Ein Mann stiehlt Brot für die hungernden Kinder seiner Schwester und verbringt dafür, einschließlich mehrerer Fluchtversuche, neunzehn Jahre in Haft. Nach seiner Entlassung wird er überall als ehemaliger Sträfling abgewiesen, bis ihm ausgerechnet ein Bischof mit radikaler Güte begegnet. Jean Valjean beginnt daraufhin ein neues Leben, wird Unternehmer und Bürgermeister – und bleibt trotzdem ein Gejagter. Aus dieser Ausgangslage entwickelt Victor Hugo in Die Elenden einen der gewaltigsten Gesellschaftsromane des 19. Jahrhunderts. Es geht um Armut und Reichtum, Schuld und Vergebung, Prostitution, Kinderelend, Polizei und Justiz, Liebe, Revolution und die Möglichkeit moralischer Veränderung. Die berühmte Liebesgeschichte zwischen Cosette und Marius gehört dazu, steht aber keineswegs im Mittelpunkt. Im Zentrum steht die Frage, ob ein Mensch mehr sein kann als das, was Gesellschaft und Gesetz einmal aus ihm gemacht haben.

Victor Hugo begann den Roman bereits 1845 unter dem Arbeitstitel Les Misères, legte ihn während der Revolution von 1848 beiseite und nahm das Manuskript erst 1860 wieder auf. Als Les Misérables 1862 erschien, lebte Hugo im politischen Exil auf Guernsey. Die französische Nationalbibliothek verzeichnet die Erstausgabe in zehn Teilen beziehungsweise fünf Bänden; der Roman gliedert sich in die großen Abschnitte Fantine, Cosette, Marius, Die Idylle in der Rue Plumet und das Epos in der Rue Saint-Denis und Jean Valjean. Das passt zu Hugos Anspruch. Er erzählt nicht bloß die Geschichte eines einzelnen Helden, sondern versucht beinahe eine ganze Gesellschaft in einen Roman hineinzupacken.

Jean Valjean: Kann ein Mensch noch einmal von vorne anfangen?

Jean Valjean ist zu Beginn kein politischer Rebell und kein großer Verbrecher. Er ist ein armer Mann, der Brot stiehlt, um die Kinder seiner verwitweten Schwester zu ernähren. Aus fünf Jahren Zuchthaus werden wegen mehrerer Fluchtversuche neunzehn. Als er endlich freikommt, trägt er den Makel des ehemaligen Sträflings weiter mit sich. Niemand möchte ihn beherbergen oder beschäftigen. Das Gesetz hat seine Strafe beendet, die Gesellschaft nicht. Erst Bischof Myriel nimmt ihn auf. Valjean bedankt sich, indem er Silber stiehlt. Als die Polizei ihn zurückbringt, behauptet der Bischof jedoch, er habe ihm das Silber geschenkt, und gibt ihm sogar noch die Leuchter dazu. Diese Szene bildet das moralische Fundament des gesamten Romans. Myriel reagiert auf Verbrechen nicht mit weiterer Strafe, sondern mit einer Güte, die Valjean plötzlich dazu zwingt, sich selbst anders zu sehen.

Jahre später ist aus ihm unter dem Namen Monsieur Madeleine ein erfolgreicher Fabrikant und Bürgermeister geworden. Er schafft Arbeitsplätze, hilft Armen und besitzt gesellschaftliches Ansehen. Aber seine Vergangenheit ist nicht verschwunden. Inspektor Javert beginnt zu ahnen, wer hinter Madeleine steckt. Als ein anderer Mann irrtümlich für Jean Valjean gehalten und angeklagt wird, muss Valjean entscheiden: Schweigt er und rettet seine neue Existenz, oder gesteht er seine Identität und verliert alles? Hugo macht aus dieser Entscheidung den Kern seiner Moralvorstellung. Ein guter Mensch ist nicht einfach jemand, der nie schuldig geworden ist. Entscheidend ist, wie er handelt, wenn moralisches Verhalten etwas kostet.

