Muss der Schreibworkshop neu erfunden werden?
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Zwölf angehende Autoren zerlegen ein Manuskript, während sein Verfasser schweigen muss. Was jahrzehntelang als ideale Schreibausbildung galt, hält der amerikanische Schriftsteller Garth Greenwell inzwischen für einen Irrweg. Seine öffentliche Abrechnung mit traditionellen Schreibworkshops hat eine Debatte ausgelöst: Helfen solche Kurse tatsächlich, bessere Bücher zu schreiben – oder erziehen sie Autoren zur Mittelmäßigkeit?

Ausgerechnet einer seiner besten Schreibkurse brachte Garth Greenwell dazu, mit einer langjährigen Überzeugung zu brechen. Die Studenten waren talentiert, die Gespräche konstruktiv, der Unterricht verlief erfolgreich. Trotzdem verließ der Schriftsteller das Semester mit dem Gefühl, an etwas grundsätzlich Falschem mitzuwirken. Am 12. August 2026 veröffentlichte er einen Essay mit dem Titel „Why I Don’t Believe in Workshop Anymore“. Seine Konsequenz: Er werde keine traditionellen, auf gegenseitiger Manuskriptkritik beruhenden Schreibworkshops mehr unterrichten. Für jemanden, der damit seit Jahren einen erheblichen Teil seines Lebensunterhalts verdient, ist das keine beiläufige Ankündigung.

Greenwell kennt das amerikanische Ausbildungssystem von beiden Seiten. Er studierte selbst am renommierten Iowa Writers’ Workshop und unterrichtete später angehende Schriftsteller. Nun stellt er eine unangenehme Frage: Wer hat eigentlich entschieden, dass zehn oder zwölf Studenten über einen frisch geschriebenen Text urteilen sollen, während dessen Verfasser schweigend zuhört? In seinem Essay erinnert er an eine Unterrichtskultur, in der Härte lange als pädagogische Tugend galt. Der frühere Iowa-Leiter Frank Conroy soll einen Workshop nur dann für gelungen gehalten haben, wenn jemand weinte. Greenwell selbst erlebte weinende Kommilitonen. Einmal verließ auch ein Student seinen eigenen Unterricht unter Tränen.

Wenn die Stimmen der anderen im Kopf bleiben

Das eigentliche Problem beginnt für Greenwell allerdings nicht erst bei verletzender Kritik. Auch wohlmeinende Ratschläge können einem Manuskript schaden. Wer ständig erklärt bekommt, welche Figuren überzeugender, welche Dialoge glaubwürdiger und welche Passagen verständlicher sein sollten, verliert womöglich das Gespür für seine eigene Geschichte. Besonders gefährlich erscheint ihm der Druck, möglichst vielen Teilnehmern zu gefallen. Was ungewöhnlich, sperrig oder zunächst unverständlich wirkt, wird überarbeitet, bis niemand mehr Anstoß nimmt. Zurück bleibt ein sauber gebauter Text, dem möglicherweise gerade das fehlt, was ihn interessant gemacht hätte.

Greenwell berichtet sogar von einer persönlichen Folge seiner Ausbildung. Während seiner Jahre als Lyriker sammelte er unzählige Urteile hochgeschätzter Lehrer. Rückblickend vermutet er, dass diese Stimmen mit dazu beitrugen, ihn von der Lyrik wegzutreiben. Als er Prosa schrieb, erlebte er dagegen eine befreiende Stille: Niemand sagte ihm, wie ein Roman auszusehen hatte. Besonders aufschlussreich ist ein weiterer Vergleich. Die Zusammenarbeit mit dem Lektor seines Debütromans What Belongs to You habe ihn mehr gelehrt als beide seiner MFA-Studiengänge zusammen. Der Lektor wollte verstehen, was Greenwell erzählen wollte, statt den Text an allgemeinen Regeln zu messen.

Der Autor schweigt, die anderen wissen es besser

Wie widersprüchlich die Erfahrungen tatsächlich sind, zeigt die Geschichte des Lyrikers DeeSoul Carson. In einer WHYY-Reportage von 2022 schilderte er seine Frustration darüber, dass andere Studenten über die Bedeutung seiner Gedichte diskutierten, während er nicht eingreifen durfte. Gleichzeitig empfand er genau diese Situation als lehrreich. Schließlich könne er später auch nicht neben jedem Leser stehen und seine Verse erklären.

