
Im zwölften Roman um Pierre Durand rückt Sophie Bonnet eine weniger sonnige Seite der Provence in den Mittelpunkt. Die kalte Jahreszeit verändert den Blick auf die vertraute Region, während ein Todesfall und mehrere Einbrüche den Ermittler beschäftigen. Das Buch verbindet die Suche nach einem Täter mit dem Alltag seiner Hauptfigur. Es entwickelt seine Wirkung nicht durchgehend über hohes Tempo, sondern vor allem durch Schauplätze und allmählich entstehende Zusammenhänge. Das passt zum ruhigen Erzählansatz, lässt die Spannung aber zeitweise nachlassen.
In Sainte-Valérie häufen sich Einbrüche, und Pierre Durand versucht zunächst, die einzelnen Vorfälle einzuordnen. Dann wird der Leiter einer Thermalklinik tot in einem Ferienhaus entdeckt. Eine illegale Waffe und mögliche Verbindungen zwischen den Ereignissen geben dem Fall weitere Richtungen. Durand muss herausfinden, ob hinter den scheinbar getrennten Spuren ein gemeinsames Motiv steckt. Die Ermittlungen führen ihn durch verschiedene Milieus der Region; aus dem lokalen Fall wächst nach und nach ein größerer Zusammenhang. Diese Ausgangslage bietet genügend Stoff für ein klassisches Rätsel, ohne dass der Roman seine Schauplätze zugunsten bloßer Verfolgungsszenen beiseiteschiebt.
Die Jahreszeit prägt den Roman stärker als ein bloßer Wechsel der Kulisse. Die Provence erscheint nicht als endlose Urlaubspostkarte, sondern als bewohnter Ort mit stilleren, raueren Seiten. Bonnet nimmt sich Zeit, die Umgebung wahrnehmbar zu machen, und nutzt sie, um den Ton der Geschichte festzulegen. Das kommt Lesern entgegen, die gern in eine Romanwelt eintauchen und örtliche Details schätzen. Gelegentlich hält die Erzählung allerdings länger bei einer Stimmung oder einem Schauplatz inne, als es für den Fortgang des Falls nötig wäre. Dann wird die anschauliche Beschreibung zum Umweg.
Bei der Aufklärung setzt der Roman auf mehrere mögliche Deutungen. Neue Hinweise verändern den Blick auf bereits Bekanntes, sodass sich ein schnelles Urteil nicht immer anbietet. Das hält die Frage nach den Hintergründen offen, führt aber nicht automatisch zu durchgehendem Nervenkitzel. Manche Abschnitte bewegen die Untersuchung nur wenig voran. Wer eine eng geführte Handlung mit ständigem Zeitdruck erwartet, dürfte diese Ruhe als Mangel empfinden. Wer dagegen gern gemeinsam mit dem Ermittler sortiert, was zusammengehört und was nicht, kann sich auf das bedächtige Vorgehen einlassen.
Durand ist nicht nur über seine beruflichen Schritte präsent. Sein privater Alltag bekommt ebenfalls Platz und sorgt dafür, dass der Ermittler als wiederkehrende Figur greifbar bleibt. Für Leser, die eine Reihe verfolgen, ist gerade diese Kontinuität ein möglicher Anreiz: Die Person hinter den Ermittlungen verändert den Ton des Buches und verhindert, dass es sich auf die Lösung eines einzelnen Verbrechens beschränkt. Zugleich unterbrechen die privaten Passagen gelegentlich den Schwung der Nachforschungen. Wie gut diese Balance funktioniert, hängt deshalb auch davon ab, ob man an Durands Leben außerhalb des Falls Anteil nimmt.
Der Schauplatz bleibt überschaubar, während die vermuteten Verbindungen über einzelne Tatorte hinausreichen. Dieser Gegensatz gibt der Geschichte eine klare Bewegung: Vertraute Orte werden mit Verdachtsmomenten aufgeladen, und aus zunächst kleinen Auffälligkeiten entsteht ein größeres Bild. Das Buch braucht dafür keine Folge immer drastischerer Ereignisse. Es baut eher darauf, dass sich die Bedeutung einzelner Hinweise mit der Zeit verschiebt. Die spätere Klärung bringt die wesentlichen Linien zusammen. Auf dem Weg dorthin wäre eine straffere Auswahl mancher Szenen hilfreich gewesen, denn nicht jeder Abschnitt trägt gleich viel zur Spannung bei.
Als zwölfter Band knüpft Provenzalische Kälte an die vertraute Erzählwelt um Pierre Durand an. Der Roman setzt auf regionale Atmosphäre, einen Ermittler mit persönlichem Hintergrund und einen Fall, dessen Lösung Schritt für Schritt Gestalt annimmt. Das ergibt eine stimmige Lektüre für Leser, die eine Reihe nicht allein wegen des jeweiligen Verbrechens verfolgen. Für Freunde besonders rascher Krimis dürfte das Tempo dagegen zu wechselhaft sein. Die stärksten Seiten liegen in der winterlichen Umgebung und darin, wie der Fall in Durands Leben eingebettet wird. Etwas mehr erzählerische Konzentration hätte diese Vorzüge noch deutlicher hervortreten lassen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für die Lektüre sprechen vor allem drei Dinge: Die winterliche Provence erhält ein eigenes Gepräge, statt nur als dekorativer Hintergrund zu dienen; die anschauliche Erzählweise macht Orte und Stimmung leicht vorstellbar; und Pierre Durand bekommt neben seiner Ermittlungsarbeit eine persönliche Dimension. Weniger überzeugend ist die wechselnde Straffung. Wer vor allem ein rasantes Tempo und stetig wachsenden Nervenkitzel sucht, könnte die ruhigeren Passagen als Bremse erleben. Der Roman passt eher zu Lesern, die Atmosphäre und Figuren ebenso wichtig finden wie die Aufklärung des Falls.
Buchdaten
- Autor: Sophie Bonnet
- Verlag: Blanvalet
- Preis: 18,00 €
- ISBN: 9783764510299
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Rezension von Marc