Javert verkörpert das Gegenprinzip. Er ist kein korrupter Polizist und genießt das Leiden anderer nicht. Gerade dadurch ist er interessanter. Er glaubt vollkommen an Recht, Ordnung und eindeutige Kategorien: Es gibt Gesetzestreue und Verbrecher. Ein ehemaliger Galeerensträfling kann in diesem Weltbild nicht zugleich ein guter Bürgermeister sein. Valjeans Existenz wird deshalb zu einer Art logischem Fehler im System Javerts. Je mehr Valjean moralisch handelt, desto schwieriger wird es für Javert, seine Vorstellung von Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.

Fantine und Cosette: Wie Armut Menschen nach unten drückt

Parallel dazu erzählt Hugo die Geschichte Fantines. Sie bekommt als junge unverheiratete Frau eine Tochter, nachdem der Vater des Kindes sie verlassen hat. Weil sie Arbeit sucht, gibt sie Cosette in die Obhut der Wirtsleute Thénardier. Diese präsentieren sich zunächst als fürsorgliche Pflegeeltern, behandeln das Mädchen tatsächlich aber wie eine Dienstmagd und verlangen von Fantine immer höhere Geldbeträge. Fantine arbeitet in Valjeans Fabrik, wird dort jedoch entlassen, nachdem ihre uneheliche Mutterschaft bekannt geworden ist – ohne dass Valjean die näheren Umstände zunächst kennt. Von diesem Moment an beschreibt Hugo einen sozialen Absturz, bei dem eine Notlage die nächste erzeugt. Fantine verkauft ihre Haare, ihre Zähne und schließlich ihren Körper. Aus einer jungen Arbeiterin wird eine Prostituierte, nicht weil Hugo ihr einen moralischen Niedergang zuschreibt, sondern weil ihr immer weniger Möglichkeiten bleiben.

Hier lässt sich Die Elenden sinnvoll mit Charles Dickens’ Oliver Twist vergleichen. Beide Autoren schreiben mit enormer emotionaler Zuspitzung über Menschen, die von gesellschaftlichen Institutionen nicht aufgefangen, sondern zusätzlich bedrängt werden. Beide lieben außerdem Figuren, die manchmal fast größer als das wirkliche Leben wirken. Hugo ist jedoch noch stärker bereit, die einzelne Geschichte für lange Betrachtungen über Gesellschaft, Geschichte und Moral zu unterbrechen.

Valjean verspricht der sterbenden Fantine, sich um Cosette zu kümmern. Er holt das Kind bei den Thénardiers ab und wird für sie zum Vater. Diese Beziehung gehört zu den emotionalen Zentren des Romans. Valjean, der selbst fast jede normale familiäre Bindung verloren hat, entdeckt durch Cosette eine Form von Liebe, die sein weiteres Leben bestimmt. Zugleich steckt darin ein neuer Konflikt. Er will Cosette schützen und beginnt gerade deshalb, sie festzuhalten. Als sie sich später in Marius verliebt, muss Valjean akzeptieren, dass Liebe auch bedeuten kann, einen Menschen gehen zu lassen.

Paris, Marius und die Barrikade von 1832

Mit Marius Pontmercy erweitert Hugo den Roman noch einmal. Marius stammt aus einer Familie mit politischen und familiären Gegensätzen, löst sich von seinem monarchistisch geprägten Großvater und lebt zeitweise in großer Armut. Über seine Freunde gerät er in das Umfeld republikanischer Studenten. Gleichzeitig verliebt er sich in Cosette. Dadurch verbinden sich die privaten Geschichten Valjeans und Cosettes mit dem politischen Paris.

