Mit Utopia schuf Thomas Morus 1516 eines jener seltenen Bücher, deren Titel zu einem Begriff der Alltagssprache geworden ist. Noch heute sprechen wir von einer „Utopie“, wenn wir einen idealen, aber möglicherweise unerreichbaren Zustand meinen. Dabei ist Morus’ Buch wesentlich vielschichtiger, als diese Begriffsverwendung vermuten lässt. Utopia ist weder einfach die Beschreibung eines Paradieses noch ein politisches Programm, das sein Autor nur verwirklicht sehen wollte. Es ist Gesellschaftskritik, Gedankenexperiment, philosophischer Dialog und Satire zugleich.
Morus entwirft eine Gesellschaft ohne Privateigentum, mit vergleichsweise kurzer Arbeitszeit, öffentlicher Bildung und umfassender Versorgung. Gleichzeitig herrschen dort strenge soziale Kontrolle, patriarchalische Strukturen und Sklaverei. Gerade diese Widersprüche machen das mehr als 500 Jahre alte Werk bis heute interessant.
Worum geht es in „Utopia“?
Utopia besteht aus zwei Büchern. Im ersten Teil steht zunächst gar nicht die geheimnisvolle Insel im Mittelpunkt. Thomas Morus tritt selbst als literarische Figur auf und begegnet in Antwerpen dem weit gereisten Raphael Hythlodaeus. Dieser soll an Reisen Amerigo Vespuccis teilgenommen und dabei zahlreiche Länder und Gesellschaftsformen kennengelernt haben.
Zwischen den Männern entwickelt sich ein politisches Gespräch. Hythlodaeus kritisiert die europäischen Verhältnisse seiner Zeit: Armut, soziale Ungleichheit, harte Strafen, Kriegspolitik, den Reichtum weniger und das Elend vieler. Zugleich geht es um eine grundsätzliche Frage: Sollte ein kluger Mensch versuchen, Fürsten politisch zu beraten und bestehende Verhältnisse schrittweise zu verbessern? Oder ist eine vernünftige Politik unter den bestehenden Bedingungen überhaupt nicht möglich?
Bereits hier zeigt sich, dass Utopia kein gewöhnlicher Roman ist. Morus lässt verschiedene Positionen gegeneinander antreten, ohne dem Leser eine einfache Lösung vorzusetzen.
Die Insel Utopia
Im zweiten Buch berichtet Hythlodaeus ausführlich von Utopia. Die Insel besteht aus zahlreichen ähnlich aufgebauten Städten und besitzt eine bis ins Detail organisierte Gesellschaftsordnung.
Das auffälligste Merkmal ist die Abschaffung des Privateigentums. Häuser und wesentliche Güter gehören nicht einzelnen Bürgern. Nötige Waren werden gemeinschaftlich bereitgestellt. Geld spielt innerhalb der utopischen Gesellschaft kaum eine Rolle. Gold und Silber besitzen entsprechend wenig Prestige.
Hinter diesem System steht eine zentrale Überzeugung: Wo einige Menschen großen Besitz anhäufen können, entstehen nach Ansicht Hythlodaeus’ zwangsläufig Armut und Abhängigkeit auf der anderen Seite.
Damit richtet sich das Gedankenexperiment unmittelbar gegen die europäische Gesellschaft des frühen 16. Jahrhunderts.
Arbeit und Freizeit in Utopia
Jeder arbeitsfähige Utopier geht einer Tätigkeit nach. Landwirtschaft gehört zur allgemeinen Ausbildung, daneben erlernen die Einwohner ein Handwerk.
Bemerkenswert ist die Arbeitszeit: Morus lässt die Utopier nur sechs Stunden am Tag arbeiten. Das soll genügen, weil nahezu alle einen produktiven Beitrag leisten und ein großer Teil jener Tätigkeiten wegfällt, die Hythlodaeus für überflüssig hält.
Die gewonnene Zeit ist allerdings nicht einfach Freizeit im heutigen Sinne. Bildung besitzt in Utopia einen hohen Stellenwert. Öffentliche Vorträge stehen zur Verfügung, und viele Einwohner verwenden ihre freie Zeit für geistige Beschäftigung und Weiterbildung.
Das wirkt erstaunlich modern. Morus verbindet hier Arbeitsorganisation, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe miteinander. Der Wohlstand einer Gesellschaft entsteht für ihn nicht allein dadurch, dass einzelne Menschen möglichst lange arbeiten, sondern auch dadurch, dass Arbeit sinnvoll verteilt wird.
