Brigitte Schär: „Gefragt ist ja, was neu und unverbraucht ist“

 Interview mit Brigitte Schär

 

(c) Brigitte Schär
(c) Brigitte Schär

Brigitte Schär (*1958) wuchs am Zürichsee auf und lebt in Zürich. Sie studierte Germanistik und Europäische Volksliteratur, war vorübergehend Deutschlehrerin und absolvierte eine Gesangs- und Sprechausbildung.  Seit 1988 ist sie freiberuflich als Schriftstellerin, Performerin und Sängerin (im Grenzland zwischen Jazz, Improvisation, Klassik, World, Rock und Pop) tätig, veröffentlichte zahlreiche Bücher für Erwachsene und Kinder.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, daran denke ich nicht. Für mein erstes Buch, es war erst in Entstehung, hatte ich damals postwendend einen Verlag gefunden. Später ging es es nicht immer so postwendend, aber es erschienen doch regelmäßig Bücher von mir. Ich hatte also immer die Gewissheit, dass ich verlegt werde. Meine sechs Bücher im Hanser-Verlag (für Kinder und Erwachsene) fanden große Beachtung und bekamen viele Rezensionen. Für die Kinderbücher machte Jacky Gleich die Bilder. Dann, nach dem großen Einbruch in der Weltwirtschaft (um 2000 herum) wurde es auch im Buchmarkt komplizierter und schwieriger. Es war nicht mehr so klar, wohin meine Bücher gehörten. Es wurde nach einem anderen Inhalt und einer anderen Machart verlangt. Konformer halt in einer schnelllebigen Zeit. Da habe ich schon gelegentlich gedacht, wie ich wohl schreiben müsste, um marktgängig zu sein. Nach wie vor erscheinen meine Bücher aber. Kein Grund zur Verbiegung also und zum persönlichen Verrat. Es würde eh nicht funktionieren.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Natürlich nimmt es mich wunder, warum alle nach gewissen Büchern schreien. Was an einem Buch so toll sein soll, dass es alle lesen wollen. Gelegentlich mach ich mir dann selber ein Bild davon. Aber da meine Lesezeit „fremder“ Bücher eher beschränkt ist, kommt das nicht allzu oft vor. Bücherrankings kümmern mich also wenig. Außer ich würde selbst zu den geadelten gehören mit einem Buch auf  der Bestsellerliste.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Eher zu viel zu tun. Als Autorin, die auch ausgebildete Sängerin und Performerin und zudem CAS Teaching Artist ist, freue ich mich sehr, wenn meine Schreibmonate im Sommer kommen. Dann sind keine Auftritte. Und auch sonst wollen wenig Leute etwas von mir. Schreibblockaden kenne ich also nicht. – Nebst dem Schreiben neuer Bücher muss ich mich auch um meine Live-Auftritte kümmern. Überhaupt um alles Multimediale darum herum (CDs, Youtube-Videos, etc.). Und den ganze Bürokram. – Der Kern meines Schaffens in allem sind allerdings meine Bücher. Ohne Bücher keine Auftritte solcherart. Insofern ist es wichtig, dass Neues entsteht.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich hatte bereits eine eigene Website, als viele andere AutorInnen noch keine hatten. Ich halte sie  ständig aktuell. Sonst taugt eine Website ja nichts. Ich kümmere mich ständig drum. Dann gilt es auch, die vielen Einträge in allen möglichen Online-Literatur-Verzeichnissen aktuell zu halten. In Facebook unterhalte ich ein persönliches Profil und eine Berufsseite. Ich kreiere Youtube-Videos zu meinen Büchern und CDs mit Vertonungen meiner Literatur. Gelegentlich informiere ich per Mail. Wenn ich nicht auftrete und für multimediale Performance- Lesungen durch die Länder reise, dann kümmere ich mich um all diese anderen Dinge, die ich gerade aufgezählt habe.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Wie ich oben schrieb: Meine Bücher, die in großen, bekannten Verlagen erschienen sind, erhielten viel Beachtung. Und wurden mehrfach ausgezeichnet. Diese Ehre brachte viele Zeitungs- und Fernsehbeiträge mit sich. Nachdem ich in den Neunzigerjahren auch noch den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis „Die rote Zora“ erhalten hatte, musste ich mich nicht mehr selber anbieten für Veranstaltungen. Mich nur noch gelegentlich ins Gedächtnis rufen. Bücher im Selbstverlag herauszugeben und sich nur durch eigene Anstrengungen bekannt zu machen, finde ich schwierig. Neulingen im Buchmarkt würde ich raten, zuerst einen Verlag zu finden. Wenn Bücher erscheinen, dann ist es wichtig, eine gute ansprechende Veranstaltungsform zu den Büchern zu kreieren. Eine ansprechende, aktuelle Website, Facebook-Einträge, Mailversand, sich mit Gleichgesinnten treffen, Schriftstellerinnenverband, Netzwerke, mehr fällt mir nicht ein.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich will und kann keine einzelnen Namen nennen. Ich habe pausenlos gelesen, seit ich ein Kind war. Ich habe Germanistik studiert und mich durch den ganzen Kanon hindurchgelesen. Durch das Wichtigste der Weltliteratur. Von all dem bin ich beeinflusst. Auch von Filmen. Und von um mich herum lebenden Menschen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Durch die Gunst der Stunde könnte es gelingen, heute in den Feuilleton zu gelangen. Ich kann nur raten, einfach am Eigenen zu bleiben, dran zu glauben. Weiterzuarbeiten und wach zu sein. Aber solange der Feuilleton immer mehr eingeschränkt wird, sieht es prekär aus für Newcomer. Wobei ja gerade oft Newcomer Ihren Auftritt in den Feuilletons bekommen. Gefragt ist ja, was neu und unverbraucht ist. Netzwerken und sich zeigen!