Die berühmten Barrikadenszenen spielen am 5. und 6. Juni 1832. Es handelt sich nicht um die Februarrevolution von 1848 und auch nicht um die spätere Pariser Kommune. Anlass des Aufstands war unter anderem die Beerdigung des populären oppositionellen Generals Jean Maximilien Lamarque. Republikanische Gruppen erhoben sich gegen die Julimonarchie Louis-Philippes und errichteten in Teilen von Paris Barrikaden. Der Aufstand wurde innerhalb kurzer Zeit niedergeschlagen. Hugo macht aus diesem relativ begrenzten historischen Ereignis ein gewaltiges literarisches Drama. Dabei nimmt der Roman eine deutlich sympathische Perspektive auf die jungen Aufständischen ein, ohne so zu tun, als hätten sie realistische Aussichten auf einen Sieg. Enjolras und die Freunde des ABC kämpfen für eine Republik, während große Teile der Pariser Bevölkerung eben nicht aufstehen. Gerade die Einsamkeit der Barrikade macht die Szene tragisch. Die Revolutionäre warten auf das Volk – und das Volk kommt nicht.

Mitten darin steht der Straßenjunge Gavroche, eine der unvergesslichsten Figuren des Romans. Er besitzt fast nichts und verhält sich doch großzügiger als viele wohlhabende Erwachsene. Dass er ausgerechnet ein vernachlässigtes Kind der Thénardiers ist, gehört zu Hugos bittersten Ironien. Gavroche stirbt beim Einsammeln von Munition vor der Barrikade. Éponine, die Tochter der Thénardiers, stirbt ebenfalls, nachdem sie Marius geschützt hat. Die Barrikade endet nicht als romantischer Sieg, sondern fast vollständig in Tod und Niederlage.

Gerade hier bietet sich der Vergleich mit Émile Zolas Germinal an. Beide Romane handeln von Menschen, die sich gegen gesellschaftliche Verhältnisse erheben und unmittelbar scheitern. Aber Hugo schreibt drei Jahrzehnte früher und wesentlich romantischer. Zola analysiert stärker Milieu, Arbeit und wirtschaftliche Strukturen; Hugo moralisiert, dramatisiert und sucht in einzelnen Menschen nach Größe. Gemeinsam ist beiden Autoren die Überzeugung, dass ein verlorener Kampf nicht bedeutet, dass der zugrunde liegende gesellschaftliche Konflikt verschwunden wäre.

Javert gegen Valjean: Gesetz oder Gerechtigkeit?

Die stärkste Konfrontation des Romans findet vielleicht nicht auf der Barrikade statt, sondern zwischen Valjean und Javert. Die Revolutionäre haben Javert als Polizeispitzel enttarnt und wollen ihn töten. Valjean erhält die Gelegenheit, ihn zu erschießen. Stattdessen lässt er ihn heimlich frei. Für Javert ist das beinahe unerträglich. Der Mann, den sein gesamtes Weltbild als Verbrecher definiert, verhält sich ihm gegenüber moralischer, als er selbst es erwartet hätte.

Später begegnen sich beide erneut, nachdem Valjean den schwer verwundeten Marius durch die Pariser Kanalisation getragen hat. Javert könnte ihn nun endlich festnehmen. Doch diesmal lässt er ihn gehen. Damit hat er selbst gegen jenes Prinzip gehandelt, auf dem seine gesamte Identität beruht. Er kann den Widerspruch zwischen Gesetz und eigener Erfahrung nicht auflösen und nimmt sich das Leben. Hugo konstruiert diese Figuren natürlich sehr bewusst. Valjean und Javert sind nicht nur Menschen, sondern auch zwei Vorstellungen von Gerechtigkeit. Für Javert besteht Gerechtigkeit in der konsequenten Anwendung des Gesetzes. Für Valjean entwickelt sie sich immer stärker zur Verantwortung für konkrete Menschen. Der Roman behauptet nicht, dass Gesetze überflüssig seien. Er zeigt aber immer wieder, dass ein Rechtssystem unmenschlich werden kann, wenn es keine Möglichkeit für Veränderung, Vergebung und Umstände kennt.

