Die zweitgrößte Liebe

In *Die zweitgrößte Liebe* verknüpft Ruth-Maria Thomas eine intime Beziehungserzählung mit Beobachtungen zu sozialer Prägung, Verletzbarkeit und dem Wunsch nach einem anderen Leben. So entsteht ein Roman, der seiner Hauptfigur eng folgt und gerade durch seine Zurückhaltung starke Wirkung entfaltet.

Im Mittelpunkt steht Michelle, die nach wirtschaftlichen Rückschlägen und persönlichen Enttäuschungen ihre bisherige Lebensordnung verliert. Sie kommt aus der Lausitz, zieht in eine westdeutsche Großstadt und arbeitet in einem Hamburger Hotel der gehobenen Kategorie. Dort lernt sie Henry kennen, dessen Herkunft und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Geld und Bildung deutlich anders gelagert sind als ihre. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine Beziehung, in der Gefühle und gesellschaftliche Unterschiede von Anfang an nicht voneinander zu trennen sind.

Der Roman interessiert sich dabei nicht nur für die Dynamik eines ungleichen Paares, sondern auch für die Regeln, die Menschen aus ihren Milieus mitbringen. Thomas zeigt, wie sehr Alltag, Sprache, Erwartungen und Gewohnheiten in eine Liebesgeschichte hineinwirken. Es geht um Situationen, in denen kleine Gesten viel verraten: wer sich sicher fühlt, wer sich zurücknimmt, wer über seinen Hintergrund sprechen muss und wem die eigene Position selbstverständlich erscheint. Gerade diese genaue Beobachtung macht den Text eindringlich.

Besonders stark ist die Anlage von Michelle. Sie wird weder vereinfacht noch auf eine soziale Rolle reduziert. Vielmehr erscheint sie als widersprüchliche, stolze und verletzliche Figur, die sich nach Anerkennung, Halt und Erleichterung sehnt, ohne dadurch berechenbar zu werden. Dass die Beziehung für sie auch die Aussicht auf Entlastung und ein anderes Leben mit sich führt, gibt der Geschichte zusätzliche Spannung. Thomas bewertet das nicht vorschnell, sondern bleibt nah an Michelles Wahrnehmung und ihren inneren Konflikten.

Auch stilistisch überzeugt der Roman durch Genauigkeit. Die Sprache bleibt klar und kontrolliert, die Dialoge wirken oft unspektakulär und legen gerade deshalb Spannungen offen, die unter der Oberfläche arbeiten. Soziale Unterschiede werden nicht ausgestellt, sondern in Haltungen, Geschmacksurteilen, Unsicherheiten und Erwartungen sichtbar gemacht. Dadurch werden die gesellschaftlichen Fragen des Buches nicht abstrakt verhandelt, sondern in konkreten Begegnungen erfahrbar.

Das Hotel ist dabei ein treffend gewählter Schauplatz. Es ist ein Ort, an dem Dienstleistung, Status und Erschöpfung dicht nebeneinanderliegen. Für Michelle wird diese Umgebung zu einem Raum, in dem sich ihr Blick auf andere und auf sich selbst schärft. Zugleich verdichtet der Roman dort seine zentralen Spannungen: Nähe und Distanz, Sichtbarkeit und Abhängigkeit, Wunsch und Begrenzung. Das Setting erfüllt damit weit mehr als eine dekorative Funktion und trägt die sozialen Kontraste der Geschichte mit.

Der Roman ist nicht darauf ausgerichtet, es seinem Publikum leicht zu machen. Wer sich von einer Liebesgeschichte vor allem Trost oder eindeutige emotionale Orientierung verspricht, könnte die kontrollierte, bisweilen harte Art des Erzählens als sperrig empfinden. Auch Henry bleibt an manchen Stellen bewusst schwer zu fassen, was produktiv sein kann, aber nicht immer Nähe erzeugt. Gerade darin liegt jedoch eine Stärke des Buches: *Die zweitgrößte Liebe* untersucht Intimität nicht losgelöst von den Bedingungen, unter denen Menschen einander begegnen.

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Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens, weil Ruth-Maria Thomas Beziehungen nicht verklärt, sondern zeigt, wie eng Gefühle mit Herkunft, Geld und Selbstbild verbunden sein können. Zweitens, weil Michelle als Hauptfigur vielschichtig gezeichnet ist und der Roman ihre Widersprüche ernst nimmt, statt sie zu glätten. Drittens, weil das Buch gesellschaftliche Unterschiede nicht theoretisch behauptet, sondern im Alltag seiner Figuren konkret erfahrbar macht. Ein möglicher Einwand: Wer in einem Liebesroman vor allem Geborgenheit, Romantik oder versöhnliche Töne sucht, könnte die nüchterne Strenge dieses Textes als herausfordernd erleben.

Buchdaten

  • Autor: Ruth-Maria Thomas
  • Verlag: dtv
  • Preis: 24,00 €
  • ISBN: 9783423285766

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Rezension von Noel