
Franca Cerutti entwickelt mit der „inneren Oma“ eine leicht verständliche innere Perspektive, die zu mehr Ruhe und Selbstfreundlichkeit führen soll. Gemeint ist keine magische Lösung, sondern eine Haltung, mit der sich Belastungen, Erwartungen und Selbstkritik etwas nüchterner und milder betrachten lassen. Das Buch richtet sich vor allem an Menschen, die sich im Alltag häufig selbst antreiben oder unter den eigenen Maßstäben leiden.
Im Mittelpunkt steht die Vorstellung einer späteren, erfahreneren und gütigeren Version des eigenen Selbst. Diese „innere Oma“ dient als gedanklicher Gegenpol zu Hektik, Überforderung und überstrengen Selbsturteilen. Das Buch beschäftigt sich dabei mit vertrauten Themen wie Perfektionismus, Schuldgefühlen, ständigen Vergleichen, dem Drang zur Selbstoptimierung und der Frage, wie sich Entscheidungen mit mehr innerer Ruhe treffen lassen.
Cerutti setzt nicht auf ein schweres theoretisches Gerüst, sondern auf ein Bild, das schnell verständlich ist und sich im Alltag leicht abrufen lässt. Gerade das macht den Ansatz attraktiv: Die „innere Oma“ steht nicht für Strenge, sondern für Erfahrung, Wärme und ein gutes Gespür für Verhältnismäßigkeit. Auf diese Weise entsteht ein Zugang zu Selbstmitgefühl, der bodenständig bleibt und nah an typischen inneren Konflikten vieler Leserinnen und Leser liegt.
Sprachlich ist das Buch gut lesbar, direkt und darauf angelegt, Wiedererkennung zu erzeugen. Psychologische Zusammenhänge werden verständlich aufbereitet, ohne in Fachsprache zu versinken. Das erhöht die Zugänglichkeit deutlich. Gleichzeitig zeigt sich darin auch eine Grenze des Buches: Wer ausführliche wissenschaftliche Herleitungen, differenzierte Modelle oder eine stark systematische Argumentation sucht, dürfte die Darstellung eher als populärverständlich denn als fachlich vertieft wahrnehmen.
Überzeugend ist vor allem der Perspektivwechsel, den das Buch anregt. Statt die eigene Selbstkritik nur bekämpfen zu wollen, schlägt Cerutti vor, ihr eine andere innere Stimme an die Seite zu stellen: eine ruhigere, freundlichere und lebenserfahrene Instanz. Dadurch wird Perfektionismus nicht unbedingt aufgelöst, aber in seiner Dominanz relativiert. Gelassenheit erscheint hier nicht als Gleichgültigkeit, sondern als innere Klarheit, die Handlungsspielräume sogar vergrößern kann.
Bemerkenswert ist auch, dass das Buch gegenwärtige Belastungen wie Leistungsdruck, Vergleichsdenken und ständige Optimierungsimpulse anspricht, ohne in einfache Anklagen zu verfallen. Der Schwerpunkt liegt weniger auf gesellschaftlicher Diagnose als auf dem persönlichen Erleben und auf der Möglichkeit, den eigenen inneren Ton zu verändern. Das hält die Darstellung konkret und alltagsbezogen.
Besonders nützlich dürfte das Buch für Menschen sein, die sich in wiederkehrenden Ansprüchen an sich selbst verfangen und nach einem milderen, aber nicht beliebigen Umgang mit sich suchen. Weniger geeignet ist es für Leserinnen und Leser, die von einem psychologischen Sachbuch vor allem neue Forschungsperspektiven oder methodische Tiefe erwarten. „Die innere Oma“ lebt stärker von einem einprägsamen Bild und einem praktikablen Perspektivwechsel als von theoretischer Originalität im engeren Sinn.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens bietet es mit der „inneren Oma“ ein sehr eingängiges Bild, das sich in Momenten von Druck, Vergleichen oder Schuldgefühlen schnell ins Gedächtnis rufen lässt. Zweitens vermittelt es einen freundlicheren Umgang mit sich selbst, ohne in Kitsch oder platte Lebenshilfe abzurutschen. Drittens lädt es dazu ein, die eigene innere Sprache bewusster wahrzunehmen und Entscheidungen ruhiger einzuordnen. Ein möglicher Grund dagegen liegt in der Machart: Wer ein stark wissenschaftlich ausgerichtetes und theoretisch tiefes Psychologiebuch sucht, könnte den Ansatz als zu anschaulich und zu wenig analytisch empfinden.
Buchdaten
- Autor: Franca Cerutti
- Verlag: Piper
- Preis: 18,00 €
- ISBN: 9783492067881
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Rezension von Sandrine