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ich würde es wieder genau so machen, wie ich es machte. Heute ist allerdings eine andere Zeit. Der Markt ist anders. Und heute kommen so viele frischgebackene SchriftstellerInnen aus Literaturinstituten. Die lernen ja von Anfang an, wie es geht. Die sind ja gut organisiert. Und haben Selbstvermarktung als Studienfach. Meine Empfehlung ist immer die gleiche: Dranbleiben. Authentisch sein. Ehrlich zu sich selber sein. Und sicher nicht nur alles auf die Autoren-Karte setzen. Sonst ist da so viel Druck und Zwang. Sondern schreiben als Berufung. Und wenn es greift, wenn Erfolge sich abzeichnen, dann seine Lebensumstände und Erwerbssituation der neuen Situation anpassen. Realistisch sein trotz aller Kunst.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ich habe eine einzige wirklich erotische, schöne Geschichte geschrieben. Auch in anderen meiner Geschichten kann aber Erotisches mitschwingen.  – Ich schreibe  das, was ich kann. Und was ich mir selber glaube. Alles andere lasse ich weg.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Ich schreibe nicht politisch. Fundiert politisch schreiben und kritisieren soll unbedingt sein, von denen, die es können.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wenn freie Tage oder gar Wochen kommen, dann nehme ich mir das Schreiben vor. Auch, wenn ein Text von mir verlangt ist, muss ich mich ans Schreiben machen. Ich richte mir den Tag so ein, so dass ich ein paar Stunden zum ungestörten Schreiben komme. Dann komme ich meistens auch in Stimmung.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Black Stories. Aber keine Krimis!

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Brigitte Schär im WWW


Auszeichnungen

Brigitte Schär erhielt für ihr Wirken namhafte Auszeichnungen (u.a. Schweizer Jugendbuchpreis, kulturelle Auszeichnung des Kantons Zürich, IBBY Ehrenliste, Nominierung Deutscher Jugendliteraturpreis, Wettlesen um den Ingeborg Bachmann-Preis, Luchs, Schnabelsteher-Preis, Kinderbuchpreis NRW, „Die rote Zora“- Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreis).

 

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