Fall Diskussionen auslösen.
Warum handelt jemand gegen die eigene Überzeugung? Wie verändert Macht Menschen? Was schuldet der Einzelne einer Gesellschaft? Was bedeutet Zugehörigkeit? Wann wird Anpassung zum Verrat an sich selbst? Solche Fragen lassen sich mit einem Drama aus dem 18. Jahrhundert ebenso diskutieren wie mit einem Roman aus dem 21.
Vielleicht erklärt gerade das, warum die tatsächliche Lektürepraxis so viel breiter ist als der gemeinsame Kanon. Schulen suchen nicht ausschließlich nach den literaturgeschichtlich bedeutendsten Texten. Sie suchen auch nach Büchern, mit denen sich im Unterricht etwas anfangen lässt.
347 Autoren – und die meisten mit nur einem Werk
Auch die Verteilung auf die Autoren zeigt, wie breit dieses Feld geworden ist. 347 Autoren und Autorenteams sind in der Sammlung vertreten. Fast 64 Prozent von ihnen erscheinen dort mit nur einem einzigen Werk. Auf der einen Seite stehen also Schriftsteller wie Brecht, Goethe, Thomas Mann oder Schiller, aus deren Werk Schulen immer wieder unterschiedliche Texte auswählen. Auf der anderen Seite steht eine große Zahl von Autoren, die mit genau einem Buch in der Sammlung vertreten sind.
Was ist den nun der „wahre“ Kanon?
Bleibt die Frage, was von diesen 646 Werken tatsächlich zum Kanon gehört. Denn dass irgendwo ein Buch gelesen wird, macht es noch nicht kanonisch. Für unsere Auswertung haben wir deshalb als Kanon jene Werke definiert, die in mindestens 20 Prozent der verwertbaren Rückmeldungen mit konkreten Lektüreangaben vorkamen.
Damit schrumpft die riesige Sammlung plötzlich auf gerade einmal 15 Werke zusammen. Ganz vorne steht Büchners Woyzeck, der bei rund 55 Prozent der Schulen auftaucht. Hochgerechnet auf die 4.272 von uns angeschriebenen Schulen wären das rund 2.400 Schulen. Goethes Faust folgt mit etwa 50 Prozent, Jenny Erpenbecks Heimsuchung mit knapp 50 Prozent. Kleists Der zerbrochne Krug und Hoffmanns Der Sandmann kommen jeweils auf gut 40 Prozent.
Dahinter folgen Lessings Emilia Galotti mit rund einem Drittel sowie Nathan der Weise und Juli Zehs Corpus Delicti mit jeweils rund 30 Prozent. Kafkas Die Verwandlung kommt auf knapp 30 Prozent, Dürrenmatts Die Physiker und Süskinds Das Parfum auf ungefähr ein Viertel. Ebenfalls über unserer 20-Prozent-Schwelle liegen Arthur Schnitzlers Fräulein Else sowie Caroline Wahls 22 Bahnen, Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel und Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame.
Das wäre nach unserer Definition der versteckte, wahre Oberstufenkanon 2026: Woyzeck, Faust, Heimsuchung, Der zerbrochne Krug, Der Sandmann, Emilia Galotti, Nathan der Weise, Corpus Delicti, Die Verwandlung, Die Physiker, Das Parfum, Fräulein Else, 22 Bahnen, Bahnwärter Thiel und Der Besuch der alten Dame.
Bemerkenswert ist dabei auch, wer fehlt. Bertolt Brecht ist mit besonders vielen unterschiedlichen Werken in unserer Sammlung vertreten, ebenso begegnen uns Thomas Mann und Schiller immer wieder. Ihre kanonische Stellung verteilt sich aber offenbar stärker auf verschiedene Texte. Der Kanon besteht also aus zwei Ebenen: aus einzelnen Werken, die quer durch die Schulen immer wieder gelesen werden, und aus Autoren, die „kanonisch“ sind, ohne dass einzelne Werke über die 20 % Schwelle kommen müssen.
Von 646 nachgewiesenen Werken erfüllen am Ende nur 15 unsere 20-Prozent-Regel. Der eigentliche Kanon ist also erstaunlich klein. Die Wirklichkeit in den Klassenzimmern kennt hingegen eine erstaunlich große, bewegliche und vielfältige Lektürepraxis.
Datenstand: Oktober 2026. Auswertung von Fabelhafte Bücher; Autoren- und Titelvarianten sowie eindeutige Dubletten wurden für die statistische Auswertung zusammengeführt.

