
Zwei misslungene Romane, ein gut bezahlter Job als Finanzberaterin und zeitweise neun Cappuccinos am Tag: Marisha Pessls Weg zum literarischen Erfolg war ungewöhnlich. Mit ihrem dritten Versuch gelang ihr ein internationaler Bestseller. Doch statt sich über die neue Schriftstellerin zu freuen, diskutierten manche Kritiker lieber darüber, ob ihr Aussehen zum hohen Verlagsvorschuss beigetragen hatte. Pessl reagierte selbstbewusst und schrieb weiter. Ihre Bücher handeln von geheimnisvollen Todesfällen, verschwundenen Menschen und der Frage, wie leicht sich Wirklichkeit manipulieren lässt. Auch ihre eigene Familiengeschichte bietet dafür bemerkenswertes Material.
Es gibt Schriftsteller, die ihre ersten unveröffentlichten Manuskripte liebevoll aufbewahren. Marisha Pessl spricht über ihre frühen Versuche mit weniger Ehrfurcht. Einer ihrer ersten Romane war eine Kriminalgeschichte, bei der schon nach vier Seiten feststand, wer der Mörder war. Der zweite brachte es auf ungefähr 800 Seiten, auf denen sich Menschen hauptsächlich unterhielten, ohne dass besonders viel geschah. Beide Bücher blieben unveröffentlicht. Pessl war damals Mitte zwanzig und hatte bereits einen gut bezahlten Beruf als Finanzberaterin gefunden. Doch die Literatur ließ sie nicht los. Bei ihrem dritten Versuch wollte sie es unbedingt besser machen. Das Ergebnis wurde ein Bestseller, der in zahlreichen Ländern erschien und die amerikanische Literaturkritik ebenso begeisterte wie irritierte.
Eine Kindheit voller Bücher und ein ziemlich selbstbewusstes Debüt
Marisha Pessl wurde am 26. Oktober 1977 in der Nähe von Detroit, Michigan, geboren. Ihr Vater stammte aus Österreich, ihre Mutter war Amerikanerin. Die Eltern ließen sich scheiden, als Marisha drei Jahre alt war. Sie wuchs mit ihrer älteren Schwester bei der Mutter in Asheville, North Carolina, auf; ihren Vater sah sie nur selten. Die Mutter sorgte für eine ungewöhnlich vielseitige Ausbildung. Nach der Schule standen Ballett, Stepptanz, Jazz, Reiten, Malen, Französisch und sogar Harfenspiel auf dem Programm. Außerdem las sie ihren Töchtern klassische Literatur vor und schrieb selbst Kindergeschichten. Als sie eine neue Schreibmaschine kaufte, übernahm Marisha das alte Gerät und begann eigene Geschichten zu erfinden. Ihre frühen Versuche erinnerten gelegentlich an Agatha Christie, nur dass ihr irgendwann die Handlung ausging und die Mutter zum Abendessen rief.
Pessl studierte englische Literatur und schloss 1998 am Barnard College in New York ab. Anschließend arbeitete sie als Finanzberaterin bei PricewaterhouseCoopers. Tagsüber beschäftigte sie sich mit Geschäftszahlen, nachts schrieb sie. Die Kollegen müssen sich über ihre Müdigkeit gelegentlich gewundert haben, erzählte sie später. Als ihr damaliger Freund Nick Caiano beruflich nach London versetzt wurde, gab sie ihre Stellung auf und begleitete ihn. Dort arbeitete sie intensiv an ihrem neuen Roman. Niemand durfte das Manuskript lesen, nicht einmal ihr Freund. Pessl erklärte später, sie möge Kritik während des Schreibens nicht besonders. Erst als die dritte Fassung fertig war, gab sie den Text ihrer Mutter.
Anschließend verschickte sie das Manuskript an zehn ausgewählte Literaturagenten. Im Begleitbrief behauptete sie selbstbewusst, dies sei ein Debütroman, wie die Empfänger in jenem Jahr keinen zweiten lesen würden. Das war gewagt, funktionierte aber. Eine Agentin nahm sich des Buches an, mehrere Verlage boten darum, und Pessl erhielt einen sechsstelligen Dollarvorschuss. 2006 erschien Special Topics in Calamity Physics, auf Deutsch Die alltägliche Physik des Unglücks. Die New York Times nahm das Buch in ihre Auswahl der zehn besten Bücher des Jahres auf. Pessl war mit 28 Jahren plötzlich ein Star.
Der Erfolg brachte allerdings eine ausgesprochen unangenehme Begleiterscheinung mit sich. In der amerikanischen Presse wurde ausführlich über ihre Jugend, ihre Attraktivität und den hohen Vorschuss diskutiert. Manche Kommentatoren unterstellten, eine weniger gut aussehende Schriftstellerin hätte womöglich keinen so lukrativen Vertrag erhalten. Pessl reagierte verärgert. Sie hatte jahrelang an ihrem Buch gearbeitet und wollte nicht akzeptieren, dass ihr Erfolg auf eine geschickte Vermarktung ihrer Person reduziert wurde. Ihre schlagfertige Gegenfrage lautete sinngemäß, ob irgendjemand eine Schriftstellerin kenne, die mit einem wirklich miserablen Buch Millionen verdient habe, bloß weil sie hübsch aussehe.
