
In "Memories of Heidelberg" schickt Heinz Strunk ein seit vielen Jahren verheiratetes Paar in eine Stadt, die gemeinhin für Romantik und kultivierte Schönheit steht. Gerade aus diesem Gegensatz gewinnt der Roman seine Wirkung: Vor reizvoller Kulisse zeigt sich eine Beziehung, die vor allem aus Gewohnheit, Gereiztheit und eingeübten Abläufen besteht. Das Buch ist nüchtern beobachtet, unerquicklich im besten Sinn und dabei immer wieder von trockenem Humor durchzogen.
Bertram und Isolde, ein Paar im fortgeschrittenen Lebensabschnitt, fahren von Oldenburg nach Heidelberg, nachdem ein Familienanlass nicht zustande kommt. Was als Ausflug mit möglichem Erholungswert beginnt, verwandelt sich rasch in eine Abfolge von Situationen, in denen Überdruss, Verstimmung und alte Reibungen offen hervortreten. Hotel, Restaurant und gemeinsame Wege durch die Stadt bieten keinen Ausbruch aus dem Alltag, sondern machen sichtbar, wie sehr beide in ihren Mustern gefangen sind. Der Roman bindet sich eng an diesen Aufenthalt und gewinnt gerade aus der Begrenzung seines Settings einiges an Spannung.
Strunk setzt dabei nicht auf große Wendungen, sondern auf die genaue Betrachtung kleiner Vorgänge. Gespräche stocken, Gesten werden missverstanden, scheinbare Nebensachen laden sich mit Bedeutung auf. Aus dieser Konzentration auf Details entsteht eine eigentümliche Dynamik: Das Lächerliche liegt dicht neben dem Beklemmenden, und in banalen Momenten wird plötzlich ein ganzes Beziehungsgefüge erkennbar. Die Komik des Romans entsteht deshalb weniger aus einzelnen Pointen als aus der unerbittlichen Präzision, mit der Unlust, Scham, Trotz und Frustration sichtbar werden.
Bemerkenswert ist, dass der Text seine Figuren weder sentimental schützt noch bloßstellt. Bertram und Isolde erscheinen als Menschen, die sich über Jahre hinweg aneinander aufgerieben haben und dennoch nicht voneinander loskommen. Ihre Blicke richten sich auf Kränkungen, körperliche Empfindlichkeiten, schlechte Laune und unausgesprochene Vorwürfe. Gerade darin liegt die Treffsicherheit des Romans: Er beschreibt Ehe nicht als Raum großer Gefühle, sondern als Geflecht aus Ritualen, Abhängigkeiten und Enttäuschungen, in dem selbst Kleinigkeiten plötzlich entscheidend wirken können.
Auch sprachlich bleibt Strunk auf Distanz zu jeder Beschönigung. Der Stil ist klar, knapp und aufmerksam für das Unschöne des Alltags. Immer wieder verschiebt sich eine beiläufige Beobachtung in Richtung eines dunklen, trockenen Witzes. Heidelberg fungiert dabei nicht als bloß hübsche Bühne, sondern verstärkt durch seine kulturell aufgeladene Atmosphäre den Eindruck innerer Leere und Beziehungsmüdigkeit. Gerade dieses Spannungsverhältnis verleiht dem Roman eine eigene, herbe Energie.
Man muss sich auf eine Literatur einlassen wollen, die wenig Trost spendet. "Memories of Heidelberg" bietet kaum Wärme und nur selten Momente der Entlastung. Wer auf versöhnliche Entwicklungen oder besonders zugängliche Figuren hofft, wird eher Abstand empfinden. Zugleich liegt genau darin die Konsequenz des Buchs: Es schaut auf Erschöpfung, Alter, Überdruss und das schleichende Abkühlen von Nähe, ohne Auswege künstlich zu erzeugen. Dass die Figuren dabei nicht vollständig ins Karikaturhafte kippen, macht das Ergebnis umso unangenehmer und zugleich interessanter.
Lesen lässt sich der Roman daher als düster grundierter Beziehungsroman, der aus einem kurzen Aufenthalt ein genaues Bild emotionaler Ermattung gewinnt. Er interessiert sich weniger für Veränderung als für einen Zustand, der sich in kleinen Szenen verdichtet. Nicht alles daran ist angenehm, aber gerade die kontrollierte Form und die präzise gesetzten Beobachtungen machen den Text literarisch reizvoll. Am Ende bleibt vor allem das Bild einer Partnerschaft haften, die nicht mehr von Nähe getragen wird, sondern fast nur noch von eingeübten Abläufen zusammengehalten erscheint.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Wer dieses Buch lesen möchte, findet erstens einen sehr genauen Blick auf eine langjährige Ehe, in der Vertrautheit, Gereiztheit und Abhängigkeit kaum noch voneinander zu trennen sind. Zweitens überzeugt der Roman mit einem trockenen, dunklen Humor, der selbst unscheinbare Situationen in scharfe Beobachtungen des Zusammenlebens verwandelt. Drittens nutzt er die Heidelberger Umgebung wirkungsvoll, um die Müdigkeit und innere Leere der Beziehung noch deutlicher hervortreten zu lassen. Ein möglicher Einwand: Der Text ist bewusst unerquicklich und bietet nur wenig emotionale Erleichterung; wer Wärme, Tempo oder versöhnliche Figurenkonstellationen sucht, könnte die Monotonie und Trostlosigkeit eher als Belastung denn als künstlerische Entscheidung empfinden.
Buchdaten
- Autor: Heinz Strunk
- Verlag: Rowohlt
- Preis: 23,00 €
- ISBN: 9783498009748
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Rezension von Sandrine