Politik und gesellschaftliche Ordnung
Utopia ist keine moderne Demokratie. Die Bevölkerung ist in Familien und größere Verbände gegliedert, denen gewählte Amtsträger vorstehen. Auch höhere politische Ämter werden über ein mehrstufiges Verfahren besetzt.
Gleichzeitig greift der Staat tief in das Privatleben ein.
Reisen zwischen den Städten benötigen beispielsweise eine Genehmigung. Wer ohne Erlaubnis unterwegs ist, muss mit harten Sanktionen rechnen; bei wiederholten Verstößen kann sogar der Verlust der Freiheit drohen.
Morus verbindet also erstaunlich fortschrittlich wirkende Vorstellungen mit einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit deutlich weniger zählt als das geordnete Funktionieren des Gemeinwesens.
Genau deshalb wäre es irreführend, Utopia einfach als „perfekten Staat“ zu bezeichnen.
Familie und Stellung der Frauen
Das gesellschaftliche Leben beruht auf Familienverbänden und monogamen Ehen. Die Familien sind hierarchisch organisiert; Alter und Geschlecht spielen bei der Verteilung von Autorität eine wichtige Rolle.
Frauen arbeiten ebenso wie Männer, doch Morus weist ihnen teilweise andere Tätigkeiten zu. Auch innerhalb der Familie bleibt die Ordnung patriarchalisch.
Für seine Zeit enthält Utopia damit durchaus ungewöhnliche Vorstellungen über Bildung und gesellschaftliche Arbeit von Frauen. Von moderner Gleichberechtigung ist die utopische Gesellschaft dennoch weit entfernt.
Diese Spannung begegnet dem Leser im gesamten Werk: Was aus Sicht des 16. Jahrhunderts fortschrittlich erscheinen konnte, kann aus heutiger Perspektive ausgesprochen autoritär wirken.
Gesetze und Justiz
Auch das Rechtssystem unterscheidet Utopia von den europäischen Staaten, die Hythlodaeus kritisiert.
Gesetze sollen möglichst einfach und verständlich sein. Eine komplizierte Rechtsordnung, die nur von Spezialisten verstanden wird, gilt den Utopiern als problematisch. Entsprechend gering ist die Bedeutung professioneller Juristen.
Dahinter steht ein interessanter Gedanke: Bürger sollen die Regeln ihrer Gesellschaft selbst verstehen können. Ein Rechtssystem verfehlt seinen Zweck, wenn derjenige, der sich daran halten soll, seine Vorschriften ohne Experten gar nicht mehr begreifen kann.
Morus verbindet diese Idee allerdings wiederum mit einem teilweise sehr strengen Strafsystem.
Der dunkle Teil der Utopie: Sklaverei
Besonders deutlich wird die Fremdheit der vermeintlichen Idealgesellschaft beim Thema Sklaverei.
In Utopia existieren Sklaven. Dazu gehören unter anderem Menschen, die wegen schwerer Verbrechen zur Sklaverei verurteilt worden sind, sowie Personen aus anderen Ländern. Sie müssen besonders schwere und unangenehme Arbeiten verrichten.
Damit entsteht ein fundamentaler Widerspruch: Eine Gesellschaft, die Gleichheit und gemeinschaftlichen Besitz hochhält, stützt einen Teil ihres Funktionierens auf Menschen, denen grundlegende Freiheit fehlt.
Gerade solche Stellen sprechen dagegen, Utopia als bloße Wunschliste des Autors zu lesen.
Religion in Utopia
Religiös präsentiert sich die Insel vergleichsweise tolerant. Verschiedene Glaubensrichtungen dürfen nebeneinander bestehen. Bekehrungsversuche sind erlaubt, solange sie friedlich und argumentativ erfolgen. Wer andere Religionen aggressiv herabsetzt oder gesellschaftliche Konflikte provoziert, kann dagegen bestraft werden.
Für ein Werk aus dem frühen 16. Jahrhundert ist diese Vorstellung bemerkenswert. Gleichzeitig besitzt auch diese Toleranz Grenzen. Morus beschreibt keine moderne Trennung von Religion und Staat, sondern eine Gesellschaft, in der Religion weiterhin als wichtige Grundlage der moralischen Ordnung betrachtet wird.
Krankheit, Tod und ein erstaunlich modernes Thema
Zu den überraschendsten Passagen gehört der Umgang mit unheilbar Kranken.
