Narnia: Wie Meryl Streeps Stimme einen Kulturkampf entfacht
Bild: Fabelhafte-Buecher.de · erstellt mit KI

**Ein sprechender Löwe, eine weibliche Stimme und der Vorwurf der Gotteslästerung: Greta Gerwigs neue Narnia-Verfilmung hat einen Streit ausgelöst, der längst über Hollywood hinausreicht. Christliche Kommentatoren werfen der Regisseurin vor, das Werk von C. S. Lewis zu verfälschen. Einer behauptete sogar, Lewis' Familie sei entsetzt. Doch dann meldete sich die Familie selbst zu Wort.**

Ted Baehr war sich seiner Sache ziemlich sicher. Der Gründer des christlichen Filmführers *Movieguide* erklärte im September, C. S. Lewis würde sich angesichts der neuen Narnia-Verfilmung im Grab umdrehen. Auch dessen Familie sei außerordentlich verärgert. Der Grund: Greta Gerwig hatte Meryl Streep als Stimme des Löwen Aslan verpflichtet. Für Baehr war das ein schwerer theologischer Fehler. Er berichtete sogar, die Familie bemühe sich darum, wieder mehr Kontrolle über die Rechte an Lewis' Werken zu gewinnen.

Am 6. Oktober folgte eine Überraschung. Die Familien von Lewis' beiden Stiefsöhnen David und Douglas Gresham veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung. Darin lobten sie Gerwigs Begeisterung für die Bücher, berichteten von ihrem Besuch am Filmset und äußerten den Wunsch, weiterhin mit der Regisseurin zusammenzuarbeiten. Von Empörung war keine Rede. Allerdings äußerten sie sich auch nicht ausdrücklich zu Streeps Besetzung. Gegenüber dem Fanportal *NarniaWeb* erklärten Familienangehörige, dass sie noch keine Filmszenen gesehen und keine Tonaufnahmen gehört hätten. Baehrs Darstellung und die öffentliche Haltung der Familie passten jedenfalls nicht recht zusammen.

Warum ausgerechnet eine Löwenstimme so viel Ärger macht

Man muss die Bücher kennen, um die Aufregung zu verstehen. Aslan ist in den sieben Narnia-Romanen nicht einfach ein freundliches Fantasietier. Er erschafft Narnia, stellt sich dem Bösen entgegen, opfert sein Leben für einen Schuldigen und kehrt von den Toten zurück. Lewis, ein überzeugter Christ und einflussreicher religiöser Schriftsteller, beschrieb den Löwen als eine Vorstellung davon, welche Gestalt Christus in einer anderen Welt annehmen könnte. Aslan ist in den Romanen männlich. Dass nun eine Frau seine Stimme sprechen soll, berührt für manche Leser daher eine Glaubensfrage.

Baehr formulierte diesen Einwand besonders entschieden. Das Evangelium sei kein Mythos, erklärte er gegenüber Associated Press. Man könne mit seiner Symbolik nicht umgehen wie mit den Gestalten einer griechischen Heldensage. Der konservative Kommentator Seth Udinsky ging noch weiter und sah in der Besetzung einen gezielten Angriff auf christliche Symbole. Die katholische Influencerin Isabel Brown warf Gerwig sogar vor, das Christentum absichtlich lächerlich machen zu wollen. Beweise für eine solche Absicht nannte sie nicht. Im Internet erhielt Aslan unterdessen den Spottnamen „Translan“.

Dabei ist eine entscheidende Frage noch offen: Wird Aslan im Film tatsächlich weiblich dargestellt? Eine Frau als Sprecherin macht aus einer männlichen Figur nicht automatisch eine weibliche – oder doch? Doch für Kritiker ist bereits die Stimme ein unzulässiger Eingriff in Lewis' religiöse Symbolik. Phil Vischer, der Schöpfer der christlichen Kinderfilmreihe *VeggieTales*, erklärte gegenüber Religion News Service, ihn irritierten beide Möglichkeiten: ein weiblicher Löwe mit Mähne ebenso wie ein männlicher Löwe mit Frauenstimme. Anders als manche aufgebrachte Kommentatoren wollte er sein endgültiges Urteil allerdings erst nach dem fertigen Film fällen.

