
Es gibt gefeierte Schriftsteller, die nach ihrem Tod vergessen werden. Dann gibt es andere, die erst nach ihrem Tod zu Weltruhm gelangen. Ausgleichende Gerechtigkeit? Oder beides traurig? Die Literaturgeschichte hat so einige Geschichten von Erfolg und Misserfolg parat, über die man sich nur wundern kann.
Am 21. April 1924 stirbt im englischen Stratford-upon-Avon die Schriftstellerin Marie Corelli. Sie ist 68 Jahre alt und hat eine Karriere hinter sich, von der die meisten Autoren nur träumen können. Ihre Romane haben sich in gewaltigen Auflagen verkauft; über Jahrzehnte gehört sie zu den erfolgreichsten literarischen Persönlichkeiten Großbritanniens. Ihre Bücher werden verschlungen, ihre Ansichten diskutiert, ihr Privatleben interessiert die Öffentlichkeit. Mehr Leser als mancher hochangesehene Schriftsteller ihrer Zeit erreicht sie mit Geschichten, denen die Kritik wenig abgewinnen kann. Marie Corelli ist eine Berühmtheit.
Sechs Wochen später, am 3. Juni 1924, stirbt in einem Sanatorium bei Wien der 40-jährige Franz Kafka. Auch er hat Bücher veröffentlicht, doch seine Leserschaft ist klein. Einige Schriftstellerkollegen schätzen seine Begabung, einem breiten Publikum ist er kaum bekannt. Drei unvollendete Romane liegen in seinem Nachlass. Sein Freund Max Brod soll die Manuskripte vernichten.
Gut hundert Jahre später hat sich das Verhältnis nahezu vollständig umgekehrt. Kafka gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der Weltliteratur. Seine Werke werden in zahllosen Sprachen gelesen, an Universitäten erforscht und in Schulen behandelt; sein Name ist sogar in den Sprachgebrauch eingegangen. Wer eine absurde, undurchschaubare Situation erlebt, nennt sie kafkaesk. Und Marie Corelli? Wer kennt noch *The Sorrows of Satan* oder *Barabbas*, zwei ihrer einst gefeierten Romane? Außerhalb literaturhistorisch interessierter Kreise ist ihr Name weitgehend verschwunden.
Zwei Schriftsteller, die im selben Jahr starben. Die eine hatte den Ruhm bereits erlebt, der andere kaum. Die Nachwelt entschied anders als ihre Zeitgenossen. Wie konnte das geschehen?
Der Ruhm und sein Verfallsdatum
Marie Corellis Erfolg war kein Zufall. Ihre Romane bedienten die Sehnsüchte eines großen Publikums: Liebe, Leidenschaft, religiöse Geheimnisse, übernatürliche Kräfte und moralische Verfehlungen. Romantische Gefühle, christliche Vorstellungen und die Faszination für das Übersinnliche verbanden sich zu einer Mischung, die besonders im spätviktorianischen England den Geschmack der Leser traf. *The Sorrows of Satan* brach 1895 Verkaufsrekorde, obwohl viele Kritiker Corellis Bücher für überladen, sentimental und künstlerisch minderwertig hielten. Die Verachtung der literarischen Elite schadete ihren Verkaufszahlen wenig.
Doch die Welt, für die sie schrieb, veränderte sich. Der Erste Weltkrieg erschütterte die Gewissheiten des alten Europa, neue Lebensformen und Vorstellungen von Literatur setzten sich durch. Die literarische Moderne experimentierte mit Sprache und Erzählformen; Corellis Geschichten wirkten zunehmend überholt. Schon in ihren letzten Lebensjahren ließ ihr Erfolg nach. Nach ihrem Tod verschwanden ihre Bücher, die einst