Kranke werden umfassend versorgt. Leidet ein Mensch jedoch an einer unheilbaren und dauerhaft qualvollen Krankheit, können Priester und Amtsträger ihm nahelegen, sein Leben freiwillig zu beenden. Eine Verpflichtung besteht nicht; lehnt der Betroffene dies ab, soll er weiterhin gepflegt werden.
Damit behandelt Morus bereits 1516 eine Frage, die bis heute zu den schwierigsten medizinischen und ethischen Debatten gehört: Darf ein Mensch bei aussichtslosem schweren Leiden selbst über den Zeitpunkt seines Todes entscheiden?
Auch hier gibt Utopia keine Antwort, die sich problemlos auf unsere Gegenwart übertragen lässt. Das Buch zwingt aber dazu, die Frage überhaupt zu stellen.
Krieg und Außenpolitik
Die Utopier erklären den Krieg nicht zum Ideal. Trotzdem sind sie keineswegs konsequente Pazifisten.
Sie bereiten sich militärisch vor und versuchen zugleich, eigene Verluste möglichst zu vermeiden. Dazu können sie ausländische Söldner einsetzen. Gold, das innerhalb Utopias kaum gesellschaftlichen Wert besitzt, wird dadurch außenpolitisch durchaus nützlich.
Auch dieser Punkt gehört zu Morus’ Spiel mit vermeintlich einfachen Gegensätzen: Eine Gesellschaft kann Krieg verachten und trotzdem höchst kalkuliert Krieg führen.
Was bedeutet der Name „Utopia“?
Der Name ist selbst Teil des literarischen Spiels.
„Utopia“ verweist aus dem Griechischen auf einen „Nicht-Ort“ – also auf einen Ort, den es nicht gibt. Auch andere Namen im Buch sind bewusst sprechend oder widersprüchlich gewählt. Der Erzähler Raphael Hythlodaeus trägt beispielsweise einen Namen, dessen Bestandteile den Leser geradezu davor warnen, seine Aussagen ungeprüft für die Wahrheit zu halten.
Damit signalisiert Morus schon sprachlich: Hier wird nicht einfach ein realisierbarer Musterstaat vorgestellt.
Der Leser soll prüfen, zweifeln und vergleichen.
Ist Utopia wirklich die ideale Gesellschaft?
Das ist die entscheidende Frage des Buches – und Morus beantwortet sie gerade nicht eindeutig.
Viele Einrichtungen Utopias wirken attraktiv: Niemand muss hungern, Bildung ist allgemein zugänglich, extreme Vermögensunterschiede existieren nicht, Kranke werden versorgt und die tägliche Erwerbsarbeit beansprucht vergleichsweise wenig Zeit.
Daneben stehen Sklaverei, soziale Kontrolle, eingeschränkte Reisefreiheit, patriarchalische Familienstrukturen und ein Gemeinwesen, das dem Individuum enge Grenzen setzt.
Noch wichtiger ist die literarische Konstruktion. Alles, was wir über Utopia erfahren, stammt im Wesentlichen aus dem Bericht Hythlodaeus’. Morus lässt seine eigene literarische Figur am Ende ausdrücklich Zweifel an verschiedenen Einrichtungen der Insel äußern. Die Forschung diskutiert deshalb bis heute, wie weit die Gesellschaft Utopias tatsächlich Morus’ eigenen Vorstellungen entspricht. Einen eindeutigen Konsens gibt es nicht.
Das macht das Werk erheblich interessanter als einen simplen Entwurf des „idealen Staates“.
Utopia als Kritik am Europa des 16. Jahrhunderts
Der Blick auf die erfundene Insel erlaubt Morus, die reale Gesellschaft seiner Zeit aus der Distanz zu betrachten.
Besonders im ersten Buch stehen soziale Missstände im Mittelpunkt. Hythlodaeus kritisiert Armut und Eigentumsverhältnisse ebenso wie ein Strafrecht, das Diebstahl mit extremer Härte verfolgt, ohne die sozialen Ursachen der Kriminalität zu beseitigen.
Das Verfahren ist bis heute vertraut: Statt unmittelbar zu sagen, wie schlecht die eigene Gesellschaft organisiert ist, erfindet ein Autor eine andere Welt. Der Vergleich mit dieser fremden Welt macht plötzlich sichtbar, was in der eigenen Gesellschaft als selbstverständlich gilt.
Darin liegt eine der größten literarischen Leistungen von Utopia.
Warum „Utopia“ Literaturgeschichte geschrieben hat
Das 1516 auf Latein veröffentlichte Werk wurde zum Namensgeber einer ganzen Denk- und Literaturtradition.