Darin liegt einer der Gründe, warum das Buch heute weniger veraltet wirkt, als sein monumentaler Ton vermuten lässt. Die Frage bleibt verständlich: Wann ist eine Strafe verbüßt? Wie lange darf eine frühere Tat einen Menschen definieren? Ist jemand, der gegen das Gesetz verstößt, deshalb ein schlechter Mensch? Und was geschieht, wenn eine gesetzlich korrekte Entscheidung offensichtlich ungerecht wirkt? Hugo beantwortet diese Fragen nicht subtil. Aber er stellt sie mit einer erzählerischen Wucht, die schwer zu ignorieren ist.

Warum Hugo zwischendurch plötzlich hundert Seiten über Waterloo redet

Wer Die Elenden zum ersten Mal liest, sollte allerdings wissen, worauf er sich einlässt. Hugo erzählt keineswegs nur seine Handlung. Er kann diese Handlung jederzeit verlassen, um ausführlich über die Schlacht von Waterloo, Klöster, Pariser Kanalisation, Straßensprache, politische Bewegungen oder die Geschichte von Paris nachzudenken. Manche dieser Exkurse sind brillant. Andere können selbst geduldige Leser auf die Probe stellen.

Das berühmteste Beispiel ist Waterloo. Marius’ Familiengeschichte hängt mit der Schlacht zusammen, aber Hugo nutzt diesen relativ kleinen narrativen Anlass für eine enorme historische Darstellung. Ähnliches geschieht später mit den Pariser Abwasserkanälen. Valjean trägt Marius durch die Kanalisation; bevor es weitergeht, möchte Hugo dem Leser erst ausführlich erklären, was Kanalisation eigentlich für eine Stadt bedeutet. Das ist entweder großartig oder verrückt – wahrscheinlich ein wenig von beidem. Diese Abschweifungen gehören allerdings zu Hugos Vorstellung vom Roman. Er möchte nicht nur erzählen, was mit Jean Valjean geschieht. Er möchte erklären, in welcher Welt Jean Valjean überhaupt möglich ist. Deshalb interessieren ihn Gefängnisse, Armut, Stadtentwicklung, Religion, Revolution, Sprache und Geschichte. Der Roman wächst dadurch weit über seine Figuren hinaus.

Man darf trotzdem zugeben, dass nicht jede Seite gleich spannend ist. Der alte Text lobt das Buch uneingeschränkt als Lesevergnügen. Im Großen stimmt das erstaunlicherweise. Valjeans Fluchten, Javerts Verfolgung, Cosettes Rettung, Marius’ Liebe und die Barrikade besitzen enormes erzählerisches Tempo. Dazwischen verlangt Hugo allerdings Geduld. Wer den Roman liebt, liebt meistens auch seine Maßlosigkeit oder verzeiht sie zumindest.

Die Elenden sind mehr als „die Unterschicht“

Auch die Formulierung aus dem alten Text, hier finde man vielleicht den besten literarischen Zugang zur französischen Unterschicht des 19. Jahrhunderts, würde ich vorsichtiger fassen. Hugo schreibt keine soziologische Reportage. Seine Armen sind literarische Figuren, häufig stark idealisiert oder dämonisiert. Fantine, Gavroche, die Thénardiers und Valjean repräsentieren sehr unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Randexistenz, aber sie ergeben kein objektives Sozialporträt Frankreichs.

Hugo selbst macht seinen Anspruch in der Vorrede deutlich. Solange gesellschaftliche Verhältnisse Menschen durch Armut, Unwissenheit und Ausgrenzung gewissermaßen verdammen, hält er Bücher dieser Art für notwendig. Der Roman will also ausdrücklich Partei für Menschen ergreifen, die gesellschaftlich unten stehen. Er will erschüttern und moralisch überzeugen. Neutralität ist nicht sein Ziel.