Die Schriftstellerin, die ihre Quellen einfach erfindet
Die alltägliche Physik des Unglücks erzählt von der hochbegabten Schülerin Blue van Meer, die mit ihrem charismatischen Vater, einem Universitätsprofessor, durch die Vereinigten Staaten zieht. Schließlich gerät sie an einer angesehenen Privatschule in einen Freundeskreis, hinter dessen intellektueller Fassade gefährliche Geheimnisse verborgen liegen. Der Roman verbindet Internatsgeschichte, Familienroman und Kriminalfall. Besonders ungewöhnlich ist die Fülle literarischer Verweise. Blue erklärt ihre Erlebnisse ständig mithilfe von Büchern, wissenschaftlichen Abhandlungen und philosophischen Zitaten.
Doch längst nicht alle diese Quellen existieren. Pessl erfand kurzerhand Autoren, Buchtitel und Zitate, wenn sie keine passende echte Referenz fand. Ein angebliches Nachschlagewerk über merkwürdige amerikanische Verhaltensweisen war beispielsweise vollständig ihrer Fantasie entsprungen. Manche Leser suchten vergeblich danach. Die Autorin fand das amüsant und gestand später, sie würde dieses Buch selbst gern lesen. Was in einem wissenschaftlichen Text eine handfeste Fälschung wäre, gehört hier zum literarischen Spiel. Pessl führt vor, wie leicht sich durch gelehrt klingende Quellen Autorität erzeugen lässt.
Die Begeisterung der Kritik war keineswegs einhellig. Während manche Rezensenten die originelle Konstruktion und die witzige Erzählstimme feierten, fanden andere das Buch maßlos überladen. Die vielen Anspielungen wirkten gelegentlich wie eine Vorführung angelesener Bildung. Auch die Handlung brauchte lange, bis der eigentliche Kriminalfall in Gang kam. Gerade darin liegt eine wiederkehrende Schwäche von Pessls Literatur: Sie besitzt eine außerordentliche Begabung für komplizierte Geschichten, möchte aber manchmal so viele Einfälle unterbringen, dass ihre Romane unnötig lang werden.
Dabei arbeitet sie keineswegs planlos. Schon bei ihrem Debüt legte sie Excel-Tabellen für die einzelnen Figuren an, um jederzeit zu wissen, wo sich welcher Charakter gerade befand und was er tat. Gleichzeitig entwickelte sie eine bemerkenswerte Vorliebe für Kaffee. Während der Arbeit trank sie nach eigener Aussage zeitweise neun Cappuccinos am Tag. Als sie einmal mit Freunden verreiste und keine Kaffeemaschine vorfand, bekam sie Entzugserscheinungen. Später reduzierte sie ihren Konsum erheblich. Auch ihre Arbeitsweise änderte sie: Statt bis tief in die Nacht zu schreiben, behandelte sie Literatur zunehmend wie einen gewöhnlichen Beruf mit festen Arbeitszeiten.
Ein Filmregisseur, der vielleicht ein Monster ist
Sieben Jahre vergingen bis zu ihrem zweiten veröffentlichten Roman. 2013 erschien Night Film, auf Deutsch Die amerikanische Nacht. Darin untersucht ein Journalist den rätselhaften Tod der Tochter eines zurückgezogen lebenden Horrorfilmregisseurs. Niemand weiß genau, was an den Legenden über den Filmemacher wahr ist. Seine Filme gelten als verstörend, manche Verehrer behandeln ihn wie einen religiösen Führer, und seine Familie scheint zahlreiche Geheimnisse zu verbergen.
Die Idee entstand unter anderem aus einer zufälligen Beobachtung in Paris. Pessl sah einen älteren, geheimnisvoll wirkenden Mann und eine junge Frau, die gemeinsam ein Auktionshaus verließen. Sie begann sich vorzustellen, wer die beiden sein könnten. Dazu kam ihre intensive Beschäftigung mit Stanley Kubrick, dessen zurückgezogenes Leben und geheimnisumwitterte Filme sie faszinierten. Aus diesen Anregungen erschuf sie den fiktiven Regisseur Stanislas Cordova.
Der Roman enthält Zeitungsartikel, Fotografien, Internetseiten und andere Dokumente, die die erfundene Geschichte erstaunlich wirklich erscheinen lassen. Pessl ließ sogar Plakate für Filme gestalten, die es niemals gegeben hat. Die Grenzen zwischen Tatsachen und Erfindung verschwimmen zunehmend. Doch auch diesmal war die Kritik gespalten. Einige Rezensenten hielten den Roman für überlang und sprachlich übertrieben. Andere bewunderten die raffinierte Konstruktion und den ungewöhnlichen Einfallsreichtum. Unsere Rezension zu Die amerikanische Nacht fällt deutlich positiv aus, bemängelt aber ebenfalls stilistische Schwächen. Die große Stärke liege weniger in den einzelnen Sätzen als in der Architektur der Geschichte.