Seit Morus kann die erfundene Gesellschaft als literarisches Labor dienen. Autoren können Eigentum, Familie, Arbeit, Politik, Religion oder technische Entwicklung anders organisieren und beobachten, welche Folgen daraus entstehen.
Spätere Utopien und schließlich auch Dystopien greifen genau dieses Prinzip auf. Der gedankliche Weg führt damit von Morus über zahlreiche Gesellschaftsentwürfe der folgenden Jahrhunderte bis zu jenen Romanen, in denen die vermeintlich perfekte Ordnung selbst zum Albtraum wird.
Das Faszinierende daran: Ansätze dafür sind bereits bei Morus vorhanden. Seine Utopie ist von Anfang an nicht vollkommen unschuldig.
Rezension: Lohnt es sich, „Utopia“ heute noch zu lesen?
Ja – aber aus anderen Gründen als einen modernen Roman.
Wer eine spannende Handlung, psychologisch ausgearbeitete Figuren oder einen klassischen Erzählbogen erwartet, dürfte mit Utopia Schwierigkeiten haben. Das Werk lebt von Gesprächen, Beschreibungen und politischen Gedankenexperimenten.
Seine Stärke liegt in den Fragen.
Wie viel Eigentum braucht Freiheit? Wie viel Ungleichheit verträgt eine Gesellschaft? Ist eine Gemeinschaft gerechter, wenn sie Besitz gleichmäßig verteilt – oder wird sie dadurch zwangsläufig stärker kontrolliert? Welchen Wert besitzt Arbeit? Wie einfach sollte Recht sein? Darf der Staat Menschen zu einem bestimmten Lebensstil zwingen, wenn dadurch Armut verschwindet? Und kann eine Gesellschaft überhaupt gleichzeitig vollkommen geordnet und vollkommen frei sein?
Erstaunlich viele dieser Fragen haben nach mehr als fünf Jahrhunderten kaum an Aktualität verloren.
Besonders gelungen ist Morus’ Ironie. Er errichtet eine Gesellschaft, die auf den ersten Blick beneidenswert vernünftig erscheint, und baut zugleich genügend Störungen ein, um den Leser misstrauisch werden zu lassen.
Gerade deshalb altert Utopia besser als ein konkretes politisches Reformprogramm. Das Buch gibt uns keinen fertigen Staat, den wir nachbauen sollen. Es liefert ein Instrument zum Nachdenken über unseren eigenen.
Unser Fazit
Utopia gehört nicht deshalb zu den bedeutenden Werken der Weltliteratur, weil Thomas Morus 1516 die perfekte Gesellschaft erfunden hätte.
Seine größere Leistung besteht darin, eine Methode geschaffen zu haben: Man erfindet einen Ort, an dem die Regeln anders sind, und benutzt diesen fiktiven Ort als Spiegel der wirklichen Welt.
Die Insel Utopia ist deshalb zugleich Verlockung und Warnung. Sie beseitigt Armut und extreme Ungleichheit, verlangt dafür aber erhebliche Anpassung. Sie schafft Zeit für Bildung, kontrolliert jedoch die Bewegungsfreiheit. Sie relativiert Besitz, akzeptiert aber Sklaverei. Sie propagiert religiöse Toleranz und hält dennoch an einer verbindlichen moralischen Ordnung fest.
Diese Widersprüche sind keine Schwäche des Buches. Sie sind der Grund, warum man mehr als 500 Jahre später noch darüber diskutieren kann.
Utopia liefert keine einfache Antwort auf die Frage nach der idealen Gesellschaft. Es stellt die wesentlich bessere Frage:
Was wären wir bereit aufzugeben, um in einer vermeintlich besseren Gesellschaft zu leben?
Thomas Morus und „Utopia“ – die wichtigsten Fakten
- Autor: Thomas Morus (Thomas More, 1478–1535)
- Originaltitel: De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia
- Erstveröffentlichung: 1516
- Originalsprache: Latein
- Form: philosophischer Dialog, Gesellschaftssatire und fiktiver Reisebericht
- Aufbau: zwei Bücher
- Zentrale Figur: Raphael Hythlodaeus
- Zentrale Themen: Eigentum, soziale Ungleichheit, Arbeit, Bildung, Recht, Krieg, Religion und politische Herrschaft
- Literaturgeschichtliche Bedeutung: Das Werk gab der literarischen und politischen „Utopie“ ihren Namen.