Gerade deshalb ist ein Vergleich mit Oliver Twist und Germinal hilfreich. Dickens zeigt das Elend des frühindustrialisierten England mit Satire und melodramatischer Zuspitzung. Hugo macht aus sozialer Ungerechtigkeit ein gewaltiges moralisches Epos. Zola versucht später, gesellschaftliche Verhältnisse stärker naturalistisch zu untersuchen. Drei Autoren, drei sehr verschiedene Verfahren – und alle drei tragen dazu bei, Menschen ins Zentrum der Literatur zu stellen, die in vielen älteren Romanen nur als Dienstboten, Bettler oder namenlose Masse vorkamen.

Die Thénardiers verhindern dabei, dass Hugos Arme automatisch die Guten sind. Sie sind selbst wirtschaftlich prekär gestellt und gleichzeitig grausam, betrügerisch und opportunistisch. Hugo unterscheidet also zwischen gesellschaftlichem Elend und moralischer Güte. Armut kann Menschen zerstören, aber sie macht niemanden automatisch edel. Umgekehrt beweist Valjean, dass eine kriminelle Vergangenheit keinen Menschen endgültig festlegt.

Ein Happy End? Nur wenn man sehr großzügig zählt

Der alte Text meint, am Ende komme „alles mehr oder minder ins Lot“. Das ist ungefähr richtig, wenn man ausschließlich Cosette und Marius betrachtet. Sie heiraten und besitzen die Aussicht auf ein gemeinsames Leben. Um sie herum ist die Bilanz allerdings verheerend. Fantine ist tot. Gavroche ist tot. Éponine ist tot. Die jungen Revolutionäre sind fast alle tot. Javert ist tot. Und auch Jean Valjean stirbt am Ende.

Besonders bitter ist, dass Valjean nach der Hochzeit von Cosette und Marius selbst Abstand nimmt. Er offenbart Marius seine Vergangenheit als Sträfling, woraufhin Marius ihm zunehmend misstraut und seinen Kontakt zu Cosette einschränkt. Valjean verliert damit gerade den Menschen, für den er einen großen Teil seines Lebens gelebt hat. Erst durch Informationen des ausgerechnet weiterhin betrügerischen Thénardier erkennt Marius, dass er Valjean völlig falsch beurteilt hat: Valjean hatte ihn nicht beraubt oder ermordet, sondern auf der Barrikade gerettet und durch die Kanalisation getragen.

Marius und Cosette eilen zu Valjean zurück und erreichen ihn noch lebend. Der Tod ist deshalb versöhnlich, aber kein klassisches Happy End. Valjeans Leben wird nicht dadurch belohnt, dass er am Schluss reich, mächtig oder gesellschaftlich rehabilitiert wäre. Seine eigentliche Belohnung besteht darin, dass Cosette lebt und er kurz vor seinem Tod noch einmal von ihr und Marius als der Mensch erkannt wird, der er geworden ist. Die beiden silbernen Leuchter des Bischofs stehen dabei wieder bei ihm. Hugo schließt den Kreis. Eine einzige Tat der Barmherzigkeit hat Jahrzehnte zuvor aus einem verbitterten ehemaligen Sträfling einen anderen Menschen gemacht; dieser Mensch hat wiederum andere gerettet. Das ist sentimental, ohne Zweifel. Es ist aber äußerst wirkungsvoll.

Unser Fazit

Die Elenden ist kein Liebesroman mit etwas Sozialgeschichte drumherum. Es ist ein Roman über Menschen, die von Gesellschaft, Gesetz und Umständen auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden – und über die Frage, ob sie diese Rolle verlassen können. Jean Valjean ist deshalb eine der großen Figuren der Weltliteratur. Nicht weil er moralisch vollkommen wäre, sondern weil Hugo ihn über Jahrzehnte hinweg verändern lässt. Der Sträfling wird Fabrikant, Bürgermeister, Flüchtling, Vater und Retter. Gleichzeitig bleibt er für Javert bis fast zum Schluss immer nur eines: der ehemalige Verbrecher.