Dunkle Spiele und eine neue Lesergeneration
Mit Neverworld Wake (2018), auf Deutsch Niemalswelt, wandte sich Pessl erstmals ausdrücklich an jüngere Leser. Fünf ehemalige Freunde geraten nach einem Unfall in eine geheimnisvolle Zeitschleife. Nur einer von ihnen kann überleben. Die Geschichte verbindet einen klassischen Kriminalfall mit fantastischen Elementen und der unangenehmen Frage, wie weit Menschen gehen würden, um das eigene Leben zu retten. Unsere Rezension zu Niemalswelt lobt besonders die Spannung und das überraschende Ende, kritisiert aber einzelne schwach ausgearbeitete Figuren und gelegentliche Längen.
Mit Darkly (2024, deutsch 2026) entwickelte Pessl ihr Interesse an Rätseln weiter. Sieben Jugendliche erhalten einen begehrten Praktikumsplatz bei einer Stiftung, die das Vermächtnis einer legendären Spieleerfinderin verwaltet. Auf einer abgelegenen Insel geraten sie in ein gefährliches Spiel, dessen Regeln sie erst allmählich durchschauen. Pessl griff dafür auf ihre eigene Begeisterung für Brettspiele zurück, die sie bereits als Kind gespielt hatte. Für Februar 2027 ist mit Deadly bereits eine Fortsetzung angekündigt.
Privat lebt Pessl nach aktuellen Verlagsangaben mit ihrer Familie und drei Töchtern im Raum New York. Über ihre familiären Verhältnisse spricht sie deutlich weniger ausführlich als über ihre Bücher. Bemerkenswert ist allerdings ein wiederkehrendes Motiv: In ihren Geschichten spielen Eltern und Kinder, besonders geheimnisvolle Vaterfiguren, häufig eine zentrale Rolle. Pessl selbst wuchs nach der Trennung ihrer Eltern weitgehend ohne ihren österreichischen Vater auf. Sie hat jedoch ausdrücklich davor gewarnt, ihre Romane als verschlüsselte Autobiografien zu betrachten. Ihre eigene Kindheit beschreibt sie als glücklich. Aus einer literarischen Vorliebe sollte man deshalb keine ungeklärten privaten Konflikte konstruieren.
Pessls besondere Stärke liegt im Aufbau geheimnisvoller Welten. Sie versteht es, Hinweise zu verstreuen, falsche Erwartungen zu wecken und vertraute Situationen plötzlich bedrohlich erscheinen zu lassen. Allerdings ist ihr Einfallsreichtum gelegentlich größer als ihre Bereitschaft zur Kürzung. Wer sprachlich elegante, konzentrierte Romane bevorzugt, dürfte mit ihrer ausschweifenden Erzählweise Schwierigkeiten haben. Wer dagegen gern rätselt und sich von einer raffiniert konstruierten Geschichte überraschen lässt, findet bei ihr reichlich Stoff.
Als Einstieg empfiehlt sich Die amerikanische Nacht, ihr atmosphärisch dichtester Thriller. Die alltägliche Physik des Unglücks zeigt ihre literarisch verspieltere Seite, während Niemalswelt und Darkly schneller und unmittelbarer erzählen. Eine schöne Ironie bleibt, dass die Frau, die ihre Figuren durch komplizierte Labyrinthe voller Täuschungen schickt, selbst am liebsten alles vorab organisiert. Ihre Morde, Verschwörungen und unerwarteten Wendungen beginnen häufig ganz unspektakulär: mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan.
Marisha Pessl – Fakten
- Lebensdaten: Geboren am 26. Oktober 1977 in der Nähe von Detroit, Michigan, USA.
- Familie: Österreichischer Vater, amerikanische Mutter; die Eltern trennten sich früh. Aufgewachsen mit ihrer älteren Schwester in Asheville, North Carolina. Mutter von drei Töchtern.
- Ausbildung und Beruf: Studium der englischen Literatur, Abschluss am Barnard College 1998; anschließend Finanzberaterin bei PricewaterhouseCoopers.
- Wichtige Werke: Die alltägliche Physik des Unglücks (2006), Die amerikanische Nacht (2013), Niemalswelt (2018) und Darkly (2024, deutsch 2026).
- Auszeichnungen und Erfolge: John Sargent Sr. First Novel Prize für das Debüt; Aufnahme in die Auswahl der zehn besten Bücher 2006 durch die New York Times Book Review; Übersetzungen in mehr als 30 Sprachen.
- Aktuelles Projekt: Deadly, Fortsetzung von Darkly, angekündigt für Februar 2027.
- Wohnort: Raum New York, USA.
Verfasst von Emma und Hanna