Carson hatte zuvor bei offenen Literaturabenden in San Diego eine ganz andere Form der Rückmeldung kennengelernt. Dort reagierte das Publikum unmittelbar mit Zurufen, Fingerschnipsen und Begeisterung. Im akademischen Workshop dagegen wurde sein Text sorgfältig auseinandergenommen. Als Schwarzer Autor in einer überwiegend weißen Gruppe stellte er zudem fest, dass manche Leser kulturelle Anspielungen erst verstanden, nachdem er umfangreiche Erklärungen geliefert hatte. Das wirft eine Frage auf, die über persönliche Empfindlichkeiten hinausgeht: Muss ein Buch für jeden Leser verständlich sein? Oder darf es Kenntnisse voraussetzen, die nicht jeder mitbringt?

Der amerikanische Schriftsteller Matthew Salesses beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fragen. In seinem Buch Craft in the Real World und einem Interview mit dem Magazin BOMB beschreibt er, wie vermeintlich allgemeingültige Schreibregeln von bestimmten literarischen Traditionen geprägt werden. Sein Vorschlag: Autoren sollen sich genauer überlegen, für wen sie eigentlich schreiben. Denn die Reaktion einer zufällig zusammengesetzten Seminargruppe ist nicht automatisch das Urteil des Publikums, das ein Buch später erreichen soll.

Schreiben statt zerreden

Greenwell hat inzwischen eine Alternative ausprobiert. Bei einem fünftägigen Kurs am Collegeville Institute in Minnesota verzichtete er auf die übliche Begutachtung unfertiger Manuskripte. Stattdessen gab es Schreibexperimente, Filmvorführungen, gemeinsame Lektüren und Wortspiele. Eine Aufgabe bestand beispielsweise darin, eine Szene zu schreiben, in der die feste Überzeugung einer Figur sie zu Handlungen treibt, die andere Menschen nicht nachvollziehen können. Nicht die Fehler eines vorhandenen Textes standen im Mittelpunkt, sondern die Entdeckung neuer Möglichkeiten. Greenwell bezeichnete diese Woche anschließend als seine möglicherweise beste Unterrichtserfahrung überhaupt.

Seine Abrechnung blieb nicht unwidersprochen. Das australische Literaturmagazin Kill Your Darlings veröffentlichte am 12. Oktober 2026 eine Reihe von Stellungnahmen. Die Schriftstellerin Romy Ash verteidigte den Wert intensiver Textgespräche: Sie habe nach Rückmeldungen vertrauter Leser ganze Romanentwürfe umgeschrieben. Andere berichteten dagegen von verletzenden Erfahrungen und dem Gefühl, vor einer Gruppe regelrecht bloßgestellt zu werden. Einig waren sich die Befragten keineswegs. Besonders deutlich wurde aber, wie stark die Qualität eines Workshops von seinen Teilnehmern und seiner Leitung abhängt.

Greenwell selbst präzisierte bereits am 20. August seine Position. Er wolle keineswegs behaupten, dass aus traditionellen Workshops nichts Gutes entstehen könne. Vielmehr wünsche er sich unterschiedliche Ausbildungsformen, statt immer wieder dasselbe Verfahren zur Norm zu erklären. Sein vielleicht bemerkenswertester Rat lautet: Wer ein Schreibstudium mit ein oder zwei Menschen verlässt, die seine Texte über viele Jahre aufmerksam lesen, hat bereits sehr viel gewonnen.

Damit bekommt die Debatte eine überraschende Wendung. Vielleicht besteht der größte Nutzen eines Schreibworkshops gar nicht darin, dass zehn Menschen einen Text verbessern. Sondern darin, unter diesen zehn Menschen jemanden zu finden, dessen Urteil man wirklich vertrauen kann. Und der auch einmal erkennt, dass eine merkwürdige Passage nicht gestrichen, sondern unbedingt behalten werden sollte.