Hugo verbindet diese Geschichte mit einem ungeheuren Panorama. Fantines Absturz zeigt, was wirtschaftliche und gesellschaftliche Schutzlosigkeit bedeuten kann. Cosettes Kindheit zeigt Abhängigkeit und Misshandlung. Marius und die Barrikaden bringen Politik und Revolution hinein. Javert stellt die Frage nach den Grenzen des Rechts. Und die Thénardiers sorgen dafür, dass moralische Kategorien nie vollständig mit gesellschaftlichen Klassen zusammenfallen.

Natürlich ist das Buch maßlos. Hugo will über fast alles reden und tut es auch. Waterloo, Klöster, Kanalisation und politische Theorie können die eigentliche Handlung für lange Zeit verdrängen. Wer nur wissen möchte, wie es mit Valjean weitergeht, wird ihn gelegentlich verfluchen. Doch gerade diese Maßlosigkeit ist Teil seiner Größe. Hugo wollte keinen kleinen perfekt konstruierten Roman schreiben. Er wollte ein Buch über Gesellschaft, Geschichte und menschliche Würde schreiben und nebenbei noch eine Geschichte erzählen, die Millionen Leser tatsächlich weiterlesen wollten.

Dass Die Elenden seit 1862 immer wieder verfilmt, dramatisiert und vertont wurde, überrascht deshalb kaum. Besonders das Musical hat Figuren wie Valjean, Javert, Fantine, Cosette, Éponine und Gavroche noch einmal einem riesigen Publikum bekannt gemacht. Eine genaue Zahl der Verfilmungen würde ich anders als im alten Text nicht mehr nennen: Je nachdem, ob Fernsehfassungen, Kurzfilme, freie Bearbeitungen und internationale Produktionen mitgezählt werden, kommt man zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Auf unserer Liste der 100 besten Bücher steht Die Elenden auf Platz 57. Interessanter als die Platzierung ist, warum das Buch dort nach mehr als 160 Jahren immer noch plausibel wirkt. Die politischen Verhältnisse des Frankreichs von 1832 sind vergangen. Die zentrale Frage des Romans nicht: Wie viel Vergangenheit darf ein Mensch hinter sich lassen Hugos Antwort ist eindeutig. Ein Mensch ist niemals nur seine Akte.

Victor Hugo und Die Elenden – die wichtigsten Fakten

  • Originaltitel: Les Misérables
  • Deutscher Titel: Die Elenden, häufig auch unter dem Originaltitel bekannt
  • Beginn der Arbeit: 1845, zunächst unter dem Titel Les Misères
  • Unterbrechung: 1848
  • Wiederaufnahme: 1860
  • Erstveröffentlichung: 1862
  • Entstehungsort der Endfassung: überwiegend während Hugos Exil auf Guernsey
  • Aufbau: fünf große Teile – Fantine, Cosette, Marius, Die Idylle in der Rue Plumet und das Epos in der Rue Saint-Denis und Jean Valjean
  • Hauptfigur: Jean Valjean
  • Weitere zentrale Figuren: Bischof Myriel, Fantine, Cosette, Javert, Marius Pontmercy, Éponine, Gavroche sowie Monsieur und Madame Thénardier
  • Historischer Höhepunkt: der Pariser Juniaufstand vom 5. und 6. Juni 1832
  • Zentrale Themen: Schuld, Strafe, Vergebung, Armut, soziale Ausgrenzung, Recht und Gerechtigkeit, Familie, Liebe, Revolution und moralische Veränderung
  • Erzählweise: Verbindung aus Romanhandlung, politischer und sozialer Reflexion sowie umfangreichen historischen und essayistischen Exkursen
  • Adaptionen: zahlreiche Film-, Fernseh- und Bühnenfassungen; besonders bekannt ist das international erfolgreiche Musical Les Misérables