
In „Sweet Venom“ verbindet Rina Kent College-Hockey, familiäre Gefahren und eine intensive Anziehung zu einer düsteren Romance. Der zweite Band der Vipers-Reihe arbeitet mit emotionalem Druck, einem verzweigten Hintergrundkonflikt und bewusst grenzwertigen Beziehungsdynamiken. Wer Dark Romance als herausforderndes Genre liest, bekommt eine intensive Fortsetzung, die bekannte Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel aufrollt.
Violet möchte mit ihrer Schwester Dahlia Abstand zu einer belastenden Vergangenheit gewinnen und im Collegeleben endlich etwas Sicherheit finden. Die Bedrohung bleibt jedoch präsent: Frühere Gegner, Einschüchterungen und die Aktivitäten der Organisation Vencor reichen weiter in ihren Alltag hinein, als ihr lieb sein kann. Jude Callahan, Hockeyspieler und Violets engster Bezugspunkt, erlebt diese Gefahr unmittelbar mit. Der Roman verbindet Rückblicke und Gegenwartshandlung und fragt dabei immer wieder, wann Fürsorge in Kontrolle umschlägt und welche Rolle Rache spielt.
Als zweiter Reihenband knüpft „Sweet Venom“ zunächst an Ereignisse an, die Leserinnen und Leser bereits kennen können, erzählt sie aber über Violet und Jude neu. Das liefert zusätzliche Einblicke in ihre Beweggründe, nimmt dem Einstieg aber stellenweise Tempo, insbesondere wenn Band eins noch frisch in Erinnerung ist. Sobald sich die eigenständigen Konfliktlinien entfalten, gewinnt die Geschichte deutlich an Zugkraft. Persönliche Verletzungen, familiäre Rätsel und äußerer Druck greifen dabei eng ineinander.
Zwischen Violet und Jude steht nicht unbeschwerte Romantik, sondern eine angespannte, teils beklemmende Nähe. Jude wird nicht als makelloser Held inszeniert: Besitzdenken, Beobachtung und ein ausgeprägter Beschützerimpuls machen ihn zu einer widersprüchlichen Figur. Violet bleibt dagegen nicht bloß Objekt dieser Dynamik, sondern erhält Raum für Unsicherheit, Gegenwehr und den Wunsch, über ihr Leben selbst zu bestimmen. Diese Konstellation erzeugt Reibung, verlangt aber auch die Bereitschaft, toxische Muster kritisch als Teil des Genres zu lesen.
Rina Kents Erzählweise ist unmittelbar, dialogorientiert und auf starke emotionale Ausschläge ausgerichtet. Rasche Szenenwechsel, innere Anspannung und neue Enthüllungen sorgen für einen hohen Lesesog. Feine atmosphärische Beobachtungen stehen dabei eher hinter der Dringlichkeit der Handlung zurück. Gefühle und Besitzansprüche werden mitunter sehr direkt ausgesprochen; das setzt auf Intensität statt auf Zurückhaltung. Wer eine subtile College-Romance erwartet, wird den Roman daher anders wahrnehmen als Leserinnen und Leser, die mit dem Dark-Romance-Ton vertraut sind.
Spannend ist vor allem die Verbindung von Liebesgeschichte und Thriller-Elementen. Vencor, die Vergangenheit der Figuren und ihre familiären Verflechtungen weiten den Konflikt über das Campussetting hinaus, auch wenn nicht jede Auflösung die gleiche Wirkung entfaltet. Die zahlreichen Bezüge zum Auftakt machen „Sweet Venom“ eher zu einer Ergänzung und Perspektivverschiebung innerhalb der Reihe als zu einem idealen Einstiegspunkt. Für Reihenlesende liegt genau darin ein besonderer Reiz; Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger profitieren davon, die Vorgeschichte bereits zu kennen.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Erstens verknüpft „Sweet Venom“ die zentrale Liebesgeschichte mit einem bedrohlichen Geheimnis, das deutlich über das College- und Hockeyumfeld hinausreicht. Zweitens gewinnen Violet und Jude durch die Perspektivwahl an Profil, auch wenn ihre Beziehung ausdrücklich nicht als unbeschwerte Romanze angelegt ist. Drittens sorgen familiäre Konflikte, das Sportsetting und die fortlaufende Reihenhandlung für viel emotionale Dynamik. Einschränkend gilt: Kontrolle, Stalking, Gewalt und toxische Verhaltensweisen sind wesentliche Bestandteile der Geschichte. Wer solche Motive meiden möchte oder einen völlig eigenständigen Reihenauftakt sucht, dürfte mit diesem Band weniger anfangen können.
Buchdaten
- Autor: Rina Kent
- Verlag: Loewe
- Preis: 18,95 €
- ISBN: 9783743225053
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Rezension von Sarah