Der Streit verläuft mitten durch das christliche Lager

Gerade das macht die Auseinandersetzung interessanter als einen gewöhnlichen Hollywood-Skandal. Die Fronten verlaufen keineswegs einfach zwischen gläubigen Christen und einer liberalen Filmindustrie. Die christliche Schriftstellerin Mary Pezzulo, selbst eine leidenschaftliche Narnia-Leserin, stellte eine ziemlich unangenehme Frage: Warum lässt sich Christus selbstverständlich als Löwe darstellen, während eine weibliche Stimme als Entwürdigung empfunden wird? In dieser Ablehnung sah sie auch eine Geringschätzung von Frauen. Dabei ist Pezzulo keineswegs von Gerwigs Verfilmung begeistert. Andere Veränderungen an der Vorlage betrachtet sie ausgesprochen skeptisch.

Auch die Lewis-Kennerin Christin Ditchfield Lazo mahnte zur Zurückhaltung. Zwischen einer Frau, die einen männlichen Charakter spricht, und einer tatsächlichen Änderung des Geschlechts bestehe ein wesentlicher Unterschied. Der christliche Medienkritiker David Regier wiederum hielt die Einwände gegen einen Austausch der Geschlechter für nachvollziehbar, bezeichnete die Vorwürfe der Gotteslästerung aber als überzogen. Der Kulturkampf entzündete sich also nicht bloß an der Frage, ob Hollywood einen Klassiker verändern darf. Er legte offen, wie unterschiedlich Christen selbst darüber denken, welche Eigenschaften einer Darstellung Christi unverzichtbar sind.

Und Greta Gerwig? Die Regisseurin von *Barbie* lässt sich nur schwer in die Rolle der religionsfeindlichen Provokateurin drängen, die einige Kritiker offenbar in ihr sehen. Bei der Präsentation des ersten Narnia-Trailers am 13. Oktober sprach sie ausführlich über ihren Glauben, ihre kirchlich geprägte Kindheit und ihre lebenslange Beschäftigung mit Lewis. Sie hatte für die Arbeit an dem Film auch seine theologischen Schriften gelesen und Orte besucht, an denen er lebte. Ihre Begründung für Streeps Besetzung war nicht politisch, sondern schauspielerisch: Sie suchte eine Stimme, die Weisheit und Würde ebenso vermitteln kann wie Freude und kindliches Staunen.

Damit ist die Debatte nicht erledigt. Gerwig verändert auch andere Elemente der Vorlage, darunter die zeitliche Einordnung der Handlung. Kritiker dürfen fragen, ob ihre Interpretation Lewis' religiösem Weltbild gerecht wird. Nur lässt sich das vor der Premiere kaum entscheiden. Der erste Trailer zeigt die Erschaffung Narnias, beantwortet aber nicht die Frage, wie Streeps Aslan tatsächlich sprechen und wirken wird. Der Film startet erst im Februar 2027.

Vielleicht erzählt der bisherige Streit deshalb mehr über seine Beteiligten als über den Film. Ein konservativer Kritiker beruft sich auf den Willen eines längst verstorbenen Autors und die Empörung seiner Familie. Die Familie veröffentlicht eine freundlichere Erklärung. Christen streiten mit Christen darüber, ob eine Stimme das Wesen Christi verändern kann. Und eine Regisseurin, die sich intensiv mit Lewis' Glauben beschäftigt hat, wird schon vor der Premiere verdächtigt, ihn bekämpfen zu wollen. Der Löwe hat noch kein Wort gesprochen. Um ihn wird bereits erbittert gestritten.